Der Blutfluch - die Tochter der Bratwa

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Zusammenfassung

Ich war nie Teil dieser Welt – bis das Flüstern in meinem Blut erwachte. Seit meiner Geburt trage ich ein dunkles Erbe in mir, ohne zu wissen, was es bedeutet. Als meine Magie zum ersten Mal außer Kontrolle gerät, gerate ich ins Visier zweier verfeindeter Bruderschaften: der Bratwa, kalt und tödlich – und der Krovniki, die jede Mischblutin wie mich jagen. Und dann ist da Zoran. Stark. Unnahbar. Mein Beschützer… oder mein Untergang? Während dunkle Mächte mich jagen und ein uralter Fluch mein Blut zum Kochen bringt, muss ich entscheiden, wem ich vertrauen kann – und wer ich wirklich bin. Denn meine Herkunft ist nicht nur der Schlüssel zur Wahrheit. Sie ist eine Waffe.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
4
Rating
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Altersfreigabe
13+

Kapitel 1 Das Flüstern im Moor

Prolog

Der Regen fiel in kalten, stechenden Böen vom Nachthimmel, wusch die Spuren des Kampfes fort und machte das Pflaster unter ihren Füßen tückisch glatt. Ihr Atem ging stoßweise, heiß und sichtbar in der Dunkelheit. Jeder Schritt brannte in ihren Muskeln, jede Bewegung erinnerte sie daran, wie nah ihre Verfolger schon waren.

Wie Schatten jagten, sie sie durch die schmalen Gassen der Stadt, lautlos, erbarmungslos. Sie würden nicht ruhen, ehe sie bekamen, wofür sie gekommen waren – ihre Tochter.

Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihre Seite, wo einer der Dolche sie gestreift hatte. Sie presste die Hand auf die Wunde, spürte das warme Blut durch ihre Finger sickern. Ihre Magie loderte unter der Haut, verlangte danach, entfesselt zu werden. Aber sie wusste, sie würde nicht stark genug sein, um sie alle aufzuhalten. Nicht heute Nacht.

Ein leises Wimmern drang aus dem Bündel an ihrer Brust. Ihr Blick senkte sich auf das schlafende Kind, auf die zarten Wimpern, die bebten, als spürte es die Gefahr. Darina. Ihr Herz. Ihre einzige Wahrheit in einem Leben aus Lügen und Blut.

Sie blieb stehen, stützte sich an der feuchten Mauer ab und rang nach Luft. Das Waisenhaus war nur noch ein paar Schritte entfernt. Wenn sie es bis dorthin schaffte – wenn sie Darina dort ließ –, würde sie wenigstens Zeit gewinnen. Zeit, die sie brauchte, um den Feind wegzulocken, um ihre Tochter zu retten.

Ein letzter Blick über die Schulter. Schemen bewegten sich hinter ihr, unheilvoll in der Dunkelheit. Die Entscheidung schnitt tiefer als jede Klinge.

„Es tut mir leid, mein Herz,“ flüsterte sie und küsste Darina sanft auf die Stirn. „Eines Tages wirst du verstehen.“

Sie legte das Bündel in den schmalen Vorbau der Tür, zog zitternd das kleine, abgegriffene Bild aus ihrer Manteltasche – sie beide, noch unbeschwert, bevor alles zerbrach. Ihre Finger strichen ein letztes Mal über das Gesicht ihrer Tochter, dann schob sie das Foto in die Decke.

Schritte näherten sich.

sie richtete sich auf, die Schultern straff, die Hand um den Griff des Dolches an ihrer Hüfte. Sie würde sie nicht hierherführen. Nicht zu ihr.

Mit einem letzten Blick auf die Tür wandte sie sich ab und verschwand in der Nacht.

Der Regen prasselte herab, verschleierte alles – auch die Tränen auf ihrem Gesicht.








16 Jahre später


Ein abgelegener Rand des Waldes, nahe einem alten Moor, kurz nach Sonnenaufgang.

Frühherbst. Nebel zieht über das nasse Gras. Die Luft riecht nach Moder und Rauch.

