Scar
Das schrille Summen schnitt mir um Punkt sechs durch den Schädel. Es reichte fast aus, um den Schmerz in meinen geprellten Rippen zu überlagern – fast, aber eben nur fast.
Das tat es nie.
Ich wälzte mich im Bett herum und gewöhnte meine Augen an das Licht, während ich die Minuten zählte, bis das Summen aufhörte. Ich stand nie vorher auf. Die Vibration fraß sich in meinen Schädel und machte mich leicht schwindelig, wenn ich versuchte, dagegen anzulaufen.
Endlich sank das Geräusch wieder auf das normale Brummen ab, das unsere Tage auf dem Schiff bestimmte.
Niemand hatte je herausgefunden, woher das Summen kam. Oder warum die Frequenz jeden Morgen pünktlich zum Wecken der Leute anstieg. Aber es zu untersuchen, war nie eine Priorität gewesen.
Unser Überleben auf der Providence zu sichern – einem Generationenschiff, das nie seine Zielkolonie erreicht hatte und nun auf einem fremden Planeten Lichtjahre von jeder Rettung entfernt vor sich hin rostete –, war schon kompliziert genug.
Ich rückte ein Stück von James weg, dessen Arme über seinem Kopf lagen, während er tief weiterschlief, und stieg steif aus dem Bett. Wir hatten unsere eigene Kabine, ein seltener Luxus auf dem sterbenden Schiff, auf dem wir seit zwei Jahren lebten, doch es fühlte sich nicht mehr wie ein Segen an.
Inzwischen war es ein endloser Fluch ohne Ausweg.
Ich duschte schnell, putzte mir die Zähne und zog meine graue Standarduniform an.
Ich nahm mir nur eine Minute Zeit, um mich im Spiegel zu betrachten. Die gleichen sanften blauen Augen und das verstrubbelte champagnerblonde Haar sahen mich an. Ich war etwas blasser als sonst, aber ansonsten sah ich immer noch aus wie Larissa. Wie das Mädchen, das wie ein Geist durchs Leben schlüpfte und auf Kommando lächelte, wenn andere zusahen.
Mit einem Seufzer schlüpfte ich zurück in die Kabine und schlich zur Tür.
Wenn ich leise genug war, konnte ich meistens verschwinden, bevor James wach wurde. Er schlief gerne aus und hatte die ungewöhnliche Fähigkeit, das Summen zu ignorieren, das die meisten anderen aus dem Bett trieb. Er verschlief stattdessen den halben Morgen und blieb nachts mit seinen Freunden lange wach.
Niemand nahm ihm diese Routine übel. Es gab heutzutage ohnehin nichts, wofür es sich zu lohnen schien, aufzustehen.
Ich lief langsam zur Kantine und spürte bei jedem Atemzug den stechenden Schmerz. Für die anderen Leute, die an mir vorbeigingen, sah es sicher nur nach einem gemütlichen Spaziergang aus, bei dem ich es nicht eilig hatte. Es gab tagsüber nicht viel zu tun, außer zu essen und sich um die lebensnotwendigen Dinge des Schiffes zu kümmern, um dieser kaputten Hülle, die noch etwa tausend Überlebende beherbergte, noch ein bisschen mehr Leben abzuringen.
Die Überlebenden, die mit mir arbeiteten und lebten, konnten ja nicht wissen, dass mein Rücken heute unter der Uniform ein einziger langer blauer Fleck war.
James war ein Arschloch, was das anging. Er schlug mich nur dort, wo es nicht auffiel. Wo es niemand sehen konnte. Und er tat es selten genug, dass ich nie ans Bett gefesselt war oder ärztliche Hilfe brauchte.
Manchmal vergingen Monate, ohne dass er etwas tat. Und dann, völlig aus dem Nichts, flippte er aus – so wie vor ein paar Nächten.
Ich schauderte bei der Erinnerung und schüttelte sie dann ab.
Zumindest waren die meisten anderen schon weg, als ich mich mit meinem Frühstück an einen Tisch setzte. Es war Handelstag, und alle waren auf dem Markt, um zu sehen, was die Siedler mitgebracht hatten.
Es war mir noch nie wichtig gewesen, wie die Geschäfte liefen. Es war jedes Mal dasselbe. Der einzige Unterschied für mich war, welche frischen Lebensmittel es zu den kargen Rationen aus Konserven geben würde, mit denen wir pfleglich haushalten mussten.
Erin blieb hartnäckig, um das beste Geschäft zu machen, und Gerald ebenso.
Unsere Kapitänin – die graue Eminenz Erin Wheeler – ließ sich von den lüsternen Siedlern nichts gefallen, und schon gar nicht von dem Mann mit der Narbe im Gesicht, der jedes Mal kam und ihr Anführer zu sein schien.
