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Die Spätnachmittagssonne goss sich wie flüssiger Honig über die belebten Straßen Tokios, aber für Ami war es einfach das perfekte Licht. Sie ging einen halben Schritt hinter ihrer Freundin Lia. Ihre geliebte Nikon lag als beruhigendes Gewicht in ihrer Leinentasche. Die Kamera war ihr Schutzschild und ihre Art, mit der Welt in Kontakt zu treten, ohne sich direkt in das laute Getümmel stürzen zu müssen.
„Du machst es schon wieder“, neckte Lia und wirbelte auf dem Absatz herum, wobei ihr bonbonrosa Sommerkleid ausschwang. „Du driftest ab ins Ami-Land. Ich kann förmlich hören, wie du in deinem Kopf schon wieder Bilder komponierst.“
Ami lächelte verhalten und ihre Finger umklammerten den Riemen ihrer Tasche fester. „Es ist ein schöner Tag. Das Licht ist einfach nur … weich.“
Lia verdrehte die Augen, aber ihr Blick war liebevoll. „Bei dir ist das Licht immer ‚nur weich‘ oder ‚zu hart‘ oder ‚perfekt gestreut‘. Manchmal ist ein schöner Tag einfach nur ein schöner Tag, Ami. Du musst ihn nicht einfangen. Du kannst ihn einfach genießen.“
Es war eine alte Diskussion, die aus ihren völlig gegensätzlichen Naturen entstand. Lia war preppy, mutig und lebte für das Erlebnis; ihre Energie war eine konstante, sprudelnde Kraft. Ami war gerade erst in die Stadt gezogen und noch wie ein junges Bäumchen in einem Sturm; ihre Wurzeln waren flach. Sie war ruhig, künstlerisch veranlagt und beobachtete das Leben aus sicherer Entfernung. Heute trug sie einen schlichten, fließenden weißen Kaftan mit einem zarten, hellblauen Kirschblütenmuster – ein starker Kontrast zu Lias leuchtendem Pink. Ihr langes, dunkles Haar trug sie offen, und es flatterte wie ein seidiges Banner im warmen Wind. Auch das war ihr ständig bewusst – als visuelles Element im Bild.
„Wo gehen wir eigentlich hin?“, fragte Ami, während Lia sie mit zielsicherer Überzeugung von den Hauptverkehrsstraßen wegführte.
„Es ist eine Überraschung! Ein echtes, dreckiges Tokio-Erlebnis. Nicht diese sterilen Touristenfallen-Galerien, die du so liebst.“
Der „dreckige“ Teil zeigte sich nur allzu bald. Die sauberen, breiten Gehwege wurden schmaler. Die polierten Schaufenster wichen verwitterten Fensterläden und Neonreklamen, die dringend eine Reparatur nötig hatten. Die Luft, die vorher nach Kaffee und Gebäck gerochen hatte, roch nun nach Frittierfett, abgestandenem Bier und dem feuchten, erdigen Geruch von Beton, der nie die Sonne sah. Das fröhliche Geplapper der Einkäufer wurde durch das tiefe Grollen eines einzelnen Motorrads und das gelegentliche, scharfe Lachen aus einem schattigen Hauseingang ersetzt.
Amis Schritte wurden langsamer. „Lia, ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“
„Ach, sei doch keine Zicke. Das ist einfach nur ein anderes Viertel. Das nennt man Charakter.“ Lia marschierte weiter, ihr helles Kleid wie eine Flagge des Trotz gegen das zunehmende Zwielicht.
Ami hasste es sofort. Ein urzeitlicher Teil ihres Gehirns, der ungeschriebene Grenzen erkannte, schrie sie an, dass sie gerade eine Grenze überschritten hatten. Die Männer, die vor einem Pachinko-Salon standen, glotzten nicht; sie beobachteten die beiden Frauen nur mit flachen, prüfenden Augen – mit einer distanzierten, räuberischen Neugier. Ami spürte eine Kälte, die nichts mit dem wechselnden Licht zu tun hatte. Sie zog ihren Kaftan enger um sich; die weiche Baumwolle fühlte sich plötzlich so dünn an wie Seidenpapier. Sie fühlte sich völlig ausgesetzt, und die blassen Blumen auf ihrem Kleid waren wie ein Leuchtfeuer in der aufkommenden Dämmerung.
