Zerreiß mich

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Zusammenfassung

Matt Brandt lässt sich auf keine Beziehungen ein. Er steht auf Whiskey, abgefuckte Fotografie und Frauen, die behaupten, es gerne hart zu mögen – bis sie es nicht mehr tun. Eine weitere Nacht, ein weiteres Desaster, eine weitere Schlampe, die zusammenzuckte, sobald es ernst wurde. Die einzige Konstante in seinem Leben? Jules – seine beste Freundin, seine Mitbewohnerin, die einzige Person, die noch nie vor seinem Mist weggelaufen ist. Sie kocht. Er macht die Wäsche. Sie beleidigen sich gegenseitig, trinken zu viel und tun so, als würde es zwischen ihnen nicht längst knistern. Sie haben es sicher gehalten. Vertraut. Fast normal. Bis eine unbedachte Herausforderung zu einem Dare wird. Ein Dare, ein schmutziger Vorwurf, und plötzlich sitzt Jules auf seinem Schoß und knurrt ihm die dreckigsten Dinge zurück. Jetzt taumelt Matt, Jules ist gefährlich, und der schmale Grat, auf dem sie seit Jahren wandeln, beginnt unter ihren Füßen zu bluten. Denn es stellt sich heraus: Das brave Mädchen, das er zu kennen glaubte? Ist vielleicht genauso verdorben wie er. Und vielleicht ist er schon die ganze Zeit völlig am Arsch ihretwegen.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
15
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Matt

Ich bin kein komplizierter Motherfucker. Gib mir einen harten Drink, eine geladene Kamera und eine Frau, die bereit ist, so richtig versaut zu werden – und zwar so richtig, die Sorte, bei der Priester sich bekreuzigen und Vorzeigemütter ihre Türen verriegeln – dann bin ich glücklich. Einfach wunschlos glücklich. Das Problem ist nur: Eine Frau zu finden, die nicht sofort kneift, wenn man sie gegen die Wand drückt und sie so nennt, wie sie es gerade noch angefleht hat, ist seltener als ein verdammtes Einhorn, das einem Regenbogen einen Deepthroat verpasst.

Sie behaupten alle, dass sie es wollen. Oh, sie lieben die Fantasie. „Ich probiere total gerne Dinge aus“, schnurren sie mit schweren Augenlidern, während ihre Stimme wie Sirup auf nackter Haut trieft. Oder: „Du kannst mich nennen, wie du willst, ich mag es hart.“ Und ich fall jedes verdammte Mal wie ein Idiot darauf rein und denke: Alles klar. Endlich. Eine von der wilden Sorte. Eine echte Drecksau, die nicht gleich heult, wenn man es ihr ins Gesicht sagt.

Und dann – bumm – bricht unweigerlich alles zusammen. Genau wie heute Abend.

Sie hatte alles. Lange blonde Haare, Kurven, für die man seine eigene Mutter verkaufen würde, um sie mit der Zunge nachzufahren, und Lippen, die wie gemacht dafür waren, einen Schwanz zu umschließen und dabei zu grinsen. Sie hat mir diese Blicke quer durch die Bar zugeworfen, voller Hunger und Hitze, und ich dachte: Okay, los geht’s. Sie hat geflirtet, als wollte sie ein Halsband um den Hals und meine Finger zwischen ihren Beinen haben, noch bevor die Drinks warm wurden. Sie hat alle richtigen Dinge gesagt.

Aber in dem Moment, als ich das sagte, was sie angeblich hören wollte – als ich sie meine kleine, bedürftige Schlampe nannte – ist sie sofort komplett ausgerastet.

„Auf keinen Fall mache ich das weiter, nachdem du mich Schlampe genannt hast“, faucht sie und reißt ihr Oberteil über ihre Titten, die ich noch nicht mal richtig angefasst hatte. Ihr Gesicht lief knallrot an, als hätte ich gerade meinen Schwanz ausgepackt und auf das Grab ihrer Großmutter gepisst.

Ich sitze da auf der Bettkante, nackt, hart und völlig verdammt fassungslos. „Du hast doch gesagt, dass du auf Dirty Talk stehst“, knurre ich, aber sie ist schon voll im Hurrikan-Modus und stampft herum, als hätte ich eine rassistische Beleidigung rausgehauen statt eines verdammten Kink-Keywords.

„Du bist ein verdammtes Schwein“, zischt sie und zerrt ihren Rock über diese Beine, die – mal ehrlich – halb so gut aussahmen, während sie mich eiskalt abservierte.

„Jesus, fuck“, murmele ich und lehne mich zurück, die Handflächen über dem Gesicht, als wollte ich den ganzen Abend wegrubbeln. „Es ist nur ein verdammtes Wort, Prinzessin.“

Aber sie ist weg. Das Klacken ihrer Absätze im Flur ist schärfer als ein Schuss und hallt wie ein Urteilsspruch wider. Die Tür knallt ins Schloss und ich bleibe zurück mit zerwühlten Laken, einem ungenutzten Ständer und einer Zigarette, auf die ich nicht mal mehr Bock habe.

Genau diese Scheiße sorgt dafür, dass ich keine Dates mehr will. Jedes Mal ist es dasselbe Drehbuch: anheizen, flirten, Versprechen machen – und dann die Vollbremsung, sobald es echt wird. Ich will kein Mädchen fesseln und mit Glasscherben füttern. Ich will niemanden brandmarken oder verprügeln. Ich will nur eine Frau, die nicht zusammenzuckt, wenn ich sie meine kleine, dreckige Hure nenne und dafür sorge, dass sie sich auch wie eine fühlt. Eine Frau, die versteht, dass Sex keine höfliche Teegesellschaft mit choreografiertem Stöhnen und jugendfreien Dialogen sein muss. Es ist Schweiß, es ist Spucke, es sind Hände in den Haaren und Zähne auf der Haut und ja, verdammt noch mal versaute Worte.

Aber nein. Stattdessen bleibt mir jedes Mal der gleiche Dreck: Oh mein Gott, wie kannst du nur, und dann bin ich der Bösewicht, der Widerling, die wandelnde Red Flag mit Schwanz und schlechter Einstellung.

