Kapitel 1 – Hinterhalt
Die Nacht zog sich in die Länge, erfüllt von einer dichten Stille. Einer zu dichten Stille.
Jack hatte seit gut einer halben Stunde Wache gehalten, und doch kribbelte es unter seiner Haut. Sein Wolf war unruhig, strich an den Rändern seines Bewusstseins entlang, tigert auf und ab, knurrte und drängte ihn, sich zu bewegen. Irgendetwas zu tun. Der Druck in seiner Brust nahm zu, und die Luft um ihn herum fühlte sich schwerer an, als sie es eigentlich sein sollte.
Aber da war nichts.
Kein Rascheln im Unterholz. Kein Windhauch. Nur das bedrückende Gewicht der Bäume, die sich über ihm auftürmten und deren knorrige Äste wie Klauen in den Himmel griffen. Das Mondlicht drang kaum durch das dichte Blätterdach und warf schwache, zerfurchte Schatten auf den Waldboden. Eine Nacht für Jäger. Eine Nacht, in der sich die falsche Art von Dingen ungesehen bewegte.
Jack gefiel das nicht.
Seine Finger zuckten, bevor er seine Gedanken zu Adeline ausstreckte. Adi. Der Gedanke war scharf, drängend. Adi, wach auf.
Sie lag zusammengerollt unter einem tief hängenden Ast, ihr helles Fell verschmolz mit den Schatten. Bevor sie auch nur ein Wort sagte, spürte er, wie sie sich regte. Ihr Geist schärfte sich wie eine gezogene Klinge.
Jack? Schlaf hing noch an ihrer Stimme, doch er verflog augenblicklich. Was ist los?
Irgendetwas stimmt hier nicht. Er musterte erneut die Bäume, Frustration brannte wie Feuer in ihm. Wir müssen zurückverwandeln. Rüstung an. Waffen bereithalten.
Kein Zögern. Keine Fragen. Das war das Besondere an Adeline – sie vertraute ihm blind.
Weck die Jungs, befahl sie. Bleib wachsam, während wir uns anziehen. Dann komm zu uns.
Jack sah das Aufblitzen ihrer Wolfsaugen, als sie sich bewegte. Wie ein geschmeidiger, lautloser Schatten glitt sie unter dem Baum hervor und trottete zu der Stelle, an der sie ihre Kleidung versteckt hatten. Die anderen mussten aufstehen. Jetzt.
Sein Geist streckte sich nach ihnen aus, scharf und befehlend. Lew. Carlo. Aufstehen.
Sofortige Alarmbereitschaft.
Die letzten zwei Tage hatten sie alle an ihre Grenzen gebracht. Seit sie feindliches Gebiet betreten hatten, hatten sie keine Sekunde zum Durchatmen gehabt, was ihre Instinkte bis aufs Äußerste geschärft hatte. Als Jack den Befehl gab, gab es kein Murren, kein Zögern. Nur Handeln.
Die Rückverwandlung fühlte sich an, als würde er eine Schicht von sich selbst abstreifen, doch für Wehmut blieb keine Zeit. Die Nachtluft kühlte seine Haut, während er nach seiner Kleidung griff – einem schlicht aussehenden schwarzen Langarmshirt und einer dunkelgrauen Cargohose. Doch sie war alles andere als gewöhnlich. Gefertigt aus einem modernen Stoff, einer Mischung aus Lycra und geschmeidigem Kevlar, diente sie als Rüstung, undurchdringlich für Klingen oder Kugeln. Das Gewicht war vertraut. Es erdete ihn. Ein Schild zwischen Fleisch und Zähnen.
Adeline bewegte sich neben ihm und schloss die Schnallen ihres Gürtels. Ihr silberweißes Haar, noch feucht vom Schweiß des Schlafes, war zu einem straffen Zopf geflochten. Schatten zeichneten die scharfen Konturen ihres Gesichts, doch ihre Augen – bei den Göttern, diese kobaltblauen Augen waren lebendig. Sie beobachteten. Sie kalkulierten.
Lew beendete das Sichern seiner Messer und kreiste mit den Schultern. Die überhebliche Leichtigkeit, die er normalerweise an den Tag legte, war etwas weitaus Tödlicherem gewichen. Carlo schnallte schweigend seine Waffe an den Oberschenkel, seine Finger strichen kurz über den Griff einer Klinge.
