EINS
Vielen Dank fürs Reinschauen!
Ich wollte kurz auf einige Themen in dieser Geschichte hinweisen, die für manche Leser belastend oder unangenehm sein könnten. Die Erzählung thematisiert den Tod eines Elternteils sowie den Tod eines Ehepartners und enthält Erwähnungen von Suizid. Es wird jeweils nur kurz angesprochen und geht nicht zu sehr ins Detail, aber ich wollte vorab warnen.
Wenn dich das abschreckt, dann klick am besten jetzt weg.
Ansonsten viel Spaß mit der Geschichte von Lena und Aden!
POV: ADEN
Ich klopfe kurz und fest gegen die Tür, während mein Blick über den verwilderten Rasen wandert. Eine Augenbraue wandert nach oben, als ich einen Gartenzwerg entdecke. Er trägt einen Sonnenhut, einen rosa Schwimmreifen um den Bauch und hält eine Margarita mit einem kleinen Schirmchen fest. Ich schaue wieder zur Tür. Meine Geduld ist am Ende, und mir rinnt der Schweiß den Rücken runter.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hämmere ich erneut gegen das Holz, diesmal mit ordentlich Wut im Bauch.
Endlich öffnet sich die Tür einen Spalt breit. Eine scharfe Frauenstimme fährt mich an: „Um Himmels Willen! Ich komme gerade erst aus der Dusche. Gib mir verdammt noch mal eine Sekunde!“
Die Tür knallt so heftig zu, dass das Schild darauf – „Nicht klopfen, außer Sie haben einen Durchsuchungsbeschluss“ – schief hängt. Ich starre die Tür an und runzle verwirrt die Stirn.
Ein paar Minuten später schwingt sie wieder auf. Zum Vorschein kommt eine zierliche Brünette mit olivfarbener Haut und Sommersprossen auf Nase und Wangen. Ihre grünen Augen funkeln mich genervt an. Sie ist nicht das, was ich hier erwartet hatte. Da nur ihr Auto draußen stand, hatte ich keine Ahnung, wer nebenan eingezogen war.
Das Wasser tropft aus ihren nassen Haaren und bildet eine Pfütze zu ihren Füßen. Sie trägt ein riesiges T-Shirt einer 80er-Jahre-Metal-Band, das fast bis zu den Knien reicht und alles darunter verbirgt.
„Was willst du?“, fragt sie sichtlich gereizt. Die Frage, ob sie unter dem Shirt Shorts, einen Slip oder gar nichts trägt, lenkt mich fast von meinem eigentlichen Grund ab.
„Dein Auto.“ Ich räuspere mich und deute mit dem Daumen auf ihre alte Rostlaube. Die Kiste hat einen Ersatzreifen drauf und so viel Rost, dass man die ursprüngliche Farbe nur raten kann. „Es versperrt meine Einfahrt.“
Sie lehnt sich vorsichtig hinaus, Skepsis im Gesicht. Ein intensiver Duft nach Vanille schlägt mir entgegen, sodass ich unwillkürlich einen Schritt zurücktrete.
„Wo zur Hölle soll denn hier eine Einfahrt – oh.“ Sie bricht mitten im Satz ab. Ihr Gesicht verfinstert sich, als sie die Reifenspuren im Gras neben meinem Haus bemerkt, wo ich normalerweise parke. Mein Truck läuft noch auf der Straße, aber das ist egal; hier draußen kommt kaum jemand vorbei. Auf dem Rücksitz sehe ich meinen Sohn in seinem Kindersitz, der uns mit großen Augen beobachtet.
„Ich hol meine Schlüssel“, brummt sie und dreht sich um. Neugierig werfe ich einen Blick in ihr Haus. Es ist zwar ordentlich, aber der Dielenboden ist zerkratzt und es fehlen Bretter. Die Treppe sieht aus, als würde sie beim nächsten Schritt zusammenbrechen. Die Wände verraten, dass die Vorbesitzer jahrelang drinnen geraucht haben.
Sie muss erst vor ein paar Wochen eingezogen sein. Tagsüber habe ich sie nie gesehen, aber nachts habe ich ihr Auto gehört – die Bremsbeläge haben ihre besten Zeiten definitiv hinter sich. Wegen der Deko im Garten und dem Schild an der Tür hatte ich mit einem verbitterten alten Knacker oder einem Teenager gerechnet. Nicht mit einer Frau Ende zwanzig, die aussieht, als käme sie gerade aus der Großstadt.
