Boston Brawl
Rylan Maddox
Ich gehe Ärger nicht absichtlich suchen.
Aber ich kneife auch nie vor einer Schlägerei.
Schon gar nicht, wenn mir so ein Amateur-Bruin ein Bierglas an den Kopf wirft.
Ich sitze in dieser Spelunke, nur ein paar Blocks vom TD Garden entfernt. Kapuze auf, Whiskey pur, der Körper vibriert noch vom Spiel. Die Vipers haben Boston in der Verlängerung geschlagen. War knapp. Und ja, vielleicht habe ich ihren Goldjungen Jensen mit einem Open-Ice-Hit auf die Trage befördert. Die Szene wird wochenlang in jedem Highlight-Video laufen.
Sauber. Brutal. Wie aus dem Lehrbuch.
Wenn er heil aus der Halle hätte spazieren wollen, hätte er den Kopf oben behalten müssen.
Jetzt schäumt die Presse vor Wut. Twitter brennt. Und mein Handy ist voller verpasster Anrufe von der PR-Abteilung. Als ob man mich gleich in ein Internat für Jungs schickt, die zu fest zuschlagen.
Ich bin gerade bei meinem zweiten Glas Whiskey, als dieser Idiot meint, er müsse Eier zeigen.
Der Typ gegenüber an der Bar trägt ein Bruins-Trikot und hat eine Bierwampe. Er hat ein Tattoo am Hals, das mal ein Totenkopf war, jetzt aber wie ein zerquetschter Daumen aussieht. Er kneift die Augen zusammen. Er überlegt wohl gerade, ob ich die Zahnarztrechnung wert bin.
„Bist du Maddox?“, lallt er.
Ich sehe nicht mal auf.
„Glaubst du, der Check gegen Jensen war fair?“
Ich kippe den Rest von meinem Drink weg. „Ich finde, Jensen hätte lieber Eiskunstlauf machen sollen, wenn er keinen Körperkontakt will.“
Er wirft sein Glas nach mir.
Es fliegt weit daneben.
Anfängerfehler.
Noch bevor das Glas auf dem Boden zersplittert, springe ich auf. Er stürzt sich auf mich. Er holt aus wie ein Kind beim ersten Training. Ich verpasse ihm einen rechten Haken gegen den Kiefer. Dann gibt es noch eine Linke in die Rippen, einfach nur zum Spaß.
Zwei andere Typen mischen sich ein. Einer erwischt mich an der Schulter. Der andere versucht, meinen Hoodie zu packen.
Ich wirbele herum, stemme die Füße in den Boden und pfeffere ihn gegen einen Hochtisch. Das Teil klappt zusammen wie Origami.
Jetzt ist es eine handfeste Massenschlägerei.
Barhocker fliegen durch die Luft. Überall wird gebrüllt. Irgendeine Freundin kreischt. Ein Körper kracht gegen die Jukebox. Die Musik geht aus, aber ich mache weiter. Ich bin voll drin – die Schultern angespannt, das Blut pumpt. Ich schlage zu, als wäre ich wieder in der Jugendliga und die Talentspäher würden zusehen.
Und dabei grinse ich.
Denn das hier?
Das ist mein Zuhause.
Mein Handy vibriert schon, als ich aufwache.
Korrektur – ich wache nicht auf. Ich komme zu Bewusstsein. Da gibt es einen Unterschied.
Der Kopf dröhnt. Der Kiefer ist steif. An meinen Knöcheln klebt verkrustetes Blut. Und das Hotelbett, das mir sicher nicht gehört, stinkt nach Whiskey und schlechten Entscheidungen.
Ich drehe mich um. Das Mädchen ist weg. Gut so.
Ich erinnere mich vage an aufgespritzte Lippen und ein falsches Lachen. Sie hat versucht, mich beim Schnarchen für TikTok zu filmen. Ich habe ihr Handy durch die Suite gepfeffert und sie rausgeschmissen.
Das Handy vibriert wieder. Ich klaube es vom Boden auf.
43 verpasste Anrufe.
17 Voicemails.
Ein TMZ-Link von Dobrik.
Heilige Scheiße.
