Verbundene Schicksale: Gejagt durch das Blut

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Zusammenfassung

Allisa hat ihr ganzes Leben auf der Flucht verbracht, ohne jemals zu wissen, warum. Ihr Vater beschützt sie mit einer beinahe verzweifelten Intensität, isoliert sie in einer abgelegenen Hütte tief im Wald und verbietet jeden Kontakt zur Außenwelt. Als Ally achtzehn wird, beschließt sie, sich über seine Regeln hinwegzusetzen. Doch hinter der Sorge ihres Vaters verbirgt sich etwas weitaus Größeres – etwas, das erklären könnte, warum sie ständig fliehen müssen ... und warum jemand, oder etwas, unerbittlich Jagd auf sie macht.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
54
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Allys Sicht

„Dad?“, rufe ich in Richtung des Häuschens.

Ich balanciere mit den Armen voller Brennholz über den unebenen Pfad. Der Wald steht dicht um mich herum, bis ich schließlich die kleine Lichtung vor dem Häuschen erreiche, das mir seit ein paar Jahren als Zuhause dient. Vaters roter Pickup parkt direkt vor der kleinen Veranda.

„Dad?“, rufe ich noch einmal, als ich die Veranda betrete. Die Tür des Häuschens schwingt auf und Dad eilt herbei, um mir die Holzscheite aus den Armen zu nehmen.

„Ally! Mein Gott, warum musst du dir so viel aufhalsen, anstatt einfach zweimal zu laufen?“, sagt er streng, aber sein Lächeln verrät, dass er es nicht wirklich ernst meint.

Der Dielenboden im Flur knarrt, als wir das Haus betreten. Aus dem grün gekachelten Ofen im Wohnzimmer dringt ein leises Knistern. Das Licht der letzten Sonnenstrahlen fällt durch das Buntglas der Eingangstür und wirft kleine Muster auf den Boden. Ich streife meine Stiefel ab und folge meinem Vater, der die Holzscheite eins nach dem anderen neben den Kachelofen legt.

„Hat in der Stadt alles geklappt?“, frage ich, während ich weiter in die Küche gehe. Er zögert einen kurzen Moment bei meiner Frage, was mich die Augenbrauen hochziehen lässt.

Hat es etwa nicht geklappt?

Als er das letzte Stück Holz abgelegt hat, richtet er sich auf und schenkt mir ein breites Lächeln. „Alles bestens! Ich habe alles von deiner Liste bekommen, außer dem Cayenne-Pfeffer.“

Mein Blick fällt auf die Papiertüten, die auf der Küchenzeile stehen. Wir packen die Einkäufe schweigend aus; irgendetwas an Dads Stimmung ist seltsam. So ist er schon, seit ich ihn gefragt habe, ob ich am Samstag mit in die Stadt fahren darf.

„Hast du nochmal über das nachgedacht, worüber wir gesprochen haben?“, frage ich vorsichtig. Er spannt sich an, dann lässt er die Schultern sinken. Ich beobachte schweigend, wie er einen Milchkarton in den Kühlschrank stellt. Er ist ein breitschultriger Mann, dessen lange Locken locker auf seine Schultern fallen. Ich fahre mir durch mein eigenes kastanienbraunes Haar, genau wie seines. Wir haben dieselben Locken und dieselben braunen Augen.

„Ich weiß, dass du in die Stadt willst ...“, beginnt er zögerlich.