Jack schluckte. Das Gefühl in seinem Bauch war nicht verschwunden. Im Gegenteil, es war schlimmer geworden. Der Wald war hier dicht; die Äste schlossen sich über ihnen wie ein schwarzes Blätterdach, nur der schwache Schimmer des anbrechenden Morgens drang hindurch. Kein Wind. Keine Geräusche außer ihren Schritten.
Nur mentale Verbindung, warnte Adeline, als sie aufbrachen. Nicht sprechen.
Die Luft war zu schwer. Die Nacht zu still. Jack bewegte sich an Adelines Seite, seine Sinne waren hellwach. Er nahm jede Veränderung im Wind wahr, jedes Knacken eines fernen Astes. Er war darauf trainiert worden, auf seine Instinkte zu hören, auf jene zu vertrauen, die in seinem Blut lagen. Und genau jetzt schrien diese Instinkte förmlich.
Die anderen spürten es auch. Er merkte es an der Art, wie Lew sich bewegte: Sein üblicher Stolz war verflogen, seine Schritte waren zu präzise, zu bereit. Und an der Art, wie Carlos Finger ständig in der Nähe seiner Waffe kreisten.
Sie hatten allen Grund, wachsam zu sein. Denn in der Sekunde, als sie die Lichtung erreichten, explodierte die Welt.
Ein Knacken. Zu schnell. Zu nah.
Jack hatte kaum Zeit, sich zu drehen, bevor Schatten aus den Bäumen brachen. Keine Warnung. Kein Geruch. Nur Aufprall.
Ein Körper rammte ihn und warf ihn zu Boden, noch bevor er auch nur einen Schuss abfeuern konnte. Der Boden kam ihm entgegen, doch er drehte sich, fing den Aufprall ab und rollte sich in einer fließenden Bewegung wieder auf die Füße. Waffe hoch. Finger am Abzug.
Er feuerte. Ein Schrei. Dann traf ihn ein weiterer Körper von der Seite.
Er schlug zu, seine Faust traf ein Kinn. Der Angreifer taumelte, seine Atmung pfiff, als Jack ihn von sich stieß. Doch bevor Jack sich orientieren konnte, tauchten weitere Gestalten aus der Dunkelheit auf.
Schnell. Zu schnell.
Sie können sich mit der Rüstung nicht verwandeln, weshalb sie intensiver in Menschenform trainieren als als Wölfe. Aber manchmal ist es einschränkend. Wie jetzt, als Jack realisiert, dass er lieber in seiner Wolfsgestalt gekämpft hätte.
Adeline war bereits mitten im Geschehen. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Waffe zu ziehen. Sie war ein Sturm, ihr Körper verschwamm zu einem Wirbel aus Bewegung.
Ein Faustschlag gegen die Kehle eines Kerls, der fast dreimal so groß war wie sie. Ein kurzer, sauberer Bruch. Einer weniger.
Ein Handgelenk wurde mitten in der Bewegung abgefangen. Verdreht, bis es knackte. Zwei weniger.
Eine Klinge blitzte auf ihre Rippen zu. Sie wich seitwärts aus, riss den Angreifer nach vorne und rammte ihm ihr Knie so hart in die Brust, dass seine Rippen nachgaben. Er sackte keuchend zusammen. Drei weniger.
„Jack!“ Lews Stimme schnitt durch das Chaos, doch Jack konnte ihn nicht sehen. Er konnte auch Carlo nicht sehen. Nur Bewegung. Nur das Aufeinanderprallen von Körpern. Nur das Geräusch von beißenden Zähnen und schneidendem Stahl.
Jack drehte sich gerade rechtzeitig um, um einen Wolf auf sich zurennen zu sehen. Groß. Zu groß.
Er hatte nur Sekunden zum Reagieren. Er packte das Vorderbein des Wolfes, verdrehte es und nutzte die Wucht der Bestie, um sie gegen den nächsten Baum zu schleudern.
Doch das Tier war nicht allein. Weitere strömten aus den Schatten, ihre Bewegungen zu koordiniert. Das waren keine gewöhnlichen Shifter. Sie waren schneller und extrem gut ausgebildet.
Jack knurrte und änderte seinen Griff am Gewehr, gerade als weitere Klauen nach ihm schnappten. Er drehte sich, der Kolben seiner Waffe rammte in einen Magen. Eine Sekunde später durchzuckte ihn ein Schmerz im Arm – Zähne drangen ein, durchbrachen aber die Haut nicht; die Rüstung hielt stand.