Die Brünette mit dem trotzig erhobenen Kinn taucht wieder auf, die Schlüssel in der Hand, und drängelt sich an mir vorbei. Während sie zu ihrem rostigen Gefährt läuft, schmiegt sich das T-Shirt an ihre Kurven. Ich muss mich zwingen, wegzusehen, um mich nicht wie ein Spanner zu fühlen. Sie steigt ein, und ich zucke zusammen, als der Motor stotternd anspringt. Beim Zurücksetzen bemerke ich, dass ein Rücklicht kaputt ist.
Jesus.
Wer ist das Mädel, und wo kommt sie her?
Sie scheint ihr Leben noch nicht ganz im Griff zu haben. Ich erinnere mich an diese Zeit – auch wenn sie weit weg scheint. Man trifft leichtsinnige Entscheidungen, schert sich einen Dreck um den Zustand des Autos, solange es von A nach B fährt, und ist ständig auf Krawall gebürstet.
Davon hat sie definitiv genug. Damit könnte sie eine ganze Cheerleader-Truppe versorgen.
Als die Einfahrt frei ist, springt sie aus dem Wagen und steuert wieder auf ihr Haus zu. Ich stehe immer noch wie angewurzelt auf der Veranda.
„Danke“, knurre ich und sehe auf sie herab. Sie wird langsamer und mustert mich neugierig. Ihr Blick wandert von meinen Stiefeln über meine ölverschmierte Jeans und das dreckige Mechanikerhemd hoch zu meinem Gesicht. Einen Moment denke ich, sie will etwas sagen, aber dann huscht sie wieder an mir vorbei. Dabei achtet sie penibel darauf, mich nicht zu berühren, als hätte ich die Pest.
Ich versuche es mit ein bisschen Smalltalk. „Wie heißt du eigentlich? Ich hab dich noch nicht oft geseh–“
Wumm!
Die Tür knallt vor meiner Nase zu. Das Gespräch ist wohl beendet. Ich starre fassungslos auf das Holz.
„Dann geh ich mich halt selbst ficken“, murmle ich vor mich hin. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der sich mit Nachbarn anfreundet – ich hatte ja auch jahrelang keine. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht. Aber es wäre schon gut, ihren Namen zu kennen, falls ich mal ihre Post oder ein Paket für sie annehme.
Ich drehe mich um und steige die knarrenden Stufen der Veranda hinunter. Fast wäre ich durchgebrochen. Ich bin kein Leichtgewicht, bei einsfünfundneunzig und über hundert Kilo, aber normalerweise muss ich bei Treppen nicht um meine Knöchel bangen.
Ihr Grundstück ist seit Jahren verwahrlost und ein echter Schandfleck. Früher habe ich den Rasen einfach mitgemäht, aber jetzt, wo sie da ist, fühlt sich das wie ein Eingriff in die Privatsphäre an. Vielleicht mähe ich später trotzdem drüber, wenn die Sonne tief steht. Wer weiß, vielleicht freut sie sich über die nette Geste. Macht man das nicht so unter Nachbarn?
Ich gehe zum Truck und steige ein. Im Rückspiegel sehe ich die strahlend blauen Augen meines Sohnes.
„Ist das unsere neue Nachbarin?“, fragt Kellin mit seiner feinen Stimme. Ich nicke.
„Wie heißt sie denn?“
„Wahrscheinlich ‚Griesgram‘, so wie sie drauf ist“, sage ich und zwinkere ihm im Spiegel zu. Er kichert. Ich lege den Gang ein und fahre in meine provisorische Einfahrt aus plattgefahrenem, totem Gras.
Das Betonieren muss warten, bis die Werkstatt von meinem Bruder und mir besser läuft. Die Sorgen um den Laden nagen an mir. Ich hoffe immer noch, dass das Geld aus der Lebensversicherung nicht verschwendet war, als ich die alte Werkstatt kaufte. Mein Bruder hat einen Abschluss in BWL und soll helfen, den Laden zum Erfolg zu führen. Jeden Tag fühlt sich der Traum ein Stück unerreichbarer an, aber ich habe zu viel investiert, um jetzt aufzugeben.
Ich springe aus dem Truck, knalle die Tür zu und helfe Kellin beim Aussteigen. Ich wollte schon längst eine Trittstufe anbringen. Er ist jedes Mal zu feige zum Springen, weil er Angst hat, sich wehzutun, auch wenn er jede Woche einen Zentimeter wächst.
Er schlingt die Arme um meinen Nacken, während ich ihn absetze. In der Hand hält er seinen kleinen Saftbecher von dem Fast-Food-Laden, bei dem wir auf dem Heimweg gehalten haben.
