Siennas Entführung
Mein Name ist Sienna Agosti. Als ich gerade zehn Jahre alt war, passierte etwas, das mein ganzes Leben veränderte. Meine beste Freundin Marni und ich wurden mitgenommen – entführt von Wesen, die nicht von dieser Welt waren. Wir hatten es nicht kommen sehen.
Es passierte im Sommer während der Ferienfreizeit. Ihre Eltern und meine Großeltern schickten uns den ganzen Sommer über in ihr kirchliches Camp namens Cedar Ridge Bible Camp. Es lag tief in den Wäldern von Michigan. Dort konnten wir angeln, schwimmen, Kräuter sammeln und die Natur genießen.
An diesem Tag waren wir unterwegs, um Pflanzen für unser Wildnis-Überlebensabzeichen zu sammeln. Wir hatten uns fest vorgenommen, dieses Jahr alle Abzeichen zu bekommen und den Preis zu gewinnen. Der Preis war eine handgemachte Steppdecke von der Frau des Pastors, auf der Szenen aus dem Alten Testament zu sehen waren. Uns fehlten nur noch fünf Dinge, bevor wir zum Abendessen zurück ins Camp mussten.
An diesem Abend war der Nachthimmel weit offen und die Grillen schwiegen.
Ich saß auf dem morschigen Steg hinter dem Campingplatz. Meine Turnschuhe hingen über der Kante und meine Zehen streiften die tintenschwarze Oberfläche des Sees. Das Spiegelbild des Mondes sah aus wie eine zerbrochene Münze auf dem Wasser. Es zitterte jedes Mal, wenn ich zu tief ausatmete. Irgendwo hinter den Kiefern war die Stimme eines Betreuers zu hören, dünn wie ein Faden: „Nachtruhe! In zehn Minuten!“
Marni lag neben mir auf dem Rücken. Ihr Haar verteilte sich wie dunkle Bänder auf den Brettern. „Die erwischen uns nie“, sagte sie und grinste in den Himmel. „Wir sind Schatten.“
„Wir kriegen bestimmt Hausarrest“, flüsterte ich, aber ich bewegte mich nicht. Der Steg roch nach Baumharz und sonnengebleichtem Holz. Die Luft war kühl genug, dass ich Gänsehaut an den Beinen bekam. Meine Großmutter hätte mit mir geschimpft – zieh dir immer einen Pullover an, Sienna. Eine Dame achtet aufs Wetter.
Marni stieß mich mit der Schulter an. „Leb doch mal ein bisschen.“
Mit Marni „ein bisschen zu leben“ bedeutete, extra Zimtschnecken zu klauen oder die Kapelle zu schwänzen. Wir badeten nach dem Zapfenstreich im See und kamen mit nassen Haaren zurück, die uns jedes Mal verrieten. Dieses Leben fühlte sich gefährlich, albern und herrlich an. Es war der einzige Ort in meinem Leben, an dem die Regeln nicht so streng waren. Die Stimmen meiner Großeltern wurden in meinem Kopf leiser und die Welt fühlte sich nicht so hart an.
„Da“, sagte Marni und zeigte nach oben. „Eine Sternschnuppe. Wünsch dir was.“
Ich folgte ihrem Blick. Es war kein Stern. Oder wenn es einer war, dann ein ziemlich merkwürdiger. Das Licht zog keinen Schweif hinter sich her; es schwebte. Es war ein heller Punkt, ganz ruhig und viel zu nah. Es sah aus, als würde jemand eine Taschenlampe direkt vom Himmel herabhalten.
„Marni“, sagte ich.
„Ich seh’s.“ Sie setzte sich bereits auf. Ihr Grinsen verschwand langsam wie ein Vorhang, der zugeht.
Die dichten Bäume teilten sich und eine Säule aus schimmerndem Licht kam vom Himmel herab. Die Luft um uns herum verbog und kräuselte sich. Bevor ich begreifen konnte, was geschah, schoss ein orange-gelber Blitz über die Lichtung. Dann erschienen Gestalten. Zuerst waren es Schatten, dann Umrisse. Schließlich wurden Körper auf dem Waldboden sichtbar, nur wenige Meter von uns entfernt.
Sie stellten sich auf, wie Magnete, die an eine Linie springen. Mein Atem stockte. Die Grillen hatten immer noch nicht wieder angefangen zu zirpen. Sogar die Frösche waren still. Ich konnte das leise Klatschen des Wassers gegen die Balken des Stegs hören. Und, so unglaublich es klingt, das winzige Geräusch meiner Finger, als ich sie zur Faust ballte.