„Hier ist es!“, kündigte Lia an und blieb vor einer Tür stehen, die so unscheinbar war, dass sie fast unsichtbar blieb. Eingeklemmt zwischen einer geschlossenen Bar mit verrostetem Gitter und einem Pfandleihhaus, das eine traurige Sammlung von Kameras ausstellte, die der ihren nicht unähnlich waren, gab es nur ein kleines, unbeleuchtetes Neonschild in Form einer sich windenden Schlange, deren Details vor Staub fast erstickten.
Amis Herz rutschte in die Hose. „Ein Tattoo-Studio?“
„Nicht irgendeines“, sagte Lia und schwang ihr Handy, als wäre es eine heilige Schrift. „Schau mal. ‚The Ink Serpent‘. 4,8 Sterne. Die Bewertungen sagen, es sei der authentischste Ort der Stadt. Kein Schnickschnack, nur echte Kunst von echten Meistern.“ Sie sah auf, und ihre Augen funkelten vor Aufregung. „Ich lasse mir den Schmetterling stechen. Den kleinen. Für meinen Knöchel.“
Bevor Ami protestieren konnte – *Das ist nicht authentisch, das ist beängstigend; das sind keine Künstler, das ist etwas ganz anderes* – drückte Lia die Tür auf. Eine billige Messingglocke bimmelte, ein Geräusch, das viel zu schrill für die schwere Stille war, die folgte.
Der Geruch, der ihr entgegenschlug, war ein komplexer Cocktail aus Desinfektionsmittel, Tinte und etwas anderem, das darunter verborgen lag – der schwache, metallische Duft von Ozon und altem Zigarrenrauch. Es roch nach Beständigkeit.
Lia stürmte hinein, ihr fröhliches „Konnichiwa!“ hallte in dem dunklen Raum wider.
Ami erstarrte an der Schwelle, wie eine Fliege, die zögernd am Rand eines Spinnennetzes saß. Das Innere glich einer Höhle, beleuchtet durch Lichtkegel von tief hängenden Lampen, die die Ecken in tiefen, samtigen Schatten ließen. Die Wände waren ein chaotischer Teppich aus Flash-Art: grinsende Hannya-Masken, sich windende Drachen und wunderschöne, tragische Geishas mit messerscharfen Augen. Es war eine Galerie der Macht und des Schmerzes, weit entfernt von den heiteren Aquarellen, die sie so liebte.
Und inmitten all dessen: die Männer.
Ihr Gespräch war verstummt, sobald die Tür aufging. Es waren drei Männer. Einer, ein Berg von einem Mann mit rasiertem Kopf und einem Teppich aus Tinte, der seinen Hals hinaufkroch, stand hinter dem Tresen und wischte ein Werkzeug mit einem Tuch ab. Seine Hände waren kräftig – sie waren fähig zu Gewalt oder komplizierter Kunst, vielleicht zu beidem. Zwei andere saßen in abgewetzten Ledersesseln, keine Kunden, sondern Besucher. Ihre Anzüge waren teuer, aber getragen, geschneidert für Körper, die eine andere Disziplin ausstrahlten als Fitnessstudiotraining. Sie sprachen nicht; sie beobachteten nur mit einem schweren, unpersönlichen Blick.
Jeder Instinkt sagte Ami, dass dies ein Heiligtum war, ein Stammplatz der Yakuza, und sie waren Eindringlinge. Ihre Füße waren am Boden festgeklebt, während die warme, gefährliche Luft aus dem Inneren des Ladens wie eine Flut über sie hinwegrollte.
In diesem Moment wurde ihr Blick unwiderstehlich in die dunkelste Ecke des Raumes gezogen.
Er lag halb in einem Stuhl zurückgelehnt, oberkörperfrei, als würde ihm der Schatten gehören, in dem er saß. Sein Körper war eine lebendige Leinwand, ein atemberaubendes Epos aus schwarzer und grauer Tinte. Ein prächtiger Drache schlängelte sich über seine Schulter, sein Schwanz verschwand über der harten Ebene seines Bauches. Kanji-Schriftzeichen und komplizierte Muster wanden sich um Muskeln und Sehnen und erzählten Geschichten, die sie nicht zu deuten wagte. Seine Jeans saß gefährlich tief auf seinen Hüften und enthüllte den scharfen Schnitt seines Beckens und den Hinweis auf noch mehr Tinte, die sich weiter nach unten zog.