„Ich hab dieses Wochenende keine Hausaufgaben, nur damit du Bescheid weißt“, verkündet er grinsend. Er stürmt die Stufen hoch, seine langen blonden Locken fliegen ihm um die Schultern. Meine Mutter schimpft immer, dass ich sie schneiden lassen soll, aber er erinnert mich so sehr an seine Mutter – meine verstorbene Frau.
„Gut, dann kannst du mir mehr im Haushalt helfen.“ Er antwortet mit einem theatralischen Stöhnen. Ich muss lächeln, als er die Tür aufdrückt. Er lässt seinen Rucksack, der fast so groß ist wie er selbst, im Flur fallen und rennt in die Küche. Zeit für seinen Lieblingssnack: Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich. Ich hänge meinen Hut an den Haken und räume seinen Rucksack weg. Nach dem Tag habe ich keine Lust, ihm zum tausendsten Mal eine Standpauke zu halten.
Ich rufe ihm hinterher: „Ich gehe gleich mähen, also fang schon mal an, dein Zimmer aufzuräumen.“
„Kann ich das nicht später machen?“ Er linst um die Ecke, Marmelade verschmiert um den Mund und mit einem dicken Schmollmund.
„Jetzt ist mir lieber. Iss fertig und dann räum die Legos weg.“
Er stöhnt wieder. Ich ignoriere ihn und gehe hoch in mein Zimmer. Ich ziehe mich aus, werfe die Sachen in die Wäsche und suche mir ein altes Shirt und Shorts raus. Dazu kommen Socken, die eigentlich in den Müll gehören, und meine alten Rasenmäh-Schuhe. Dann geht es wieder nach unten.
Im Flur höre ich das vertraute Scheppern von Legosteinen, die in eine Kiste fliegen. Ich muss schmunzeln. Er hat hunderte davon, und so wie ich ihn kenne, liegen sie im ganzen Zimmer verteilt. Er wird mindestens eine Stunde beschäftigt sein, besonders wenn er zwischendurch anfängt, doch wieder einen Bahnhof zu bauen.
In der Garage drücke ich auf den Knopf für das Tor. Als der Stahl hochfährt, ducke ich mich drunter durch. Draußen sinkt die Sonne langsam zum Horizont. Eigentlich sollte ich noch warten, aber nach einer Woche in der stickigen Werkstatt brauche ich Sonne, bevor der Regen kommt.
Der Mai war dieses Jahr extrem heiß, und alle im Ort genießen es. Überall sind Leute unterwegs und suchen nach Beschäftigung in diesem Nest, das kaum etwas zu bieten hat.
Ich hab sogar einen Campingtripp mit Kellin zu den Cedar Falls geplant. In zwei Wochen soll es losgehen, die Hitze wird wohl noch anhalten.
Ich schnappe mir einen Lappen von der Werkbank für den Schweiß und schiebe den Mäher aufs Gras. Nach ein paar kräftigen Zügen am Seilzug springt das Teil an. Ich finde schnell meinen Rhythmus und ziehe saubere Bahnen um die Bäume und Kanten. Als mein Rasen fertig ist, schaue ich rüber zum Nachbarhaus. Ich fange bei ihr an und umrunde den Gartenzwerg. Der Anblick des hohen Grases um die Figur macht mich fast wahnsinnig. Ich zögere kurz – soll ich ihr Grundstück betreten? Ach was, ich mähe eh schon, was soll’s.
Ich bücke mich nach dem Zwerg, als plötzlich eine Stimme den Lärm des Mähers durchdringt.
„Hey! Hallo, Sie da!“
Ich richte mich auf und blinzle gegen die Sonne. Sie steht auf ihrer Veranda, die Wangen rot angelaufen und die Hände in die Hüften gestemmt. Sie ist nicht mehr nass und trägt jetzt eine enge schwarze Yogahose und ein knallpinkes Sport-Bustier. Ihre braunen Locken fallen ihr über die Schultern, der Pony rahmt ihr hübsches Gesicht ein. Der Stoff ihres Oberteils spannt über ihrer Brust. Ich schlucke hart, schalte den Mäher aus, nehme den Hut ab und wische mir den Schweiß von der Stirn.
„Ja?“, bringe ich nach einer kurzen Pause heraus.
„Was glauben Sie eigentlich, was Sie da machen?“ Sie stampft die Stufen runter. Bei jedem Schritt wippen ihre… Vorzüge. Ich zwinge mich, wegzusehen. Sie könnte meine Tochter sein, verdammt noch mal.
„Nur ein bisschen Nachbarschaftshilfe. Ist das neu für dich?“, gebe ich betont locker zurück. Sie sieht eigentlich ziemlich süß aus, wenn sie so gereizt ist, mit dem vorgestreckten Kinn und den geschmolltem Lippen. „Du scheinst dich mit nachbarschaftlicher Höflichkeit nicht auszukennen. Mein Rasen war fällig, und deiner hat es auch nötig.“
„Stellen Sie ihn wieder zurück.“ Sie zeigt auf den Zwerg, der immer noch selig in den Himmel grinst.
