Kapitel 1 – Astram
Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich sie knuddeln oder erwürgen will. Vielleicht beides? So etwas wie ... sie liebevoll erwürgen? Geht das? Wenn es einen Weg gibt, finde ich ihn. Aber wie sollte ich auch anders reagieren, wenn meine atemberaubende Gefährtin sich selbst in Gefahr bringt?
Unsere Clique schlendert durch ein nahegelegenes Dorf und geniesst den letzten freien Tag, bevor die Schule wieder los geht.
Die Mädchen bleiben bei jedem zweiten Laden stehen, um sich irgendetwas anzusehen. Und wir Jungs ... wir beklagen uns nicht, laufen hinterher, halten Jacken und Taschen, wenn die Mädels etwas anprobieren wollen und lächeln die ganze Zeit wie bekloppte, verliebte Welpen ... mit anderen Worten: wir sind von unseren jeweiligen Gefährtinnen so hingerissen, dass wir alles mit Freude mitmachen.
Was mich wahnsinnig macht, ist, dass ich meine Angst um Sienna nicht abschütteln kann. Seit ich ihr grosses Geheimnis kenne, kann ich mich nicht mehr entspannen. Jedes Mal, wenn jemand in ihre Richtung sieht fürchte ich, er erkennt sie. Jedes Mal, wenn sie sich bückt oder den Kopf zu schnell bewegt fürchte ich, dass ihre Perücke verrutscht. Jedes Mal ...
„Hey, alles okay?” Rafiq stupst mich an und reisst mich damit aus meinen Gedanken. Seit dem Tag der Wintersonnenwende – als ich erfuhr, dass er und Kendra Seelengefährten sind – ist es zwischen uns eigenartig. Aber anscheinend bedeute ich ihm noch genug, dass er sich um mich Sorgen macht.
„Ja, alles klar”, murmle ich. Rafiq zögert, nickt dann aber und wendet sich ab, um den anderen zum nächsten Shop zu folgen. Doch bevor er gehen kann, halte ich ihn am Arm zurück. „Oder nein, warte mal. Eigentlich ist nicht alles okay. Ich ähm ...” Na komm schon Astram. Reiss dich zusammen. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen.”
Während die anderen weitergehen, anscheinend ohne etwas zu bemerken, bleiben Rafiq und ich zurück. Er sieht mich ruhig an, macht aber keinerlei Anstalten mir das hier zu erleichtern. Na gut, das kann ich verstehen.
„Als ich erfahren habe, dass du und Kendra zusammen seid ... da habe ich nicht unbedingt gut reagiert. Ich habe ... ach seien wir mal ehrlich, ich habe mich absolut lächerlich und dämlich verhalten. Mein bester Freund hat seine Seelengefährtin gefunden. Das wäre ein Grund gewesen zu feiern, aber ich habe stattdessen rumgebrüllt und so ziemlich alle Leute verletzt, die mir etwas bedeuten. Auch wenn ich unter Druck stehe und meine eigene Beziehung regelmässig in den Sand setze, ist das noch lange kein Grund, meinen Frust an meinen Freunden auszulassen. Also um es noch mal klar zu sagen: es tut mir leid und es freut mich, dass du deine Seelengefährtin gefunden hast. Auch wenn ich zugebe, dass es eine Zeit lang dauern könnte, mich daran zu gewöhnen, dass mein bester Freund mit meiner Schwester zusammen ist.”
Rafiq schnaubt, lächelt aber kurz bevor er wieder ernst wird. „Naja ich weiss, dass das alles für dich nicht einfach ist. Als Alpha-Anwärter mit einem Krieg, der praktisch schon vor der Tür steht, stehst du nunmal wirklich unter enorm viel Druck. Das heisst nicht, dass es in Ordnung war, was du getan hast – du hast Kendra wirklich verletzt ... und mich auch. Aber ich schätze ... keine Ahnung ... ich hatte einfach erwartet, dass es anders läuft, wenn ihr schliesslich von uns erfahrt.”
„Ich weiss und das tut mir leid.”