„Drohnen?“, flüsterte Marni. „Die Regierung?“
Eines der Lichter zitterte – nein, es kam herunter, wie eine Spinne an einem Seidenfaden. Der helle Punkt wurde zu einem Auge, und das Auge fand uns.
Ich stand auf, ohne es zu merken. „Wir sollten verschwinden.“
Ihre Haut war schuppig, sie waren so groß wie erwachsene Männer und ihre Hände hatten lange, schwarze Krallen. Sie mochten mit Donner gekommen sein, aber ihre Stille war lauter als jeder Sturm – ein lautloses Versprechen des Unbekannten. Als ihre leuchtend gelben Augen uns fixierten, grub sich die Angst tief in meine Brust.
Marni reagierte schneller als ich. Sie schrie, ich solle rennen. Und wie in einem schlechten Science-Fiction-Film holten sie etwas hervor, das wie Strahlenkanonen aussah. Ein knisternder Strahl schoss aus dem Lauf. Aber statt Licht kam ein glatter Metallpfeil heraus, der durch die Luft zischte. Die Spitze pulsierte in einem unheimlichen elektrischen Blau, während er auf mich zuraste.
In dem Moment, als er meine Haut ritzte, blühte Schmerz auf. Bevor ich zusammenzucken konnte, schoss ein kaltes Serum in meine Venen und fror meine Muskeln ein. Meine Glieder wurden schwer wie Stein und völlig nutzlos. Ich brach auf dem Waldboden zusammen. Ein Flüstern blieb mir im Hals stecken, erstickt von der Lähmung. Die Taubheit breitete sich wie Eis aus und sperrte mich in meinem eigenen Körper ein.
Einen Herzschlag später hörte ich das dumpfe Geräusch, als Marni auf den Boden aufschlug. Mein Herz krampfte sich zusammen. Ich hatte gebetet, dass sie es zurück ins Camp schaffen würde. Panik stieg in mir auf, aber ich zwang mich zu atmen. In der Stille betete ich leise zu Gott. Ich flehte um Schutz und um Erlösung aus diesem Alptraum. Meine Lippen konnten die Worte nicht formen, aber ich hielt in meinem Kopf an ihnen fest wie an einem Rettungsseil.
Eines der Wesen hob mich mühelos hoch und warf mich wie eine Stoffpuppe über seine Schulter. Ein Chor aus scharfen, schnatternden Klicklauten erfüllte die Luft. Das war kein Eichhörnchengeplapper, sondern fremdartige Stimmen mit einem beängstigend vertrauten Rhythmus. Sie trugen uns zurück in den Schatten des Waldes, dorthin, wo sie erschienen waren.
Licht umhüllte uns. Mein Körper flackerte, als würde ich zwischen zwei Welten hin- und herpendeln. Ihre schweren Stiefel verschwanden und tauchten mit einer Übelkeit erregenden Geschwindigkeit wieder auf. Es war, als ob die Zeit selbst nicht wusste, wo sie sie hinstellen sollte. Mein Magen drehte sich um, als wir versetzt wurden – transportiert an einen Ort, den ich nicht begreifen konnte.
Die Welt wurde wieder fest, als ich auf einen kalten Metalltisch fallen gelassen wurde. Die Kälte zog durch meine Kleidung und verursachte Gänsehaut auf meinen Armen. Ich hatte genug alte Sci-Fi-Thriller mit meinem Großvater gesehen, um die Szene zu erkennen: Ein Alptraum war wahr geworden. Mein Puls donnerte in meinen Ohren, aber ich zwang mich zur Ruhe. Panik würde mir jetzt nicht helfen.
Über mir leuchtete ein Ring aus weißen Lampen auf – zu sauber, zu still. Der Raum roch nach heißem Metall und etwas Stechendem. Er erinnerte mich an den Geruch in unserer Turhalle, nachdem der Boden frisch versiegelt worden war. Fesseln glitten von den Kanten des Tisches und legten sich um meine Hand- und Fußgelenke. Keine Grobheit, nur ein stetiger Druck, der mir klarmachte, dass ich mich nicht bewegen würde, selbst wenn die Taubheit nachließ.
Eine schwebende Kugel tauchte auf. Ihre Oberfläche war voll mit winzigen Linsen, die wie Käferbeine klickten. Ein kühler Strahl tastete über meine Stirn und meinen Hals hinunter. Der Strahl brannte nicht; er fühlte sich an wie kohlensäurehaltiges Wasser auf der Haut. Die Kugel gab in kurzen Abständen Töne von sich – drei Noten, Pause; drei Noten, Pause. Wie eine Maschine, die versuchte, ein Schlaflied zu summen.