„Un-fucking-fassbar“, knurre ich und schnappe mir die Whiskeyflasche vom Nachttisch. Kein Glas. Nur ein Schluck. Das warme Brennen im Hals ist wenigstens echt. Der Whiskey spielt nichts vor. Er lügt nicht. Er schreit nicht und rennt weg, wenn ich dirty mit ihm rede.

Ich packe meinen Schwanz zurück in die Boxershorts, halb schlaff und immer noch stinksauer, und schlurfe ins Wohnzimmer. Jules hockt auf der Couch, im Schneidersitz wie ein selbstgefälliger kleiner Buddha. Ihr Löffel steckt in einem Becher Eiscreme, die wahrscheinlich schon halb geschmolzen ist. Sie sieht nicht einmal auf, als Miss Stolz-und-Vorurteil die Tür zuknallt, als würde sie für eine Seifenoper vorsprechen. Kein Zucken, keine hochgezogene Braue. Nur eine Hand an der Fernbedienung, den Löffel im Mund und die Augen starr auf den Fernseher gerichtet, als wäre nichts passiert.

Das ist Jules. Kaltblütig. Unerschütterlich. Eine Eiskönigin mit einem Herz, das gelegentlich auftaut, wenn ich es so richtig verkackt habe und sie das amüsiert.

Ich lasse mich auf das andere Ende der Couch fallen. Das alte Leder ächzt unter mir, als hätte sogar es genug von meiner Scheiße. „Das war ein verdammtes Desaster“, brumme ich und lasse den Kopf in die Kissen sinken.

Sie hält nicht mal mit dem Löffeln inne. „Schon wieder eine flachgelegt – oder eher weggejagt?“

„Gott“, murmele ich und reibe mir die Schläfen, als könnte ich die Erinnerung so auslöschen. „Immer derselbe Mist. Fängt heiß an, viel schweres Atmen, und am Ende rennt sie weg, als hätte ich sie gefragt, ob sie eine Nazi-Uniform anzieht.“

Jules schnaubt, und ich kann förmlich hören, wie sie mit den Augen rollt. „Vielleicht solltest du sie nicht gleich als Erstes Schlampe nennen, Genie.“

Ich funkle sie an. „Sie hat verdammt noch mal gesagt, dass sie drauf steht.“

„Sicher. Und ich sage auch, dass ich Cardio liebe, aber du siehst mich trotzdem nicht bei einem verdammten Marathon mitmachen.“

„Fang gar nicht erst an, Jules.“

„Ich fange nie an“, sagt sie mit ihrer honigsüßen, spöttischen Stimme. Das ist der Tonfall, den sie benutzt, wenn sie mich gleich mit fünf Worten oder weniger fertigmachen will. „Ich bin nur hier, um das Gemetzel zu begutachten.“

Sie schiebt den Löffel in den Mund und lutscht langsam daran, laut und nervtötend. Als wollte sie etwas beweisen. Als würde sie mich herausfordern, auszurasten.

Jules ist meine engste Vertraute seit dem College. Ich habe sie auf irgendeiner Party getroffen, als ich noch so getan habe, als würde mich das Erbe meines Vaters interessieren. Sie hat das sofort durchschaut – sie sah die Kamera, die ich vor allen versteckte, und den Groll, den ich mir selbst gegenüber noch nicht zugegeben hatte. Ich habe natürlich versucht, sie flachzulegen. Damals war ich ein Volldrottel. Sie hat gelacht, mir ein Bier über den Kopf geschüttet und mir dann in mein Wohnheim geholfen, als ich auf der Treppe eingeknickt bin. Sie ist nicht gegangen. Sie hat mir Kaffee gekauft. Sie blieb einfach. Wer zur Hölle macht sowas?

Nur Jules.

Sie war es, die mich aus dem BWL-Studium zur Fotografie gedrängt hat. Sie sagte: „Matt, du bist scheiße im Lügen. Tu das, was du kannst: Leute beobachten und den Moment einfangen, kurz bevor sie zerbrechen.“ Und verdammt, sie hatte recht.

Sie kam aus schlimmeren Verhältnissen als ich – Armut, eine kaputte Mutter, ein Vater mit Händen, die keine Grenzen kannten. Und trotzdem hat sie sich hochgekämpft in einen Job in einem Hochhaus, wo sie Männern, die doppelt so alt sind wie sie, erklärt, dass sie keine Ahnung haben. Ich habe zugesehen, wie sie sich nach oben geboxt hat, ohne jemals mit der Wimper zu zucken. Nur Zähne, Koffein und Trotz. Jetzt ist sie erwachsen und furchteinflößend.

Sie sieht mich schließlich an, die Augenbrauen hochgezogen. „Warum tust du dir das überhaupt an?“

„Was, das Dating?“

Sie grinst. „Nennen wir das jetzt so?“

„Fick dich, Jules.“

Sie zieht den Löffel langsam von den Lippen und grinst wie der Teufel höchstpersönlich. „Das hättest du wohl gerne, Arschloch.“

Typisch Jules. Immer eine schlagfertige Antwort parat, scharf genug, um jemanden bluten zu lassen, und cool wie gefrorener Stahl. Nichts bringt sie aus der Ruhe – Gott weiß, ich habe es versucht. Ob ich einen Wutanfall bekomme, eine lautstarke Frau mit nach Hause bringe oder mit Whiskey-Fahne und voller Reue auf der Couch einpennne – sie zieht nur eine verdammte Braue hoch und isst ihr Eis weiter, als wäre ich nur Hintergrundrauschen.

Wir sitzen schweigend da, in dieser schweren, vertrauten Stille, die man nicht füllen muss. Es ist die Sorte Stille, die zwischen zwei Menschen entsteht, die sich am absoluten Tiefpunkt gesehen haben und trotzdem die Couch teilen. Ein paar Minuten vergehen, dann schnappt sie sich die Fernbedienung – einhändig, wie eine Königin, die ihren Thron beansprucht. Sie schaltet auf eine dieser Oldtimer-Restaurierungsshows um, die uns beide wirklich interessieren. Endlich. Etwas Vernünftiges, statt dieses Reality-TV-Mülls von vorhin, voller Fake-Bräune, Fake-Titten und Fake-Orgasmen, der sich künstlicher anfühlt als ein Cartoon.