„Ich verzeihe dir. Aber mit Kendra solltest du auch noch reden.” Nickend senke ich den Blick. Auf das Gespräch freue ich mich überhaupt nicht. Zwischen Rafiq und mir war es eigenartig, doch zwischen Kendra und mir herrscht Eiszeit. Sie hat seit der Wintersonnenwende kein einziges Wort mit mir gesprochen.
„Schliesslich kann ich es nicht haben, wenn meineSeelengefährtin unglücklich ist.” Anhand von Rafiqs Grinsen, weiss ich, dass er mich aufziehen möchte.
„Naja, du hast die Beziehung mit deiner Seelengefährtin in kürzester Zeit sicher weiter gebracht als ich”, lächelte ich reumütig. Eigentlich wollte ich auf seinen Scherz mit einsteigen, aber meine Worte fegen ihm das Grinsen aus dem Gesicht.
„Ähm ... also was das angeht. Die Sache zwischen Kendra und mir”, fängt Rafiq an, nervös mit den Füssen schabend. „Also naja ... das mit uns läuft schon länger.”
„Was heisstlänger?“, frage ich misstrauisch. Als Rafiq nicht sofort antwortet, weiss ich, dass mir die Antwort nicht gefallen wird.
„Also ... so ... ein paar Jahre”, antwortet er wage.
Tief durchatmend zügle ich mein Temperament. Ich will die Beziehung mit meinem besten Freund wieder in Ordnung zu bringen, da kann ich es mir nicht leisten, jetzt noch mal ein Arsch zu sein. Rafiq scheint zu merken, dass ich mich beruhige und beschliesst wohl, dass er es jetzt gleich hinter sich bringen will.
„Um ehrlich zu sein, bin ich schon seit meinen frühen Teenager-Jahren in sie verliebt gewesen. Irgendwann hatten wir einen kleinen ... Ausrutscher”, bevor ich darüber nachdenken kann, was genau das bedeutet und vermutlich doch wütend werden würde, spricht Rafiq schnell weiter. „Damals haben wir uns unsere Gefühle gestanden, aber wir hatten beschlossen, das Ganze nicht weiterzuverfolgen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir eines Tages andere Gefährten haben werden und uns ohnehin trennen müssten.”
Jede allfällige Wut, die bei dem Gedanken an das Liebesleben meiner Schwester aufkommen könnte, verfliegt, als ich Rafiqs Ausdruck sehe, während er mir ihre Geschichte erzählt.
„Das tut mir leid. Das klingt hart.”
„Das war es. Ich war mir sicher, dass ich sie verlieren würde.” Meistens ist Rafiq ein professioneller Beta, einer der vielversprechendsten, härtesten Wächter, doch gerade stehen ihm Tränen in den Augen. Wie hatte ich nicht merken können, wie sehr mein bester Freund und meine Schwester gelitten haben? Wie konnte ich es noch schlimmer machen? Gerade als sie dachten, sie hätten es überstanden und könnten endlich ihrem Happy End entgegenfiebern, musste ich das Arschloch raushängen lassen.
„Wie gesagt: es tut mir wirklich leid, wie ich reagiert habe. I–ich wollte es für euch nicht noch schlimmer machen. Mir war nicht klar, wie lange ihr schon so empfindet – was ihr durchmachen musstet.”
„Ja, ich weiss. Du konntest es nicht wissen. Wir ... haben aufgepasst”, grinst er.
„Also”, frage ich, vorsichtig lächelnd, „ist alles wieder in Ordnung?”
Er lässt mich noch einen Moment länger zweifeln, bevor er mich grinsend, mit einem „Na klar” in eine herzliche Männerumarmung schliesst.
Erleichtert klopfe ich ihm auf den Rücken. Der Mondgöttin sei dank, lässt sich zumindest eine meiner Beziehungen wieder in Ordnung bringen.
„Ich will euren intimen Moment ja nicht unterbrechen”, erklingt Bria’s neckische Stimme neben uns, woraufhin Rafiq und ich uns wieder von einander lösen, „aber ich will mir mit den Mädels eine Waffel von da drüben holen und die beiden gehen nur mit mir mit, wenn sie sich sicher sind, dass ihr euch nicht gegenseitig erschlagt.” Sie rollt mit den Augen. „Wobei wir das ja unterdessen ausschliessen können, aufgrund dieser Zurschaustellung wahrer Männer-Freundschaft. Dennoch will ich diesen letzten Tag geniessen bevor wir den lieben langen Tag wieder in Klassenzimmern büffeln müssen. Also wenn ihr so freundlich wärt ...” Sie bedeutet uns ihr zu folgen.
