Kapitel 1
Steele-Rudel
Darius – 14 Jahre alt
Etwas war passiert. Etwas völlig Außergewöhnliches riss ihn aus seinem faden Alltag heraus.
Seit vierzehn Jahren war sein Leben immer gleich gewesen. Tag ein, Tag aus änderte sich nichts an der Routine.
Er wachte auf und aß einen faden Brei. Später erfuhr er, dass diese Mischung ihm nur die nötigen Vitamine und Mineralien zum Überleben lieferte. Danach brachte man ihn in den größeren Raum. Der Mann, Lucian, nannte ihn ein Labor. Dort wurde ihm Blut abgenommen. Das geschah in seinem Leben sehr oft.
Anschließend wurde er in sein Zimmer zurückgebracht und bekam ein Buch zum Lesen. Seine Mutter sprach manchmal mit ihm. Doch je älter er wurde, desto schweigsamer und distanzierter wurde sie. Meistens saß sie nur auf dem Bett und starrte die Wand an. Sie hatte sich völlig zurückgezogen. Später lernte er, dass sie unter schweren Depressionen litt, weil sie so lange gefangen gehalten wurde.
Aber das wusste er erst viel später, als er endlich frei war.
In den letzten Tagen sah er, wie Dinge im Labor verschwanden. Die Papiere und Notizbücher lagen früher überall auf einem Tresen herum. Jetzt wurden sie auf ordentliche Stapel gelegt und schließlich ganz weggeschafft.
Die Röhrchen für die Blutabnahmen und andere Vorräte waren weg. Auch das Gestell, in dem sie aufgereiht waren, fehlte. Die Whiteboards voller Notizen waren nun sauber und glänzten hell. Sogar das Mikroskop war verschwunden. Er hätte alles darum gegeben, nur ein einziges Mal hindurchsehen zu dürfen.
Alle Tresen waren jetzt leer und die Oberflächen sauber. Ein starker Geruch erfüllte die Räume. Der scharfe, stechende Gestank brannte in seiner Nase. Er mochte diesen Geruch nicht. Früher hatte er ihn nur manchmal wahrgenommen. Doch in den letzten Tagen war er so stark, dass er fast an den giftigen Dämpfen erstickte.
Seit gestern wurde ihm kein Blut mehr abgenommen. Normalerweise zapfte Lucian ihn dreimal am Tag an und füllte jedes Mal ein Röhrchen mit der dunkelroten Flüssigkeit. Aber in den letzten Tagen passierte das nicht mehr. Der Junge sah ihn kaum noch. Lucian hatte ihm gestern nur ein einziges Röhrchen abgenommen.
Er würde sich jedoch nicht beschweren. Er hasste die Blutabnahmen und das Gefühl der Staubinde, die seinen Arm fest einschnürte. Besonders schlimm war es, als er jünger war. Lucian hatte damals Schwierigkeiten, seine dünnen Venen zu treffen. Er hatte oft blaue Flecken an den Armen, auch wenn sie schnell wieder verheilten. In einem Buch hatte er gelesen, dass man das Hämatome nennt. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.
Er war nicht traurig darüber, dass das alles aufgehört hatte.
Er konnte Lucian jedoch hören. Er bewegte sich, schob Dinge hin und her und ließ Sachen fallen. Es klang nach einem großen Durcheinander. Als er das letzte Mal seine Zelle verlassen durfte, sah er, dass fast alles weg war. Die Tresen waren abgewischt. Der Kühlschrank für die Blutproben war fort. Auch die Fachbücher, in denen er stundenlang gelesen hatte, fehlten.
Das Labor sah völlig anders aus als sonst. Es gab keine Spuren mehr. Der einzige Geruch, den er noch wahrnehmen konnte, war dieser stechende Gestank. Er hasste ihn mittlerweile abgrundtief. Er konnte nicht einmal mehr den Geruch seiner Mutter oder den von Lucian riechen.
Er fragte sich, ob er diesen Geruch jemals wieder aus der Nase bekommen würde. Es fühlte sich an, als bliebe er für immer in seinen Nasenlöchern haften.