Er riss sich los. Doch ein anderer traf ihn von hinten.
Zu viele.
Eine Faust krachte gegen seine Rippen, der Aufprall raubte ihm den Atem. Er konnte das Knacken des Knochens kaum registrieren, bevor etwas Schweres gegen seinen Kopf schlug.
Sterne explodierten hinter seinen Augen. Aber irgendwie blieb er auf den Beinen.
Aus dem Augenwinkel sah Jack sie. Adeline.
Sie war eine Naturgewalt – ihr silberner Zopf peitschte hinter ihr her, während sie sich bewegte, präzise und unerbittlich. Sie wirkte kaum außer Atem, während sie einen nach dem anderen ausschaltete. Wölfe, Menschen, es spielte keine Rolle. Sie floss wie ein Geist zwischen ihnen hindurch, duckte sich unter Schlägen weg, parierte Angriffe und zertrümmerte Knochen mit brutaler Effizienz.
Kein Töten. Nur Außergefechtsetzen. So war sie ausgebildet worden. Trainiert von der Königin höchstpersönlich.
Aber es waren zu viele.
Zwei Wölfe fielen sie von hinten an. Sie drehte sich, schleuderte einen mit einem harten Tritt weg, dem anderen brach sie das Bein im Gelenk. Doch schon waren weitere da, vier in Menschengestalt, die den Kreis zu schnell schlossen.
Jacks Puls hämmerte in seinen Ohren, als Hände nach ihren Armen und Beinen griffen. Sie kämpfte, schlug um sich und landete Treffer, selbst als sie sie zu Boden drückten.
Eine Faust krachte gegen ihr Kinn. Ihr Kopf ruckte zur Seite, ein dünner Blutstropfen entwich ihren Lippen. Aber sie fiel nicht. Noch nicht.
Jack versuchte nach vorne zu stürmen, durch den blendenden Schmerz zu kämpfen, doch sein Körper verweigerte den Dienst. Er fühlte sich gleichzeitig schwerelos und bleiern an, seine Glieder waren wie gelähmt, sein Sichtfeld wurde schwarz.
„Adeline!“
Ihre kobaltblauen Augen trafen seine – weit, erschrocken, suchend.
Dann – Aufprall.
Etwas rammte ihn in den Hinterkopf. Die Welt neigte sich. Er schlug hart auf dem Boden auf, sein Gewehr entglitt ihm. Sein Sichtfeld wurde tunnelartig, und das Dröhnen in seinen Ohren wurde lauter und übertönte alles – das Knurren, das Aufeinanderprallen der Körper, die scharfen Schmerzensschreie.
Irgendwo im Chaos stöhnte Carlo vor Schmerz während eines Kampfes. Lews wildes Lachen hatte sich in etwas anderes verwandelt. Etwas Rohes. Etwas Verzweifeltes.
Ein weiterer Schlag, diesmal gegen die bereits gebrochenen Rippen. Sein Körper verkrampfte sich, ein scharfer, widerlicher Knall hallte irgendwo tief in ihm. Jack keuchte, oder er glaubte es zumindest. Er konnte es nicht hören. Er konnte nichts spüren außer dem unerträglichen Gewicht, das auf seiner Brust lastete.
Die Welt verschwamm.
Gestalten bewegten sich wie Schatten in den Bäumen. Dann schlug Adelines Körper auf dem Boden auf. Das Geräusch, wie sie zusammenbrach, wie ihre Kraft schließlich nachließ, war schlimmer als der Schmerz. Schlimmer als alles andere.
Jack versuchte den Kopf zu drehen, um sie zu sehen, doch die Dunkelheit kam zu schnell.
Die Welt versank im Nichts.
Ihr Körper fühlte sich an, als wäre er mit Beton ausgegossen worden. Schwer. Langsam. Von ihrem Geist getrennt.
Adeline blinzelte gegen den Nebel an, der ihre Sicht trübte, dick und träge wie ein betäubender Schleier, jeder Nerv spielte verrückt. Kaltes Metall drückte in ihren Rücken. Ein Gefühl, so krass, so eindringlich, dass es sie schließlich zurück ins Bewusstsein zwang. Nicht vollständig, noch nicht. Aber genug.