Rafiq und ich schütteln grinsend den Kopf, gesellen uns aber wieder zu den anderen.
Kendra sieht skeptisch zwischen uns hin und her, wobei sie mich immer noch mit einer Kälte mustert, die ich von meiner Schwester gar nicht kenne. Sofort wandern meine Mundwinkel wieder nach unten. Rafiq stellt sich zu ihr und legt ihr seinen Arm um die Schulter. Als sie zu ihm aufsieht wird ihr Blick ganz sanft und liebevoll. Autsch, das tut noch mehr weh.
Mein Blick wandert zu Sienna. Auch sie mustert Rafiq und mich. Ihr Blick ist nicht eisig wie der meiner Schwester. Ganz im Gegenteil, ihre Mimik gibt nichts preis. Ich kann nicht einmal erraten, was sie gerade denkt. Dazu komme ich aber auch gar nicht, denn sie dreht sich um und folgt unseren Freunden zum Waffelstand den Bria erwähnt hatte.
Naja, man kann eben nicht alles an einem Tag richten. Grinsend setze ich mich in Bewegung. Rafiq ist geschafft – die anderen fehlen noch. Doch auch das werde ich bald in Ordnung gebracht haben. Diesmal versaue ich es nicht.
„Erst vor vier Stunden hat das neue Semester begonnen und wir haben jetzt schon einen Berg Hausaufgaben. Ich hasse Schule”, brumme ich vor mich hin, während ich mit Rafiq und Dylan Richtung Cafeteria schlendere.
„Wer nicht?“, schnaubt Rafiq.
„Ich”, meint Dylan, woraufhin wir uns mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm umdrehen.
„Im ernst?“, frage ich skeptisch.
„Naja”, er läuft rot an. „Also ichhasse den Unterricht nicht. Es gibt sogar Fächer, die ich tatsächlich sehr gerne habe.” Das bringt ihm ein Schnauben ein und Dylan spricht schnell weiter, um nicht wie ein kompletter Nerd dazustehen.
„Aber natürlich heisst das nicht, dass ich nicht grundsätzlich gerne etwas anderes tun würde.”
„Ja, zum Beispiel dich den ganzen Tag mit Bria im Bett wälzen”, stichelt Rafiq. Wie ich, weiss auch er, dass Dylan bei solchen Dingen sofort hochrot wird. Auch dieses Mal enttäuscht er uns nicht und ihm steigt die Farbe direkt ins Gesicht.
Lachend stossen wir die Türen zur Mensa auf und stellen uns in die Schlange zur Essensausgabe.
Als wir Minuten später mit unseren Tabletts in den Händen zu unserem Stammtisch laufen, ist Dylan noch immer rot wie eine Tomate. Weshalb Rafiq und ich – tolle Freunde, wie wir sind – immer noch ein schadenfrohes Grinsen im Gesicht haben.
„Was ist denn mit dir los?“, fragt Bria ihren Gefährten.
„Nichts”, brummt er nur und lässt sich neben ihr auf einen Stuhl fallen.
Rafiqs und mein Grinsen wird nur noch breiter. Ja, wir sind wirklich tolle Freunde.
Als ich mich neben Sienna nieder lasse greife ich in meinen Rucksack, um meine Überraschung herauszuholen.
„Ich dachte, du könntest vielleicht eine kleine Motivation gebrauchen. Du weisst schon. Um den ersten Schultag zu überstehen”, erkläre ich, während ich meiner Gefährtin einen grossen Schokoladenmuffin auf ihr Tablett stelle. Den habe ich noch vor dem Unterricht besorgt.
Alle an unserem Tisch werfen mir schockierte Blicke zu, ich aber sehe nur Sienna an.
„Ja, du siehst richtig. Sogar extra früher aufgestanden bin ich für dich, meine Liebste.”
„Ähm ... danke?” Es klingt mehr wie eine Frage, aber ich lächle nur und wende mich meinem Essen zu. Kleine Schritte, ermahne ich mich selbst.
