Chapter 1
Die schwarze Limousine, ein lautloser Gigant, rollte sanft vor dem ersten von drei Eisentoren zum Stehen. Von der Rückbank aus beobachtete Siri, wie sich die Welt draußen wandelte. Der Lärm der Stadt war längst verstummt. An seine Stelle trat die gedämpfte, beklemmende Stille von altem Geld und noch älteren Geheimnissen. Das Anwesen war nicht bloß ein Grundstück; es war eine Kampfansage. Eine Festung aus Granit und Prestige, eingebettet in die sanften, gepflegten Hügel. Uralte Eichen, deren Äste wie Skelettfinger in den fahlen Dämmerhimmel ragten, standen wie stumme Wächter da.
Sie selbst war eine Studie in kalkuliertem Kontrast. Ihr Kleid war ein Hauch von Schatten, schwarze Spitze, die sich an ihre Figur schmiegte, ohne aufdringlich zu wirken. Es war keineswegs freizügig, aber es schmeichelte ihr auf eine Art, die von exquisiter Schneiderkunst und einem intimen Verständnis für ihren eigenen Körper zeugte. Der Ausschnitt bildete ein zartes Filigran, das ihren Schlüsselbeinen folgte. Die dreiviertellangen Ärmel ließen ihre schmalen Handgelenke nur erahnen. Es war eine Rüstung, ebenso sehr wie ein Kleidungsstück. Auf ihrem Schoß lagen ihre Hände ruhig. Eine davon ruhte leicht auf dem abgewetzten Leder ihrer professionellen Arbeitsmappe, einem Zeugnis ihres Könnens.
Die Sicherheitskontrollen waren gründlich, unpersönlich und mehrstufig. Am ersten Tor scannte ein uniformierter Wachmann mit einem Gesicht wie aus Granit ihren Ausweis. Sein Blick huschte von dem Foto zu ihrem Gesicht, dann schob er einen Spiegel an einer Stange unter das Fahrgestell. Am zweiten, einer modernen Sicherheitskontrolle, musste sie aussteigen. Ihre Mappe wurde geöffnet und peinlich genau inspiziert. Sie schritt durch einen Scanner, der bei den Metallverschlüssen ihres Kleides leise piepte. Eine Wachfrau mit effizienten Handgriffen tastete sie ab; die Berührung war kühl und kurz. Siri ertrug alles mit einem teilnahmslosen, fast gelangweilten Ausdruck. Das kleine, ständige Grinsen, das ihre Standardmiene war, wich nie ganz von ihren Lippen. Es war ein Lächeln, das andeutete, dass sie ein Geheimnis kannte, an dem man verzweifelt teilhaben wollte.
Das letzte Tor schwang auf und gab die Zufahrt aus Kopfsteinpflaster frei, die sich zum Haupthaus schlängelte – einem kolossalen Bau aus Stein und Bleiglas. Als der Wagen vor dem Haupteingang zum Stehen kam, öffnete ihr ein Mann in einem strengen schwarzen Anzug die Tür. „Hier entlang, Ms. Siri“, sagte er mit einer Stimme ohne jede Regung.
Sie folgte ihm. Ihre Bewegungen waren fließend, ein lautloses Gleiten, das die schweren, kunstvollen Türen wie von selbst aufgehen ließ. Und dann befand sie sich im Herzen der Bestie: dem Hauptempfangssaal des Don.
Er war größer als jeder Ballsaal, den sie je gesehen hatte. Eine gewaltige Fläche aus poliertem Marmor und dunklem Holz. Am anderen Ende loderte ein Kamin, in dem man ein Auto hätte parken können; die Flammen leckten an Holzscheiten, die so dick wie kleine Bäume waren. Die Luft war schwer vom Duft feiner Zigarren, altem Whiskey und der leichten, süßlichen Note teuren Parfüms. Und Dutzende Augenpaare richteten sich auf sie.
Es waren die Augen von Raubtieren und ihren polierten Gefährtinnen, von alten Männern mit Landkarten der Gewalt in den Gesichtern und jungen, hungrigen Emporkömmlingen mit zu viel Gel im Haar. Ihre Blicke musterten sie – neugierig, einige feindselig, andere offen lüstern. Doch Siri glitt weiter wie ein schnelles, dunkles Schiff durch ein Meer aus gedämpftem Luxus. Niemand glitt an ihrer Seite; sie war ein Solokünstler, eine Anomalie. Ihr Grinsen blieb, ein winziges, unveränderliches Zeichen ihrer Belustigung. Sie war das Beste, was ihre Welt in Sachen Diskretion zu bieten hatte. Die Fotografin, die Ästhetik bis ins kleinste Detail verstand, war weder billig noch leicht zu engagieren. Das wussten sie alle. Ihr Erscheinen war ein Beweis für die Macht des Don und den speziellen Geschmack seiner Tochter.
