Prolog - Der Schatten in der Schule
»Du hast noch zwei Minuten«, flüsterte die Stimme in Xaviers Ohrhörer. ›Ich weiß‹, dachte Xavier und warf einen schnellen Blick über den Flur. Dunkel. Still. Nur das flackernde Notlicht über der Tür zum Lehrerzimmer warf zuckende Schatten auf die Wände. Das Schulgebäude wirkte wie ausgestorben. Kein Laut, kein Schritt, kein Atemzug – nur das nervöse Klopfen seines eigenen Herzens. Er trat an die Tür. Sie war nur angelehnt. Genau wie geplant. Er drückte sie langsam auf, Zentimeter für Zentimeter, bis er in das Büro trat, das bei Tag wie ein ganz normaler Verwaltungsraum wirkte – und bei Nacht wie der Kontrollraum einer anderen Welt. »Du hast drei Minuten. Danach gehen die Kameras wieder an«, sagte die Stimme erneut. Es war Mo. Verlässlich wie immer. Vom Keller aus hatte er sich ins Schulnetzwerk gehackt und die Überwachungsschleifen manipuliert. Eine Lücke, die exakt 180 Sekunden dauerte. Xavier ging zielstrebig zum Schreibtisch. Frau Nowak, die Schulpsychologin, hatte heute ihren Laptop angelassen. Kein Passwort. Kein Bildschirmschoner. Offen wie eine Einladung. Er steckte den USB-Stick ein. Die Dateien begannen zu kopieren. »Irgendetwas stimmt hier nicht«, meldete sich Mo plötzlich. »Ich sehe Bewegung auf Kamera 6.« ›Welche Ecke?‹
»Treppenhaus West.« Xaviers Augen weiteten sich. Das war direkt vor dem Lehrerzimmer. Er war nicht allein. Er ließ den Stick weiterlaufen, zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht und huschte hinter einen Aktenschrank. Sekunden vergingen wie Stunden. Schritte näherten sich. Leise. Vorsichtig. Dann – absolute Stille. Der Bildschirm des Laptops leuchtete noch immer. 87 Prozent. Dann ein Geräusch. Metall auf Metall. Als würde jemand einen Schlüssel drehen. Nein – mehrere. Ein Schlüsselkasten wurde geöffnet. Kein Lehrer hätte zu dieser Stunde hier sein dürfen. Wer war das? Xavier hielt den Atem an. Hinter dem Schrank konnte er nichts sehen. Aber er hörte ein leichtes Summen. Ein Gerät. Ein Funkgerät? »Code Alpha abgeschlossen. Zugriff erfolgreich«, sagte eine dunkle Stimme – leise, aber klar. Nicht aus einem Funkgerät, sondern aus dem Raum. Direkt vor ihm.
Xaviers Herz raste. »Dateien werden morgen übertragen. Projekt X beginnt um null Uhr dreißig.« Die Schritte entfernten sich. Erst langsam, dann schneller. Xavier sprang auf, riss den Stick aus dem Laptop, schloss alles, löschte die Spuren, rannte hinaus – und schlitterte beinahe in den Flur, als er die Ecke nahm. Er stürmte durchs Treppenhaus. Die Dunkelheit schien plötzlich lebendig zu werden. Jede Tür, jeder Schatten – eine potenzielle Falle. Als er endlich das Gebäude verließ und die kalte Nachtluft einatmete, war ihm klar: Das hier war kein Spiel mehr. Kein Schultrick. Kein alberner Scherz. Etwas stimmte nicht in dieser Schule. Und er würde es herausfinden.
Was Xavier noch nicht wusste: Er war nicht der Einzige auf dieser Spur. Und hinter dem Namen ›Code X‹ verbarg sich etwas, das viel größer war als alles, was sie sich hätten vorstellen können.