Prolog
Ich träume nie.
Fucking nie. Und wenn doch, dann will ich mich nicht daran erinnern. Ich bin kein Träumer. War ich nie. Die Realität war hart. Bitter. Ich hatte keine Zeit, mich in Wunschvorstellungen zu verlieren.
Meine Nächte waren leer. Zumindest, wenn ich überhaupt schlief. Keine Bilder, die mich begleiteten. Keine Stimmen, die mir nachhingen. Nur Dunkelheit. Schwer wie Blei. Wie ein Raum ohne Fenster, tief unter der Erde. Tot. Still. So verdammt still.
Bis heute.
Denn heute Nacht... war sie da.
Chiara.
Barfuß gleitet sie durch den Garten meiner Kindheit. Ihre Schritte sind leicht, fast lautlos. Als würde der Boden sie tragen wollen. Die Zitronenbäume blühen – mitten in der Nacht. Ihr Duft mischt sich mit Jasmin, süß und schwer, als hätte der Himmel selbst vergessen, dass er schlafen sollte. Die Luft ist warm. Weich. Wie damals, als die Welt noch keine Zähne hatte.
Ich weiß sofort, dass es nicht real ist. Dass es nur ein Traum sein kann. Denn in meiner Welt blüht nichts mehr. Schon lange nicht.
Sie trägt ein weißes Kleid. Zart wie Nebel, flattert es im Wind – zu hell für den Dreck, der sich an ihre nackten Füße klammert. Jeder Schritt hinterlässt Spuren auf der Erde meiner Erinnerung, doch sie wirkt unberührt. Unantastbar.
Ihr langes, dunkles Haar tanzt im schwachen Licht wie flüssige Tinte, als würde selbst die Dunkelheit davor zurückschrecken, sie zu verschlingen. Als hätte die Nacht vergessen, wie man jemanden wie sie beschmutzt.
Ich stehe da. Bewegungslos. Beobachte sie – wie damals. Als das Leben noch aus Sommerabenden bestand und Hoffnung kein Wort war, das sich wie eine Lüge anfühlte. Als ich noch glaubte, ich könnte retten, was ich zerstöre. Als ihre Augen mich ansahen, als wäre ich mehr als mein Name. Mehr als das Blut an meinen Händen.
Damals, als sie noch an mich glaubte.
Sie dreht sich um. Langsam. Wie in Zeitlupe. Als hätte mein Unterbewusstsein Angst, sie zu schnell wieder zu verlieren.
Und dann lächelt sie. Dieses Lächeln. Unverschlüsselt. Voller Licht. So, wie nur sie es konnte – damals, bevor alles brannte.
„Du schaust mich an, als würdest du mich verlieren“, sagt sie leise.
Und ich will ihr antworten. Will ihr sagen, dass ich sie längst verloren habe. Dass ich nie aufgehört habe, an sie zu denken – selbst in der Dunkelheit, selbst als ich mir eingeredet habe, dass es besser so ist.
Ihre Stimme ist wie Glas – klar, fast durchsichtig. Und zerbrechlich genug, dass jedes falsche Wort sie zersplittern lassen könnte.
Ich will etwas sagen. Irgendwas. Aber meine Kehle ist taub. Trocken wie Schutt nach einem Brand. Die Worte stecken irgendwo zwischen meinen Rippen – dort, wo sie mich verletzt hat. Oder ich sie.
Chiara kommt näher. Kein Geräusch, kein Schatten zwischen uns – nur der Hauch ihrer Bewegung. Dann spüre ich sie. Ihre Fingerspitzen auf meiner Hand. Sanft. Aber ihr Blick – ihr Blick brennt wie Feuer auf nasser Haut.
„Du hast geschworen, dass du auf mich wartest.“
Ihre Worte schneiden tiefer als jede Klinge. Nicht wütend. Nicht klagend. Nur… wahr.
Und plötzlich erinnere ich mich. An das, was ich sagte. An das, was ich nie halten konnte.
