Chapter 1
Kapitel Eins: Der Buchladen
Isadora mochte die Stille.
Und die Stille mochte sie zurück.
Das Glöckchen über der Tür klingelte leise, als sie den kleinen Antiquariatsladen in der Ashvale Street betrat. Ihre Leinentasche strich an ihrer Strickjacke entlang, und sie zog aus Gewohnheit die Ärmel über ihre Knöchel. Drinnen roch es nach vergessenen Geschichten und Staub – genau wie sie es liebte. An Dienstagen kam außer ihr nur Mr. Bellamy, der Besitzer, der meist im Hinterzimmer zwischen unsortierten Bücherstapeln döste.
Ihr Blick glitt nicht über die goldverzierten Folianten oder die verblichenen Weltkarten an der Wand – nein, sie ging direkt zum Regal mit den Gartenbüchern, als hätte sie dort schon immer etwas Bestimmtes erwartet. Im Schaufenster hatte sie letzte Woche einen neuen Titel gesehen – „Im Schatten wächst das Licht“. Ganz nach ihrem Geschmack.
Doch zwischen den Regalen wartete bereits eine fremde Präsenz
Er war groß. Schlank. Ganz in Schwarz gekleidet, von den Stiefeln bis zum Mantel, als wäre er aus einer Sturmwolke getreten. Ein Ring glitzerte an seinem Finger, dunkles, zerzaustes Haar lockte sich in seinem Nacken. Er fuhr mit dem Finger über die Buchrücken, ohne sie anzusehen, und drehte dann langsam den Kopf.
Seine Augen fanden die ihren. Etwas in diesem Blick – neugierig, fast ertappt, als hätte er nicht damit gerechnet, gesehen zu werden – ließ ihren Magen schmerzhaft zusammenziehen.
„Entschuldigung“, murmelte sie und wandte sich halb ab.
„Kein Grund“, sagte er, seine Stimme tief und rauchig wie Samt im Feuer. „Suchst du etwas Grünes und Unschuldiges?“
Sie blinzelte. „Wie bitte?“
Er nickte zu den Regalen. „Pflanzenbücher. "Sie haben immer Titel, die wie Wiegenlieder klingen.“
Ein feines, unsicheres Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich habe eine Schwäche für stille Dinge.“
„Ich nicht.“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht, während er sie musterte. „Aber ich liebe es, wenn etwas Harmloses den Mut hat, mich zu überraschen.“
Er nahm ein Buch – „Wilde Wurzeln: Unterirdisches Gärtnern“ – und ging zur Kasse. Als er an ihr vorbeiging, berührte sein Finger flüchtig ihr Handgelenk. Ein kaum spürbarer Hauch, eine Berührung so leicht wie Staub im Licht. Und doch brannte sie in ihrer Haut, als hätte sie etwas Uraltes berührt.
Noch lange nach seinem Fortgang stand Isadora zwischen den Regalen, unfähig, den Blick von der Stelle zu lösen, an der er eben noch gewesen war. Die Luft im Buchladen war wärmer geworden, schwerer – als hätte sie seinen Schatten behalten.