Ein neues Leben - Analese
Ich wache schweißgebadet auf. Ich hyperventiliere und brauche dringend Luft. Es sind dieselben Geister, die mich jede Nacht verfolgen.
Es ist fast wieder diese Zeit im Jahr. So viele Ereignisse drehen sich um diesen einen Tag.
Ich seufze vor mich hin und hoffe, dass ich wieder einschlafen kann. Aber es geht nicht, ich wälze mich nur hin und her. Ich schnappe mir mein Handy und merke: Cool, ich kann noch kurz trainieren gehen, bevor ich den Termin mit meinem Anwalt habe.
Ich ziehe mir eine Jogginghose und ein Crop-Top an. Meine Haare binde ich zu einem unordentlichen Dutt zusammen. Dann fahre ich mit dem Aufzug nach unten in die Lobby.
„Guten Morgen, Ms. Frasier“, sagt der Pförtner mit einem Lächeln.
„Hey Z. Tschüss Z.“ Ich lächle zurück und verlasse meine Wohnung.
Meine Wohnung.
Mein... Zuhause... es fühlt sich immer noch komisch an, es so zu nennen.
Die letzten 20 Jahre kannte ich nur eine kleine Vorstadt im Nirgendwo von Virginia. Der Umzug nach Chicago war spontan, aber ich brauchte das. Ich musste hier raus. Ich brauchte einen Neuanfang. In Virginia wurde ich ständig daran erinnert, was ich hatte und was nun weg war.
Was man mir weggenommen hatte.
Ich bleibe vor dem Eingang des Master Boxer stehen und versuche, mich zu sammeln. Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Dieser alte Sack soll mich nicht wie ein offenes Buch lesen können, so wie er es jedes Mal macht, wenn ich hierherkomme.
„Denk an was Schönes, verdammt... denk an was Schönes...“, murmle ich mit zusammengebissenen Zähnen vor mich hin. „Ja... sehr überzeugend.“
Ich gehe durch die Tür und sehe Old Man, wie er Kartons zum Empfang trägt.
„Hey, Old Man“, sage ich mit einem breiten Lächeln, das ich nur für ihn aus den tiefsten Winkeln meiner Seele hervorgekramt habe.
„Was ist los, Kleines? Kannst du nicht schlafen?“ Er lässt die Kartons stehen und sieht mir fest ins Gesicht.
Ich verdrehe die Augen. „Ich hab zu breit gelächelt, oder?“
Er lacht leise. „Ja. Zu viel Zähne. Außerdem ist es erst 4:45 Uhr. Du bist früh dran.“
„Tja, wer rastet, der rostet, oder? Da bin ich also“, sage ich und entspanne mein Gesicht in der Hoffnung, dass noch ein Rest von einem Lächeln übrig bleibt.
Er grinst. „Komm schon, Kleines, lass uns eine Runde sparren.“ Er deutet mit dem Kopf zum Ring.
„Na gut, Old Man.“ Ich nicke und gehe zum Ring rüber.
„Ich bin zwar schon 60, aber ich versohl dir trotzdem den Arsch“, sagt er, und man hört seinen irischen Akzent heraus.
Als ich neu in Chicago war, bin ich oft ziellos früh am Morgen oder spät in der Nacht durch die Stadt gelaufen. Irgendwann bin ich im Master Boxer gelandet. Das ist ein Fitnessstudio, das von 8 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags rappelvoll ist. Aber wenn man sich um 5 Uhr morgens in den nach Schweiß riechenden Eingang schleppt, ist es herrlich leer, aber schon offen.
Ich bin zum Einzelgänger geworden. Früher war ich gerne unter Leuten, aber jetzt boxe ich lieber vor Sonnenaufgang und quatsche mit einem alten Iren in dieser riesigen Stadt. Aber ich weiß auch nicht. Es fühlt sich einfach wie der richtige Ort für mein neues Leben an.
Als ich das erste Mal hier war, habe ich für einen Einzelbesuch bezahlt. Ich bin direkt zum Boxsack gegangen. Ohne Aufwärmen, ich wollte einfach nur die ganze Trauer und den Frust rauslassen.
Old Man hat mich eine Minute lang beobachtet. Dann kam er zu mir und meinte, dass sowohl meine Haltung als auch meine Technik scheiße seien. Erst war ich baff, aber dann musste ich laut lachen. Seine direkte Art war und ist erfrischend. Sie ist ehrlich und kommt von Herzen.
Und auch wenn ich es nie zugeben würde: Ich brauche das gerade. Im Moment fühle ich mich, als würde ich in einen tiefen Abgrund stürzen und wüsste nicht, wie ich da wieder rauskomme.
„Also, erzähl mir, was los ist“, sagt Old Man, während er meine Haltung und meine Faust korrigiert.
„Ich...“ Ich atme schwer aus. „Nichts.“
„Lese...“, sagt er warnend und weicht meinem ersten Schlag aus.
„Nichts.“
Ich schlage erneut zu.
Einen Moment lang sagt keiner was. Nur das Klatschen auf die Haut und das Keuchen hallen durch das Studio. Ab und zu quietschen unsere Schuhe auf dem Boden, wenn einer von uns ausweicht.
Er täuscht einen Schlag vor, packt dann meine linke Faust und hält sie fest.
Er sieht mir tief in die Augen und sagt: „Kleines, ich kenne dich jetzt seit sechs Monaten. Ich bin mal ehrlich: Deine geheimnisvolle Art hat mich neugierig gemacht. Du hältst mich vielleicht für einen alten Knacker, aber ich weiß, wie man einen Computer bedient.“
„Die Entdeckung des Jahrhunderts“, spottte ich.
Er grinst und sagt: „Du brauchst es mir nicht zu sagen. Ich weiß es schon.“
Ich boxe mit der rechten Faust gegen ihn, treffe seine Brust aber nur schwach, weil es nicht meine starke Hand ist. Ich atme schwer und meine Augen werden feucht. Er macht einen Schritt auf mich zu und nimmt mich fest in den Arm.
Seine warme Umarmung lässt mich wieder wie ein Kind fühlen, das Trost braucht. Also lasse ich es einfach raus. Meine Eltern waren nie besonders einfühlsam, ich konnte mich immer nur auf mich selbst verlassen. Aber genau jetzt, in diesem Monat, brauche ich jemanden, der für mich da ist.
Er führt mich zum Empfang, damit wir ein bisschen Ruhe haben. „Ich bin nicht sauer, dass du nach mir gesucht hast. Ehrlich gesagt hat es lange genug gedauert“, sage ich schluchzend. „Ich bin nur noch nicht bereit, darüber zu reden.“
„Ist schon gut, Kleines. Ich habe genug gelesen. Du hast viel durchgemacht, und wenn du bereit bist, bin ich da. Okay?“
Mit seinen Daumen wischt er mir die Tränen weg. Ich nicke stumm und genieße das Gefühl, in seinem Arm zu liegen.
Die nächsten Tage werden verdammt hart für mich. Mein 14. Jahrestag, mein Geburtstag und ihr Todestag. Alles bricht gleichzeitig über mir zusammen, wie eine Tonne Steine, die mich lebendig begräbt.
17. Dezember.
Der Tag, an dem ich geboren wurde – und der Tag, an dem ich starb.