Ich schaue von der Seite zu, wie sie tiefer in die Kissen sinkt, die Beine unter sich gezogen, als gehöre ihr der ganze verdammte Planet – und mal ehrlich, irgendwie tut er das auch. Technisch gesehen gehört ihr die Wohnung, ihr Name ist der einzige im Mietvertrag. Ich zahle Miete, sicher, aber sie hat diesen Ort zu einem Zuhause gemacht statt nur zu einem Dach über meinen Fehlentscheidungen.

Ihre Haare sind kurz und fransig geschnitten, mit harten Kanten, als hätte sie sie sich selbst mit einem Messer und schlechter Laune gekürzt. Und irgendwie funktioniert dieser Look bei ihr. Neunundneunzig Prozent aller Frauen würden damit aussehen, als würden sie es viel zu sehr versuchen. Jules zieht das Ding durch, ohne zu blinzeln. Sie trägt es wie eine Rüstung, wie Trotz, als würde sie die ganze Welt herausfordern, ihr dumm zu kommen, damit sie sie mit einem einzigen Satz und einem Grinsen in Stücke reißen kann.

Es ist die Knochenstruktur. Das muss es sein. Ihre Wangenknochen könnten Glas schneiden, ihre Kieferlinie ist eine Waffe, und wenn sie sauer ist, sieht sie aus wie eine alte Göttin, die zum Leben erweckt wurde, um deine ganze verdammte Blutlinie auszulöschen. Sie ist nicht hübsch. Hübsch ist zierlich. Jules ist grausam schön, wie aus Marmor gemeißelt und mit blauem Feuer entfacht. Dieses Gesicht? Dieses verdammte Gesicht könnte Aufstände auslösen. Bildhauer würden den Verstand verlieren beim Versuch, es zu formen, und weinen, weil sie den Ausdruck nicht hinbekommen – diesen Blick, der sagt: Du bist meine Zeit nicht wert, aber ich beobachte dich trotzdem, falls du mich amüsierst.

Und diese Augen – verdammt noch mal – diese Augen. Stechend blau, klar wie Gletschereis und scharf genug, um jeden Makel zu finden, von dem du nicht mal wusstest, dass du ihn hast. Sie starren dich an, bis du zerbrichst. Sie blinzelt kaum. Das ist mir als Erstes aufgefallen. Wenn Jules dich fixiert, ist es, als würde man an eine Wand genagelt werden. Kein Zucken. Kein Herumzappeln. Nur dieser Blick, unerschütterlich, ein langsames, stilles Auseinandernehmen. Es ist nicht mal Wut. Es ist schlimmer. Es ist Verständnis. Sie durchschaut dich. Bei ihr kann man nichts faken. Und wenn man es versucht, lächelt sie, als hätte der Teufel ihr gerade was ins Ohr geflüstert, und zerlegt dein Ego dann mit chirurgischer Präzision.

Das war der Moment, in dem sie mich erwischt hat, damals auf dieser Party. Nicht das Lachen, nicht der Sarkasmus – das kam erst später, wie die zweite Welle eines Sturms. Es war dieses Gesicht, dieser Blick. Dieses Ich kaue dich durch und spucke dich aus und du wirst trotzdem wieder angekrochen kommen-Gesicht. Und Gott helfe mir, ich bin ihr im Haus gefolgt wie ein hirntoter Welpe, hart und hoffnungslos, betrunken von ihr und dem billigen Fusel, und dachte mir: Vielleicht – ganz vielleicht – habe ich eine Chance.

Schade nur, dass sie inzwischen verdammt noch mal kugelsicher ist. Immun. Und das seit Jahren.

Jules ist die einzige Frau, die ich nie anlügen konnte. Diejenige, die nicht mit der Wimper zuckte, als sie herausfand, wovon ich mich abgewandt hatte – die Country Clubs, das Erbe, der Name, der in Kreisen von altem Geld immer noch wie ein Fluch nachhallt. Ihr war das alles egal. Sie hat mich nicht wie ein kaputtes Treuhandkonto mit Kamera-Fetisch behandelt. Sie hat mich gesehen, als ich sturzbesoffen war und nach Kotze und verfaultem Ego stank, und sie ist geblieben. Geblieben. Sie hat mir die Kotze vom Kinn gewischt, Schmerztabletten auf den Nachttisch gelegt und mir Kaffee gebracht. Als wäre ich es wert, gerettet zu werden.

Niemand macht sowas. Niemand schert sich so sehr um einen.

Außer Jules.

Jetzt, Jahre später, hat sich an den wichtigen Dingen nichts geändert. Ich bin immer noch ein Wrack mit einer Kamera und zu vielen Dämonen. Sie ist immer noch scharf wie eine Sünde und macht doppelt so süchtig. Wir hocken auf unserer räudigen Couch in dieser glorifizierten Schuhschachtel von einer Wohnung und schauen zu, wie zwei bärtige Typen einen 67er Mustang auseinandernehmen, als wäre es die heilige Schrift. Und ich kann nicht anders als zu denken: Genau das hier? Dieser verdammte Moment? Das ist vielleicht die einzige Art von Frieden, die ich jemals bekomme.

Keine Spielchen. Kein Verstellen. Nur Jules, das Flackern des Fernsehlichts auf ihrem Gesicht und das leise Pochen unserer eigenen kaputten Rhythmen, die im Gleichlang schlagen.

Und verdammt noch mal, ich wüsste nicht mal, was ich tun würde, wenn sie jemals ginge.

„Grübelst du immer noch über dein Date nach?“, fragt Jules. Ihre Augen sind auf den Bildschirm gerichtet, ihr Tonfall ist völlig beiläufig, als hätte sie mir nicht gerade ohne hinzusehen einen Dolch in die Seite gestoßen.

„Nö“, lüge ich ihr eiskalt ins Gesicht. „Blondinen sind den Ärger nicht wert.“

Sie schnaubt laut und kurz. „Brünette auch nicht, glaub mir. Ich habe genug von beiden flachgelegt, um das zu wissen.“

Und da haben wir es. Wir auf den Punkt gebracht. Zwei frustrierte Wracks, so zynisch, dass wir innerlich praktisch verrottet sind, auf einer ramponierten Couch fläzend wie Adlige, die dem Pöbel dabei zusehen, wie er aus Müll neuen Glanz zusammenschweißt. Es ist jeden Abend dasselbe: das Leuchten des Bildschirms, das Summen müder Maschinen und wir zwei, die in unseren eigenen schlechten Entscheidungen schmoren.

