Prolog
Die Chroniken der Ewigen I
Von Licht und Finsternis
Vor dem ersten Wort, vor der ersten Flamme – lag nur die Stille.
Und mitten in ihr lag ein Blick.
Man sagt, das Universum begann nicht mit einem Knall.
Es begann mit einem Kuss.
Zwischen zwei Göttern,
die nie eins und doch nie getrennt waren.
Sie waren das erste Licht,
das Leben wollte und Wärme brachte.
Sie waren die erste Dunkelheit,
die ihm Form gab, Tiefe.
Sie berührten sich – und die Sterne begannen zu atmen.
Sie küssten sich – und Zeit entstand.
Sie fielen – und die Welt lernte, zu sterben.
Als das Licht atmete, wuchs die Welt.
Aus seinen Händen sprossen Wälder, Meere, Kinder der Elemente.
Als die Finsternis sprach, verstummte sie in Ehrfurcht.
Denn in der Glut ihrer Stimme schlief der Tod, und wachte das Feuer.
„Ich werde all das beenden“, sagte die Finsternis, „damit es wieder beginnen kann.“
Das Licht antwortete: „Dann lass mich dich lieben, während du mich verzehrst.“
So wurde aus Licht und Dunkel ein Kreislauf. Ein Rhythmus. Eine Anziehung, die weder Tag noch Nacht, denn das Dazwischen gebar.
Aber die Sterblichen, klein, hungrig, von Furcht erfüllt – sahen nur, was sie begreifen konnten.
Sie sahen nur Licht – und nannten es Gott.
Sie sahen Schatten – und nannten ihn Furcht.
Verdrehten, was sie nicht verstanden.
Nannten ihn Lucifer, den Verführer.
Verbannten ihn aus ihren Tempeln
und flohen vor der Nacht.
So ward das Licht zerrissen, zwischen Liebe und Schöpfung und sah zu, wie die Finsternis in den Abgrund trat.
Doch im Zorn der Finsternis brannte nicht Rache. Es brannte Trauer.
Das Licht versuchte, sie zurückzuhalten. Zu erreichen und zu erinnern.
Aber die Finsternis war längst nicht mehr nur Schatten. Sie war Glut. Sie war Tod.
Wie ein stiller Sturm. Wie ein Gott im Sturzflug. Und als sein Feuer wuchs, geriet die Welt aus dem Gleichgewicht.
So kam es zum Krieg. Nicht zwischen Engeln und Dämonen – sondern zwischen Licht und dem, was Licht einst geliebt hatte.
Der Himmel zerriss. Welten verbrannten. Und die Sterblichen, ahnungslos, versteckten sich in dem was blieb und schrieben Lügen über Engel, Höllen und heilige Schwerter.
Das Licht hätte die Finsternis vernichten können. Aber die Liebe war zu groß.
Und so opferte es sich. Nicht im Zorn. Nicht im Triumph. Sondern in einer letzten, verzweifelten Umarmung.
In einem Opfer, das den Krieg beendete, die Dunkelheit schwächte – und Hoffnung sähte.
Die Welt fiel in Kälte.
Sie vergaß, was sie einst gerettet hatte.
Sie nannte es die finstere Zeit.
Und wartete, ohne es zu wissen.
Auf Wiedergeburt.
Auf das Licht, das sich erneut entzünden würde.
Denn wenn die Sonne sinkt und der Himmel blutet – dann finden sie sich ihn der Dämmerung, in Kussmomenten, zwischen Herzschlag und Stillstand.
Sie berühren sich. Nie lange. Aber genug, sodass die Welten weiterleben.
Dass Leben vergeht und Neues beginnt.
Sie sind kein Licht ohne Dunkel.
Kein Schatten ohne Glanz.
Kein Tag ohne Kuss.
Der Schöpfer & der Gefallene.
Der Anfang & das Ende.
Das Licht & die Finsternis.
Sie können nicht miteinander.
Sie dürfen nicht ohne einander.
Und so wartet die Welt, auf das sie wieder zueinander finden.