1. Der erste Blick
Das Bild bemerkte sie, lange bevor sie davor stehen blieb.ï»ż
Die Luft in der Galerie war schwer vom Geruch frischer Farbe und dem dezenten ParfĂŒm der Besucher. GedĂ€mpfte GesprĂ€che vermischten sich mit dem leisen Klirren der GlĂ€ser. Niemand sprach besonders laut. Fast schien es, als fĂŒrchteten die Menschen, die dargestellten Gestalten könnten erwachen, wenn man ihre Ruhe störte.
Sie bewegte sich langsam zwischen den Werken hindurch. Nicht weil sie jedes einzelne verstehen wollte. Kunst musste fĂŒr sie nicht verstĂ€ndlich sein. Sie musste etwas auslösen.
Ein GefĂŒhl.
Eine Erinnerung.
Manchmal auch nur ein Unbehagen, das sich nicht erklĂ€ren lieĂ.
Leise Klaviermusik erfĂŒllte den Raum. Die ersten Töne perlten durch die Galerie, verloren sich zwischen den Stimmen und verbanden sich wieder zu einer melancholischen Melodie. Der Klang legte sich wie ein Schleier ĂŒber die Bilder.
Vor einem GemÀlde blieb sie stehen.
Es zeigte eine sitzende Frau. Das Knie hochgezogen, den Körper seltsam kantig, beinahe gebrochen. Die Linien wirkten hastig und unruhig, als hĂ€tte der KĂŒnstler Angst gehabt, der Augenblick könnte ihm entgleiten.
Die Augen der Frau waren leer.
Und doch hatte sie das unangenehme GefĂŒhl, angesehen zu werden.
Sie trat nÀher.
Die Farben drÀngten sich rau aneinander. Licht und Dunkelheit kÀmpften um jede Linie des Körpers. Die Frau auf der Leinwand wirkte nicht gemalt. Sie wirkte gefangen.
Einige Schritte weiter entdeckte sie das Bild einer anderen Frau. Ihr Körper bestand aus weichen, langgezogenen Linien. Der Kopf war leicht zur Seite geneigt, die Haut in warmen Farben gehalten. Alles an ihr wirkte verletzlich.
Nur ihre Augen nicht.
In ihnen lag eine Tiefe, die den Betrachter verschlucken konnte, wenn er zu lange hinsah.
Sie wandte sich ab.
Das nĂ€chste Werk erschien zunĂ€chst wie ein wirres Farbenspiel. Erst nach einigen Sekunden formten sich Gestalten zwischen den Pinselstrichen. Gesichter, HĂ€nde und geöffnete MĂŒnder. Sie waren so geschickt in den Farbschichten verborgen, dass man sie nur sah, wenn man wusste, wonach man suchte.
Oder wenn sie gesehen werden wollten.
Ein fast unhörbares Summen vibrierte in der Luft.
Sie hielt den Atem an.
FĂŒr einen Moment glaubte sie, eine der Gestalten hĂ€tte den Kopf bewegt.
âFaszinierend, nicht wahr?â
Sie fuhr herum.
Der Mann hinter ihr war groà und wirkte auf eine schwer erklÀrbare Weise vertraut. Silbergraue SchlÀfen durchzogen sein dunkles Haar. Sein Gesicht war von feinen Linien gezeichnet, die mehr von Erfahrung als von Alter erzÀhlten.
Er trug einen dunkelblauen Anzug. Tadellos, aber nicht steif. Der Knoten seiner Krawatte war ein StĂŒck vom Kragen gelöst. Ein kleiner, vermutlich bewusst gesetzter Bruch in seiner ansonsten vollkommenen Erscheinung.
Seine Augen waren klar und warm.
Zu warm, dachte sie fĂŒr einen flĂŒchtigen Augenblick.
âIch bin mir nicht sicher, ob ich es versteheâ, sagte sie.
Er stellte sich neben sie und betrachtete das Bild. Dabei kam er ihr nahe, ohne ihre persönliche Grenze zu ĂŒberschreiten.
âManchmal geht es nicht darum, ein Bild zu verstehen. Viel interessanter ist, was es in uns erkennt.â
Sie sah ihn von der Seite an.
âWas es in uns erkennt?â
Ein LĂ€cheln erschien auf seinen Lippen.
âWas fĂŒhlen Sie, wenn Sie es betrachten?â
Sie wandte sich wieder der Leinwand zu. Die verborgenen Gesichter waren verschwunden. Nur Farben und Schatten blieben zurĂŒck.
âUnruheâ, sagte sie schlieĂlich. âAls wĂŒrde darin ein Kampf stattfinden.â
âZwischen welchen Seiten?â
Sie dachte einen Augenblick nach.
âLicht und Dunkelheit vielleicht.â
âGut und Böse?â
âDas wĂ€re mir zu einfach.â
Sein LĂ€cheln wurde breiter.
âWarum?â
âWeil die meisten Menschen beides in sich tragen.â
Er musterte sie jetzt aufmerksamer. Nicht aufdringlich, aber so eindringlich, dass ihr warm wurde.
âUnd welche Seite gewinnt?â
âWahrscheinlich die, die wir fĂŒttern.â
Etwas flackerte in seinen Augen auf. Zufriedenheit vielleicht. Oder Wiedererkennen.
âNicht jeder sieht dasâ, sagte er.
âVielleicht sehen es viele und geben es nur nicht gerne zu.â
Ein leises Lachen entwich ihm.