„Wie läuft dein Galerie-Projekt?“, fragt sie furztrocken. Ihr Blick klebt am Fernseher. Als wäre die Frage nur eine Randnotiz und nicht das Ding, das mich seit Wochen fertig macht.

Jules ist die Einzige, die sich einen feuchten Dreck für das interessiert, was ich tue. Kein falsches Lächeln, kein „Oh, wie interessant“-Gelaber, das die Leute auf Partys absondern. Sie versteht es einfach. Sie war dabei in der Nacht, als ich meine Zukunft im Sitzungssaal abgefackelt und auf meine Herkunft gepisst habe. Als ich den Nadelstreifenanzug gegen die Kamera getauscht habe. Sie hat nicht mal mit der Wimper gezuckt. Sie hat mir nur noch einen Drink in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll keine Pussy sein und mich an die Arbeit machen.

Meine Eltern? Die können eine ganze Yacht voller Schwänze lutschen. Denen sind meine Fotos und die Leute darauf völlig scheißegal. Ich habe Proteste, Waldbrände, Sexclubs und Sterbebetten fotografiert – und sie denken immer noch, ich spiele nur mit Papas Geld herum. Für sie bin ich der Versager, der den Namen Brandt im Klo runtergespült hat. Der mit nichts als tintenverschmierten Fingern und einer riesigen Wut im Bauch zurückgekommen ist.

„Ich mache Fortschritte“, sage ich. Die Lüge schmeckt schal. Die Wahrheit ist: Ich hocke seit zwei Wochen vor demselben Lichttisch. Ich starre auf die Aufnahmen und hasse jede einzelne davon. Nichts sieht richtig aus. Alles fühlt sich falsch an. Als würde ich mich zu sehr anstrengen und gleichzeitig gar nicht. Als würde ich mir einen für den Applaus runterholen, aber vergessen, wie man kommt.

Jules sieht mich von der Seite an. Eine Augenbraue ist hochgezogen. Das ist dieser typische „Verarsch mich nicht, Arschloch“-Blick, den sie perfektioniert hat. „Aha. Du klingst ja wahnsinnig begeistert.“

Ich lache kurz auf. Es klingt eher wie ein Knurren, scharf und bitter. „Was soll ich sagen? Bei der Sache steht für mich viel auf dem Spiel.“

„Das tut es bei dir immer“, sagt sie. Sie rammt ihren Löffel in das Eis, als wäre es eine Predigt. Sie zeigt mit dem Löffel auf mich wie mit einer Waffe. Das Ende tropft wie ein Satzzeichen. „Und du kriegst es verdammt noch mal immer hin. Du bist ein elender Mistkerl, aber du gibst nicht auf.“

Ich schüttle den Kopf. Ein Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht, bevor ich es stoppen kann. „Danke für die Motivationsrede, Coach. Echt inspirierend.“

„Jederzeit“, murmelt sie mit vollem Mund. Als hätte ich nicht gerade ein Stück meiner Seele entblößt und sie es nicht gerade mit einem Witz und einem Löffel wieder geflickt.

Das ist Jules. Sie serviert keine falsche Hoffnung. Sie sagt mir nicht, dass alles gut wird, wenn sie genau weiß, dass meine Familie mich immer wie das schwarze Schaf behandeln wird. Für sie bin ich der Irre, der zum Zirkus abgehauen ist. Sie beleidigt mich nicht mit diesem „Die kriegen sich schon wieder ein“-Scheiß. Sie kennt die Wahrheit: Werden sie nicht. Sie haben zu viel Ruf und zu wenig Rückgrat. Sie spenden lieber Millionen an eine Wohltätigkeitsorganisation in Ghana, als sich fünf Minuten die Welt durch meine Linse anzusehen. Sie polieren ihr Image auf, während meines verstaubt.

Für sie bin ich ein Fleck. Eine Peinlichkeit mit einem guten Auge und einer miesen Einstellung. Ein Versager in Sohn-Gestalt, den man auf Galas lieber verschweigt.

Aber Jules? Jules sieht mich. Nicht die kaputten Stellen, nicht das verschwendete Potenzial. Das ist zwar da, aber sie sieht darüber hinweg. Sie sieht direkt hindurch. Sie sagt mir von Anfang an die Meinung. Sie lässt mich nie zu tief fallen, ohne mir dazwischenzufunken. Sie ist wie ein fluchender, in Whisky getränkter Anker. Sie bewahrt mich davor, direkt in meinen eigenen Abgrund zu driften.

Und das ist die verdammte Wahrheit. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich schon lange weg vom Fenster.

Und verdammt noch mal, ich glaube, sie weiß das.

„Lässt du mich mal sehen, was du bisher hast?“, fragt sie. Sie reißt mich aus meiner depressiven Gedankenspirale heraus. Sie ist es gewohnt, meinen Dreck wegzuräumen. Jules weiß immer, wann sie mich vom Abgrund zurückholen muss. Meistens mit Sarkasmus und Flüchen, niemals mit Mitleid. Gott sei Dank.

„Irgendwann“, murmle ich. Ich lasse den Kopf gegen das Sofa sinken, als wollte ich darin verschwinden. „Wenn es nicht mehr total beschissen ist.“

„Matt, du bist so eine verdammte Drama-Queen“, sagt sie. Ihr Lachen sprudelt aus ihr heraus. Es ist hell und scharf, wie ein kurzer, starker Schnaps. Es klingt mühelos, aber ich weiß genau, dass es Jahre voller Herzschmerz und Scheiße gebraucht hat, um diesen Sound aus sich herauszumeißeln. „Es ist Fotografie, keine Herztransplantation. Keiner stirbt, wenn dein Bildausschnitt nicht perfekt ist.“

„Danke dafür, Jules. Dein Mitgefühl ist echt grenzenlos.“

„Hey, ich sag ja nur: Tu nicht so, als wäre dein Objektiv der Schlüssel zum Weltfrieden. Du wirst es schon hinkriegen. Das tust du immer.“

Und einfach so – ohne langes Gequatsche oder Händchenhalten – nimmt sie die Last von meiner Brust. Gerade so viel, dass ich wieder atmen kann. Sie schönt nichts. Sie verhätschelt mich nicht. Aber irgendwie sorgt sie dafür, dass der Berg vor mir eher wie ein kleiner Hügel aussieht. Vielleicht werde ich doch nicht vor einem Raum voller hochnäsiger Kunstschnösel versagen.