Ich klicke auf den Link. Das Video lädt. Es ist schief und körnig. Wahrscheinlich hat es irgendein Typ aus einer Studentenverbindung mit Grillsoße an den Fingern aufgenommen. Die Schlagzeile?
„Rylan Maddox rastet in Bostoner Bar aus – Fäuste fliegen, Cops rücken an, Chaos pur.“
Da bin ich. Mitten im Bild. Den Hoodie ausgezogen. Die Faust mitten im Schlag. Das Shirt zerrissen, Blut an der Lippe. Irgendein Bruins-Fan liegt auf dem Boden wie ein nasser Sack Fleisch.
Die Kommentare sind noch schlimmer als das Video.
Der Typ ist ein Psycho.
Sperrt ihn für die ganze Saison.
Kein Wunder, dass Lexi ihn verlassen hat.
Und da haben wir es.
Die Ex.
Lexi verdammte Devereaux.
Model-Popstar-Albtraum. Optisch eine glatte Zehn, charakterlich eine Eins.
Sie hat den Wahnsinn gesellschaftsfähig gemacht.
Wir waren sechs Monate zusammen. In ihrer Welt ist das quasi eine lebenslange Ehe. Sechs Monate voller Schlagzeilen in der Klatschpresse. Wir haben uns in Hotelfluren angeschrien. Dreimal gab es Vorfälle, die mit Brandstiftung zu tun hatten. Ich übertreibe leider nicht.
Sie hat „FREMDGÄNGER“ in die Haube meines Lambos geritzt, weil ich ein Foto meiner Cousine auf Instagram geliked habe. Sie hat meine PlayStation in den Pool geworfen, weil ich wegen eines Team-Essen eines ihrer Konzerte verpasst habe. Und einmal – ungelogen – hat sie ein Medium engagiert, um unsere Aura zu reinigen. Als ich den Typen rauswarf, wollte sie mir Hausverbot in meiner eigenen Wohnung erteilen.
Ich hätte Schluss machen sollen, als sie das erste Mal mit ernster Miene was von „rückläufigem Merkur“ faselte.
Aber sie war heiß. Wild. Und für einen Moment dachte ich, verrückt zu sein wäre besser als allein zu sein.
Spoiler: Ist es nicht.
Als wir am Ende völlig gegen die Wand gefahren sind, hat sie alles abgefackelt. Sie postete Screenshots unserer Chats mit dramatischer Musik. Sie behauptete, ich sei „emotional missbräuchlich“, nur weil ich einmal Nein gesagt hatte. Sie ging im Hotelbademantel live und heulte, dass ich „Therapie und Jesus“ bräuchte.
Jetzt meldet sie sich jedes Mal zu Wort, wenn mein Name in den Trends auftaucht. Wie bestellt steht ihr verifizierter Kommentar ganz oben im TMZ-Thread:
„Ich hab’s euch ja gesagt. 🧘♀️💅“
Ich pfeffere mein Handy auf den Boden und schleppe mich unter die Dusche. Das Wasser ist kochend heiß. Der Dampf steigt auf, als könnte er die Erinnerung an sie von meiner Haut brennen.
Sollen sie doch alle denken, dass ich das Problem bin.
Soll Lexi ihre traurigen Trennungslieder singen und sich in Talkshows über das „Überleben mit Rylan Maddox“ ausweinen.
Ich weiß genau, wer ich bin.
Dobrik wartet schon auf mich. Er ist unser Headcoach. Ein Typ vom alten Schlag. Es ist ihm egal, wenn ich mich prügle – aber er hasst es, wenn es auf TMZ landet.
„Willst du die gute Nachricht oder die schlechte?“, fragt er. Er hat die Arme verschränkt, als wäre ich dreizehn und beim heimlichen Biertrinken erwischt worden.
„Raus damit.“
„Die gute Nachricht: Nur fünf Spiele Sperre.“
„Und die schlechte?“
Er knallt eine Mappe auf den Schreibtisch. „Die Liga stellt dir jemanden an die Seite. Volles Programm. Image-Rettung. Es geht diese Woche los.“
Ich stöhne auf. „Dein Ernst? Eine Babysitterin?“
„Eine Beraterin für Verhaltens-Image.“
Ich schnaube. „Also eine glorifizierte PR-Polizistin mit einem Stock im Arsch.“
„Sie ist die Beste, die sie haben.“
Ich blättere in der Mappe.
