Kapitel 1
Selena
Jede Nacht schlafe ich ein, und jede Nacht gegen drei Uhr morgens schrecke ich wegen dieses Traums hoch. Ich renne durch den Wald und weiche Ästen und Zweigen aus. Ich stolpere über hochstehende Wurzeln und umgestürzte Baumstämme. Auf den feuchten Blättern und dem Unterholz, das den Waldboden bedeckt, rutsche ich immer wieder aus. Ich weiß ganz genau: Was auch immer hinter mir her ist und mich jagt, wird mir wehtun oder mich töten, wenn es mich erwischt!
Keuchend setze ich mich im Bett auf und blicke mich in meinem fast dunklen Zimmer um. Alles ist an seinem Platz. Mein Nachtlicht leuchtet immer noch schwach in der fernen Ecke. Die Schranktür, hinter der meine Kleider hängen, ist wie immer geschlossen. Die Schubladen meiner hohen Kommode sind alle fest zu. Kein einziger Deko-Nippes oben auf der Holzkommode ist verrückt. Meine Zimmertür steht einen Spalt breit offen, sodass ein Lichtstreifen aus dem Flur hereinfallen kann.
Schwer atmend schließe ich die Augen. Ich versuche mich zu beruhigen, will aber gleichzeitig die Bilder dieses bescheuerten Albtraums wachrufen. Ich erinnere mich an alles, was im Traum passiert ist. Wie jedes Mal, wenn ich versuche, den Traum zu analysieren, bin ich völlig verwirrt. Ich habe mein ganzes Leben an der Ostküste verbracht. In Virginia Beach, um genau zu sein. Ich habe noch nie einen Wald gesehen, geschweige denn bin ich durch einen gerannt. Trotzdem waren die Details so präzise – wie ich mich unter Ästen duckte und um Baumstämme herumwand, um nicht über Trümmer zu stolpern. Das fühlte sich einfach zu echt an, als wäre ich wirklich dort gewesen!
Der Traum ist aber immer derselbe. Er hat sich seit dem ersten Mal bis heute Nacht nicht verändert. Es ist spät in der Nacht. Der Vollmond steht hoch am Himmel. Die Angst beginnt mitten in meinem Herzen und breitet sich in meinem ganzen Körper aus. Sie pumpt durch meine Venen und ist völlig einnehmend. Der Drang, so weit wie möglich von diesem... diesem Wesen wegzukommen, treibt mich zum Laufen. Plötzlich fliege ich nach vorne, weil ich über einen Ast gestolpert bin, der unter verrottetem Laub versteckt war. Ich strecke die Hände aus, um nicht mit dem Gesicht auf den Boden zu knallen – und in diesem Moment wache ich auf.
Ich stoße einen müden Seufzer aus. Da höre ich meine Mutter vom Flur her rufen, wahrscheinlich aus der Küche, um zu wissen, ob ich schon wach bin. Es ist der letzte Tag meines elften Schuljahres. Als mir das klar wird, werfe ich die Decke zurück und springe aus dem Bett. Ich eile zur Tür und rufe zurück, dass ich wach bin. Dann schnappe ich mir die Sachen, die ich heute anziehen will, flitze über den Flur und verschwinde im Badezimmer.
Ich steige aus meinem Auto und laufe über den Schulparkplatz. Währenddessen scrolle ich durch ein paar Apps auf meinem Handy. Als ich fast am Eingang bin, schalte ich den Klingelton aus und schiebe das Handy in meinen Rucksack. Die ersten Stunden vergehen wie im Flug. Ehe ich mich versehe, sitze ich in der Kantine. Ich bin von meinem kleinen Freundeskreis umgeben und wir drängen uns alle um den Mittagstisch.
Nach dem Essen gehe ich zu meinem Lieblingsfach: Kunst. Heute helfen wir Ms. Barker nur beim Aufräumen. Wir stellen sicher, dass wir all unsere Kunstprojekte einsammeln, um sie nach Schulschluss mit nach Hause zu nehmen. Während wir im Kunstunterricht lachen und herumalbern, rechne ich mit vielem – aber sicher nicht damit, ins Büro des Schulleiters gerufen zu werden!
Da nur noch zehn Minuten Unterricht übrig sind, rät mir Ms. Barker, meinen Rucksack und die paar Projekte direkt mitzunehmen. Drei Flure und eine Treppe später stehe ich im Vorzimmer. Ich warte darauf, dass die Sekretärin mir sagt, dass ich ins Büro des Schulleiters darf. Die ältere Dame mit den wilden, schwarz-weiß gelockten Haaren schiebt ihre Gleitsichtbrille auf die Nase und nickt mir zu, dass ich hineingehen kann.