Das ist Jules. Sie bringt meine Probleme nicht in Ordnung. Sie sorgt nur dafür, dass sie weniger wehtun.

„Wie läuft’s in der Corporate-Hölle?“, frage ich. Die Worte schmecken wie Asche. Schon das Reden über ihren Job löst bei mir Juckreiz aus. Anzüge, Kreiswichsen im Konferenzraum, Arschkriecher-Manager mit Egos so groß wie ihre Aktienportfolios. Das ist genau die Welt, aus der ich mich mühsam befreit habe. Aber sie blüht darin auf. Als wäre sie genau für dieses Schlachtfeld geschliffen worden.

„Wie immer“, sagt sie und zuckt so locker mit den Schultern, dass es fast kriminell ist. Als wäre das Jonglieren mit Haien im Blazer einfach nur ein ganz normaler Dienstag. „Ich habe da aber bald dieses Event. Abendgarderobe, so eine Business-Schleim-Veranstaltung. Alleine aufzukreuzen ist da nicht so gut.“

Ich schnaube und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Du? Du brauchst eine Begleitung? Was ist mit all den steifen Business-Fuckboys, die darum betteln, dir die Stiefel küssen zu dürfen?“

„Leck mich“, sagt sie und schießt mit dem Finger einen Klecks Eis nach mir. Er klatscht nass auf das Sofakissen zwischen uns. Wie ein schmelzendes „Fick dich“. Sie stöhnt auf. „Verdammt. Das ist deine Schuld.“

„Aha“, sage ich und beobachte, wie sie es mit den Fingern abwischt, klebrig und genervt. „Ich übernehme keine Verantwortung für Milchprodukt-Kollateralschäden.“

„Ich meine es ernst“, sagt sie und leckt sich brummend die Finger ab. „Ich kann da nicht alleine hin. Es ist eines dieser Events – Smoking-Pflicht, Champagner im Arsch, und alle tun so, als wären sie beste Freunde. Dabei überlegen sie sich im Kopf schon, wie sie den anderen am besten beerdigen können.“

„Klingt nach einem verdammten Traum“, murmle ich. Ich strecke meine Beine aus und trete gegen den Couchtisch, nur um etwas zu spüren. „Warum schleppst du nicht einfach einen deiner Firmen-Lakaien mit? Die würden sich in ihren maßgeschneiderten Hosen sicher vor Freude einsauen.“

Sie verdreht so heftig die Augen, dass man es fast hören kann. „Ja, danke, nein. Das Letzte, was ich brauche, ist einer dieser Idioten, die denken, das wäre ein echtes Date. Dann müsste ich die nächsten sechs Monate peinlichen Erektions-SMS und schrägen Blicken ausweichen.“

„Punkt für dich“, sage ich. Ich schnappe mir die halbleere Whiskyflasche vom Tisch und nehme einen ordentlichen Schluck. Flüssige Hitze, rau und ehrlich. Ganz im Gegensatz zu den meisten Leuten, die wir kennen. „Also, was ist der Plan? Mietest du dir einen Gigolo oder was? Ich kann dir einen Link schicken.“

„Fick dich“, lacht sie und haut mir mit dem Löffelrücken gegen den Oberschenkel. „Obwohl das wahrscheinlich weniger nervig wäre, als mit echten Menschen umzugehen. Einer Nutte kann man wenigstens Geld geben, damit sie verdammt noch mal die Fresse hält.“

Ich grinse und schwenke den Whisky in der Flasche, als würde ich darauf anstoßen. „Wohl wahr.“

Sie lehnt sich zurück und fährt sich mit der Hand durch das kurze Haar. Ihr Gesicht wird vom Fernseher beleuchtet. Man sieht ihr eine Müdigkeit an, die selbst ihre harte Schale nicht ganz verbergen kann. Aber sie beschwert sich nicht. Sie jammert nicht. Sie sagt nur: „Keine Ahnung. Ich lass mir was einfallen.“ Als wäre es nichts. Als würde sie nicht ganz allein in einer Welt kämpfen, die Frauen nur benutzt und wieder ausspuckt.

Das ist Jules. Immer knietief in der Scheiße, fragt nie nach Hilfe und sieht dabei trotzdem irgendwie so aus, als würde sie gewinnen. Oder zumindest die Stellung halten.

Sie wird es hinkriegen. Das tut sie verdammt noch mal immer.

Ich nehme noch einen Schluck. Der Whisky brennt in der Kehle. Jules beobachtet mich immer noch von der Seite. Als würde sie auf ein Geständnis warten, das ich aus reinem Stolz nicht ablegen will. Als würde ich alles auspacken, wenn sie mich nur lange genug anstarrt. Aber ich habe heute Abend keine Lust auf Seelenstriptease. In der Luft liegt sowieso schon genug ungesagter Mist.

„Also, findest du wirklich niemanden zum Mitschleifen?“, frage ich, nur um das Schweigen zu brechen.

Sie zuckt mit den Schultern und scrollt auf ihrem Handy herum. „Ich brauche keine verdammte Beziehung, Matt“, murmelt sie. „Ich brauche nur jemanden, der warm ist, atmet und gut genug aussieht, um neben mir ein Lächeln zu faken. Vorzugsweise ohne danach zu versuchen, seinen Schwanz in mich reinzustecken.“

„Klingt, als würdest du Leute schon als Requisiten benutzen“, sage ich leise.

Sie wirft mir diesen Blick zu. Den Blick, der Milch sauer werden lässt. Den Blick, der ohne Worte sagt: Halt die Fresse, bevor ich dir die Eier als Entschädigung abnehme. Ich hebe die Hände wie zur Kapitulation, aber ich gebe nicht nach.