Sie pressten eine Manschette um meinen Oberarm. Sie wurde eng und löste sich mit einem leisen Zischen wieder. Ein Klebestreifen berührte meine Armbeuge, gefolgt von einem kurzen Stich – eher Druck als Schmerz. Dann breitete sich Wärme aus wie Tee in einer kalten Porzellantasse. Eines der Wesen tippte auf eine Tafel und orangefarbene Schriftzeichen erschienen in der Luft. Sie lagen über dem Umriss eines Körpers, der meiner hätte sein können. Die Linien wurden grün, dann blau. Zufrieden klickten sie leise miteinander und neigten ihre Köpfe in kleinen, vogelartigen Bewegungen.
Ein feiner Nebel sank von der Decke herab auf meine Brust und Arme. Er fühlte sich kühl an, wie der See im April. Der Nebel trocknete zu einem dünnen, wachsartigen Siegel. Als sich das Licht über mir veränderte, glänzte es wie Frost. Lilafarbene Quadrate – kühl und pulsierend – wurden auf meine Schläfen gedrückt. Sie pochten im Takt der drei Töne, und ein schwindeliges Gefühl zog an meinen Augen. Ich konzentrierte mich aufs Zählen: eins-zwei-drei, Pause; eins-zwei-drei, Pause. Das Zählen gab mir Halt.
Ich drehte meinen Kopf so weit, wie die Fesseln es zuließen. Auf einem Tablett daneben lagen Werkzeuge in perfekten Reihen: Stäbe mit Glasspitzen, die schwach leuchteten, eine Spirale aus weißem Schlauch und ein Stapel durchsichtiger Pflaster. Nichts sah schmutzig aus. Aber nichts sah freundlich aus.
Als meine Sicht klarer wurde, hörte ich rechts von mir ein winziges Geräusch. Keine Stimme, kein Wort, nur ein Atemzug, der kurz stockte. Ein zweiter Tisch. Eine Gestalt darauf unter dem Licht. Für einen Moment erkannte ich die Neigung des Kopfes und die sture Linie des Kinns. Marni. Die Kugel schwebte zwischen uns hindurch und die Gestalt verschwamm. Das Piepsen der Maschine wurde einen halben Ton höher, als wollte es mein Erkennen zum Schweigen bringen. Ich schluckte Luft, die nach Metall und Gebeten schmeckte.
Als ich wieder scharf sah, konnte ich sie zum ersten Mal richtig betrachten. Mit den Schuppen hatte ich recht gehabt – aber sie sahen ganz anders aus als bei den Fischen oder Reptilien im Zoo. Ihre Haut hatte das kränkliche Preußischblau aus dem Wohnzimmer meiner Großmutter. Sie wirkten mehr wie Dinosaurier als wie Menschen. Ihre Augen waren noch schlimmer: hervorquellend, gelb, wie bei Reptilien, mit Irissen, die im Licht orange flackerten. Wenn sie in ihrer Klicksprache murmelten, blitzten haifischartige Zähne auf – dünn, gezackt und viel zu viele, um sie zu zählen. Mein Herz hämmerte so stark, dass es wehtat, als einer von ihnen eine krallige Hand auf meinen Bauch drückte. Ich dachte: Er könnte mich jetzt einfach zerreißen und ich könnte ihn nicht aufhalten.
Weitere Hände tauchten aus dem Schatten auf – kalt, unerbittlich. Sie rissen mir mühelos die Kleider vom Leib. Ich wollte schreien, mich wehren, sie anflehen aufzuhören, aber mein Hals war durch das Serum wie zugeschnürt. Kein Laut kam heraus. Nur Stille, die von ihrem unheimlichen Geplapper unterbrochen wurde.
Tränen verschleierten meine Sicht. Eine metallische Kugel schwebte über mir. Lichter flackerten, während sie meinen Körper mit stetigen, mechanischen Pieptönen scannte. Die Aliens versammelten sich um einen grünen Bildschirm. Ihre Stimmen klangen leise und eindringlich. Meine Tränen flossen schneller und liefen mir ungehindert übers Gesicht. Mein Herz hämmerte viel zu laut und zu wild, und doch konnte ich nichts tun.
Ich dachte an Marni. Wo in diesem Ort war sie? War sie noch am Leben? Der Gedanke, dass sie allein war – oder Schlimmeres – war unerträglich.