Doch es war sein Gesicht und seine Augen, die ihr den Atem raubten.
Er war jünger als die anderen, seine Züge waren scharf und brutal gutaussehend, sein dunkles Haar fiel über eine Stirn, die gleichzeitig intelligent und abweisend wirkte. Und er sah sie direkt an. Nicht Lia, nicht den Raum, den sie einnahm, sondern *sie*. Sein Blick war nicht das beiläufige, vage lüsterne Muster, das sie manchmal ertragen musste; es war eine direkte, unerschütterliche Prüfung. Es fühlte sich an, als würde sie entblößt, jede Schicht ihrer ruhigen Fassade wurde abgezogen.
Eine heiße, beschämende Röte schoss ihr in die Brust, stieg ihren Hals hinauf und verbrannte ihre Wangen. Sie sah weg, auf den abgenutzten Boden, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Die Reaktion beschämte sie. Das war nicht nur Angst. Es war eine rohe, unerwünschte und erschreckende Anziehungskraft. Sie war wie ein Nachtfalter, der von einer Flamme fasziniert war, von der er wusste, dass sie ihn verzehren würde.
„Ami! Was machst du da draußen? Komm rein, du lässt die Zugluft rein!“, Lias Stimme war eine unwillkommene Rettungsleine, die sie aus der Tiefe dieses dunklen Blickes riss.
Für eine Sekunde überlegte sie zu fliehen. Aber der Gedanke, allein durch die schmuddelige Gasse mit den beobachtenden Augen zurückzugehen, war noch beängstigender. Gefangen zwischen der bekannten Gefahr draußen und der unbekannten Gefahr drinnen, entschied sie sich für die, die – paradoxerweise – die Quelle ihrer Lähmung barg.
Sie machte einen einzigen, zögerlichen Schritt über die Schwelle. Die Tür fiel hinter ihr mit einem letzten, gedämpften Klicken ins Schloss und schloss sie ein. Das Geplapper der anderen Männer setzte wieder ein, ein leises Murren, das sich nun ausgrenzend anfühlte.
Lia saß bereits auf dem Stuhl des Künstlers und plapperte vor sich hin, während der bullige Mann – der Künstler – seine Nadel vorbereitete. Ami fand einen Holzhocker in der Ecke, so weit wie möglich von dem oberkörperfreien Mann entfernt, und setzte sich ganz an die Kante. Sie holte ihre Kamera aus der Tasche, nicht um sie zu benutzen, sondern um den kühlen, vertrauten Körper in den Händen zu halten – ein greifbares Stück ihrer eigenen Welt in dieser fremden.
Das Summen der Tattoo-Maschine setzte ein, ein unheilvolles, insektenartiges Dröhnen, das ihre Zähne auf den Rand ihrer Lippen beißen ließ. Sie fixierte Lias lächelndes Gesicht, aber ihr ganzes Wesen war auf die Präsenz in der Ecke eingestellt. Sie konnte seine Augen immer noch auf sich spüren, wie ein physisches Gewicht auf ihrer Haut, das die Linie ihres Kiefers nachzeichnete, das nervöse Flattern ihres Pulses am Hals.
Die Luft wurde dick und drückte auf sie. Die Kunstwerke an den Wänden schienen sich im Dämmerlicht zu winden. Die Geschichten, die in die Haut des Mannes geätzt waren, fühlten sich an, als würden sie nur für sie geflüstert – Geschichten von Gewalt und Loyalität, die sie nichts angingen.
„Ich… ich brauche etwas Luft“, flüsterte sie, wobei die Worte vom Dröhnen der Nadel verschluckt wurden.
Sie wartete keine Antwort ab. Sie rutschte vom Hocker und schlüpfte zurück zur Tür; das Klingeln der Glocke klang wie ein Jubel auf ihre vorübergehende Freiheit. Sie lehnte sich gegen die schmutzige Wand der Gasse und sog die schlechte Luft in sich ein, während sie versuchte, den wilden Rhythmus ihres Herzens zu beruhigen.