„Ich sag ja nur“, fahre ich fort und reize das Glück weiter aus. „Du hättest Besseres verdient, als dich bei so einem Business-Kreiswichsen zu verkleiden. Du bist klüger als all diese koksenden Arschkriecher zusammen.“

Sie sieht auf. Ihre Augen sind scharf wie Rasierklingen. „Ach wirklich? Und was zum Teufel weißt du schon darüber?“

Ich lehne mich zurück. „Ich kenne dich, Jules. Du hast in deinem kleinen Finger mehr Hirn als die Hälfte dieser Anzugträger, die sich gegenseitig für Aktienoptionen einen runterholen. Du musst nicht die hübsche Begleitung bei irgendeiner Orgie der Eitelkeiten spielen, nur um den Schein zu wahren.“

Ihr Kiefer mahlt. Sie presst die Zähne zusammen, als würde sie jede Beleidigung herunterschlucken. Dann lacht sie. Nicht dieses schöne, warme Lachen. Nein. Dieses hier ist verdammt bitter. Trocken. So lachen Leute, die einmal zu oft enttäuscht wurden.

„Danke für den TED-Talk, Coach Brandt“, sagt sie kühl. „Aber ich bin bisher ganz gut ohne deine Ratschläge klargekommen. Du musst dir keine Sorgen um mich machen.“

Schwachsinn. Sie schleppt mehr mit sich herum, als sie zugibt. Das hat sie schon immer. Ich sehe die Risse, auch wenn sie es nicht wahrhaben will. Ich weiß, wie viel von sich selbst sie hinter diesem Bild der unnahbaren Geschäftsfrau versteckt. Nur damit die Welt nicht merkt, wie sehr sie eigentlich blutet.

Aber ich sage das nicht. Ich bin ja kein Vollidiot. Also lasse ich das Schweigen wieder wirken. Es ist dick, schwer und viel zu vertraut.

Nach einem Moment lenke ich uns in ruhigeres Fahrwasser. „Also, gehst du jetzt alleine hin?“

Sie ist jetzt leiser. Ihre Stimme klingt weicher. „Vielleicht. Oder vielleicht schleppe ich deinen sturen Arsch einfach mit. Damit du mit mir den überteuerten Wein und das peinliche Gelaber ertragen musst.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schnaube. „Ich soll was? Dein Date spielen? Auf gar keinen Fall.“

Sie grinst. Ihr Mundwinkel zuckt nach oben. „Warum nicht? Du hast das Gesicht dafür. Wenn du dir Mühe gibst, siehst du sogar ganz passabel aus. Zieh einen Anzug an, tu so, als würdest du Menschen mögen, und ich lass dich für einen Abend sogar ‚Babe‘ zu mir sagen.“

„Vergiss es“, knurre ich, obwohl ich mir ein halbes Lachen nicht verkneifen kann. Die Vorstellung ist lächerlich. Ich, in einem Raum voller eiskalter Karrieristen. Ich, wie ich mit Sektglas in der Hand falsch grinse und nach teurem Parfüm stinke. Das ist, als würde man einen Wolf bitten, sich unter eine Herde Pudel zu mischen.

Ich starre sie an und lasse meine Knöchel knacken. „Auf gar keinen Fall ziehe ich einen Anzug an. Nicht für dich und für sonst auch niemanden. Selbst wenn du mich mit Blowjobs und Bourbon bezahlst, ist mir das scheißegal.“

Sie verdreht die Augen so hart, dass ich schwören könnte, es knacken zu hören. „Ich mache dir keinen Heiratsantrag, du Vollidiot. Es geht um eine einzige verdammte Nacht. Tu einfach so, als wärst du kein totaler menschenfeindlicher Scheißhaufen.“

„Eine Nacht in der Hölle ist immer noch die Hölle“, murmle ich und leere den Rest der Flasche. Das Brennen fühlt sich gut an und holt mich runter. „Außerdem holt sich die halbe Firma einen darauf runter, mal mit dir gesehen zu werden. Such dir einen von denen aus. Lass mich einfach zu Hause in Ruhe vor mich hin rotten.“

Sie schnaubt verächtlich. „Ja, klar. Nichts klingt besser, als mich von einem geilen Kollegen begleiten zu lassen. Die denken doch alle, ein Abendessen und ein Tanz bedeuten, dass ich den Ehevertrag mit meiner Pussy unterschreibe. Nein danke.“

„Punkt für dich“, gebe ich zu. „Und was ist der Plan? Nimmst du eine Schaufensterpuppe mit? Oder suchst du dir jemanden bei Craigslist, der lächeln kann und sich vor dem CEO nicht in die Hose scheißt?“

Jules lacht leise. „Ganz ehrlich? Das wäre wohl einfacher. Eine Puppe würde wenigstens nicht versuchen, mir alle fünf verdammten Sekunden ‚aus Versehen‘ an den Arsch zu fassen.“

Ich schüttle grinsend den Kopf. „Du? Verzweifelt? Niemals. Du hast mehr Auswahl als ein verdammter Verkaufsautomat, Jules. Du bist einfach nur zu wählerisch, um dich mit einem von denen abzugeben.“

Sie wirft ihren Löffel nach mir – schon wieder. „Fick dich.“

„Nicht heute Nacht“, schieße ich grinsend zurück.

„Aber mal im Ernst“, sagt sie und setzt sich aufrechter hin. Sie leckt sich den letzten Rest Eis vom Mundwinkel. Das hilft meiner Konzentration absolut nicht. „Es geht nicht darum, dass ich jemanden brauche. Das ist mir scheißegal. Ich will nur diesen Abend überstehen, ohne dass mich irgendein schleimiger Chef wie ein Dessert anglotzt.“

„Dann geh allein“, sage ich und lehne mich vor, die Ellbogen auf den Knien. „Marschier da rein, als würde dir der Laden gehören. Was er ja eigentlich auch tut. Und wehe, einer dieser überbezahlten Schlappschwänze traut sich, was zu sagen.“

Sie zieht eine Augenbraue hoch und schenkt mir diesen typischen Jules-Blick. Den Blick, der sagt, dass ich wahnsinnig, aber unterhaltsam bin. „Klar. Ich tauche allein auf und werde sofort das Thema von zehn passiv-aggressiven Lästereien. ‚Geht es ihr gut?‘ ‚Glaubst du, sie ist labil?‘ ‚Vielleicht kann man mit ihr einfach nicht arbeiten.‘ Verdammt noch mal, nein.“

