Kapitel 1 – Jackie

„Mom? Vance? Seid ihr da?“, rief ich. Ich stieß die Haustür mit meinen treuen schwarzen Biker-Boots auf. In der Bude lebte ich seit acht Jahren, und die Stiefel hielten fast genauso lange.
Das Haus war eine Bruchbude und fiel an allen Ecken auseinander. Aber das war mir egal, mir ging es nämlich genauso.
Ich stapfte durch die Küche und pfefferte meine zerfledderte Tasche auf den Esstisch. Dabei flogen leere Dosen durch die Gegend, und die Beutel mit Koks und Gras kamen durcheinander.
Die schimmeligen, zerfetzten Vorhänge waren zugezogen. Ich wusste gar nicht mehr, wann sie das letzte Mal offen gewesen waren. In der Bude hing dieser heimelige Duft nach abgestandenem Sex, Drogen und Alkohol.
Ich spähte ins Wohnzimmer. Auf dem zerkratzten Holzboden lagen Typen in Lederwesten rum, die ihren Rausch ausschliefen, zusammen mit ihren Groupies für die Nacht. Jede Weste trug das beschissene Wappen der Motorradgang meines Stiefvaters.
Zwei Würfel, die beide die Eins zeigten, umschlungen von einer Schlange.
Silent Snakes Motorcycle Club.
Cooles Logo, beschissener Club.
Die hielten sich für die Größten, dabei waren sie nur ein Haufen fauler Säcke. Sie vertickten Drogen, fuhren Motorrad und vögelten sich durch jede Hure der Stadt. Und davon gab es hier jede Menge.
Ich kickte einen Arm beiseite und schnappte mir einen Joint vom Couchtisch. Ich steckte ihn mir zwischen die Lippen. Dann holte ich mein treues Totenkopf-Zippo aus der Lederjacke, zündete ihn an und ging in den Flur. Die Tür zum einzigen Schlafzimmer stand sperrangelweit offen.
Vance hatte meine Mutter auf den Knien und rammte ihr seinen Schwanz in ihr schmutziges, tränenverschmiertes Gesicht.
Ihre langen Kunstnägel krallten sich in seine behaarten Oberschenkel. Ich nahm noch einen Zug vom Joint, während mir die Galle hochkam.
„Ekelhaft. Macht die verdammte Tür zu.“
„Halt dein loses Maul, sonst stopfe ich dir als Nächstes diesen Schwanz in den Hals“, drohte er. Er war ein echtes Schwein, also wollte ich es lieber nicht drauf ankommen lassen.
Mom würgte an ihm und versuchte, sich zurückzuziehen. Aber er packte ihr schmutzig-blondes Haar fester und stieß zu, ein Grinsen auf den schmalen Lippen. Ich schüttelte den Kopf und ging weiter.
Die beiden waren ständig am Vögeln. Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, aber mir wurde immer noch schlecht davon.
Ich ging den kleinen Flur entlang zur Hintertür. Ich trat sie auf und verließ das Haus, um rüber zu dem kleinen Schuppen zu gehen, in dem ich hauste.
Es war eine heruntergekommene Baracke, die direkt an der Garage klebte, in der die „Clubgeschäfte“ abgewickelt wurden.
Ich kannte die „Clubgeschäfte“: nächtliche Partys, Drogen, Alkohol und der ständige Sex, der überall sonst Privatsache war, nur nicht bei uns. Aber woran ich mich nicht gewöhnen konnte? Dass ich mir mein Reich mit meinem Stiefbruder teilen musste. Austin Hartley.
Wir standen uns nah und waren beste Freunde, seit unsere Eltern vor acht Jahren zusammengekommen waren. Seitdem teilten wir uns ein Zimmer. Trotzdem haute mich sein Geruch jedes Mal um, wenn ich unser Zimmer betrat.
Hinter der Tür hing ein Laken als Vorhang. Es sollte das Licht aussperren und für etwas Privatsphäre sorgen, da die Tür Glaseinsätze hatte.
Ich schob mich an der Tür und dem Laken vorbei und nahm noch einen tiefen Lungenzug vom Gras. Die Ruhe breitete sich in meinen Knochen und meinem Kopf aus. Jetzt war mir alles gerade egal genug, um noch einen Nachmittag und eine Nacht voller Bullshit-Clubtreffen zu überstehen, die eh nur eine Ausrede zum Saufen waren.