Dann traf sie der Geruch. Feuchte Erde. Schweiß. Blut. Wölfe.
Die Erkenntnis traf sie hart und schnell, ein flaues Gefühl in ihrem Magen. Sie lebte. Diese eine Tatsache ließ alles wie eine Flutwelle über sie hereinbrechen: der Hinterhalt, das Chaos, die Schreie, das Gewicht der Körper, die auf sie prallten, und dann... nichts. Nur Schwärze.
Ihre Augen rissen auf.
Gitterstäbe. Ein Käfig.
Klein, eng, kaum groß genug, um darin aufrecht zu sitzen. Ihre Knie waren eng an ihre Brust gezogen, die Schultern wie bei einem eingepferchten Tier nach innen zusammengedrückt. Ihr Rücken schmiegte sich an die gewölbte Rückseite des Käfigs, die aus glänzendem, silberbeschichtetem Eisen geschweißt war. Es roch nach Gefangenschaft und Bestrafung. Nach geraubter Macht.
Ihre Hand griff nach den Stäben – aus Instinkt – und sie zuckte zusammen, als ihre Finger sie berührten. Der Geruch von Silber traf ihre Nasenlöcher wie ein Schlag.
Aber… kein Schmerz.
Die Rüstung... Gott sei Dank.
Sie bewegte langsam ihre Hand. Zu ihrer Ausrüstung gehörten Handschuhe aus demselben kugelsicheren Material. Es machte sie nicht unbesiegbar, aber es verschaffte ihr verdammt noch mal einen Vorteil, den die meisten nicht erwarten würden. Wie jetzt, bei den silberbeschichteten Stäben dieser Käfige.
Sie bewegte sich und testete erneut den Raum. Sie drückte ihre Schulter gegen die Stäbe, diesmal mit bewusster Kraft. Immer noch kein Brennen. Kein Schmerz. Die Rüstung hielt stand.
Kleine Siege.
Jenseits der gewölbten Wände ihres Käfigs bemerkte Adeline Bewegung. Andere Käfige – drei Stück. In jedem saß ein Mitglied ihres Teams. Lew. Carlo. Jack. Alle sackten in sich zusammen und blieben regungslos, bewusstlos oder gerade erst dabei, zu sich zu kommen.
Ihr Puls beschleunigte sich. Sie ließ den Kopf gegen die Stäbe sinken und streckte ihre Gedanken über die mentale Verbindung aus.
Jack.
Ihre Stimme war scharf, fokussiert, angespannt wie eine gezogene Klinge. Kein Platz für Angst. Nicht jetzt.
Ich bin da. Seine Stimme sickerte einen Moment später durch, träge, aber klar. Benommen. Nicht tot.
Bist du verletzt?
Nichts Bleibendes. Mein Ego vielleicht. Diese trockene Art, dieser überhebliche Unterton – das war ganz Jack, selbst wenn er geprellt und halb bewusstlos war. Aber sie spürte die Erschöpfung dahinter. Er spielte nur eine Rolle. Das taten sie alle. Soldaten brachen nicht zusammen, bevor die Mission beendet war. Falls sie jemals endete.
Lew kommt gerade zu sich. Carlo?
Eine Pause. Dann schob sich Carlos raue Stimme durch die Verbindung. Ja. Ich bin da. Fühle mich, als wäre ich von einem Bären zertrampelt worden, aber ich atme noch.
Adeline atmete langsam und kontrolliert aus und zwang ihre Panik zur Unterwerfung. Checkt euch durch. Jedes Glied, jede Rippe. Innere Verletzungen können schneller töten als äußere. Wir müssen wissen, womit wir es zu tun haben.
Sie musterte die anderen, während sie ihren eigenen Check machte – Knie angezogen, Rücken angespannt, aber nichts schrie vor Qual. Ihre Muskeln schmerzten. Ihr Kiefer pochte von dem Schlag. Ihre Energiereserven waren erschöpft, aber ihr Körper heilte bereits, beschleunigt durch ihre Blutlinie. Dennoch konnte die beschleunigte Heilung ohne Ruhe und Nahrung nur bis zu einem gewissen Punkt helfen.
Nach und nach begannen sich die anderen zu bewegen – ungeschickte, beengte Bewegungen, jeder von ihnen kämpfte damit, sich in den winzigen Metallkäfigen umzudrehen. Kein Platz zum Stehen. Kaum Platz, um sich zu drehen. Und sie waren alle viel größer als sie.