Lucian war gestern Abend hereingekommen und hatte seiner Mutter etwas gespritzt. Das war nicht das erste Mal, aber der Junge wusste nicht, was es war. Lucian drehte sich dann um und musterte ihn lange. „Es wird mir wohl noch leidtuen, aber ich kann es nicht tun. Du bist viel zu wertvoll.“ Er sah auf die Spritze in seiner Hand, seufzte und verließ den Raum. Er schloss die Tür hinter sich ab.
Der Junge verstand zuerst nicht, was Lucian damit meinte.
Danach hörte er kein Geräusch mehr von ihm. Es wurde totenstill. Dann merkte er, dass das eine Geräusch fehlte, das ihn immer getröstet hatte: der Herzschlag seiner Mutter.
Der Junge hatte sein ganzes Leben in nur drei Räumen verbracht. Das Zimmer, in dem er mit seiner Mutter lebte, das Labor und ein kleines Bad. Er war noch nie außerhalb dieser Räume gewesen.
Seine Mutter war auch immer da. Entweder im Labor, in ihrem Zimmer oder im Bad. Sie ging nirgendwo anders hin.
Er ging nur ins Labor, um Blut zu spenden. Er hasste die Nadelstiche. Er hatte sich immer gegen Lucian gewehrt. Dieser fing daraufhin an, ihn auf einem Tisch festzuschnallen. Das war ein schweres Trauma für ihn. Er schrie dann immer, bis seine Kehle ganz wund war. Seine Mutter hielt ihn danach fest im Arm, um ihn zu beruhigen.
Ab und zu kam ein alter Mann im Labor vorbei. Meistens sprach er nur mit Lucian. Gelegentlich sah er nach dem Jungen und seiner Mutter. Darius mochte den alten Mann nicht. Irgendetwas an ihm war merkwürdig.
Wenn er in der Nähe war, fühlte sich die Luft immer schwer an. Das gefiel dem Jungen nicht. Eines Tages kam der Alte in ihr kleines Zimmer. Er befahl ihm, mit dem Weinen und Kämpfen aufzuhören, wenn Lucian Blut abnahm. Danach kamen keine Tränen mehr. Der Widerstand in ihm war erloschen. Er saß von da an still auf dem Stuhl. Selbst wenn es wehtat, konnte er sich nicht wehren. Er hielt einfach seinen Arm aus, bis Lucian ihn zurück in sein Zimmer schickte.
Der Junge hatte kein Gefühl für die Zeit. In den ersten Jahren existierte er einfach nur in seiner Zelle. Er spielte mit kleinen Dingen und mit seiner Mutter. Er wusste nicht, was Zeit war. Er wusste nichts von Tag oder Nacht. Er wusste nur, dass er manchmal lange schlief, dann wieder wach war und las.
Er wusste nicht einmal, wie er selbst aussah. Er hatte keinen Spiegel, um sein Gesicht zu sehen. Hin und wieder rasierte Lucian ihm den Kopf kahl, nachdem er Blut abgenommen hatte. Er hatte keine Wahl. So war das Leben eben.
Er ahnte nicht, wie schrecklich sein Leben war. Erst als er älter wurde, verlangte seine Mutter Bücher für ihn. Er sollte etwas lernen. Da merkte er allmählich, dass etwas nicht stimmte. Sein Leben schien nicht ganz normal zu sein. Aber sicher war er sich nicht.
Seine Mutter hatte ihm Lesen und Schreiben beigebracht. Das fiel ihm sehr leicht. In seinen Büchern ging es meistens um DNA und Wissenschaft. Er las viel, um die Zeit totzuschlagen. Er wusste unglaublich viel über diese Themen, weil er sich alles Gelesene sofort merken konnte.
Er kannte keine Romane oder Geschichten. Lucian besaß so etwas nicht. Seine Mutter erzählte ihm manchmal Geschichten, aber oft war sie zu müde dafür. Sie schlief viel. Wenn sie schlief, musste er sich allein beschäftigen.
Erst viel später verstand er, dass Lucian seine Mutter ständig schwängerte. Aber sie konnte die Welpen nie austragen. Seine Mutter war fast dauernd schwanger mit Lucians Experimenten. Ihr Körper hielt das nicht mehr aus. Die Belastung durch die vielen Schwangerschaften, die Fehlgeburten und Totgeburten machte sie krank. Es brachte sie langsam um.