Regen fällt auf mich herab, ich blicke in den Himmel. Der Regen kühlt meine erhitzten Wangen und holt mich in die Realität zurück. Meine Hände zittern, um mich herum Schatten, die sich zurückziehen. Unter meinen Füßen ist der Wald wie abgebrannt. Was ist mit mir, wer bin ich?






Kapitel 1

Das Flüstern im Moor

Der Wecker klingelte um 6:00 Uhr.

Ich war schon wach.

Ich lag auf der Seite, das Gesicht zum Fenster, wo der Nebel wie Watte gegen das Glas drückte. Meine Augen waren offen, aber nicht wirklich da. Meine Gedanken trieben irgendwo hinter der Wand aus Dingen, die man nicht sehen sollte.

In der Nacht hatte ich wieder geträumt. Vom Flüstern – nicht wie eine einzelne Stimme, sondern wie ein Chor, unzählige Zungen, die sich ineinander verschlangen. Sie riefen meinen Namen, nicht mit Worten, sondern mit einer Melodie, die mir die Haut brennen ließ. Sie klang, als käme sie von einem Ort, den kein Mensch betreten sollte. Ein Wispern, so alt, dass es nach Erde roch. Nach Blut. Und selbst jetzt, wach, summte es noch in mir wie ein Echo, das sich nicht vertreiben ließ.

„Darina, Frühstück!“

Die Stimme von Mascha, meiner Pflegemutter, war wie ein warmer Schubser in die Gegenwart. Ich stand auf, zog den Pullover über das Nachthemd. Als meine Füße den kalten Boden berührten, durchfuhr mich ein Schauder – aber nicht wegen der Kälte.

Ich hatte den Schatten wieder gesehen. Den mit den weißen Augen.

Die Küche roch nach Brot, Zwiebeln und schwarzem Tee. Goran, mein Pflegevater, saß am Fenster und las die Zeitung, wie jeden Morgen. Mascha strich Butter auf ein dickes Stück Brot und warf mir ein Lächeln zu.

„Du hast wieder gegrübelt, hm? Deine Stirn ist ganz zerknittert.“

Ich zwang mich zu einem Lächeln. Es war leicht, hier bei ihnen. Sicher. Fast echt.

Und doch – es war wie ein Kleid, das nicht ganz passte. Zu eng an den Schultern, zu weit an der Brust.

„Ich habe schlecht geschlafen“, murmelte ich.

Mascha stellte mir die Tasse Tee hin, als wäre es Medizin. Sanft. Unaufdringlich. Ihre Bewegungen waren immer ruhig, kontrolliert, fast zu still – wie bei ihren Patienten, dachte ich. Und manchmal fragte ich mich, ob sie mich längst genauso sah: als eine, die man beobachten musste.

Ich nahm die Tasse, nickte dankbar, trank, obwohl mir der Tee längst bitter schmeckte. Kamillentee. Immer Kamille, wenn sie meinte, ich fahre zu hoch.

Sie setzte sich mir gegenüber, die Stirn leicht gerunzelt, ihre Hände wie gewohnt ineinander verschränkt. Die Nachtschicht hatte ihr einen matten Schatten unter die Augen gezeichnet, aber sie war da. Wie immer. Verlässlich.

„Du bist still, mein Schatz.“ Ihre Stimme war weich. „Ich sehe doch, dass dich etwas quält.“

Ich schwieg. Ich konnte ihr nicht sagen, dass die Schatten manchmal mit mir sprachen. Dass ich mir selbst nicht mehr traute, wenn ich nachts aufwachte und spürte, wie etwas durch meine Finger kroch. Wie eine Macht, ein Impuls, der nicht meiner war.

Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich manchmal meine Gedanken nicht mehr als meine eigenen erkannte.

„Ist es … die Schule?“ fragte sie.

Ich nickte nur.

Sie seufzte. „Die anderen können grausam sein. Aber das vergeht. Du bist klug, Darina. Und stark. Du wirst deinen Weg finden, das weiß ich.“

Wie gern würde ich ihr glauben.

Wie gern würde ich glauben, dass all das nur Pubertät ist, wie sie sagt. Ein Wirbel aus Hormonen, Chaos und Unsicherheiten. Nichts, was man nicht überstehen könnte.

Aber ich wusste es besser.

Ich kannte die Geschichten. Von denen, die Stimmen hörten. Von denen, die irgendwann nicht mehr unterscheiden konnten zwischen sich selbst und dem, was flüstert.