Gerade als sie glaubte, sie hätte die Kontrolle zurück, öffnete sich der Himmel, der so grau und schwer war wie ihre Stimmung. Der Regen fiel nicht in Tropfen, sondern in einem festen, durchnässenden Schwall und tränkte sofort ihren Kaftan. Der dünne Stoff klebte an ihrer Haut, ihr dunkles Haar an ihrem Gesicht und ihrem Hals. Es gab kein Warten. Sie war gefangen.
Besiegt, zitternd und völlig schutzlos hatte sie keine andere Wahl. Sie drehte sich um, drückte die Tür erneut auf und war gezwungen, in die Höhle des Löwen zurückzukehren.
Die blecherne Glocke verkündete das Ende ihres Rückzugs – ein weitaus kläglicheres Geräusch als bei ihrem ersten Betreten. Die Tür klickte hinter ihr ins Schloss und versiegelte sie erneut in der schweren Stille, die nur vom beharrlichen Dröhnen der Nadel auf Lias Knöchel unterbrochen wurde.
Ami stand für eine Sekunde wie erstarrt direkt hinter der Tür, wie ein nasser Spatz. Die Klimaanlage, die sie vorher nicht bemerkt hatte, fühlte sich nun wie ein eisiger Wind an. Er biss durch den durchnässten Stoff ihres Kaftans und ließ sofort Gänsehaut auf ihren Armen und ihrem Rücken aufsteigen. Sie schauderte und verschränkte die Arme fest vor der Brust, in einem vergeblichen Versuch, sowohl Wärme als auch Anstand zu bewahren.
Die einst luftige weiße Baumwolle war nun eine durchscheinende zweite Haut, die an jeder Kurve klebte; das zarte Kirschblütenmuster war verdunkelt und kaum noch zu erkennen. Ihr langes Haar tropfte in einem langsamen, kalten Rinnsal ihren Rücken hinunter und klebte ihr in Strähnen an Hals und Wangen. Sie fühlte sich tausendmal nackter als zuvor, als sie nur eine Außenseiterin gewesen war. Jetzt war sie verletzlich.
Sie wagte es nicht, in die Ecke zu schauen. Sie konnte seinen Blick wie eine körperliche Berührung spüren – eine langsame, bewusste Abtastung, die an ihrem tropfenden Haar begann, die Linie ihres Halses nachzeichnete, über ihre verschränkten Arme wanderte, den Körper hinunter bis zu ihren nassen Sandalen und wieder zurück. Es war kein Glotzen; es war eine Inventur. Ein Raubtier, das ein neues, unerwartetes Element in seinem Revier begutachtete.
„Wow, du bist ja klatschnass!“, trällerte Lia, blickte von ihrem Handy auf und ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Anteilnahme und Belustigung. „Du hättest einfach drinnen warten sollen.“
Ami traute ihrer Stimme nicht. Sie nickte nur kurz und ruckartig und setzte sich auf den hölzernen Hocker neben ihrer Freundin, genau dort, wo sie vorher schon gesessen hatte. Durch das Hinsetzen spannte sich der nasse Stoff noch enger um ihren Körper. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, machte sich ganz steif und versuchte, sich klein zu machen, um in den Schatten zu verschwinden.
Aber sie konnte nicht verschwinden. Die tief hängende Lampe über Lias Stuhl warf einen Lichtkegel auf sie. Er beleuchtete ihre feuchte Haut und die Art, wie der Stoff über ihren Knien spannte. Sie war wie ein Bild reiner Schönheit, das in einen Sturm geraten war, und sie spürte ganz genau, dass sie beobachtet wurde.
Von seinem Thron in der Dunkelheit aus beobachtete Kai sie, völlig unbeeindruckt von ihrem Zittern. Sein anfängliches Grinsen war einem Ausdruck intensiver, stiller Nachdenklichkeit gewichen. Er sah, wie sie sich hielt – die abwehrende Haltung ihrer Schultern, ihre weiß hervortretenden Knöchel, während sie sich an ihren Armen festklammerte. Er sah die zierliche Kette, die auf ihrem feuchten Schlüsselbein glänzte. Sie versuchte so verzweifelt, unsichtbar zu sein, doch gerade ihr Unbehagen machte sie zum fesselndsten Anblick im ganzen Raum.