„Na gut, dann steh dazu. Akzeptiere das Psycho-Image. Streue mit Absicht Gerüchte. Geh mit blutrotem Lippenstift und einem Springmesser in der Tasche rein. Scheiß auf ihre Erwartungen. Lass den Laden metaphorisch in die Luft fliegen.“

Sie kichert und schüttelt den Kopf. „Du bist eine verdammte Katastrophe.“

„Ich weiß“, sage ich und lasse mich wie der müdeste Versager der Welt zurück ins Sofa fallen. „Aber deshalb liebst du mich ja.“

Sie antwortet nicht sofort. Sie grinst nur, langsam und ein bisschen gefährlich. „Träum weiter, Kameratyp.“

Vielleicht tue ich das ja wirklich.

Sie steht auf und streckt die Arme über den Kopf, als gehöre ihr das ganze verdammte Zimmer. Vielleicht tut es das auch. Sie bewegt sich so langsam und geschmeidig wie eine Katze. Sie weiß genau, wie gut sie aussieht und welches Chaos sie anrichtet, ohne es zu versuchen. Ihr Shirt rutscht gerade so weit hoch, dass man diesen perfekten Streifen Haut sieht. Und verdammt, das trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Dieser flache Bauch, der Schwung ihres Rückens und wie die Shorts an ihrem Arsch kleben – das ist einfach zu viel für mich.

Und ja, ich starre sie verdammt noch mal an.

Wie könnte ich auch nicht? Jules ist verdammt hübsch auf diese mühelose Art. Sie bettelt nicht um Aufmerksamkeit, sie erzwingt sie einfach. Wie die Schwerkraft. Sie braucht kein Make-up oder einen Push-up-BH. Sie muss sich nicht einmal anstrengen. Sie läuft in einem ollen T-Shirt und Unterwäsche herum und sieht trotzdem aus wie aus einem versauten Traum. Und das Schlimmste? Sie weiß es. Die Ziege weiß genau, was sie mit mir macht, auch wenn sie so tut, als merke sie nichts.

Manchmal frage ich mich, ob ich jemals eine Chance hatte. Vielleicht ganz am Anfang, bevor ich alles mit Alkohol und Selbsthass an die Wand gefahren habe. Es gab sicher ein Zeitfenster, eine echte Chance auf etwas anderes. Aber ich habe es versaut. Wie immer. Ich habe meine Chance in Whiskey ertränkt und bin vollgekotzt auf dem Boden eingepennt. Und sie saß neben mir und hat aufgepasst, dass ich nicht an meinem eigenen erbärmlichen Versagen verrecke.

Verdammt, warum musste ich in der Nacht so viel saufen?

Sie war direkt vor mir. Sie wollte. Sie war interessiert. Ich konnte es damals in ihren Augen sehen. Und ich habe es ruiniert. Ich habe es unter einem Berg aus Problemen und verschwendetem Potenzial begraben. Da war diese eine Frau, die mich genau so sah, wie ich war, und nicht weggerannt ist – und ich habe es verbockt. Vielleicht hätte ein Fick in dieser Nacht alles kaputt gemacht. Vielleicht wäre es zu viel gewesen und wir wären ausgebrannt, bevor es richtig angefangen hätte. Vielleicht wäre sie am nächsten Tag mit diesem kalten Lächeln gegangen und ich wäre nur eine blasse Erinnerung.

Aber vielleicht auch nicht.

Vielleicht hätte es etwas Echtes werden können. Etwas ohne Reue und ohne diese stillen, whiskeygetränkten Nächte. Nächte, in denen ich sie anstarre und mich frage, was wir hier eigentlich machen.

Sie dreht sich um und geht Richtung Schlafzimmer. Aber sie wirft noch einen Blick über die Schulter. Nur ein kurzes Nicken, ihre Augen treffen meine mit diesem Funken, der mir einen Schauer über den Rücken jagt. „Ich geh schlafen“, sagt sie ganz locker. Als hätte sie mir nicht gerade mit ihrer bloßen Existenz in die Eier getreten. „Die Konzernhölle ruft früh.“

Ich grunze und rutsche auf dem Sofa hin und her. Ich unterdrücke den Drang, etwas zu sagen, was alles noch schlimmer macht. „Ja, klar. Viel Spaß im Land der falschen Lächeln und Schwanzvergleiche. Ich bleib hier, hol mir einen auf meine Lebenskrise runter und tu so, als würde meine Kamera mich glücklich machen.“

Sie sagt kein Wort mehr. Sie lächelt nur kurz – fast wie eine Herausforderung – und verschwindet in ihrem Zimmer. Die Tür knallt nicht. Sie fällt einfach nur ins Schloss. Leise. Endgültig.

Und ich bleibe wieder allein zurück. Alles, was bleibt, ist ihr Lachen und meine Gedanken, die ich nicht abstellen kann. Die Flasche in meiner Hand ist halb leer und scheint mich auszulachen. Die Stille im Raum drückt so schwer auf mich wie ein Grabstein.

Ich nehme noch einen großen Schluck Whiskey. Das Brennen im Hals fühlt sich wie eine Strafe an. Vielleicht höre ich auf, an ihren Blick über die Schulter zu denken, wenn ich genug trinke. An diese perfekte Kurve ihrer Hüfte und wie sie meinen Namen ausspricht.

Aber ich weiß es besser.

Jules ist wie ein Feuer, an dem ich mir schon viel zu lange die Finger verbrenne. Und ich bin sowieso schon total verkohlt.

Mann, ich brauche einfach nur einen guten, dreckigen Fick. Keine süße Knutscherei. Kein braves Geplänkel, bei dem sie stöhnt, als würde sie für einen Pornos für Kirchenmütter vorsprechen. Ich brauche es roh. Hässlich. Verschwitzte Haut, Krallen im Rücken, verweinte Küsse und eine heisere Kehle, weil sie meinen verdammten Namen schreit. Ich will jemanden so richtig fertigmachen – so dass sie am Ende lächelnd und am Ende ihrer Kräfte da liegt. Mit zitternden Beinen und verschmiertem Make-up. So dass sie mich anbettelt, sie wieder eine kleine Spermaschlampe zu nennen, als wäre das ein Kompliment.

