Prolog
Liam
Aus der Nacht, die mich umhüllt …
Kein Training der Welt hätte mich darauf vorbereiten können.
Mein Puls hämmerte, als raue Hände Emma packten und nach hinten zerrten. Ich kämpfte gegen den Griff an meinen Armen an. Muskelkraft und Panik gerieten aneinander. Doch sie hatten die Oberhand, und ich hatte Angst – eine rohe, bösartige Angst, die mir die Kehle zuschnürte.
Emma gab nicht kampflos auf. Selbst als sie sie wegschleiften, wand sie sich, schlug um sich und trat. Sie kämpfte mit allem, was sie hatte.
Dann trafen sich unsere Blicke.
Tränen liefen über ihr Gesicht, aber ihr Blick blieb wild. Er war so fest, dass es mich fast zerbrach. Eine stumme Botschaft zwischen uns: Hör nicht auf. Nicht jetzt.
Wenn Leute sagen, dass das Leben wie ein Film vor dem geistigen Auge abläuft, meinen sie immer die Vergangenheit.
Ich sah nur unsere Zukunft.
Ihr Lachen in einer ruhigen Küche. Ihre Hand in meiner. Die Familie, die wir noch nicht hatten. Morgenstunden, die wir noch nicht verdient hatten. Tausend alltägliche Momente, die sich plötzlich heilig anfühlten.
Ich war nie ein Mann gewesen, der betete. Ich glaubte nicht daran, dass da oben jemand zuhörte.
Aber in dieser Sekunde tat ich es.
Ich danke den Göttern, was auch immer sie sein mögen, für meine unbezwingbare Seele.
„Nein.“ Das Wort riss aus mir heraus. Kein Flehen, kein Handel. Ein Versprechen.
Etwas Tierisches stieg in meiner Brust auf, halb Wut, halb Schmerz. Es zerriss mir fast die Rippen, während ich nach vorne stürmte und mich gegen die Männer stemmte, die mich festhielten.
Wir würden überleben.
Wir würden das Leben führen, das wir einander versprochen hatten.
Emma hielt meinen Blick durch ihre Tränen hindurch und nickte ganz leicht – entschlossen und sicher.
Ich bin der Meister meines Schicksals …
Ich holte tief und brennend Luft – und stürmte los.
SECHS MONATE ZUVOR
Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch so leer sein und trotzdem noch atmen kann.
Ich stand hinter der Glasfront meines New Yorker Büros und sah auf die Skyline, die funkelte, als müsste sie sich beweisen. Die Stadt pulsierte vor Leben. In mir rührte sich nichts.
TaskFlow Solutions war einst mein Lebensinhalt gewesen – mein ganzer Stolz, meine Kreation. Ich hatte die Firma aus dem Nichts aufgebaut und gesehen, wie sie die Unternehmenskommunikation veränderte, indem sie Teams über Kontinente hinweg vernetzte. Jetzt verwaltete ich die Maschine, die ich gebaut hatte, während andere die Leidenschaft dafür aufbrachten.
Zehn Jahre voller Geld hatten mir jede Ablenkung gekauft: Frauen, Reisen, Häuser, Adrenalin. Exquisites Essen, atemberaubende Aussichten, nur das Beste vom Besten. Und am Ende jedes Tages war ich immer noch hungrig.
Ich verstand es damals nicht, aber dieser Hunger sollte mein Untergang werden – und mein Neuanfang.
Denn Emma war auf dem Weg.