Prolog
Prolog

08. August 8088
Die Starflower bebte heftig, als sie durch die Atmosphäre von Aetheris Prime raste. Die Hülle ächzte wie ein verwundetes Tier. Alarme schrillten los, während das Licht im Inneren flackerte und schließlich ganz erlosch. Einen Herzschlag später sprang das Notfallsystem an. Es tauchte die Kabine in ein blutrotes Licht, das jedes verängstigte Gesicht in Schatten und Purpur hüllte.
Lyra zuckte nicht einmal. Sie starrte einfach nur still vor sich hin, während Funken über die Konsole sprühten. Der metallische Geschmack von Kupfer breitete sich auf ihrer Zunge aus. Sie hatte sich wieder auf die Lippe gebissen. Eine nervöse Angewohnheit, von der sie dachte, sie hätte sie längst abgelegt. Offensichtlich war dem nicht so.
Das war’s jetzt, dachte sie. Ihre Finger zitterten, als sie ihre Brille auf der Stupsnase hochschob. Ihre Beine wippten unkontrolliert. Die Vibrationen der ausfallenden Triebwerke summten durch den Boden bis in ihre Knochen. Das hier sollte eigentlich ein Abenteuer sein. Eine kurze, wilde Flucht aus dem Alltag. Aber das hier? Das war kein normaler Mädels-Trip.
„Na toll, das ist ja mal so richtig fucking fantastisch“, schimpfte Sloane. Ihre Stimme schnitt wie eine Klinge durch das Chaos. Sie schlug nach ihrer wilden blonden Lockenmähne. Einzelne Strähnen klebten an ihrem Lipgloss fest. „Hat irgendwer einen Plan B?“
Kaia lachte spöttisch auf. „Was denn, die Pille danach? Süße, für diese Art von Schadensbegrenzung ist es längst zu spät.“
Auf der anderen Seite des Ganges klammerte sich Chloe an die Armlehne. Ihre Knöchel waren ganz weiß. Doch ihre Augen, ein tiefes und ruhiges Braun, blieben geschlossen. Nicht aus Verleugnung, sondern aus Disziplin. Sie atmete langsam ein und zwang ihr Herz, zur Ruhe zu kommen. Als sie die Augen öffnete, sah sie Elodie neben sich. Elodie war blass und zitterte. Ihre sonst so perfekte Fassung bekam deutliche Risse.
Chloe streckte die Hand aus und verschränkte ihre Finger mit denen von Elodie. Das gab beiden Halt. „Alles wird gut werden.“
Elodie nickte, aber ihr Kiefer bebte. „Ich hoffe, du hast recht.“
Kaia murmelte vor sich hin. Ihre vielen Festivalbändchen klirrten bei jeder hektischen Bewegung. Die Tattoos auf ihren Armen wirkten in dem Licht wie wandernde Schatten.
„Komm schon, komm schon, komm schon“, beschwor Kaia leise das Schiff. Ihre Augen zuckten immer wieder zum Fenster.
Draußen verschwamm die Welt. Ein Rausch aus Farben und Wildnis raste auf sie zu. Viel zu schnell. Das Schiff bockte heftig und das Metall kreischte, als der Boden absackte. Sie stürzten ab.
Lyra machte sich bereit und presste ihre Finger auf die Armlehnen. Ihr Herz donnerte gegen ihre Rippen. Strähnen ihrer schulterlangen, rehbraunen Wellen hoben sich mit jedem schweren Atemzug und wirbelten um ihr Gesicht. Das rote Licht pulsierte immer heller, bis es das Einzige war, was sie noch sahen. Es floss über ihre Haut und ließ sie alle wie Geister aussehen.
Und dann — der Aufprall.
Die Starflower schlug mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen auf dem Boden auf. Die Welt schien zu zerbrechen. Metall schrie auf. Die Körper wurden in ihren Gurten nach vorne geschleudert, während das Schiff über die dichten, üppigen Ebenen von Aetheris Prime rutschte. Staub trübte die Fenster. Funken regneten von der Decke. Die Welt hörte auf, sich zu drehen. Stille kehrte ein.
Einen langen, fassungslosen Herzschlag lang rührte sich niemand. Das einzige Geräusch war das sterbende Summen der Schiffssysteme.
Lyras Hände bewegten sich als Erstes. Sie griff bereits nach ihrem Gurt, ihr Körper funktionierte rein instinktiv. „Alle okay?“, fragte sie. Ihre Stimme klang ruhig und kontrolliert. Fast schon zu kontrolliert.
„Ich atme noch“, brummte Sloane und löste ihre Schnalle mit einem geübten Griff. „Verschwinden wir verdammt noch mal von hier.“
Chloe und Elodie hielten sich immer noch an den Händen. „Uns geht’s gut“, sagte Chloe leise. Man hörte Erleichterung und Ungläubigkeit in ihrer Stimme.
Kaia nickte kurz und stand bereits auf. „Gehen wir.“
Doch bevor sie die Luke erreichen konnte, streckte Chloe die Hand aus. „Wartet. Wir wissen gar nicht, ob wir da draußen überhaupt atmen können.“
Lyra trat zum Fenster. Sie wischte mit ihrem Ärmel über das verstaubte Glas. Ihre sanften, geschwungenen Brauen zogen sich zusammen, während sie das Gelände studierte. Die Unschuld in ihrem Blick war einer scharfen Konzentration gewichen.
„Das sieht aus wie die Ebenen bei den Koordinaten, die wir vor dem Triebwerksausfall berechnet haben. Wir müssten nah an der Hauptlandezone sein.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Aetheris Prime hat eine atembare Atmosphäre.“
„Nicht mehr lange“, murmelte Sloane. Sie hustete in ihren Ärmel, während Elodie eine pinke Flasche herausholte und sich großzügig einsprühte.
„Wenn ich sterbe, dann wenigstens fabelhaft“, schnaufte Elodie. Sie warf die Flasche zurück in ihre Tasche. „Und wenn nicht, dann suche ich mir einen heißen aetherianischen Gefährten. Ich sterbe garantiert nicht als Single.“
Chloe stand abrupt auf. „Wisst ihr was? Scheiß drauf, ja!“, sagte sie und riss das Spray direkt wieder aus Elodies Tasche.
Kaia verschluckte sich und fuchtelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, als würde sie Bienen verscheuchen. „Klar. Denn nichts überdeckt den Gestank des Untergangs so gut wie künstliche Beeren und Verdrängung.“
Sloane stöhnte und rieb sich die Augen. „Großartig. Jetzt sind wir auf einem fremden Planeten abgestürzt, schieben Panik UND sind leicht entflammbar. Genau mein Ding.“
Lyra lächelte ein klein wenig. Die kleine Lücke zwischen ihren Vorderzähnen blitzte kurz auf. Das war ein rauer Kontrast zu ihren vollen, weichen Lippen. Ein Glück gab es Elodie. Sie schaffte es immer, die Spannung zu lockern, ohne es überhaupt zu versuchen.
Sie waren ein Wrack. Mitgenommen, voller blauer Flecken und mit rasendem Herzen, aber sie lebten.