„Und wo sind unsere Muffins?“, fragt Bria beleidigt.
„Tut mir leid, aber ich stehe nur im Dienste meiner Geliebten.”
„Ich bin nicht deine Liebste oder deine Geliebte, Astram.” Ohne Sienna zu beachten, pikse ich eine Kartoffel auf und schiebe sie mir in den Mund. Die schmeckt tatsächlich ... gar nicht mal übel. Haben unsere Mensa-Köche in den Ferien etwa tatsächlichkochen gelernt? Ha. Dinge gibt’s, die glaubt man gar nicht.
„Überall wo ich heute war, war die Tote, die zur Wintersonnenwende auf dem Hof gefunden wurde, das Gesprächsthema Nummer eins”, meint Bria ungewöhnlich ernst.
Normalerweise ist sie immer fröhlich, aber sie ist keinesfalls naiv. Wenn es nötig ist, kann sie so hart sein, wie wir.
„Ja, bei mir auch. Jede Stunde, jede Klasse ... alle wollten sie wissen, was genau passiert ist”, bestätigt Rafiq.
Sienna neben mir verkrampft sich. Ich weiss, dass es nicht nur deswegen ist, weil das alles zu ihr führen könnte. Nein, sie kannte die Frau und fühlt sich schuldig, wegen dem, was der Delta-Dame passiert ist. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, bin mir aber nicht sicher, dass meine Berührung erwünscht ist. Daher rutsche ich nur mit meinem Stuhl etwas näher an sie heran und klinke mich ins Gespräch ein: „Was genau wissen die Leute denn? Gibt es”, ich deute unauffällig auf Sienna, „Probleme?”
„Nicht direkt”, meint Rafiq. „Ich meine, keiner scheint etwas über ...“, er sieht auch kurz bedeutungsvoll zu Sienna, „zu wissen, aber es ist kein Geheimnis mehr, dass die Montiums Sortiria suchen. Noch scheinen sich die meisten nicht sicher zu sein, ob sie glauben sollen, dass diese Person wirklich hier in der Akademie ist, aber früher oder später ...”
„Vor allem mit der Überprüfung aller neuen Studenten, die Misses Melriel am Rudeltreffen angekündigt hat.” Scheisse, Kendra hat recht. Das hatte ich vollkommen vergessen.
„Zu mindest weiss niemand etwas über Dwayne und seine Kumpanen.” Dylan spricht noch leiser, als wir ohnehin schon gesprochen hatten, aber das war angesichts des heiklen Themas auch angebracht. Selbst mit Wolfsgehör war er kaum zu verstehen.
„Ja, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Leute Fragen stellen werden. Ich meine, so viele Leute verschwinden nicht einfach so”, flüstert Kendra.
„Sie sind abereinfach so verschwunden“, meint Bria und denkt offensichtlich an Sienna’s Magieausbruch, der alle Leichen und noch lebenden Soldaten vernichtet hat. „Es gibt keine Spuren, die jemand verfolgen könnte. Niemand weiss irgendetwas über ...“, ein weiterer bedeutungsvoller Blick Richtung Sienna.
„Kann sein, aber wie gesagt, es ist nur eine Frage der Zeit –”
„Wir sollten das Thema wechseln”, unterbricht Sienna Kendra. Meine Schwester nickt verstehend und wendet sich wieder ihrem Essen zu.
Meine Gefährtin hat recht, das ist kein Thema, dass in der Mensa besprochen werden sollte, egal wie leise man redet.
Bria fängt ein gezwungen fröhliches, lautes Gespräch an und alle geben sich Mühe darauf einzusteigen. Doch ich erkenne klar, dass wir alle die ganze Zeit hinweg über angespannt sind.
Der einzige Moment in dem ich an diesem Mittag noch mal lächle ist, als Sienna – zwar ohne Worte oder Blick zu mir – meinen Muffin verspeist.
Beim ersten Bissen kann sie sich ein leises Stöhnen nicht verkneifen. Ein Geräusch, dass mir sofort in den Schritt fährt. Verdammt. Würde sie auch so klingen, wenn ich in ihr – okay, Astram, ganz falsche Gedanken! Einen Ständer in der Mensa brauche ich nun wirklich nicht.