Okay, ihre Sachen anzufassen ist also tabu. Verstanden. Ich schaue missbilligend auf den Zwerg. „Mach ich, wenn ich fertig bin. Ich lasse keine Grasbüschel stehen – sowas lässt mich nachts nicht schlafen.“
Sie starrt mich an, ihre grünen Augen sprühen Funken.
Warum regt sie sich so auf?
Und viel wichtiger: Warum gefällt mir der Anblick so verdammt gut?
„Glauben Sie etwa, ich kann meinen Rasen nicht selbst mähen?“ Sie stupst mir mit dem Finger gegen die Brust. Ich schaue auf den Finger, grinse kurz und sehe ihr dann wieder in die Augen.
„Hab ich nie behauptet. Ich dachte nur, du hast vielleicht keinen Mäher oder so.“ Ich zucke mit den Schultern, als wäre es keine große Sache.
„Habe ich auch nicht“, gibt sie zu. Ihr Blick gleitet an mir herunter zu meiner Brust, die sich vom Arbeiten in der Hitze schwer hebt. Ihre Nasenflügel beben leicht. Ich ziehe eine Braue hoch und beobachte, wie ihr Blick über meine Schultern und Arme wandert.
„Papa!“, brüllt Kellin aus dem Wohnzimmerfenster und reißt uns aus dem Moment.
Meine griesgrämige Nachbarin blickt verwirrt zwischen uns hin und her, bevor sie mich wieder ansieht.
„Was ist?“, rufe ich zurück, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
„Klo ist verstopft!“
Ich höre ein unterdrücktes Lachen in ihrer Kehle. Mein Gesicht wird heiß. Ich schließe kurz die Augen und hoffe, dass der Boden sich öffnet und mich verschlingt.
„Ich verspreche, das ist das letzte Mal, okay? Lass mich das nur fertig machen, damit ich heute Nacht Ruhe habe.“
„Was, ein halb gemähter Rasen verfolgt Sie bis in den Schlaf?“
„Mehr als du ahnst.“ Ich lache kurz auf und nutze die Gelegenheit, ihr die Hand hinzuhalten. „Ich bin Aden.“
Sie starrt meine Hand einen Moment lang an. Sie wirkt misstrauisch und beißt sich auf die Unterlippe.
„Helena“, sagt sie schließlich und schlägt ein. Ihre Haut ist wahnsinnig weich, auch wenn ich kleine Schwielen an ihrer Handfläche spüre. Es fühlt sich fast wie ein Verbrechen an, sie mit meiner rauen Hand zu berühren. „Aber alle nennen mich Lena.“
„Lena“, wiederhole ich und nicke. „Schön, dich kennenzulernen. Also so richtig offiziell.“ Ich schmunzle bei dem Gedanken daran, wie sie mir vorhin die Tür vor der Nase zugeknallt hat.
Sie nickt kurz, schaut dann aber überall hin, nur nicht zu mir. „Ich glaube, dein Sohn braucht dich dringend.“
Stimmt – fast vergessen.
Es ist verdammt leicht, alles um sich herum zu vergessen, wenn das Sonnenlicht in ihren smaragdgrünen Augen funkelt.
„Ich bring das hier schnell zu Ende, dann bin ich weg. Du kannst dir meinen Mäher jederzeit ausleihen, wenn du es selbst machen willst.“
„Nein, schon gut. Du siehst aus – ich meine, d-du machst das sicher besser.“ Sie wird rot und verheddert sich in ihren Worten. Ich unterdrücke ein Lachen und huste stattdessen. Dann fängt sie an, sich fast schon zu rechtfertigen: „Ich hab noch nie in meinem Leben Rasen gemäht. Ich wüsste gar nicht, wie man so ein Ding überhaupt anmacht.“ Sie presst die Lippen zusammen und dreht nervös an ihrem Ring. „Du kannst das von mir aus ab jetzt immer machen. Danke.“ Sie sieht mich nicht an, und ich nicke einfach.
„Geht klar, Helena.“ Bei ihrem vollen Namen schaut sie mich plötzlich mit einem Blick an, als hätte ich sie geschlagen. Ich nehme das Kinn runter, trete den Rückzug an und gehe zum Haus. Einmal drehe ich mich noch um. Sie beobachtet mich. Eine Schweißperle läuft ihr zwischen die Brüste – ein Ort, den ich, Moral hin oder her, nur zu gerne erkunden würde.