Meine Gedanken rasen, als ich die Hand hebe und anklopfe. Auf ein „Herein“ hin drücke ich die Tür auf und trete langsam ein. Mr. Adams ist groß, hat dunkle Haare und dunkle Augen. Er beobachtet mich, wie ich auf seinen Schreibtisch zugehe. Ein Schauer läuft über meinen ganzen Körper, als er mich mit diesen dunklen Augen ansieht. „Sie wollten mich sprechen, Mr. Adams?“, frage ich und setze mich vorsichtig auf die Kante des Stuhls gegenüber von seinem Schreibtisch.
Sein Blick ist intensiv. Ich beiße mir auf die Lippe, während ich ihn anschaue und darauf warte, dass er etwas sagt. Mr. Adams seufzt schwer, woraufhin mein Herz wild gegen meine Brust hämmert. „Miss Blakely“, beginnt er. Doch bevor er weitersprechen kann, klopft es an der Tür. Einen Moment später tritt eine Polizistin in den Raum.
Die Beamtin mit der dunklen Haut geht auf mich zu, während Mr. Adams ihr zunickt. Als sie vor mir steht, räusperte sie sich und sagt: „Selena Blakely?“ Ich lege den Kopf ein Stück in den Nacken, um der Frau in die Augen zu sehen. „Sie müssen mit mir kommen. Es gab einen Unfall, in den Ihre Eltern verwickelt sind.“ Falls die Frau, die über mir aufragt, noch etwas sagt, höre ich es nicht mehr. Alles um mich herum wird dunkel. Als ich aufstehen will, beginnt der Raum sich zu drehen. Bevor ich fragen kann, was passiert ist oder ob es ihnen gut geht, wird alles schwarz und ich werde ohnmächtig!
Piep... Piep... Piep... Da ist ein seltsames Piepsen, das irgendwo von rechts kommt. Mühsam versuche ich, die Augen zu öffnen. Ich muss mehrmals blinzeln, damit ich wieder scharf sehen kann. Langsam drücke ich mich in eine sitzende Position auf dem... Bett, auf dem ich sitze? „Was... was ist hier los?“
Es dauert einen Moment, bis mein Gehirn begreift, dass ich in einem Krankenhauszimmer auf einem Bett sitze. Die Geräte piepsen jedoch nicht wegen mir; ich bin an nichts angeschlossen. Als ich nach links schaue, sehe ich meine Mutter im Bett liegen. Sie ist mit allen möglichen Schläuchen und Maschinen verbunden. Ich klettere von meinem Bett herunter und gehe zögerlich an ihre Seite. Ich nehme ihre Hand in meine und flüstere: „Mama? Was ist passiert? Was ist los? Wo ist Papa?“
Sie antwortet nicht. Ihre Augenlider zucken nicht einmal so, als würde sie versuchen, sie zu öffnen. Vorsichtig lege ich ihre Hand zurück auf das Bett. Ich gehe zur geschlossenen Tür, drücke sie auf und spähe in den Flur. Ich suche jemanden, der mir Antworten geben kann. Ein paar Türen weiter entdecke ich den Schwesternstützpunkt. Leute laufen eilig an mir vorbei und beachten mich gar nicht. Ich lehne mich gegen den Tresen, um jemanden herbeizuwinken.
Endlich! Eine junge Frau, die etwa Mitte zwanzig zu sein scheint, bemerkt, wie ich verloren dort stehe. „Kann ich dir helfen, Süße? Hast du dich verlaufen? Wo sind deine Eltern?“ Ich rolle innerlich mit den Augen. Manchmal ist es echt ätzend, jünger auszusehen, als ich bin. Ich bin siebzehn und werde in zwei Wochen achtzehn!
„Äh, hallo. Meine Mutter liegt in diesem Zimmer dort“, sage ich, blicke über meine Schulter und zeige auf die Tür mit der Nummer 2152. „Können Sie mir sagen, was mit ihr passiert ist? Und wo mein Vater ist?“ Ich sehe den Flur auf und ab und hoffe, dass er jeden Moment um die Ecke kommt. Aber er kommt nicht...
Auf dem Namensschild ihrer Dienstkleidung steht Linda. Ich sehe, wie ihre Augen immer größer werden, als ihr klar wird, wer ich bin. Sie beißt sich auf die Unterlippe. „Ich schicke den Arzt in das Zimmer deiner Mutter. Geh bitte wieder rein und warte dort.“ Ich habe das dringende Bedürfnis, die Arme vor der Brust zu verschränken, mit dem Fuß aufzustampfen und Antworten zu verlangen. Stattdessen nicke ich nur und gehe leise zurück ins Zimmer meiner Mutter.