Wunderschöne Lügen
Man sagt, die Verpaarungszeremonie sei die schönste Nacht im Leben einer Wölfin. Die Sterne leuchten heller. Die Mondgöttin lächelt auf ihre Kinder herab. Das Band zwischen den Gefährten ist das heiligste aller Bänder. Es füllt die Seele mit Wärme, so wie Honig über einem Feuer.
Alles Lügen.
Heute Nacht wirken die Sterne fern. Der Mond ist nur ein zerbrochener Spiegel am Himmel. Er hängt dort wie eine Warnung, die ich ignoriert habe.
In meinem Zimmer war es kalt. Still. Es war diese Art von Stille, die von Dingen flüstert, die nicht sein sollten. Ich saß vor dem Spiegel unter der Dachschräge. Mein Spiegelbild zitterte bei einem Atemzug, den ich gar nicht machen wollte. Ich versuchte, die Angst abzuschütteln. Aber sie klammerte sich fest, schwer und dumpf wie Rauch in meiner Brust.
Irgendetwas stimmte nicht. Ich wusste nicht was – aber ich spürte es.
Schritte hallten durch den Flur. Leicht. Vertraut. Serah.
Sie klopfte nicht an. Das tat sie nie.
„Du bist noch nicht fertig?“, fragte sie. Ihre Stimme klang künstlich überrascht. Sie stolzierte herein und ließ ein blaugrünes Kleid zwischen zwei Fingern baumeln. „Gut, dass ich das hier mitgebracht habe. Es ist sowieso aus der Mode. Aber Duncan wird das egal sein. Er gehört dir ja schon.“
Das Kleid landete auf meinem Bett wie eine Provokation.
Serah lehnte am Türrahmen, in jeder Hinsicht perfekt. Sie war die angehende Luna, der Goldfisch des Rudels. Sie lächelte mich an, und dieses Lächeln war wie ein Messer.
„Du solltest mir danken“, fügte sie hinzu. „Darin wirst du halbwegs ordentlich aussehen – falls du deine Haare nicht wieder vermasselst.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Danke.“
Sie grinste hämisch. „Versau es nicht, Alice. Man hat nur eine Chance für den ersten Eindruck als Gefährtin.“
Als sie ging, kam die Kälte sofort zurück. Es war wie ein Atemzug, den ich unbewusst angehalten hatte. Ich hob das Kleid auf, das lieblos dort lag. Verblasste Seide. Ein zerrissener Saum. Ein abgelegtes Stück, das man mir aus Mitleid schenkte. Ich redete mir ein, es sei ein Geschenk. Ein Beweis, dass ich ihr wichtig war. Ich musste das glauben. Ich brauchte etwas, an dem ich mich festhalten konnte, egal wie kaputt es war. Trotzdem hielt ich es fest an mich gedrückt. Es war alles, was ich hatte. Genau wie Duncan. Genau wie die zerbrechliche Hoffnung, dass heute Nacht mein Leben neu geschrieben wird.
Gefährtenbänder waren heilig. Von der Mondgöttin gewollt. Duncan hatte mich erwählt. Das musste etwas bedeuten. Sein Lächeln war immer gütig gewesen. Seine Berührung sanft. Bei ihm fühlte ich mich gesehen. Sicher.
Er war mein Ausweg.
Ich schlüpfte in das Kleid. Meine Finger zitterten, während ich an den Verschlüssen nestelte. Der Spiegel weigerte sich zu lügen. Ich sah nicht aus wie eine Braut. Ich sah aus wie ein Mädchen, das nur so tat als ob.
Meine Wölfin regte sich – aber nur ganz schwach. Unruhig. Still.
„Komm schon“, flüsterte ich. „Es ist unsere große Nacht. Versteck dich nicht vor mir.“
Nichts.
„Bitte.“ Meine Stimme brach. „Bitte tu mir das nicht an.“
Wieder nur Stille. Und diese Stille schrie mich förmlich an.
Ich atmete tief durch. Nur noch eine Lüge. Nur noch eine Nacht so tun als ob. Wenn ich das hier überstand, wenn Duncan mich wirklich liebte, würde sich vielleicht alles ändern. Vielleicht hätte ich endlich eine eigene Familie. Ein Zuhause. Anerkennung.
Ich strich das Kleid glatt. Hob das Kinn. Und ging aus der Tür.
Die Lichtung schimmerte im Laternenschein. Silberne Kugeln wiegten sich im Wind wie geduldige Sterne. Sie warfen sanftes Licht über die Menge. Blütenblätter segelten in einem langsamen, traumhaften Tanz herab. Es wirkte, als würde die Nacht selbst den Atem anhalten.