Lyra war schon immer der Kopf der Gruppe gewesen. Sie bewegte sich wie ein stiller Sturm durch die Welt: wachsam, nachdenklich und unendlich neugierig. Sie sprach nicht oft, aber wenn sie es tat, trafen ihre Worte den Nagel auf den Kopf. Sie fühlte mehr, als sie nach außen hin zeigte, und trug alles schweigend mit sich herum. Diese Reise war ihre Idee gewesen. Eine spontane Flucht. Eine Pause vom eintönigen Leben auf der Erde, das sich allmählich wie ein Käfig angefühlt hatte.
Im Jahr 8088 waren Raumschiffe so alltäglich wie Autos. Die Menschen dachten sich nichts dabei, in einen Cruiser zu steigen und das Wochenende auf einem fernen Mond zu verbringen. Man entspannte an Stränden mit Neon-Sand. Urlaub im All war völlig normal. Es war ein Weg, dem Alltag zu entfliehen und mit einer Bräune zurückzukommen, die auf der Erde niemand toppen konnte. Aber genau wie Autos hatten auch Raumschiffe ihre Tücken. Sie gingen kaputt. Manchmal ganz leise, manchmal spektakulär. Und wenn das mitten im Flug passierte, wurde aus einem Mädels-Trip schnell etwas ganz anderes.