Kaum war ich im Zimmer, war es mit der Ruhe schlagartig vorbei. „Ja, ja! Austin! Härter, ja, bitte! Oh mein Gott!“, kreischte eine schrille Stimme. Ich verdrehte bei dem Lärm nur die Augen.
Austin hatte seine Freundin da. Juhu. Nicht.
Das war das Schlimmste am gemeinsamen Zimmer. Man musste mit Austin und seinem Sextrieb klarkommen. Aber ich wusste, dass er über mich dasselbe sagte.
Ich rauchte den Joint zu Ende und ging weiter ins Zimmer. Dabei warf ich einen Blick auf das Bett, wo Austin es seiner Neuen gerade ordentlich besorgte.
Schlampen-Sally hatte ihre Beine um seine Taille geschlungen. Ihre Nägel gruben sich in seinen beeindruckenden Bizeps.
Verdammt, das machte mich eifersüchtig. Aber ich hatte kein Recht dazu.
Mit fünfzehn, als die Hormone uns beide fertiggemacht hatten, hatten wir mal rumgeknutscht.
Es war das einzige Mal geblieben. Wir hatten beschlossen, es zu lassen, damit es unsere Freundschaft nicht ruinierte. Wir konnten ja schlecht weglaufen, wenn es schiefgegangen wäre.
Seitdem wechselte er seine Mädchen wie Unterwäsche. Und ich hatte mich durch die Highschool gevögelt. Was sollte man auch sonst tun, wenn die Lehrer einen auf dem Kieker hatten und einem nichts beibrachten?
„Schatz, ich bin zu Hause!“, spottete ich und ging zur Anrichte, um Kaffee aufzusetzen.
Das Zimmer war groß genug für eine kleine Küchenzeile mit Spülbecken. Es gab sogar ein winziges Bad mit Klo und Dusche. Unser Bett nahm fast den ganzen Raum ein, obwohl es nur ein Doppelbett war.
Es war das einzige Bett. Normalerweise wechselten wir uns damit ab, unsere Eroberungen mitzubringen, aber übernachten durften sie nicht.
Gegenüber vom Bett stand ein Flachbildfernseher auf leeren Bierkisten. Davor lagen ein paar Sitzsäcke, die den fleckigen, zerrissenen Teppich verdeckten.
Ein einzelnes Fenster brachte etwas Licht herein, aber meistens hielten wir die Vorhänge zu. Sonst wurde die Bude bis zum Abend nie warm.
„Scheiße. Jackie“, fluchte Austin. Er stieß noch ein paar Mal in Sally hinein, die wie eine verdammte Möwe kreischte, bevor er kam.
Ich machte in aller Ruhe meinen Kaffee fertig. Ich wartete, bis sie sich nach ihrem Orgasmus sortiert hatten, bevor ich es wagte, über die Schulter zu schauen.
„Willst du auch einen Kaffee?“, fragte ich.
„Ja“, keuchte Austin. Er fuhr sich mit der Hand durch sein feuchtes, dunkles Haar. Die Strähnen fielen ihm sofort wieder ins Gesicht.
Seine grünen Augen trafen meine, als er aus dem Bett stieg. Er zog sich seine Jeans hoch, ließ sie aber offen, während er sich um das Kondom kümmerte.
Er kam zu mir rüber. Sally lag mit einem verträumten Blick auf dem Bett. Ihre Augen waren halb geschlossen, ihre helle Haut war gerötet.
„Baby, komm zurück und kuschel mit mir.“
„Nein. Kaffee?“, fragte er sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Man sollte meinen, sie würde den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, aber Schlampen-Sally war nicht gerade für ihren IQ bekannt.
Sally schnaubte: „Kann nicht.“ Sie stand auf, schlüpfte in ein winziges Kleidchen und zog ihren Tanga hoch.
„Jackie.“ Sie nickte mir mit zusammengepressten Lippen zu.
Zwischen uns herrschte keine große Sympathie. Sie versuchte schon seit Jahren, Austin an sich zu binden, und ich ärgerte sie bis aufs Blut deswegen.
Sie hasste es, dass wir uns ein Bett teilten und er die meiste Zeit mit mir verbrachte. Das mit Austin und mir war rein freundschaftlich, aber ich ließ sie im Glauben, da liefe mehr. Es machte einfach Spaß, sie zu provozieren. Vor allem, weil sie der Grund war, warum kein Lehrer mich mehr für voll nahm.