Ich habe gelesen, wie sie enden: gefesselt an Betten, allein in weißen Räumen, die nur schreien, aber nicht trösten.

Ich wollte nicht eine von ihnen werden.

Ich spürte Maschas Blick auf mir. Warm, sorgend, aber auch: abwägend. Wie bei einem Patienten.

Ich fragte mich, ob sie manchmal schon überlegte, einen Arzt zu rufen. Oder Schlimmeres.

Aber sie tat es nicht.

„Warte einfach ab, Liebes. Es wird besser. Du bist mein hellstes Licht. Und ich bin hier. Immer.“

Ich senkte den Blick.

Und ich fragte mich, wie lange „immer“ hält, wenn man dunkler wurde, als andere einen aushielten.

Der Spiegel in meinem Zimmer. Ich stand vor ihm. Ich sah mich: dunkelbraune, lange Haare, leicht lockig. Andere würden es Beachwaves nennen. Ich nannte es chaotisches Etwas. Mit der Bürste ging ich durch das Dickicht, um es zu bändigen. Am Ende nahm ich meine Haarspange und klemmte die Haare oben am Kopf zusammen, wie jeden Tag.

Ich betrachtete mich – eigentlich ganz o.k., ziemlich durchschnittlich, keine ungewöhnlichen Eigenschaften wie eine zu krumme Nase oder ein hervorstehendes Kinn. Große braune Augen, das Einzige, was an meine Mutter erinnerte. Ich hatte ein Bild von ihr, mit mir auf dem Arm. Wenn ich meine Augen sah, sah ich sie. Wie sie mich im Arm hielt und liebkoste. Wie sie mit ihren schönen Augen in die Kamera lächelte.

Nach kurzer Zeit sah ich es wieder: Die Ränder um meinen Körper flackerten, ein matter Lichtsaum, der pulsierte wie ein lebendiger Schleier. Mein Spiegelbild verzerrte sich, die Konturen flossen auseinander wie Tinte im Wasser. Meine Augen – nein, die Augen im Spiegel – waren zu groß, zu dunkel, als starrten sie durch mich hindurch. Kälte kroch meine Wirbelsäule hinauf, ein Kribbeln, das in den Fingerspitzen explodierte, bis ich die Hände nicht mehr spürte. Ich schaute schnell weg.

Mit einer Hand schnappte ich mir meinen Rucksack und mit der anderen winkte ich Mascha und Goran zum Abschied. Beide sahen mich an und hatten einen sorgenvollen Ausdruck in den Augen.

Der Nebel klebte an meinem Pullover, während ich den schmalen Weg zur Schule ging. Die Birken reckten ihre kahlen Äste in den Himmel, und der kalte Wind riss an meinem Schal. Ich zog ihn fester um den Hals. Die Luft schmeckte nach nassem Moos und Erde.

In der Schule wartete niemand auf mich. Nicht wirklich. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich wäre ein Geist, der durch die Gänge glitt, ohne je eine Spur zu hinterlassen. Die Stimmen der anderen klangen wie durch Watte, gedämpft, während ihre Blicke scharf und mitleidig zugleich waren. Ich roch den Chlorgeruch aus der Turnhalle, das billige Parfüm, den säuerlichen Angstschweiß derer, die nie allein gesehen werden wollten.

Das Flüstern hörte ich immer, wenn ich vorbeiging.

„Verrückt“ sagten sie. „Die mit den komischen Anfällen.“

Dabei verstand keiner, was in mir vorging.

Die Träume hatten vor Monaten angefangen. Nächte voller Schatten und Stimmen, die meinen Namen riefen – kein menschlicher Ton, sondern ein Wispern, das in meinen Adern kratzte.

Seitdem zog ich mich zurück, hielt mich klein, hoffte, dass niemand merkt, wie sehr ich manchmal kaum noch atmen kann.

Aber zuhause war es anders. Mascha kochte immer mein Lieblingsessen, auch wenn ich nur ein paar Bissen schaffte. Sie tat so, als merkte sie nicht, dass ich es heimlich wieder auf den Teller schob. Goran erzählte Witze in seinem trockenen Tonfall, den er für Humor hielt. Manchmal lachte ich, um ihn nicht zu enttäuschen, auch wenn ich kaum verstand, worüber wir lachten. Bei ihnen fühlte ich mich nicht so allein.