Kaia hatte als Erste zugesagt. Ihre Reiselust war einfach größer als ihr Verstand. In Kaia brannte eine wilde Energie aus rücksichtslosem Vergnügen und heftigen Gefühlen. Sie war die Reisende, die Abenteurerin, die immer auf der Suche nach neuen Erlebnissen war. Ihre Kindheit hatte sie damit verbracht, von Ort zu Ort zu ziehen. So lernte sie früh, loszurennen, bevor sie irgendwo Wurzeln schlagen konnte. Als Erwachsene wirkte sie, als wäre sie für die Bewegung geboren. Sie jagte dem Nervenkitzel und der Veränderung hinterher. Doch manchmal, in den stillen Momenten dazwischen, regte sich etwas Tiefes in ihr. Eine Sehnsucht, die sie nicht benennen konnte. Nach einem Ort, den sie noch nicht gefunden hatte.

Sloane hatte aus einer Laune heraus zugestimmt. Ihr Herz war gerade erst gebrochen worden und sie brauchte dringend Ablenkung. Sloane war die Rebellin der Gruppe. Sarkastisch, furchtlos und stur, aber loyal. Hinter ihrem scharfen Witz versteckte sie ihre sanfte Seite. Sie war niemand, der anderen folgte. Sie stürmte lieber voran, auch wenn sie dabei alle anderen mit ins Chaos riss.

Elodie war schnell gefolgt, bewaffnet mit glitzerndem Bodyspray und völlig unrealistischen Erwartungen. Elodie war wie ein kleiner Sonnenschein. Süß, stylish und viel schlauer, als man ihr zutraute. Mit ihrem sanften Lächeln und ihrem polierten Charme brachte sie Licht in jeden Raum. Dabei war sie oft diejenige, die im Stillen alles zusammenhielt.

Und dann war da Chloe… die liebe, vorsichtige Chloe. Sie hatte nur Ja gesagt, weil sie nicht allein zurückbleiben wollte. Lyra konnte die Reue jetzt in ihren Augen sehen. Chloe war die Ruhige, die Unkomplizierte — bis man genauer hinsah. Sie kümmerte sich mit einer stillen Sicherheit um andere. Sie war nie aufdringlich, hatte aber immer alles im Griff. Es war, als wüsste sie genau, was die Leute brauchten, noch bevor sie es selbst wussten. Oberflächlich wirkte sie unterwürfig und schüchtern. Aber Chloe war wie ein Eisberg: oben ganz ruhig und elegant, doch darunter verbarg sich eine unergründliche Tiefe. Eine Tiefe, die manche Menschen verunsicherte, auch wenn sie nicht genau sagen konnten, warum.
Die Luke ächzte, als sie sich löste. Die schwere Metalltür schwang auf und gab den Blick auf eine Welt frei, die wie ein Traum wirkte. Vor ihnen erstreckten sich weite Felder, bedeckt mit einer leuchtenden Pflanzenwelt. Seltsame, glühwürmchenartige Kugeln schwebten träge durch die Luft. Der Duft exotischer Blüten umhüllte sie.
Sie traten hinaus ins Unbekannte. Fünf menschliche Frauen blickten in das Herz eines Planeten, der sie für immer verändern würde. Sie wussten es nur noch nicht.