Alle Augen waren auf Duncan gerichtet.
General Duncan. Held der Grenzkriege. Der jüngste Kommandant, der je in die Armee des Lykaner-Königs jenseits des Schleiers berufen wurde. Er hatte Schrecken erlebt, die erfahrene Wölfe wahnsinnig machten. Er war siegreich zurückgekehrt. Er brachte Narben mit, aber auch Orden, Lob und den Stolz des Alphas. Das Rudel liebte ihn. Sie verehrten ihn. Er war der glänzende Erbe einer legendären Blutlinie.
Und heute Nacht gehörte er mir.
Er stand in der Mitte der Lichtung wie eine Gestalt aus dem Bilderbuch. Breite Schultern in zeremoniellem Silber, goldenes Haar, das im Wind wehte. Seine Augen brannten voller Entschlossenheit. Als er mich ansah, wurde die Welt still. Als er lächelte...
Da glaubte ich daran. Mit jedem zitternden Atemzug glaubte ich daran.
Er griff nach meiner Hand, sein Griff war fest und voller Ehrfurcht. Dann küsste er meine Knöchel. Ich hätte schwören können, dass die Sterne im Takt meines Herzschlags pochten.
Die Ältesten begannen mit dem Ritual. Ihre Stimmen schienen weit weg, wie Echos in einem Traum. Ich konnte sie kaum hören. Das Blut rauschte in meinen Ohren. In meinem Kopf wiederholte ich ständig: Er hat mich gewählt. Er liebt mich. Ich bin sicher.
Duncans Blick wich nicht von mir. In diesem Moment war er alles für mich. Ein Versprechen. Eine Zukunft. Meine Rettung.
Wir tauschten das Eheversprechen aus. Die Menge jubelte, aber nichts davon galt mir. Sie feierten ihn. Ihren goldenen Sohn. Ihren Kriegshelden. Den Auserwählten des Alphas. Ich war nur das Mädchen an seiner Seite. Ein Schatten in einem verblichenen Kleid.
Doch als er seine Arme um mich schlang, hielt ich an der Täuschung fest. Seine Kraft gab mir Halt.
Aber in meinem Inneren zitterte etwas.
Das Band – es festigte sich nicht.
Es schien zu zerreißen.
Meine Wölfin jaulte leise auf.
Für einen Moment war ich erleichtert. Wenigstens war sie da. Aber warum jaulte sie? Warum konnte sie sich nicht freuen – für mich, für uns? Das sollte ein glücklicher Abend sein. Wir waren kurz davor, frei zu sein. Dazuzugehören. Sobald das Band stabil war, sobald Duncan mich markiert hatte, würde alles gut werden.
Ich klammerte mich an diese Hoffnung wie an einen Rettungsring.
Der Jubel hallte noch in meinen Ohren, als wir zum Rudelhaus zurückkehrten. Aber es fühlte sich fern an, als wäre es die Freude von jemand anderem. Die Laternen flackerten jetzt schwächer, die Wärme schwand. Drinnen spielte die Musik weiter. Lachen erfüllte jede Ecke. Der Wein floss in Strömen.
Ich trieb durch die Feier, ungesehen. Ein Schatten hinter dem goldenen Jungen, den alle so sehr liebten. Irgendwann zwischen dem Anstoßen und dem Tanzen verschwand Duncan.
Plötzlich hatte ich ein Glas in der Hand. Es schmeckte bitter. Ich stellte es ab. Zu spät. Kalter Schweiß lief mir über den Rücken. Mein Kopf pochte heftig. Meine Haut brannte, als gehörte sie nicht zu mir. Mein Atem stockte.
Der Raum geriet ins Wanken. Lachen und Licht verwandelten sich in Schatten. Die Musik klang nur noch wie fernes Donnern, gedämpft und seltsam.
Panik stieg in mir auf.
Ich versuchte, ihn über das Band zu erreichen.
Nichts.
Es traf mich wie ein Sturz ins Bodenlose. Die Art von Sturz, die einem die Luft raubt, noch bevor man begreift, dass man fällt. Da war nur Leere. Stille. Ein klaffendes Loch, wo eigentlich etwas Heiliges sein sollte.
Und dann kam die schleichende Erkenntnis:
Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Verzweiflung schnürte mir die Kehle zu. Ich versuchte es noch einmal, fester, als könnte ich die Verbindung erzwingen.
Wieder nichts.
Dann spürte ich es. Ein Ziehen. Kein Gedanke. Eine Kraft. Im Ostflügel.
Vertraute Gerüche hingen in der Luft.
Serah. Duncan.
Umschlungen. Vertraut. Es knisterte.