Der strenge Mann führte sie zu einem Doppelflügeltürpaar aus kunstvoll geschnitztem Mahagoni. Er klopfte einmal, ein scharfer, präziser Ton, dann öffnete er einen Flügel und trat beiseite, damit sie eintreten konnte.
Der Prunk des Arbeitszimmers war von einer anderen, konzentrierteren Sorte. Hier wurde Macht nicht nur zur Schau gestellt; sie wurde ausgeübt. Die deckenhohen Bücherregale ächzten unter der Last ledergebundener Bände. Ein massiver Schreibtisch aus einer einzigen Platte Obsidian dominierte den Raum. Dahinter saß Don Michael Androni.
Er war ein älterer Mann, Ende fünfzig, doch er trug seine Jahre wie einen maßgeschneiderten Mantel. Sein Haar war von vornehmem Silber und von einer breiten Stirn zurückgekämmt. Sein Gesicht war ein Netz aus feinen Linien, doch seine Augen in der Farbe von Feuerstein waren wach, intelligent und entgingen nichts. Er trug einen tiefburgunderroten Smoking, und eine Hand ruhte auf dem Knauf eines Gehstocks aus dunklem Holz, obwohl er nicht den Eindruck machte, als bräuchte er ihn zur Stütze.
„Sebastian“, sagte Siri mit leiser, klarer Stimme in die Stille des Raumes. Es war der Name, den sie in beruflichem Kontext für ihn verwendete – ein sorgfältig gewähltes Pseudonym, das sowohl klassisch wirkte als auch einen Hauch gefährlicher Romantik trug.
Der Don blickte von einem Dokument auf, seine feuersteinartigen Augen musterten sie. Ein langsames, anerkennendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Siri. Du siehst … tadellos aus.“ Er deutete auf die junge Frau, die am Kamin stand. „Du erinnerst dich an meine Tochter, Cynthia.“
Cynthia war ein lebendiger Farbtupfer in dem dezenten Raum. In einem fließenden smaragdgrünen Kleid, das kastanienbraune Haar in kunstvollen Locken, vibrierte sie förmlich vor Energie. Sie eilte auf sie zu und hüllte Siri in eine Umarmung, die nach Jasmin und Champagner duftete. „Siri! Oh, Daddy hat zwar wegen der ganzen Sache gebrummt, aber jetzt bist du hier. Es wird einfach perfekt.“
Siri erwiderte die Umarmung, und ein echtes Gefühl der Wärme ließ ihr Grinsen für einen Sekundenbruchteil weicher werden. „Cynthia. Wie immer eine Erscheinung.“
„Also gut, genug jetzt“, sagte Don Michael mit einem tiefen Grollen. „Cynthia, erklär der Künstlerin deine Vision. Ich muss verstehen, warum mein sechzigster Geburtstag eine dreitägige fotografische Belagerung erfordert.“
Cynthia klatschte in die Hände. „Es ist keine Belagerung, Daddy, es ist eine Chronik! Ich will keine steifen, gestellten Bilder. Ich will die Geschichte. Die Vorbereitungen, das Eintreffen deiner alten Freunde, die stillen Momente vor der Party, das große Ereignis selbst und die Erholung am Morgen danach. Ich will den Menschen sehen, nicht nur den Don. Und Siri ist die Einzige, die das einfangen kann. Ihr Auge für Licht, für Komposition … sie findet die Wahrheit im Augenblick.“
Während Cynthia sprach und mit ihren Händen Bilder in die Luft zeichnete, öffnete sich die Tür zum Arbeitszimmer lautlos.
Ein Mann trat ein. Er war breit gebaut und füllte den Türrahmen mit einer Präsenz aus, die sowohl solide als auch still war. Er hatte langes, dunkles Haar, das im Nacken zusammengebunden war und auf eine ostasiatische Herkunft in Verbindung mit etwas anderem, schwerer Definierbarem, hindeutete. Er war älter, Ende dreißig, mit dem abgeklärten Ausdruck eines Mannes, der zu viel gesehen hatte, um von irgendetwas überrascht zu werden. Ein leichter, dunkler Stoppelbart schattierte sein markantes Kinn. Er bewegte sich mit der Ökonomie eines Raubtiers und ging direkt auf den Schreibtisch des Don zu.
Er beugte sich vor, seine Stimme ein tiefes, vertrauliches Raunen, das nur für Don Michaels Ohren bestimmt war. Während er sprach, veränderte sich der Ausdruck des Don nicht, aber sein Blick wurde intensiver und konzentrierte sich auf eine interne Kalkulation. In diesem Moment hob der Mann seine Augen, dunkel wie polierter Jet, vom Don und ließ sie durch den Raum schweifen. Sie glitten über die lebhafte Cynthia hinweg und landeten mit der Wucht eines physischen Schlags auf Siri.
Sie spürte den Kontakt wie einen elektrischen Schlag. Es war kein bloßer Blick; es war eine Einschätzung, eine schnelle, gnadenlose Inventur. Und Siri, die ein Leben lang Immunität gegenüber männlichen Blicken aufgebaut hatte, tat etwas, das sie nie tat. Sie hielt stand. Sie legte den Kopf schräg – eine neugierige, vogelhafte Bewegung – und begegnete seinem Blick direkt. Ihr kleines, ständiges Grinsen wich nicht; es wurde eher noch tiefer und zu einer stummen, herausfordernden Frage.