„Dad“, unterbreche ich ihn schnell. „Ich werde am Samstag achtzehn. Bitte! Ich war seit Jahren nicht mehr außerhalb der Grenzen, die du gesetzt hast! Ich verspreche dir, ich werde vorsichtig sein, bitte Dad?“

Sein Kiefer mahlt, als sich unsere Blicke treffen. Wir leben seit fast drei Jahren in diesem Häuschen, nur wir beide, wie schon immer. Mein Vater und ich sind schon so lange von Ort zu Ort gezogen, wie ich denken kann, und sind quer durch Amerika von Stadt zu Stadt und Schule zu Schule gehüpft. Erst als wir hierherkamen, entschied mein Vater, dass ich meinen Abschluss online machen kann. Es war nicht einfach, Freunde zu finden, wenn man einen so überfürsorglichen Vater hat wie meinen, aber ich habe es geschafft, Kontakt zu zwei Leuten aufzunehmen, die ebenfalls per Fernunterricht lernen. Wir hängen jeden Abend in unserem Gruppenchat ab und in letzter Zeit haben wir darüber gesprochen, uns persönlich zu treffen. Als ich das erste Mal bei meinem Dad damit ankam, wurde er wütend, richtig wütend. Aber ich hoffe, dass ich ihn dieses Mal überzeugen kann … wenn ich nur den richtigen Kompromiss finde.

„Ally ...“, beginnt er bittend.

„Du kannst ja mitkommen, Dad!“, sage ich, als mir die Idee kommt. „Bitte, es ist nur ein Film mit zwei Freunden. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal Freunde hatte … bitte. Manchmal fühlt sich dieses Haus wie ein Gefängnis an.“

Sein Blick verfinstert sich. „Ich halte dich hier nicht gefangen. Du weißt, dass wir vorsichtig sein müssen ... Besonders nach dem, was beim letzten Mal passiert ist. Erinnerst du dich? Unser Standort war kompromittiert, was uns dazu zwang, hierherzuziehen.“

Ich senke den Blick auf den Boden. Es war meine Schuld, dass wir wieder umziehen mussten. Ich hatte mich nachts, kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag, aus dem Haus geschlichen, um mich mit Freunden aus der Schule zu treffen. Als Dad mich in einem Jugendcafé fand, war er stinksauer. Er zerrte mich zu seinem Auto, raste mit überhöhter Geschwindigkeit nach Hause und packte in Panik unsere Sachen. Innerhalb einer Stunde waren wir weg. Schon wieder.

Wir haben die ganze Fahrt über gestritten. Ich war noch nie so aufgebracht und wütend gewesen, als wir Manson Creek hinter uns ließen. Während dieser Autofahrt sagte mein Vater mir endlich die Wahrheit: Wir waren auf der Flucht. Das Geständnis ließ mich erstarren. Ich saß schweigend da, die Hände fest in meinen Schoß gekrallt, während er erzählte, dass Leute hinter uns her waren. Warum?, hatte ich gefragt. Aber er konnte mir nichts weiter sagen, nur, dass es dieselben Leute waren, die meine Mutter ermordet hatten.

Meine Mutter ... Ich kann mich nicht wirklich so klar an sie erinnern, wie ich es mir wünschte. Dad sagt immer, er sieht sie in meinem Lächeln. Wir fuhren tagelang, bis wir schließlich das Häuschen erreichten, in dem wir jetzt wohnen. Er hatte ein paar Anrufe getätigt und zack, fingen wir von vorne an. Wieder einmal. Ich weiß, dass er alles nur tut, um mich zu schützen, aber ich bin so müde davon, vor Geistern wegzulaufen.

„Ich werde bald achtzehn, Dad. Das bedeutet, dass ich bald erwachsen bin und selbst entscheiden können sollte, was ich mit meinem Leben anfange.“ Ich kämpfe darum, meine Stimme ruhig zu halten, während ich mich auf seine Reaktion gefasst mache.

Sein dunkler Blick durchbohrt mich und ich bin kurz davor aufzugeben, als er seufzt. „Okay, Allisa ... Wir fahren dieses Wochenende in die Stadt. Aber zuerst müssen wir ein paar Regeln aufstellen. Verstanden?“

Ich strahle sofort über das ganze Gesicht. Ein breites Grinsen breitet sich auf meinen Lippen aus, als ich mich in seine Arme stürze. Er grunzt bei der plötzlichen Umarmung, aber ein leises Lachen entweicht ihm.

„Alles, Dad!“, sage ich und drücke ihn fest.

