Prolog
Sicht aus der dritten Person
Der Himmel grollte vor Gewitter. Ein heftiger Sturm riss alles mit sich fort. Der Regen peitschte wütend herab und bildete Pfützen in den Straßen. Auf den Wegen herrschte eine unheimliche Stille.
Jeder war bereits zu Hause, da die Regierung schon am Vortag Alarmstufe Rot ausgegeben hatte, um niemanden nach draußen zu lassen.
Es war Mitternacht. Der Mond war nirgends zu sehen – er verbarg sich hinter dunklen Wolken.
Eine dunkle Gestalt lief ziellos umher.
Ein alter Mann, der in sein kleines Haus eilen wollte, blieb abrupt stehen. Seine Frau schrie ihn von drinnen an, er solle sich beeilen.
„Hey, junger Mann! Lauf nicht bei diesem Wetter draußen herum! Willst du einen Regenschirm?“ Er rief es laut, doch das Geräusch des Regens verschluckte seine Stimme.
Er war sich jedoch sicher, dass der Junge ihn gehört hatte.
Denn er drehte sich um und sah aus der Entfernung direkt zu ihm herüber.
Ein weiterer Donnerschlag hallte durch die Nacht.
Das Gesicht des Jungen, das unter seiner schwarzen Kapuze verborgen war, wurde für einen Moment vom Blitz erhellt, bevor wieder alles in Dunkelheit versank.
Der alte Mann kniff die Augen zusammen und wartete auf eine Reaktion, aber es kam nichts, als der Junge einfach weiterlief. Ein weiterer Blitz zuckte, und seine Augen erkannten ein ‚Z‘, das auf den Rücken des Jungen geschrieben stand.
„Die Jugend von heute“, brummte er, bevor er ins Haus ging.
Unterdessen lief der Junge weiter.
Die Kapuze klebte an seinem nassen Körper; seine Augen waren auf seine Schritte gerichtet, während das Wasser unter seinen Füßen spritzte.
Sein Handy in der Tasche klingelte, aber er ignorierte es.
Der Regen wurde nur noch heftiger.
Seine Füße trugen ihn in einen etwas helleren Bereich.
Er sah auf.
Er kniff unter der Kapuze die Augen zusammen, als eine schlanke Jungengestalt auftauchte.
Er rannte. Direkt auf ihn zu. Doch seine Aufmerksamkeit galt nur seinem Handy, das er sich ans Ohr hielt.
Der Junge rannte genau in seine Richtung, aber er wich nicht aus. Sein Blick war auf die kaum sichtbare Gestalt fixiert.
Fünf.
Vier.
Drei.
Der Junge rannte immer noch.
Zwei.
„Mama, ich bin fast da –“
Eins.
Der Junge prallte gegen seine Brust.
„Was zur –“
Wieder Donner. Wieder ein Blitz.
Die Augen des Jungen waren haselnussbraun. Seine Wimpern waren feucht. Sein weißes Hemd war durchsichtig und ließ kaum etwas verborgen.
„Es tut mir so leid. Ich habe nicht aufgepasst.“ Er beeilte sich, das zu erklären, ohne ihn richtig anzusehen, und rannte dann weiter.
„Ja, Mama. Mach dir keine Sorgen –“, seine Stimme war jetzt schon so weit weg, dass er den Satz kaum noch hören konnte.
Seine dunklen Augen fielen auf etwas glänzend Metallisches in einer Pfütze aus schmutzigem Wasser.
Seine Finger zuckten.
Er bückte sich, um es aufzuheben.
Ein Schlüsselanhänger.
Eine Puppe mit großen Augen, roten Wangen und roten Lippen hing am Ring des Anhängers. Sie erinnerte ihn an das Gesicht des Jungen … auch wenn er es nur flüchtig gesehen hatte.
Er umschloss den Gegenstand fest mit seiner Faust. Das Metall fühlte sich eiskalt gegen seine taube Handfläche an.
Wie ferngesteuert drehte er sich um und ließ seinen Blick zwischen der Gummipuppe und dem davonrennenden Jungen hin- und herwandern.
Er steckte den Schlüsselanhänger in seine Tasche, bevor er weiterging.