Der Tätowierer Jiro arbeitete mit ruhiger Hand und voller Konzentration. Die anderen beiden Männer in den Anzügen hatten sich wieder in ihr leises Gespräch vertieft; ihr Interesse an den Frauen war erloschen, nun, da das Neue verflogen war. Doch Kais Aufmerksamkeit war unerschütterlich. Er bemerkte, wie ein einzelner Wassertropfen ihre Schläfe hinunterlief, der eleganten Linie ihres Kiefers folgte und schließlich auf den Kragen ihres Kleides tropfte. Er sah das leichte Beben, das alle paar Sekunden durch ihren Körper ging.
Sie hatte Angst. Vor dem Ort, vor der Situation, wahrscheinlich vor ihm. Aber er hatte dieses erste Erröten gesehen, diesen Funken in ihren Augen, der heißer und komplizierter war als bloße Angst, bevor sie weggesehen hatte. Genau dieser Widerspruch hielt ihn gefangen.
Er bewegte sich leicht auf seinem Stuhl. Durch diese Bewegung schien der komplexe Drache auf seiner Schulter zu atmen. Die Bewegung erreichte den Rand ihres Sichtfeldes. Sie zuckte zusammen – eine winzige, fast unmerkliche Reaktion –, doch sie drehte den Kopf nicht. Ihr Blick blieb starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, auf ein Tiger-Poster, als wäre es das Faszinierendste, was sie je gesehen hatte.
*Stur*, dachte er, und ein Hauch von etwas, das wie Respekt wirkte, durchbrach seine Belustigung. *Und stolz.*
Lia, die nichts von dem stillen Drama neben sich mitbekam, seufzte zufrieden. „Fast fertig! Ist es nicht süß, Ami?“
Ami brachte ein weiteres steifes Nicken zustande, ihre Stimme war nur ein gequältes Flüstern. „Wunderschön.“
Das Wort war kaum zu hören, aber Kai vernahm es. Es war sanft, kultiviert und von einer Spannung durchzogen, die nichts mit der Qualität des Tattoos zu tun hatte. Es war der Klang von jemandem, der verzweifelt versuchte, die Kontrolle zu bewahren.
Er schloss für einen Moment die Augen. Das Bild von ihr – durchnässt und trotzig – hatte sich in seine Lider eingebrannt. Ein verlorenes kleines Ding, ja. Aber nicht zerbrochen. Unter diesem nassen, geblümten Baumwollstoff steckte ein Rückgrat aus Stahl. Das Versprechen, das er sich kurz zuvor gegeben hatte, verfestigte sich und wurde von einem vagen Gedanken zu einem konkreten Vorhaben.
Er würde sie nicht gehen lassen. Nicht, bevor er das Rätsel um sie gelöst hatte. Nicht, bevor er verstand, warum ihr Anblick – wie sie da zitternd im gedimmten Licht seiner Welt saß – etwas in ihm zum Schwingen brachte, das lange geschlafen hatte.
Das leise Gemurmel der beiden Männer in den Anzügen war wieder aufgekommen, doch es war eine private Frequenz, eine Welt entfernt vom Summen der Tätowiermaschine und dem wilden Pochen von Amis Herz. Zen, der Ältere der beiden mit der Narbe in der Augenbraue, neigte den Kopf leicht zu Kai und flüsterte mit rauer Stimme, die nur für seine Ohren bestimmt war.
