zu viele Männer - zu wenig Wein
Kapitel 1 | zu viele Männer - zu wenig Wein
Maisie Blake
Ich laufe jetzt schon bestimmt seit zehn Minuten die Gänge auf und ab. Der Plan war es eigentlich, Snacks zu kaufen und so schnell wie möglich wieder unter meine Decke zu kriechen – aber wenn man schon mal unterwegs ist … ein kleiner Abstecher in die Weinabteilung kann nicht schaden. Vorausgesetzt, man findet sie.
Während meine beiden Leidensgenossinnen das Abendessen vorbereiten, bin ich auf der Jagd nach Snacks und – neuerdings – auch Wein. Beides sorgt bekanntlich für bessere Laune. Und davon brauche ich dringend eine Portion. Die letzten Tage waren eine Achterbahnfahrt der Extraklasse. Keine spaßige mit Loopings, sondern die Sorte, bei der man nur hofft, dass einem nicht schlecht wird. Alles, was ich will, ist ein ruhiger Abend, gutes Essen, gute Unterhaltung – und am Ende eine ordentliche Mütze Schlaf.
Als ich endlich alles gefunden habe, was mein Herz begehrt, laufe ich zur Kasse. Dort lege ich meinen Einkauf aufs Band: drei Weinflaschen und zwei Packungen gesalzene Kartoffelchips. Könnte schlimmer sein, wenn ihr mich fragt.
Der Kassierer – ein Teenager mit blond gefärbten Haaren und einem Lippenpiercing – schaut mich an, während er langsam meine Einkäufe über das Band zieht. Ich lächle ihn gezwungen an, wende meinen Blick aber schnell wieder ab. Der Kleine ist ein wenig gruselig, aber wahrscheinlich denkt er dasselbe über mich. Verübeln kann ich es ihm nicht: Seit zwei Tagen trage ich dasselbe Outfit – eine graue Jogginghose und einen übergroßen Tweety-Pullover. Mein unordentlicher Dutt vervollständigt das Kunstwerk namens Maisie. Shame on me. Aber ich darf das. Schließlich habe ich gerade eine Trennung hinter mir. Trotzig schaue ich dem Kleinen noch einmal in die schwarzen Augen. Der hat doch bestimmt Kontaktlinsen – so dunkle Augen hat doch niemand.
Minuten später ist alles bezahlt und in meinem pinken Jutebeutel verstaut. Endlich kann ich mich wieder auf den Weg zu meinem Bett machen. Keine Sorge, wir sind gleich wieder vereint.
Wenn meine Mutter mich jetzt sehen würde … Ich kann ihre Stimme schon hören: „Du kannst überall deinen Zukünftigen treffen. So kannst du doch nicht vor die Tür.“ Zumindest hätte sie das früher gesagt, bevor ich mich verlobt habe. Blöd nur, dass ich es nicht mehr bin.
Ich verlasse den Supermarkt und eile über die Straße, um unser Apartmenthaus zu erreichen. Im ersten Stock wohnt Miss Peterson. Da sie öfter ihren Schlüssel verliert, schließen wir die Eingangstür nur selten ab. Ziemlich gefährlich, wenn ich so darüber nachdenke.
Gerade als ich eintreten will, bekomme ich eine Nachricht von meinem Bruder Noah: „Hey Maisie, es tut mir echt leid, es ist mir so rausgerutscht. Ich mach es wieder gut.“ Ich runzle die Stirn. Rausgerutscht? Bevor ich überhaupt tippen kann, klingelt es erneut. „Achtung MOM“ ploppt auf dem Display auf. Ich bring ihn um.
Ohne groß zu überlegen, drücke ich den roten Knopf. Tut mir leid, Mutter, aber heute kann ich dich nicht ertragen – so sehr ich dich auch liebe. Natürlich plagt mich sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so schamlos weggedrückt habe. Und naja … auch, weil ich sie seit über zwei Wochen ignoriere.
Bevor sie es erneut versucht – und das wird sie – tippe ich schnell eine Nachricht:
Hey Mom, ich kann gerade nicht telefonieren. Ruf dich später an. Hab dich lieb, deine verantwortungsvolle Tochter :)
Ihre Antwort kommt schneller als gedacht, noch bevor ich oben im Stockwerk ankomme:
Hallo meine verantwortungsvolle Tochter, wann genau wolltest du Verantwortung übernehmen und deinen Eltern die Veränderungen in deinem Leben mitteilen? Dein Vater und ich kommen in zwei Wochen zu Besuch – ohne Wenn und Aber – und reden persönlich über alles. Wir erwarten, dass Doug auch dabei ist. Hab dich lieb, deine stinkwütende Mutter.
Ich bin so am Arsch. Seit der Trennung habe ich es geschafft, meinen Eltern aus dem Weg zu gehen. Ich wusste, früher oder später muss ich ihnen davon erzählen. Aber ich habe auf den perfekten Moment gewartet. Einen Moment, der schreit: Maisie braucht keinen Mann, sie hat alles im Griff und die Trennung war eine gute Idee. Nur leider ist dieser Moment nicht gekommen. Warum? Weil ich selbst nicht weiß, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich fühle mich nicht wie die starke 27-Jährige, die ich sein sollte, sondern eher wie eine 16-jährige Göre.