Zeit verging in einer Dehnung von Stille, unterbrochen nur durch leise mentale Verbindungen und das Quietschen von Gewichten gegen Metall.
Was zur Hölle ist passiert? fragte Lew schließlich, sein Tonfall schwer von Frustration.
Ein Hinterhalt, antwortete Jack. Und zwar ein guter. Ich habe es gespürt. Hatte nur keine Zeit zu handeln.
Kein Geruch. Kein Geräusch, fügte Adeline hinzu und setzte das Puzzle in ihrem Kopf zusammen. Sie waren geschult. Klug. Organisiert.
Aber wer zur Hölle sind sie? murmelte Carlo.
Bevor jemand antworten konnte, lief eine tiefe Vibration durch den Boden unter ihnen... Schritte.
Schwer. Gezielt.
Adelines Rücken straffte sich. Muskeln spannten sich an. Sie fing die Blicke der anderen durch die Stäbe ein, und sie nickten – stumm, wachsam.
Ihre Käfige ruckten ohne Vorwarnung und wurden aus ihren Ecken über den Erdboden geschleift. Metall kreischte auf Stein, dann wurden sie in eine größere Kammer gezogen, in der Sonnenlicht durch Risse im Dach aus Baumstämmen drang.
Die silberbeschichteten Stäbe glitzerten im Morgenlicht, eine gleißende Bedrohung und ein Gefängnis in einem.
Jetzt spürte sie es. Den Energieverlust. Dieses tiefe, summende Gefühl von Schwäche, das unter ihrer Haut leckte, als wüsste das Silber, dass es sie nicht verbrennen konnte, und versuchte deshalb, ihr die Kraft zu rauben.
Sie wurden Seite an Seite aufgereiht wie Trophäen. Die Wölfe, die sie umringten, waren nicht nur Muskelpakete, sie waren Mörder. Vernarbt. kampferprobt. Gesichter, gezeichnet von Gewalt und Schweigen. Adeline scannte jeden von ihnen. Beobachtete, wie sie sich bewegten. Beobachtete, wie sie sie ansahen, als wäre sie die Beute, deren Fang sie nicht erwartet hatten.
Einer von ihnen trat vor. Groß. Breit gebaut. Autorität haftete an ihm wie eine Rüstung. Sein Blick glitt über das Team und verweilte eine Sekunde zu lang auf ihrem Gesicht.
„Alpha-Blut“, murmelte er.
Eine weitere Stimme kam dazu. „Nicht nur Alpha. Diese da...“ Ein Kopfnicken in ihre Richtung. „Sie hat gekämpft wie ein Dämon. Es brauchte mehr als zehn Männer, um sie zu Boden zu bringen.“
Zehn? Adeline grinste innerlich. Sie hätten zwanzig schicken sollen.
„Sie ist gefährlich“, sagte der erste erneut und verengte die Augen.
Sie zuckte nicht zurück. Senkte ihren Blick nicht. Sollten sie ruhig sehen, was sie war. Sollten sie ruhig nervös werden.
„Sie verbrennt nicht“, bemerkte jemand anderes und deutete darauf, wie lässig sie gegen die Silberstäbe gelehnt stand. „Silber hätte ihre Haut längst versengen müssen.“
Adeline blieb still. Sollten sie ihre eigenen Schlüsse ziehen. Sollten sie sich wundern. Sollten sie Angst haben.
Sie wissen noch nicht, wer wir sind. Sie schickte den Gedanken an die anderen. Wir haben noch ein Ass im Ärmel. Kopf runter. Provoziert sie nicht. Nicht, bevor wir verstehen, womit wir es hier zu tun haben.
Sie können uns nicht ewig in Käfigen halten, antwortete Jack. Wir kommen hier raus. Das tun wir immer.
Adelines Blick wanderte. Hinter ihren Entführern säumten weitere Käfige den Raum. Fremde, die darin gefangen waren. Wölfe, die meisten von ihnen hager und mit hohlen Augen, die sie mit stiller Verzweiflung beobachteten.
Ihr Magen zog sich zusammen. Das war nicht nur ein Hinterhalt. Das war Teil von etwas Größerem.
Und die Frage brannte wie Feuer unter ihrer Haut: In was zur Hölle sind wir da hineingeraten?