Ava Sinclair.
Harvard. Von der Liga zertifiziert. Spezialisiert auf „risikoreiche Athleten mit Rufschädigung“.
Übersetzung: Sie glaubt, sie kann mich bändigen.
Spoiler-Alarm: Kann sie nicht.
Ich werfe die Mappe zurück auf den Tisch und grinse. „Na gut. Schauen wir mal, was sie draufhat.“
„Rylan“, warnt mich Dobrik und reibt sich übers Gesicht, „ich meine es ernst. Noch ein Fehltritt – nur ein einziger – und sie lassen dich fallen.“
Ich nicke und tue so, als würde es mich kümmern.
Aber eigentlich denke ich nur daran, wie schnell diese Ava einknicken wird. Sie wird merken, dass ich kein kleiner Junge bin, der nur mal einen guten Zuspruch braucht.
Sie bekommt es mit einem verdammten Güterzug auf Schlittschuhen zu tun.
Man sagt, Eishockey rettet Leben.
Aber niemand spricht über die Leben, die es unterwegs zerstört.
Ich bin seit acht Jahren in dieser Liga. Jung gedraftet, zweimal getauscht, öfter bestraft, als ich zählen kann. Ich habe mir in jedem Team von Calgary bis Carolina Feinde gemacht. Ich habe mehr Mitspieler verschlissen als Beziehungen – und glaub mir, diese Liste ist kurz und hässlich.
Früher dachte ich, das Stadion sei der einzige Ort, an dem ich funktioniere.
Aber in letzter Zeit? Da fühlt sich selbst das Eis rutschig an.
Ihr denkt, die Checks sind brutal? Versucht mal, neben einer Frau aufzuwachen, deren Namen ihr nicht wisst. In einem Penthouse, das ihr euch ohne Siegprämie nicht leisten könnt. Und dann habt ihr eine Nachricht vom Berater auf dem Handy, dass die letzte Barrechnung es in die Zeitung geschafft hat.
Versucht mal, zwanzig Riesen an einem Pokertisch in Vegas zu verzocken, nachdem man in Arizona sang- und klanglos verloren hat.
Versucht mal, euer eigenes Gesicht in den TMZ-Nachrichten zu sehen: „Vipers-Schläger oder Sorgenkind der NHL?“
Es war nicht immer so.
Früher bin ich Schlittschuh gelaufen, weil es sich wie Fliegen angefühlt hat. Weil ich gut darin war. Weil Hockey den ganzen Lärm der Welt draußen hielt.
Aber das war vor den Werbeverträgen. Vor den Frauen, die blaue Flecken an den Hüften und Selfies für die Reichweite wollten. Bevor ich für Interviews lächeln und den Teil von mir unterdrücken musste, der immer noch gegen alles kämpfen wollte – besonders gegen die Dinge, die ich nicht mal benennen konnte.
Und jetzt?
Ich weiß nicht, ob ich spiele, um zu gewinnen, oder nur, um überhaupt noch etwas zu spüren.
Die Liga nennt es eine Sperre.
Ich nenne es einen Warnschuss.
Denn die Wahrheit ist: Sie wissen nicht, was sie mit einem Typen wie mir anfangen sollen. Zu wertvoll, um mich rauszuwerfen, zu wild, um mich zu zähmen. Eine wandelnde PR-Katastrophe mit einem Hammer von einem Schuss und Fäusten, die niemals stillstehen.
Und jetzt schicken sie mir Ava Sinclair als Babysitterin?
Soll sie es ruhig versuchen.
Sie soll ruhig sehen, was hinter den Prügeleien, den Geldstrafen und den beschissenen Highlight-Videos steckt.
Soll sie mir ruhig nahe genug kommen, um herauszufinden, was passiert, wenn man den Bären zu lange reizt.
Spoiler-Alarm gefällig?
Ich zerbreche nicht.
Ich explodiere.