Zwei weitere Aliens kamen und brachten einen schwebenden, ovalen Sarg mit. Knöpfe säumten den Rand. Mit einem Zischen öffnete sich der Deckel. Sie hoben mich hinein. Die Auskleidung war glatt wie Satin und beängstigend weich. Als sich der Deckel schloss, strich Luft über meine Arme und mein Gesicht. Wenigstens konnte ich atmen. Der Sarg ruckte nach vorne. An den Wänden flackerten Lichter auf, während wir tiefer in das Unbekannte glitten.
Dann, mit einem metallischen Ruck, wurde meine Kammer aufrecht verriegelt. Mir stockte der Atem, als sich der Raum vor mir öffnete. Reihe um Reihe von identischen Kapseln, jede davon hielt einen anderen Gefangenen fest. Dutzende. Vielleicht Hunderte. Warum?
Das Innere der Kapsel roch leicht nach Desinfektionsmittel und heißem Plastik. Darunter lag eine süßliche Note – als hätte jemand versucht, das Metall mit einer Blume zu überdecken, die es auf der Erde gar nicht gibt. Ein dünner Strom kühler Luft floss in gleichmäßigen Zügen an meinen Wangen vorbei. Hinter dem gebogenen Glas sah ich weitere Kapseln, die wie Soldaten dastanden, die vergessen hatten, wie man schläft. Kondenswasser bildete sich und lief herab, sodass der Raum hinter den Scheiben wie bei einem Regenschirm aussah.
Einige Kapseln summten lauter als andere; manche waren fast lautlos. Hin und wieder wechselte ein Licht von Blau zu Grün oder blinkte gelb und blieb dann so. Die Geräusche verbanden sich: das stetige Flüstern der Lüftung, winzige Klicks von versteckten Schaltern und das ferne Dröhnen von etwas Schwerem, das an- oder abdockte. Es klang wie entfernter Donner, der unter einer Decke gedämpft wurde.
In den benachbarten Särgen bewegten sich Gestalten – leicht und langsam, so wie Schläfer sich im tiefsten Traum umdrehen. Gesichter tauchten im Kondenswasser auf und verschwanden wieder: eine Wange, ein Ohr, der Umriss einer Nase, die den Nebel gegen das Glas drückte. Ich suchte nach Marni. Ich zählte die Reihen und maß die Abstände mit der sturen Mathematik eines Kindes: eins-zwei-drei runter, vier-fünf rüber. Ich fand eine Kapsel, von der ich glaubte, es sei ihre, einfach weil die Hoffnung nicht aufgab. Am Boden jeder Kammer leuchteten Zahlen in Symbolen und Ziffern, von denen mir die Augen wehtaten. Auf einer stand eine Folge, die mir nichts sagte – auf einer anderen 369852. Mein Herz machte einen Sprung. Bevor ich mir sicher sein konnte, wischte Feuchtigkeit über das Glas und die Zahlen verschwammen wieder zu bedeutungslosen Lichtern.
Die lila Quadrate an meinen Schläfen pochten jetzt langsamer. Die Stecker in meinen Ohren gaben einen sanfteren Ton von sich, wie eine Meeresmuschel, die man an die Haut hält. Irgendwo weit links öffnete sich eine Tür mit einem zischenden Hauch und schloss sich wieder. Schattenwesen mit langen Beinen durchquerten unermüdlich die Gänge. Ihre Krallen tippten in einem Rhythmus auf den Boden, der fast wie ein Schlaflied klang, aber doch keines war.
Ein feiner Frost riss über meine Sicht und zeichnete zarte weiße Zweige, bevor er wieder schmolz. Ich beobachtete, wie er sich ausbreitete, verblasste und wieder kam. Genauso hatte ich früher an kalten Morgen zugesehen, wie der Winter über die Innenseite des Küchenfensters kroch. Ich stellte mir meine Großeltern am Tisch vor, die Hände um Kaffeetassen geschlossen. Die Bibel meiner Großmutter lag offen auf einer Seite, die sie schon hundertmal gelesen hatte und noch hundertmal lesen würde. „Herr, behüte sie“, würde sie beten. „Rechts und links, vor ihr und hinter ihr.“
Meine Brust schmerzte vor Sehnsucht. Ich flüsterte die Worte in meinem Kopf, weil meine Lippen sie nicht formen konnten: Bitte beschütze uns. Bitte beschütze Marni. Die Kapsel antwortete mit Lichtern und gleichmäßigen Atemzügen. Der Raum antwortete mit Stille.
Die Aliens gingen zu einer Schalttafel und ließen ihre Krallen über die Oberfläche gleiten. Eine Tür glitt mit einem Zischen auf und sie verschwanden.
Dunkelheit verschluckte alles. Kein Licht. Kein Ton. Nur die Gewissheit, die in meiner Brust brannte: Ich würde meine Großeltern nie wiedersehen.