„Du starrst sie ganz schön an.“
Kai drehte den Kopf nicht. Sein Blick blieb starr auf die zitternde Frau auf dem Hocker gerichtet, die einen krassen Kontrast zu dem Leder und der Tinte bildete, die sie umgaben. „Und?“
Zen kicherte, ein tiefes, raues Geräusch. „Süßes Ding. Sieht nicht nach deinem Typ aus.“
Ein schwaches, kaum merkliches Grinsen huschte über Kais Lippen. „Was ist denn mein Typ, Zen?“
„Du weißt, was ich meine“, erwiderte Zen, während seine Augen Ami mit einer distanzierten, klinischen Einschätzung musterten. „Mutig. Hart. Frauen, die wissen, wie der Hase läuft. Die da... sie sieht aus, als würde sie zerbrechen, wenn man sie nur schief ansieht. Und wahrscheinlich würde sie danach noch eine Anzeige erstatten.“ Er nahm einen langsamen Zug von seiner Zigarette, deren Glut im gedimmten Licht aufleuchtete. „Außerdem... Männer wie wir lassen Frauen wie sie nicht einfach so laufen. Wir sehen etwas, das uns gefällt... wir kosten davon. Das liegt in der Natur der Bestie. Und doch...“, er deutete mit dem Kinn auf Kais reglose Gestalt, „scheinst du das nicht zu wollen. Du guckst nur... wie ein Falke, der über einer Maus kreist, die zu satt ist, um sie zu fressen.“
Kais Grinsen wurde breiter, aber seine Augen blieben intensiv und saugten jedes Detail von Amis abwehrender Haltung auf – wie ihre Arme so fest um ihren Körper geschlungen waren, das leichte Zittern in ihren Schultern. „Es geht nicht immer nur ums Probieren, Zen. Bei manchen Dingen geht es darum... den Jahrgang zu schätzen, bevor man die Flasche entkorkt.“
Zen stieß ein trockenes Lachen aus und schüttelte den Kopf. „Poetisch. Und töricht. Hoffnung ist eine gefährliche Währung in unserer Welt, Junge. Wenn du etwas willst, nimmst du es dir. Das ist die Regel. Wenn du sie zur Tür hinausgehen lässt, forderst du das Schicksal geradezu heraus, dir ins Gesicht zu lachen.“
Das Summen der Tätowiermaschine verstummte abrupt. Lia strahlte auf ihren Knöchel; der kleine Schmetterling war nun ein fester Teil ihrer Haut. Die plötzliche Stille fühlte sich schwerer an, erwartungsvoller.
Kais Stimme war ein tiefes, leises Gelübde, verwoben mit der Stille. „Aber wenn sich unsere Wege wieder kreuzen...“, sagte er, und sein Blick glitt endlich von Ami zu Zen und traf dessen wissenden Blick. „Wird sie nicht wieder einfach so davonlaufen.“
Zens Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Mitleid und grimmiger Belustigung. „Du bist voller Hoffnung. Das wird dich umbringen oder – noch schlimmer – dir das Herz brechen.“ Er drückte seine Zigarette aus. „Hol sie dir jetzt oder leide. Das sind deine Optionen.“
Auf der anderen Seite des Raumes stand Lia auf und hielt vorsichtig ein Stück Mull über ihr neues Tattoo. „Fertig! Oh Ami, du bist immer noch klatschnass. Lass uns dich nach Hause bringen.“
Ami stand auf, ihre Bewegungen waren steif, ihre Augen mied sie vorsichtig die dunkle Ecke. Sie war wie ein Schiff, das verzweifelt versuchte, von einer gefährlichen Küste wegzusegeln, ohne die Felsen anzusehen.
Kai beobachtete sie, und das Versprechen in seiner Brust verfestigte sich, kalt und hart wie ein Diamant.
„Ich gehe das Risiko ein“, sagte er so leise, dass die Worte fast untergingen. Aber Zen hörte sie. Er schüttelte nur den Kopf und wandte sich ab, als hätte er gerade gesehen, wie sich jemand dazu entschloss, vor einen fahrenden Zug zu treten.
Die Glocke bimmelte erneut, als Lia die Tür aufstieß. Tageslicht und das Geräusch von Regen, der auf das Pflaster prasselte, fluteten herein. Ami folgte ihr, eine blasse, feuchte Gestalt, die in die Welt zurückkehrte, in die sie gehörte.
Doch für Kai fühlte sich der Raum nun leerer an. Die Jagd, das wusste er, hatte gerade erst begonnen.
Die Tür fiel ins Schloss und kappte die Verbindung. Der Raum schien auszuatmen; die Spannung löste sich im leisen Brummen der Lampen und dem verbleibenden Geruch von Desinfektionsmittel auf.