Er legt seine Hände auf meine Schultern und schiebt mich sanft auf Armlänge zurück, damit er mich ansehen kann.

„Regel Nummer eins“, beginnt er. „Du weichst mir nicht von der Seite.“

„Okay“, sage ich schnell und nicke.

„Regel Nummer zwei“, fährt er fort. „Wenn ich sage, dass wir nach Hause müssen, wird nicht diskutiert.“

„Alles klar ... in Ordnung.“

Er zieht eine Augenbraue hoch, unbeeindruckt, und fährt dann fort: „Regel Nummer drei“, sagt er mit tieferer Stimme. „Du darfst nicht mit Fremden sprechen. Egal, wie nett sie erscheinen.“

Ich seufze leise, nicke aber. „Okay, Dad. Ich verspreche es.“

Er lässt meine Schultern los, doch sein Blick bleibt an mir haften. Es liegt etwas in seinen Augen, das mir einen Schauer über den Rücken jagt, nicht Wut ... sondern eine Sorge, die so tief sitzt, dass sie sich beinahe uralt anfühlt.

„Du verstehst nicht, was auf dem Spiel steht, Ally“, sagt er leise. „Aber ich möchte, dass du dich normal fühlst ... wenn auch nur für einen Tag.“

Ich versuche zu lächeln, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. „Danke, Dad.“

Er nickt einmal und sagt nichts mehr. Dann dreht er sich zum Waschbecken und beginnt, eine Tasse auszuspülen. Ich weiß, dass es besser ist, ihn jetzt nicht weiter zu bedrängen, besonders nachdem er Ja gesagt hat. Also schlüpfe ich aus der Küche und die schmale Treppe in den ersten Stock hinauf. In meinem Zimmer schließe ich die Tür hinter mir und setze mich an den Schreibtisch. Mein Laptop erwacht zum Leben und das Leuchten des Bildschirms erfüllt die Dunkelheit. Ein Lächeln umspielt meine Lippen, als unser Gruppenchat auf dem Bildschirm erscheint.

Ally: Er hat JA gesagt!!

Marco: ENDLICH!

Nia: Hätte nicht gedacht, dass ich den Tag noch erlebe!

Marco: Alsooo.. sehen wir uns am Samstag? 😍

Ally: Ja. Aber er kommt mit ... Da gab es kein Entkommen.

Nia: Kein Ding. Wir sind einfach nur froh, endlich mal abhängen zu können, auch wenn dein Dad dabei ist. 😊

Mein Herz klopft schnell. Zum ersten Mal seit langer Zeit spüre ich einen Funken Freiheit. Ich liebe meinen Dad und ich weiß, dass alles, was er tut, nur dazu dient, mich nach dem, was mit Mom passiert ist, zu beschützen, aber ich kann nicht länger in diesem Haus eingesperrt leben ... Ich will Freunde. Ich will normal sein.

Marco, Nia und ich haben uns im Matheunterricht kennengelernt. Das Fluchen über Gruppenarbeiten und unser gegenseitiger Hass auf das Fach haben uns zusammengeschweißt. Seit zwei Jahren chatten wir, schicken uns Bilder und spielen gemeinsam Online-Spiele. Sie haben mich immer wieder gedrängt, uns zu treffen, und ich habe Ausreden erfunden: zu weit weg von der Stadt, Dads Auto ist kaputt, der Hund ist weggelaufen. Wir haben nicht einmal einen Hund. Aber jetzt ist Schluss mit den Lügen und ich konnte Dad endlich überzeugen, mich in die Stadt gehen zu lassen.

Ich fahre meinen Laptop herunter, ziehe mich um und putze mir im Bad neben meinem Zimmer die Zähne. Ich höre Dad unten herumlaufen, während ich ins Bett krieche. Ein Rasseln ertönt, als er die Sicherheitskette vorlegt und die Haustür abschließt.

Noch ein paar Tage, dann treffe ich endlich meine Freunde.