Ich hielt kurz inne, schaute auf meine Hände, dann vergrub ich sie in den Taschen meiner Jacke. Ich wünschte, ich könnte sie festhalten, die Antworten, die niemand hat. Stattdessen hielt ich nur die Stille zwischen den Dingen.

Die Klasse roch nach alten Büchern, nasser Kleidung und pubertärem Schweiß.

Ich saß allein am Fensterplatz. Meine Mitschüler tuschelten. Ich versuchte, nicht mehr zuzuhören – aber das Flüstern war immer da.

„Da ist sie wieder – die, die mit sich selbst redet.“

„Hat wieder ’nen Anfall gehabt, habe ich gehört.“

„Verrückte.“

Ich hatte mal versucht, normal zu sein. Lächeln, mitreden, nicht flüstern, wenn der Druck im Kopf zu stark wurde.

Aber irgendwann hatte ich es aufgegeben. Es war leichter, allein zu sein. Wenigstens verletzte mich dann niemand.

Ich schrieb langsam in mein Heft. Die Tinte tropfte. Dann sah ich, wie sich die Buchstaben bewegten, zuckten, als würden sie nicht geschrieben, sondern beschworen. Ich blinzelte – alles wieder normal.

Oder?

Das Klingeln zur Pause war wie eine Erleichterung – zumindest dachte ich das. Doch kaum, dass die Stimmen der Schüler im Gang lauter wurde, wurde es schlimmer. Stimmen. Flüstern. Unhörbar für andere, aber für mich wie ein Sturm aus Wörtern, der in meinem Kopf zerschellte.

Ich zog meinen Rucksack fester an mich und schlich auf die Toilette. Die Flure waren voller Stimmen und Blicke, die brannten.

In der Stille der Kabine ließ ich mich auf den Boden sinken. Die Fliesen unter mir waren eiskalt, hart wie Stein. Ich lehnte den Kopf gegen die Tür, spürte das Vibrieren, wenn draußen jemand vorbeiging. Hier roch es nach Reinigungsmittel und etwas Metallischem, das ich nicht benennen konnte. Die Ränder meines Sichtfeldes pulsierten. Wenn ich die Augen schloss, wurde es nicht besser – dann sah ich das Flüstern, sah die Schatten, die sich bewegten wie lebendige Risse in der Welt.

Meine Hände legte ich an die Schläfen und wiegte mich vor und zurück, in der Hoffnung, das Summen verstummen zu lassen.

„Hört auf … bitte hört auf …“ flüsterte ich leise, fast flehend.

Die Stimmen antworteten nicht. Oder vielleicht doch? Ein hauchzartes Wispern, das sich wie Nebel um meine Ohren legte.

„Krov’ moya, probudis’. Otkroy dveri drevney sili“, flüsterte ich leise, die Worte rollten über meine Zunge, als gehörten sie nie mir. Sie schmeckten metallisch, schwer. Ich wusste nicht, was sie bedeuteten, nur dass sie nicht menschlich klangen. Als hätte sie mir etwas in den Mund gelegt, das älter war als Sprache.

„Ich kann nicht … Ich will euch nicht hören …“

Ein Moment der Ruhe.

Dann das Kichern vor der Tür. Mädchen, die mich schon immer die „Verrückte“ nannten, standen da und lachten.

Ich spürte, wie sich mein Herz zusammenzog. Nicht erneut. Ich wusste, sie würden wieder einen Grund mehr haben, über mich zu lachen, mit dem Finger auf mich zu zeigen, mich auszugrenzen.

Doch ich wusste auch: Sie fürchteten mich. Sie wollten mich meiden, so wie ich sie mied.

Die Angst war ein kalter Mantel, den ich kaum ablegen konnte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verstummte das Flüstern. Ich hielt die Hände auf meinen Ohren, aus Angst, es könnte wieder geschehen.

Langsam stand ich auf und horchte. Ich schien allein. Ich raffte meine Tasche und ging hinaus. Mein Magen brannte – ob vor Wut oder Scham, ich wusste es nicht.