Jiro, der bullige Tätowierer, stieß ein raues Lachen aus, während er seinen Arbeitsplatz abwischte. „Wow. Die hat aber echt die falschen Freunde, die eine da. Ich meine die Stille. Sah aus, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. Ein Glück, dass sie süß ist.“
Die anderen beiden Männer, die immer noch in ihren Stühlen lungerten, kicherten zustimmend. Es war ein tiefes, grollendes Geräusch gemeinsamer Belustigung auf Kosten einer Außenstehenden.
Zen, dessen Augen vor Unfug glänzten, wandte seine Aufmerksamkeit wieder Kai zu, der sich nicht aus seiner schattigen Ecke bewegt hatte. „Kai, mein Junge“, zog er ihn auf, und seine Worte waren von Provokation durchzogen. „Interessiert? Oder hat der Anblick eines hübschen, zitternden Mädchens dein Gehirn kurzschließen lassen? So weit oben in der Nahrungskette warst du wohl noch nicht, was? Bis hin zur ‚Preppy-Kunststudentin‘.“
Die Männer kicherten erneut, ein wissendes, spöttisches Geräusch. Sie testeten ihn, pieksten in die untypische Ruhe, die er an den Tag gelegt hatte.
Kai bewegte sich endlich und verlagerte sein Gewicht im Stuhl. Ein langsames, räuberisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, erreichte aber nicht seine Augen, die dunkel und konzentriert blieben. „Spielt keine Rolle“, sagte er, und seine Stimme war ein tiefes Grollen, das ihr Lachen durchtrennte.
Die Einfachheit der Aussage ließ sie innehalten.
Jiro hob eine dichte, tätowierte Augenbraue. „Spielt keine Rolle? Was, hast du ihre Nummer? Sie sah nicht so aus, als würde sie sie dir geben, Bruder.“
Kais Grinsen wankte nicht. Er sah zur Tür, als könnte er noch den Schatten ihres Abgangs sehen. „Sie wird zurückkehren.“
Ein Moment der Stille, dann brach Zen in ein lauteres, echteres Lachen aus. Er schlug sich auf das Knie. „Oh! Ich verstehe! Er weiß, dass er sie will, aber er will zuerst dafür leiden! Er will die Jagd.“ Er schüttelte den Kopf, ein breites Grinsen zerriss sein Gesicht. „Du bist ein Masochist, Kleiner. Du hattest sie hier, verängstigt und aus dem Gleichgewicht. Der perfekte Moment. Und du lässt sie gehen, wegen irgendeiner... irgendeiner romantischen Vorstellung, dass das Schicksal sie zurückbringt.“
Kai drehte endlich den Kopf und sah Zen direkt an. Die Belustigung im Raum kühlte unter der Intensität seines Blickes merklich ab. „Es ist nicht das Schicksal“, korrigierte er, seine Stimme sank und wurde gefährlich leise. „Es ist Unausweichlichkeit.“
Er stand in einer fließenden, kraftvollen Bewegung auf. Der komplexe Drache auf seinem Oberkörper schien bei dieser Bewegung zu wellen. Er griff nach seinem schwarzen Hemd, das über der Stuhllehne hing, zog es aber nicht an, sondern warf es sich einfach über die Schulter. Die Zurschaustellung seiner tätowierten Muskeln und coolen Zuversicht war eine stumme Antwort auf ihre Sticheleien.
„Sie ist nur durch Zufall in meine Welt getreten“, sagte er und ging zur Tür. „Das nächste Mal wird es kein Zufall sein. Und sie wird nicht einfach davonlaufen.“
Er stieß die Tür auf. Das Tageslicht umrahmte für einen Moment seinen breiten, tätowierten Rücken, bevor er in der regennassen Gasse verschwand. Er hinterließ die drei Männer in einer Stille, die nun von neuem, widerwilligem Respekt erfüllt war. Sie hatten vielleicht gelacht, aber sie verstanden den Blick in seinen Augen. Es war derselbe Blick, den sie alle hatten, wenn sie etwas sahen, von dem sie bereits entschieden hatten, dass es ihnen gehörte. Die Jagd war eröffnet, und Kai war nicht der Typ, der verlor.