In diesem Gefühlschaos wollte ich meinen Eltern nicht begegnen. Und jetzt stehen sie in zwei Wochen vor meiner Haustür. Genau vor der Tür, vor der ich gerade stehe und versuche, sie zu öffnen. Ich versuche die langsam hochkriechende Panik zu unterdrücken und mich zusammenzureißen. Manchmal klappt es, manchmal nicht – und jetzt gerade eben nicht. Das Gefühl frisst sich in mich hinein, mein Herz pocht in meiner Brust. Der Gedanke, dass meine Eltern in zwei Wochen genau da stehen werden, wo ich jetzt stehe, löst in mir einen Fluchtinstinkt aus.
Während ich Atemübungen mache und versuche, nicht die Nerven zu verlieren, scheitere ich kläglich daran, unsere Haustür zu öffnen. Unser Schloss ist eigen – oder wie andere sagen würden: alt. Dreht man den Schlüssel nicht im richtigen Winkel, klemmt er fest und lässt sich ohne Gewalt nicht lösen. So wie jetzt. Natürlich. Heute ist wirklich nicht mein Tag. Am liebsten würde ich mich hinhocken und den Wein direkt aus der Flasche trinken. Klar, Alkohol hilft mir nicht bei meinen Problemen. Aber um Himmels willen – ein paar Stunden abschalten, ist das zu viel verlangt?
Ich starre den Hausschlüssel an, als könnte ich ihn mit Blicken umbringen. Leider zeigt er sich unbeeindruckt. Stattdessen öffnet sich eine andere Tür.
„Klemmt der Schlüssel wieder?“ Lukes Stimme hallt durch den Flur.
Ich sehe hoch – er lehnt an seinem Türrahmen. Oberkörperfrei. Nur eine Leinenhose. Lächelnd.
Luke, mein Ritter in Leinenhose.
Für einen Moment stelle ich mir vor, wie er die Tür einfach eintreten könnte. Bestimmt wäre das kein Problem – bei diesem Oberkörper.
„Ich kann dir helfen“, sagt er.
Doch bevor ich antworten kann, reißt jemand anderes die Tür auf.
Josy, meine temperamentvolle Freundin, steht im Türrahmen. Ihr strahlendes Gesicht verwandelt sich sofort in ein Pokerface. Man könnte meinen, sie hat jemanden gesehen, den sie nicht leiden kann. Ach ja – Luke. Mein Kopf schwirrt allmählich. Hier passiert definitiv zu viel und zu schnell. Trotzdem entgeht mir nicht, wie die beiden sich anschauen. Josys Wangen erröten langsam. Kein Kommentar.
„Von einem Dieb braucht sie ganz sicher keine Hilfe.“ Ihre Stimme zittert vor Wut. Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht zu lachen.
Eine Sekunde später zieht sie mich in die Wohnung und knallt die Tür zu – der Schlüssel steckt noch. Interessiert sie herzlich wenig. Ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen. Sie wirft mir einen giftigen Blick zu und verdreht die Augen, doch ich sehe genau das Schmunzeln in ihrem Gesicht.
Sie nimmt mir den Jutebeutel ab und läuft in die Küche, während ich ihr hinterherdackele wie ein Küken seiner Entenmama. Eine sehr wütende, nörgelnde Entenmama, wohlgemerkt.
Josy hatte schon immer ein lautes Organ – ihre Stimme übertönt sogar Sofias italienische Musik. Und das will was heißen.
Es gibt nur drei Gründe, warum Josy Bennet Bluthochdruck bekommt:
1.Langsame Autofahrer
2.Menschen, die ungefragt zu viel reden
3.Luke
Und wer hätte es gedacht – alle drei Punkte treffen auf unseren heißen, reichen und alleinstehenden Nachbarn zu. Wobei ich denke, Punkt 1 macht er absichtlich, nur um sie zu ärgern.
Am Küchentisch sitzen Josy und Sofia schon, beide mit ernster Miene. „Maisie, du gibst mir doch recht, Luke ist ein Dieb und ein schnöseliger Fuckboy.“
Ich zucke mit den Schultern, seufze und setze mich dazu. Meine Hand greift zu meiner Eroberung auf dem Tisch. Ich öffne die Flasche – zum Glück kein Korken – und schenke mir ein Glas ein. Während die beiden sich darüber streiten, ob Luke mehr schnöselig oder mehr Fuckboy ist, trinke ich mein Glas leer und schenke mir gleich noch eins ein. Plötzlich starren mich zwei Augenpaare an.
„Was ist los?“, fragt Sofia vorsichtig.
Ich lege das Glas ab. „Noah hat es meinen Eltern verraten.“
Stille. Dann im Chor: „Fuck.“
Ich nicke und nehme noch einen Schluck.
Josy steht auf, holt zwei Weingläser für sich und Sofia und stellt sie auf den Tisch. Dann füllt sie unsere Teller mit dem Abendessen – Trüffelpasta. Erst als wir alle sitzen, richtet sich Sofias Blick auf mich. „Und wie geht’s dir damit?“ Ihr Blick ist weich, und mir wird warm ums Herz.
Ich zucke. „Panik, klar. Aber es musste irgendwann raus. Es war längst überfällig.“
„Wenn du reden willst … wir sind da.“ Josy nuschelt das mit vollem Mund, und ich muss lachen.
„Ich weiß. Danke.“ Ich sehe von einer zur anderen und hebe mein Glas. „Aber jetzt: ein anderes Thema. Jo – was läuft zwischen dir und unserem Hotti?“
Sofia grinst, und wir beide schauen zu unserer Freundin. Josy wird so rot wie der Wein vor ihr. Sie schaut uns wütend an, während sie das Glas hebt und einen großen Schluck nimmt.
Sofia und ich brechen in Gelächter aus.
Ich könnte mir keinen besseren Abend wünschen. Meine Mädels, Pasta, Wein. Für ein paar Stunden reicht das völlig.