Nachsitzen war im letzten Jahr mein zweites Zuhause, und das hatte ich ihr zu verdanken. Also nutzte ich jede Gelegenheit, um es ihr heimzuzahlen.
Sie wollte ihn doch nur, weil sie ihn nicht haben konnte – oder wegen seines beeindruckenden Körpers.
Sogar mir lief bei dem Anblick meistens das Wasser im Mund zusammen.
Er trainierte jeden Morgen an der Stange, die wir an der Decke verschraubt hatten, und ich sah jedes Mal zu.
Seine Arme waren sehnig und muskulös, er sah aus wie aus einem Fitnessmagazin. Seine vollen Lippen, die goldbraune Haut – er war mein feuchter Traum. Und der von Schlampen-Sally auch.
„Tschüss, Sally“, grinste ich sie an. Sie kniff die Augen zusammen, und Austin brachte sie raus.
Er küsste sie zum Abschied. Ich konnte kaum glauben, dass sie danach immer noch gehen wollte. Wenn Austin mich so geküsst hätte, hätte ich sofort alles um mich herum vergessen.
Aber Sally war nicht ich. Sie verschwand über den vollgestellten Hinterhof, der voller Schrott lag. Sie ging durch das Seitentor in Richtung Schule, die gleich hinter dem Feld lag.
Austin kam wieder rein und atmete tief durch. „Ich muss die Sache beenden.“ Er schüttelte den Kopf. Ich lachte und goss uns beiden eine Tasse schwarzen Kaffee ein. Dann setzten wir uns an den winzigen runden Tisch mit den zwei Stühlen am Fußende des Bettes.
Der Tisch war alt, aus Holz und wackelte ein bisschen. Die Stühle passten nicht zusammen. Wir hatten es aufgegeben, schöne Dinge zu besitzen, da sie sowieso bei den unvermeidlichen Schlägereien jede Nacht kaputtgingen.
„Ich tue jetzt einfach mal so, als wüsste ich nicht, dass sie eine weinerliche Zicke ist, die dich festnageln will. Warum also?“, stichelte ich.
Er verdrehte die Augen und nippte an seinem Kaffee. „Sie will, dass ich ihre Eltern kennenlerne.“
„Oh.“
„Ja.“
„Mir war nicht klar, dass es bei euch so ernst ist“, murmelte ich über meine Tasse hinweg. Ich versuchte, das Stechen in meiner Brust zu ignorieren.
„Ist es auch nicht. Ich vögle sie nur, weil es geht. Sie glaubt, nur weil ich sie flachlege, wären wir fest zusammen oder so ein Scheiß.“
„Und das seid ihr nicht?“, hakte ich nach und redete mir ein, es sei nur Neugier.
„Ganz sicher nicht. Ich bin nicht der Typ für Beziehungen, das weißt du“, sagte er. Dann leerte er seine Tasse in ein paar Schlucken und verschwand im Bad, wobei er den Vorhang zuzog.
Ich hörte, wie die Dusche anging. Ich nippte an meinem Kaffee und versuchte, ihn mir da drin nicht nackt vorzustellen.
Es klappte nicht. Also ging ich zum Schrank und holte meine alte Tabakdose raus. Ich drehte mir aus dem Gras einen neuen Joint und nahm einen Zug, um wieder runterzukommen.
Ich lehnte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Ich schloss die Augen und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich musste noch Hausaufgaben machen und Wäsche waschen. Und joggen wollte ich eigentlich auch noch, bevor es dunkel wurde. So viele Dinge, auf die ich absolut keinen Bock hatte.
Was ich wirklich wollte? Mit meinem Stiefbruder in diese winzige Duschkabine steigen. Ich wollte vor ihm auf die Knie gehen und ihm zeigen, was ein Mädchen wie Schlampen-Sally niemals draufhätte.
Bei dem Gedanken, ihm so richtig den Kopf zu verdrehen, musste ich grinsen. Ich leckte mir über die Lippen und nahm noch einen Zug.
Ich hing noch immer meinen Tagträumen nach, als mir der Joint aus den Fingern gezogen wurde.
Ich riss die Augen auf und blickte nach oben. Es war Austin.
Er steckte sich den Joint zwischen die Lippen und inhalierte tief. Ich beobachtete ihn und leckte mir die Lippen. Ich versuchte, nicht daran zu denken, dass sein Mund genau dort war, wo meiner gerade noch gewesen war.