âSie ĂŒberraschen mich.â
Seine Aufmerksamkeit gefiel ihr. Nach ihrer letzten Beziehung hatte sie sich von MĂ€nnern ferngehalten. Zwei Jahre lang hatte sie Einladungen ausgeschlagen, Nachrichten unbeantwortet gelassen und sich eingeredet, ihr wĂŒrde nichts fehlen.
Nun stand ein Fremder neben ihr und schaffte es mit wenigen Fragen, eine TĂŒr zu öffnen, die sie lĂ€ngst verschlossen geglaubt hatte.
Gemeinsam gingen sie weiter.
Vor jedem GemĂ€lde fragte er sie nach ihrem ersten Gedanken. Nicht nach dem KĂŒnstler, der Technik oder dem möglichen Wert. Er wollte wissen, was sie empfand.
Vor dem Bild eines Mannes mit einem goldenen Becher sagte sie âGierâ.
Vor zwei beinahe identischen Gestalten dachte sie an Neid.
Ein General mit gebrochenem Schwert erinnerte sie an Zorn.
âMenschen hassen oft jene, die etwas besitzen, das ihnen selbst fehltâ, sagte sie. âSchönheit, Erfolg, Liebe oder einfach nur GlĂŒck.â
âUnd ist dieser Hass gerechtfertigt?â
âHass findet immer eine Rechtfertigung.â
âDas war nicht meine Frage.â
Sie sah ihn an.
Seine Stimme klang noch immer freundlich. Trotzdem hatte sich etwas verÀndert.
âNeinâ, antwortete sie. âEr ist nicht gerechtfertigt.â
âUnd doch ist er ĂŒberall.â
Er lieĂ seinen Blick ĂŒber die Besucher gleiten. FĂŒr einen Moment wirkte es, als sĂ€he er keine Menschen, sondern eine Sammlung noch unbemalter Gesichter.
Ein Schauer lief ihr ĂŒber den RĂŒcken.
Die Klaviermusik endete. Applaus erfĂŒllte die Galerie, doch er wirkte gedĂ€mpft und weit entfernt.
Er begleitete sie zum Ausgang.
âVielleicht könnten wir unser GesprĂ€ch fortsetzenâ, sagte er. âBei einer anderen Ausstellung oder einem TheaterstĂŒck.â
Bevor sie antworten konnte, zog er sein Handy aus der Innentasche seines Sakkos. Auf dem Display war bereits ein leeres Kontaktfeld geöffnet.
Er reichte es ihr.
Sie nahm das GerÀt entgegen. Seine WÀrme haftete noch auf dem Glas. Der Cursor blinkte im Eingabefeld.
Eine falsche Ziffer wĂŒrde genĂŒgen.
Dann bliebe dieser Abend eine schöne, folgenlose Erinnerung.
Sie sah auf.
Sein Blick ruhte auf ihr. Ruhig, geduldig und so aufmerksam, als wĂŒrde er nicht auf ihre Telefonnummer warten, sondern auf eine Entscheidung.
Sie tippte ihre tatsÀchliche Nummer ein.
âIch melde michâ, sagte er.
Dann verschwand er zwischen den Besuchern.
Sie sah ihm nach, bis sie ihn nicht mehr erkennen konnte.
Erst da bemerkte sie, dass sie noch immer vor dem letzten Bild der Ausstellung stand.
Die Leinwand war fast vollstÀndig schwarz. Nur in ihrer Mitte schimmerte ein heller Fleck. Vielleicht der Umriss eines Gesichtes. Vielleicht auch nur eine Spiegelung.
Darunter befand sich keine Beschreibung.
Keine Nummer.
Kein Name des KĂŒnstlers.
Als sie sich vorbeugte, glaubte sie, feine Linien in der dunklen Farbe zu erkennen. Zwei Augen, die jedoch nicht sie betrachteten.
Ihr Blick galt etwas hinter ihr.
Sie drehte sich um.
Dort war niemand.
Als sie erneut zur Leinwand sah, war auch das Gesicht verschwunden.
Fast eine Woche verging, bevor der Mann sich meldete.
Seine Nachricht enthielt nur eine kurze Einladung zu einer Ausstellung. Ausgerechnet an jenem Abend sollte sie an einem lange geplanten Seminar teilnehmen.
âVielleicht ein anderes Malâ, schrieb sie und legte das Handy enttĂ€uscht zur Seite.
Wenige Stunden spÀter wurde das Seminar abgesagt.
Ihre Freundin reagierte begeistert.
âDas ist kein Pech, das ist ein Zeichen. Du gehst zu dieser Ausstellung und ĂŒberraschst ihn.â
âIch weiĂ nicht.â
âSeit zwei Jahren verkriechst du dich. Irgendwann musst du wieder etwas wagen.â
Am Abend brachte ihre Freundin ein schwarzes Kleid vorbei. Es saĂ eng am Körper und lieĂ sie selbstbewusster wirken, als sie sich fĂŒhlte.
WĂ€hrend sie im Badezimmer ihre Haare richtete, vibrierte ihr Handy.
Ihre Freundin nahm es vom Tisch.
Auf dem Display erschien eine zweite Nachricht.
Nox Imago.
Das 27. Bild wartet bereits.
Darunter stand ein weiterer Satz.
Nicht jedes Kunstwerk wurde freiwillig geschaffen.
Die Freundin las die Nachricht zweimal. Dann löschte sie sie.
Als die Frau aus dem Badezimmer zurĂŒckkam, lag das Handy wieder an derselben Stelle.
âDu siehst groĂartig ausâ, sagte ihre Freundin lĂ€chelnd. âHeute Abend wirst du einen bleibenden Eindruck hinterlassen.â
Im dunklen Display spiegelte sich fĂŒr einen Moment ein Gesicht.
Es gehörte keiner von ihnen.