Ich will ihr sagen, dass ich es versucht habe. Dass ich jeden gottverdammten Tag auf sie gewartet habe – inmitten von Zigarettenrauch, Lügen und der Stille, die mich auffrisst.
Aber die Welt war zu laut. Zu gierig. Zu voller Schatten, die ihren Namen flüsterten, nur um ihn mir wieder zu entreißen.
Und Schuld… Schuld schreit lauter als Sehnsucht. Sie übertönt alles. Selbst das Herz. Selbst den Namen, den ich nie vergessen habe.
Doch ich sage nichts. Weil die Worte zu spät kommen. Weil meine Lippen sich nicht rühren. Weil das hier – nur ein Traum ist.
Ein verdammter Traum.
Ich kann mich nicht bewegen. Nicht rennen. Nicht schreien. Nicht halten. Ich stehe nur da, während sie zerfällt.
Ihre Finger gleiten von meiner Haut, als hätte ich sie nie wirklich berührt. Ihre Augen – eben noch voller Licht – weiten sich. Nicht aus Angst. Sondern Enttäuschung.
Das Weiß ihres Kleides wird grau. Dann rot. Langsam sickert das Blut durch den Stoff, kriecht wie Tinte auf vergilbtem Papier. Unaufhaltsam.
Ein Schuss zerreißt die Nacht. Dumpf. Brutal. Wie ein Fluch, der ausgesprochen wurde, bevor ich die Chance hatte, ihn zu stoppen.
Ich zucke zusammen. Dann der zweite Schuss.
Ihr Körper zuckt. Nur leicht. Aber ihr Blick – Er ändert sich.
Das Leuchten stirbt. Langsam. Wie eine Kerze, die keiner beschützt hat. Als hätte jemand das Licht in ihr gelöscht.
Keine Tränen. Kein Laut. Nur dieser Moment, in dem ich begreife, dass ich sie wieder verliere.
Und diesmal für immer.
Sie flüstert: „Du warst der Grund, warum ich geblieben bin.“
Dann fällt sie. Langsam. Als hätte selbst der Boden Angst, sie zu berühren.
Und ich falle mit ihr. Ohne Aufschlag. Nur Dunkelheit, Schuld und der Geschmack von etwas, das zu spät kommt.
Ich schrecke hoch.
Der Raum ist kalt. Meine Kehle brennt, als hätte ich Asche geschluckt. Es dauert ein paar Sekunden, bis mein Gehirn begreift, dass ich allein bin. Dass mein Herz rast, aber niemand geschossen hat.
Nur ein Traum. Wieder einer von denen.
Meine Hand greift automatisch zur Seite. Die Pistole liegt neben mir auf dem Sofa – entsichert. So viel zum Thema innerer Frieden.
Ich habe wieder mit ihr geschlafen. Nicht mit ihr. Mit der Waffe. Meiner Konstante. Dem Einzigen, das nachts nicht verschwindet.
Die Jalousien zittern im Wind. Draußen schlägt irgendwo eine Tür. Ein dumpfer Aufprall – wie ein Echo aus der Erinnerung.
Ich ziehe mir die Hände übers Gesicht. Fest. Als könnte ich sie aus meinen Augen reiben. Aus meiner Haut. Aus meinem Blut.
Aber sie ist da. Noch immer. Hinter den Lidern. Zwischen den Rippen. In diesem verdammten Zitronengarten.
Chiara.
Ich flüstere ihren Namen nicht. Ich denke ihn nicht mal laut. Ich lasse ihn nur… da sein. Wie eine Narbe, die bei Wetterwechsel schmerzt.
Ich habe seit sieben Jahren nicht mehr von ihr geträumt.
Nicht so. Nicht so echt.
Ich dachte, sie sei weg. Ausgelöscht, wie alles andere. Begraben unter Schuld und all dem, was danach kam.
Aber vielleicht war sie nie wirklich fort. Vielleicht hat sie nur geschwiegen. Wie alles in mir, das weich war.
Vielleicht war sie nur… still.
Bis jetzt.
Denn wenn sie in meine Welt zurückkehrt, geht nichts in Flammen auf.
Ich. Brenne.