Austin stand hinter meinem Stuhl. Dann beugte er sich über mich und blies den Rauch zur Seite aus, während ich die Lippen leicht öffnete. Er schob mir den Joint zurück in den Mund. Ich griff danach.
Ich starrte ihn an und presste meine Lippen wieder dorthin, wo seine gewesen waren. Er beobachtete jede Bewegung, und mein Herz raste. Die Spannung zwischen uns war manchmal so extrem, dass ich kaum atmen konnte. Das hier war so ein Moment.
„Danke“, murmelte er, bevor er wegtrat und den Kontakt abbrach. Das war auch besser so. Einer von uns musste stark bleiben. Diesen Part überließ ich ihm, denn wenn es um ihn ging, war ich schwach.
Ich setzte mich wieder ordentlich hin und beobachtete ihn. Austin ging zum Kühlschrank, holte eine Wasserflasche raus und nahm einen Schluck. Er trug nur seine Jogginghose.
Ich hatte keine Ahnung, warum das so verdammt heiß aussah, aber es war so. Besonders, weil er so gut gebaut und am ganzen Körper tätowiert war. Verdammt, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, wenn er kein Shirt trug. Ich war mir fast sicher, dass er das mit Absicht machte.
„Und?“, er drehte sich zu mir um, schloss den Kühlschrank und hielt die Flasche fest. „Wie war das Nachsitzen?“
Ich verdrehte die Augen. „Bin nicht hingegangen.“
Austin grinste, aber es war ein düsteres Grinsen, das man selten bei ihm sah. „Und stimmen die Gerüchte, warum sie dich dorthin geschickt haben?“
Ich zog ein Gesicht. Natürlich hatte er die Gerüchte gehört. Er war nicht mehr in der Schule, seit er vor sechs Monaten achtzehn geworden war. Er gehörte jetzt zu den Snakes, und trotzdem wusste er alles, was dort vorging. Vor allem, wenn es um mich ging.
Ich hielt die Hand nach seinem Wasser aus. Er reichte es mir, ließ die Flasche aber nicht los, als ich daran zog.
„Stimmen sie, Jackie? Hast du Mr. Mac in die Eier getreten und gesagt: ‚Verpiss dich, du Perverser‘?“
Ich sah Austin in die Augen. Bei dem finsteren Blick schreckte ich ein wenig zurück. Normalerweise war seine Wut nicht gegen mich gerichtet.
Ich riss das Wasser an mich und nahm einen Schluck. „Ja. Warum?“
Austins Kiefer mahlte, und er drehte sich von mir weg. Er ballte die Fäuste und öffnete sie wieder. Dann kam er zurück, stützte die Handflächen auf den Tisch und beugte sich zu mir vor. „Alle dachten, das wäre ein witziger Spruch. Aber das war es nicht, oder?“
„Er hat geheult, also ich fand’s ziemlich witzig“, zuckte ich mit den Schultern. Ich ignorierte, worauf er hinauswollte – die Wahrheit. Aber diese Wahrheit gehörte hier eben zum Leben dazu.
„Hat er dich angefasst?“
Ich zuckte wieder mit den Schultern und stellte das Wasser auf den Tisch. „Ist doch egal. Er macht es jedenfalls nicht nochmal.“
„Nochmal? Wie oft hat er es denn gemacht?“, fragte Austin. Seine Stimme wurde leiser, während er sich noch weiter über den Tisch zu mir herabbeugte.
Ich blies die letzte Wolke Rauch aus und hielt Austins forderndem Blick stand. „Einmal zu viel.“
„Wo?“
Ich runzelte die Stirn. „Wo?“
„Wo hat dich dieser Mistkerl angefasst?“, knurrte Austin und kam um den Tisch herum. Er riss meinen Stuhl zurück und beugte sich über mich.
Ich grinste und öffnete meine Beine weit. Absichtlich streifte ich mit meinem Oberschenkel seinen. Ich trug nur meine zerrissenen Jeansshorts. Ich ließ meine Hand über die nackte Haut meines Oberschenkels gleiten und leckte mir über die Lippen. „Hier.“
Austin folgte meiner Hand mit den Augen. Kurz bevor meine Hand höher gleiten konnte, packte er sie und drückte fest zu. „Wir spielen heute Abend keine gefährlichen Spielchen, Jackie“, flüsterte er.
Ich lächelte ihn herausfordernd an. „Ich beantworte doch nur deine Frage, Austin.“