Kapitel 1
Liras Perspektive
Ich erinnere mich nicht an das erste Mal, als sie mich betäubt haben.
Nur daran, wie ich kalt aufwachte. Auf Stein. Die Haut brannte, der Hals war trocken, der Kopf hämmerte, als hätte ich geschrien. Vielleicht hatte ich das. Ich erinnere mich an den Geruch – billiges Alphaparfüm und etwas Saures darunter. Wie Angst und Pisse und Blut. Wie Lügen.
Sie nannten mich „Asset“. Als wäre ich Inventar. Ein Ding.
Das Trinity Rudel lächelte für die Außenwelt, tat so, als würden sie die alten Gesetze ehren. Doch hinter verschlossenen Türen wurden Omegas wie ich verkauft. Leise. Sauber. Mit Maulkörben.
Manche von uns bekamen nicht mal Namen. Nur Nummern, in Halsbänder gebrannt.
Meine war Drei-Sieben.
Nicht Lira.
Lira gab es nicht mehr. Sie war zu weich, zu ängstlich. Ich musste sie töten, um zu überleben. Ich blieb still. Tat, was man mir sagte. Ließ sie denken, ich wäre gebrochen.
Bis ich es nicht mehr war.
Letzten Monat vergaß einer der Aufseher meine Unterdrückerspritze. Wahrscheinlich betrunken. Meine Hitze traf mich wie ein Güterzug – echt, chaotisch und laut. Jeder Alpha da unten roch es.
Sie wollten alle ein Stück von mir.
Das war der Moment. Der Umschwung. Ich wusste, wenn ich nicht verschwand, würde ich nicht lebend rauskommen. Nicht heil, jedenfalls.
Also begann ich zu beobachten. Zuzuhören. Zu warten.
Ich fand heraus, welche Wachen nachlässig wurden. Welche heimlich tranken. Ich zählte Schritte. Türen. Schlösser. Wartete auf den richtigen Augenblick.
Und heute Nacht war es soweit.
Ein Sturm zog auf. Das Licht flackerte. Und ich handelte.
Barfuß. Kalter Boden. Klinge unter meinem Umhang – gestohlen, wie alles andere.
Ich schnitt meinem Aufseher die Kehle durch, bevor er sich verwandeln konnte.
Ich zögerte nicht. Dachte nicht nach.
Ich war nicht mutig. Ich hatte einfach genug.
Genug davon, ein Ding zu sein. Genug davon, still zu sein. Genug davon, Stück für Stück zu verschwinden.
Ich rannte.
Durch die Lücke in der Ostmauer – die, die sie nie repariert hatten. „Kein Omega würde es je wagen“, sagten sie immer.
Ich tat es.
Blut an den Händen. Feuer hinter mir. Wald vor mir. Nichts als Dunkelheit, Kälte und das Geräusch meines eigenen Atems.
Ich blieb nicht stehen.
Denn selbst wenn ich hier draußen starb, wäre es mein Tod. Nicht ihrer.
Und dann – ich hörte es.
Ein Heulen.
Tief. Lang. Zu nah.
Ein anderes antwortete.
Sie waren mir auf der Spur.
Und nach dem Klang zu urteilen, hatte ich nicht mehr viel Zeit.
Ich blickte nicht zurück, während ich noch schneller lief.
Wenn ich zurückblickte, würde ich langsamer werden. Wenn ich langsamer wurde, würden sie mich erwischen.
Also rannte ich noch schneller.
Äste rissen an meinen Armen. Der Schlamm saugte an meinen Füßen. Meine Lungen brannten. Mein Hals war wund vom zu langen, zu harten Atmen.
Noch ein Heulen. Noch näher.
Sie verfolgten mich. Schnell. Klug. Zielstrebig.
Ich trieb mich noch mehr an. Es war egal, wie sehr es wehtat – ich würde nicht zurückgehen.
Dann sah ich es. Einen Bach, breit und reißend.
Ich sprang hinein, ohne nachzudenken.
Das Wasser war eiskalt. Es traf meine Haut und raubte mir den Atem. Fast wäre ich untergegangen, aber ich bewegte mich weiter. Ein Schritt. Dann noch einer. Ich rutschte aus, schlug gegen einen Stein, biss mir auf die Zunge.
Ich blieb nicht stehen.
Ich zog mich am anderen Ufer hoch, durchnässt und zitternd. Die Kleidung schwer. Die Haare klebten im Gesicht. Alles tat weh.
Doch ich hörte sie nicht mehr.
Kein Heulen. Keine Schritte.
Hatte ich sie abgehängt?
Ich wartete nicht ab, um es herauszufinden.
Ich rannte.