Ich folgte dem Geruch.
Jeder Schritt war lauter als mein Herzschlag. Der Flur wirkte wie ein Schlund, der mich verschlucken wollte. Meine Beine bewegten sich taub vorwärts. Meine Wölfin jaulte vor Angst. Ich hätte stehen bleiben sollen.
Aber ich wollte es einfach nicht glauben.
Ich erreichte die Tür.
Seine Stimme – Duncans Stimme – klang wie Seide über einer scharfen Klinge.
„Spürst du das?“, stöhnte er. „Ihre Kraft schwindet. Das Band bricht. Sobald es reißt, gehört uns alles. Nicht einmal der König wird uns aufhalten.“
Ein Stöhnen. Sinnlich. Besitzergreifend. Serah.
Ich presste den Kopf gegen den Türrahmen. Die Kälte biss in meine Haut und holte mich in die Realität zurück. Mein Atem stockte. Mein Herz setzte aus.
Es ist nicht so, wie es klingt. Vielleicht ist es ein Fehler. Ein Test. Ein Missverständnis.
Wieder Duncans Stimme, atemlos vor Lust: „Sie war so leicht zu manipulieren. Wie sie mich angesehen hat? Einfach erbärmlich.“
Dann Serah, leise und hämisch: „Sie glaubt immer noch, das hier sei Liebe. Gott, wie sie dich heute Abend angestarrt hat. Als wärst du die Antwort auf all ihre Gebete. Und dann auch noch in <i>meinem</i> Kleid? Schatz, ich hätte ihr fast ins Gesicht gelacht.“
Ein feuchtes Geräusch. Haut auf Haut. Lippen. Noch ein Stöhnen. Diesmal lauter. Schamlos.
Meine Knie gaben nach. Ich hielt mich zitternd an der Wand fest.
Nein. Bitte nicht. Das ist nicht wahr. Er liebt mich. Er gehört zu mir. Er ist mein Gefährte.
Meine Wölfin tobte in mir. Aus Kummer wurde Qual. Aber ich klammerte mich an die Lügen. Ich hatte nichts anderes.
Serah hat ihn verhext. Da muss Magie im Spiel sein. Das ist nicht er. Das ist nicht mein Duncan.
Meine Hand zitterte, als ich nach der Klinke griff.
Vielleicht ist es nicht das, was ich denke. Vielleicht ist er verletzt. Vielleicht braucht er mich.
Selbst jetzt, am Rande des Abgrunds, betete ich um alles, nur nicht um die Wahrheit. Ich flüsterte Lügen in die Stille. Ich flehte die Mondgöttin an, mich eines Besseren zu belehren. Eine letzte Chance. Eine letzte Illusion, an der ich mich festhalten konnte.
Und dann drückte ich die Klinke nach unten.
Die Welt zerbrach.
Duncan. Mit nacktem Oberkörper. Den Rücken durchgedrückt. Er stieß hart zu. Serah hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen. Ihre Beine waren um seine Taille geschlungen. Ihre Bewegungen waren wild und im Einklang.
Er sah mich direkt an.
Und er hörte nicht auf.
Serah blickte über seine Schulter, ohne aus dem Rhythmus zu kommen. Ihre Augen fixierten meine. Dieses perfekte Lächeln. Giftig.
„Keine Sorge“, schnurrte sie. „Er sollte schon immer mir gehören. Und du? Du warst nur die Stützräder, die er nicht mehr braucht.“
Duncan würdigte mich kaum eines Blickes. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen – ein Grinsen, das ich mal für charmant und sicher gehalten hatte. Jetzt fühlte es sich an wie ein Schlag ins Gesicht. „Alice“, sagte er. Er sprach meinen Namen aus, als wäre ich ein streunender Hund, den man einschläfern sollte.
Nur das. Nicht mehr. Mein Name, wie ein weggeworfenes Spielzeug.
Ich stand im Türrahmen, gekleidet in Spitze und Täuschung. Ich sah zu, wie jeder Traum starb, den ich jemals zu flüstern gewagt hatte.
Und irgendwo tief in mir ließ meine Wölfin los.
Etwas Heiliges starb in dieser Nacht.
Und während ich dort stand, innerlich leer und am Ende, begriff ich:
Das Mädchen, das durch diese Tür getreten war, existierte nicht mehr.
Diejenige, die hier wieder herauskam, würde nie wieder Ketten tragen.
Aber zuerst – würde sie <i>zerbrechen.</i>
Irgendwo – unter den Sternen, verborgen im Schatten – hatte etwas Uraltes davon Notiz genommen.
Es würde sie nicht still und leise sterben lassen.