Ein Anführer von Arschlöchern, noch schlimmer als James.
Die Siedler waren letztlich alles Verräter. Vor zwei Jahren hatten sie die einzige Chance gestohlen, die wir zur Versorgung hatten, und waren damit in die Wüste verschwunden. Der einzige Grund, warum Erin einige von ihnen jeden Monat wieder reinließ, war der Tausch von Frischwaren gegen Vorräte. Irgendwie waren diese Idioten da draußen immer noch am Leben und schafften es, mit den gestohlenen Samen und dem Saatgut, das eigentlich für die neue Kolonie gedacht war, Essen anzubauen. Sie waren jetzt Leute, die auf Forsaken – unserem vorübergehenden Heimatplaneten – gehörten und nicht auf die Providence.
Ab und zu – wenn es wirklich schlimm war – hatte ich den halb wahnsinnigen Gedanken, James zu überreden, sich ihnen anzuschließen. Er arbeitete gerne mit seinen Händen. Da draußen könnte er zumindest etwas Nützliches tun, anstatt mich zu verletzen. Aber ich wusste, dass er mich mitnehmen würde, wenn er tatsächlich anbeißen und gehen würde. Und dann wäre ich in noch größerer Gefahr als auf dem Schiff.
Wenigstens gab es hier Leute, die ihn in Schach hielten. Er konnte seinen Zorn nicht allzu sehr an mir auslassen, weil andere es sonst merken würden. Erin würde es merken. Und Erin duldete so etwas nicht – nicht seit den dunklen Tagen kurz nach dem Absturz, als alle ihren verdammten Verstand verloren hatten und anfingen, Frauen und Mädchen zu töten und zu vergewaltigen.
Erin hatte diesem Wahnsinn damals ein Ende gesetzt. Es gab da draußen immer noch böse Männer – nicht nur bei den Siedlern, sondern auch bei den anderen, die über Nacht zu Höhlenmenschen geworden waren und sich in den Bergen zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten, die wir „die Plünderer“ nannten.
All diese Männer waren jetzt weg. Das Schiff war sicher. Erin hatte es sicher gemacht und unsere Tage in der ständigen Angst vor dem nächsten Horror beendet.
Genau wie sie James stoppen würde, wenn sie auch nur vermuten würde, dass er mich misshandelt.
Nur würde ich Erin niemals sagen, was James hinter verschlossenen Türen mit mir machte. Sie bekäme keine Chance, es zu ändern. Denn James hatte nicht nur gesagt, er würde mich töten, wenn ich jemals jemandem etwas sagte, sondern ich verdiente es auch. Ich verdiente seinen Zorn und seine rauen Hände. Ich verdiente alles, was mir dieser öde, verdammte Planet in einem Winkel einer unerforschten Galaxie zum Fraß vorwarf.
Ich warf die trübsinnigen Gedanken beiseite und versuchte, mich auf die Gegenwart zu konzentrieren.
Ich war am Leben. Ich war satt, es war warm und ich blieb die meiste Zeit relativ unversehrt. Das war eine ganze Menge mehr, als andere von sich sagen konnten.
Ich zwang mich, meine Essensration mit einem weiteren steifen Bissen aufzuessen. Ich war gerade dabei, den Crememais und die Bohnen herunterzuwürgen – jeder Bissen war von einem Zusammenzucken begleitet, während ich den Schmerz in meinen Rippen spürte –, als Piper sich auf den Platz gegenüber von mir fallen ließ.
„Heilige Scheiße“, sagte sie ohne Umschweife und sah mir in die Augen. „Du wirst nicht glauben, was heute beim Handel passiert ist.“
Ich lächelte und legte meine Gabel hin.
Ich weiß nicht, warum Piper vor ein paar Monaten plötzlich beschlossen hat, meine beste Freundin zu sein. Wir waren das komplette Gegenteil.
Ich war still und zurückhaltend, während sie direkt und selbstbewusst war. Sie liebte es, mit den nervösen, verwirrten Männern zu schlafen, die auf dem Schiff geblieben waren, während ich den Gedanken hasste, dass mich irgendwer berührte. Meine Vorstellung von einer guten Zeit war es, in der Bibliothek zu sitzen und zu lesen, während sie auf einem umgebauten Skateboard durch die Gänge flog.
Ich hatte keine Ahnung, welchen Wert ich für diese Beziehung hatte, außer dass ich eine gefangene und willige Zuhörerin für ihre vielen Tiraden war.
Aber vielleicht reichte das ja, denn Piper ließ mich nicht einmal etwas sagen, bevor sie ihre wütende Tirade fortsetzte.
„Die Siedler haben Erin überzeugt, einige Frauen gegen Samen zu tauschen. Kannst du das verdammt noch mal glauben? Wir werden für Essen verkauft.“