Ich will mich so tief in jemandem vergraben, dass die restliche Welt einfach verschwindet. Nur eine Nacht, in der alles aufhört – keine Schuldgefühle, kein Druck, kein ewiges Nachdenken. Nur zwei Körper, die aufeinanderprallen, als wollten wir die Welt aus den Angeln heben.

Aber sind wir ehrlich – Jules? Jules ist viel zu gut für so einen Scheiß. Oder das ist zumindest die Lüge, die ich mir selbst erzähle. Jedes Mal, wenn ich sie ansehe und mein Instinkt ganz laut Meins schreit. Sie ist so diszipliniert, so kontrolliert und undurchschaubar. Sie ist die Sorte Frau, die nie die Fassung verliert und der Welt keine einzige Schwäche zeigt. Alles an ihr ist berechnend und scharf. Ihr Lachen, ihre Haltung, wie sie Leuten sagt, sie sollen sich verpissen, ohne laut zu werden – das ist alles ihr Panzer. Alles sauber und kontrolliert.

Sie ist nicht das Mädchen, das darauf steht, als dreckige kleine Hure bezeichnet zu werden, während ihr der Sabber vom Kinn läuft und ihre Knie auf dem Boden aufschlagen.

... Oder?

Scheiße. Ich weiß es gar nicht. Vielleicht ist sie ja so. Vielleicht würde sie diesen dreckigen, abartigen Scheiß lieben. Vielleicht gibt es eine Seite an ihr, die ich nie gesehen habe, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, nichts kaputt zu machen. Aber ich habe es ja schon einmal versaut. Diese eine Nacht hat mich meine Chance gekostet. In dem Moment, als ich einpennte, anstatt ihr die Kleider vom Leib zu reißen, war die Gelegenheit weg. Als hätte sie nie existiert.

Und jetzt? Jetzt ist sie meine beste verdammte Freundin. Mein Anker im Chaos. Die einzige Person, die mich nicht wie einen Defekten behandelt. Der einzige Mensch, dem ich vertraue. Und ich habe unsere ganze Freundschaft darauf aufgebaut, diese eine verdammte Grenze nicht zu überschreiten.

Warum zur Hölle denke ich dann also darüber nach, sie über die Küchentheke zu biegen und zuzusehen, wie sie die Kontrolle verliert?

Ich schüttle heftig den Kopf, und der Raum schwankt ein bisschen. Ein Zeichen, dass ich genug getrunken habe. Aber das hält mich nicht auf. Ich greife wieder nach der Flasche und trinke direkt aus dem Hals. Es brennt im Rachen. Das alte Gift.

Ich weiß nicht, warum ich mich mit diesen Gedanken selbst foltere. Wahrscheinlich bin ich einfach ein verdammter Vollidiot. Das war ich wohl schon immer. Es ist einfacher, sich in Fantasien zu verlieren, als sich der Realität zu stellen. Der Tatsache, dass ich allein bin und die einzige Verbindung, die ich noch nicht verbrannt habe, nicht anzurühren wage.

Sie ist meine beste Freundin. Damit sollte das Thema erledigt sein.

Aber das ist es nicht. Denn jedes Mal, wenn sie in diesen kurzen Shorts rumläuft, spüre ich es. Jedes Mal, wenn sie in der Küche an mir vorbeistreift und ihre nackte Haut meine berührt, spüre ich es. Jedes Mal, wenn sie sich neben mich auf das Sofa fläzt und ihr Ausschnitt locker sitzt – ich spüre es verdammt noch mal. Und ich hasse mich dafür.

Vielleicht ist es besser, wenn alles so bleibt, wie es ist. Sicher. Vertraut. Unkompliziert. Ich will nicht alles gegen die Wand fahren, nur weil ich meinen Schwanz nicht in der Hose behalten kann, wenn die einzige Person in der Nähe ist, der ich wirklich wichtig bin.

Ich nehme noch einen Schluck. Der Whiskey soll das Gedankenkarussell stoppen. Was ich brauche – was ich wirklich brauche – ist irgendein fremdes Mädel. Ein dreckiger, gesichtsloser Fick mit jemandem, der bereit dazu ist. Jemand, der meine Vergangenheit nicht kennt. Jemand, dem es scheißegal ist, wer ich bin oder woran ich gescheitert bin. Nur ein warmer Körper, ein offener Mund und eine ordentliche Portion Versautheit. Ohne Verpflichtungen. Ohne Verstellen. Ohne Illusionen. Nur roher, gegenseitiger Exzess.

Aber das ist auch nur eine verdammte Fantasie. Denn selbst die, die sagen, sie stünden auf so einen Scheiß – die die Klappe weit aufreißen mit „Würg mich“ oder „Mach es hart“ – die knicken doch ein, wenn man es wirklich durchzieht. Ein geflüstertes „Du magst es, meine Spermaschlampe zu sein, oder?“ und plötzlich krallen sie sich ins Laken, als hätte ich sie schwer beleidigt. Es ist alles nur Rollenspiel, bis es ernst wird. Dann fallen sie in sich zusammen wie ein nasser Pappkarton.

Ich lehne mich im Sofa zurück, das alte Leder knarrt unter mir. Ich starre an die Decke, als gäbe es dort irgendeine Erleuchtung. Aber da ist nur Trockenbau und Schatten. Wie bei allem um mich herum. Falsch, hohl und ermüdend.

Ich nehme noch einen Schluck. Er liegt schwer im Magen. Gott, ich muss aus dieser Abwärtsspirale raus. Ich muss aufhören, an sie zu denken. Aber je mehr ich es versuche, desto tiefer sinke ich.

Und das Schlimmste daran?

Ich weiß, dass sie morgen früh wieder hier rauskommt, verschlafen und siegessicher. Sie wird mich fragen, ob ich den letzten Kaffee getrunken habe. Und ich werde wieder genau am selben verdammten Punkt stehen – ich werde sie beobachten, mich nach ihr sehnen und so tun, als wäre mir das alles egal.

Verdammte Scheiße.