Seine Augen verengten sich kaum merklich. Ein kalter, abweisender Blick blitzte über sein Gesicht, bevor er wieder in Teilnahmslosigkeit erstarrte. Er gab dem Don ein kurzes Nicken, drehte sich um und ging so lautlos, wie er gekommen war.
Doch Siris Augen folgten ihm. Sie beobachtete den selbstbewussten, fast arroganten Schwung seiner Schultern, als er den Flur hinunterging, und wie sein dunkles Haar den Kragen seiner Jacke berührte. Es war ein offener, anerkennender Blick, die Art, wie ein Kenner ein besonders schönes Stück Skulptur betrachten würde.
Don Michael folgte ihrer Blickrichtung, und ein langsames, wissendes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Also“, sagte er und zog das Wort in die Länge, während sich seine Aufmerksamkeit wieder ihr zuwandte. „Du bist für drei Tage in der Höhle gefangen. Mit ihr.“ Er deutete mit dem Kinn auf seine Tochter. „Viel Glück.“
Cynthia lachte, ein heller, glockenähnlicher Klang, und legte Siri vertraut den Arm um den Hals, während sie sie zu sich zog. „Oh Daddy, wenn du nur wüsstest. Siri und ich kennen uns schon ewig.“
Siris Blick löste sich endlich von der leeren Türöffnung und kehrte zu Cynthia zurück, mit einem schelmischen Glitzern in den Augen. „Das tun wir. Wir haben uns am College sogar mal geküsst. wegen einer Wette.“
Dem Don entglitten die Gesichtszüge. Er hob die Hand, die Handfläche nach außen, als wolle er die Information physisch blockieren. „Ich muss das nicht wissen. Ich muss das absolut nicht wissen.“ Er erhob sich von seinem Schreibtisch und griff nach seinem Gehstock. „Ich habe ein Meeting. Entschuldigt uns, meine Damen.“
Er ging an ihnen vorbei und hinaus, womit er die beiden Frauen allein in dem prunkvollen Arbeitszimmer zurückließ. In dem Moment, als die Tür ins Schloss fiel, veränderte sich die Atmosphäre. Die Förmlichkeit löste sich auf.
Cynthia wandte sich an Siri, ihr Ausdruck eine Mischung aus Belustigung und Unglauben. „Okay, raus damit. Wen hast du da so intensiv mit den Augen ausgezogen? Und versuch nicht, es zu leugnen. Ich hab’s gesehen.“
Siri schlenderte zum Bücherregal und ließ einen Finger über den Rücken eines vergoldeten Buches gleiten. „Wer war das?“, fragte sie betont beiläufig. „Der heiße Brocken, der reinkam, um deinem Vater süße Nichtigkeiten ins Ohr zu flüstern?“
Cynthias Gesicht zeigte eine Reihe rascher Veränderungen – Überraschung, Verwirrung und schließlich aufkeimendes Entsetzen. „Er? Akhiro? Siri, du hast den Verstand verloren. Glaub mir, er ist absolut nicht dein Typ.“
„Akhiro“, wiederholte Siri und kostete den Namen aus. Er passte zu ihm. Stark, exotisch, mit scharfen Kanten. „Und warum ist er nicht mein Typ? Er sieht … substanziell aus.“
„Substanziell?“ Cynthia lachte kurz und scharf auf. „Er ist der Chef-Problemlöser meines Vaters. Sein Schatten. Wenn Akhiro einen Raum betritt, werden die Leute nicht eifersüchtig, sie werden nervös. Er ist kein ‚heißer Brocken‘, er ist ein wandelnder Eispickel. Er ist ruhig, brutal und hat absolut nichts von dem Charme, den du bei deinen … Affären zu brauchen scheinst.“
Siri grinste nur weiter und blickte aus dem riesigen Fenster auf das dunkler werdende Gelände. „Ruhig kann charmant sein. Brutal kann ehrlich sein.“
„Du hörst nicht auf mich, oder, Siri?“, sagte Cynthia, ihre Stimme eine Mischung aus Verzweiflung und echter Sorge. Sie stellte sich neben ihre Freundin. „Ich meine es ernst. Er ist keiner deiner Bohemien-Künstler oder geistreichen Intellektuellen, mit denen du flirten und die du dann einfach abservieren kannst. Er ist anders. Er ist auf eine Art gefährlich, mit der man nicht spielt.“
Siri wandte sich endlich ihr zu; das erlöschende Kaminfeuer fing die goldenen Sprenkel in ihren sonst dunklen Augen ein. Ihr Grinsen war nun ein vollkommenes, wissendes Lächeln. „Oh, ich höre zu, Cyn. Ich höre jedes Wort.“ Sie streckte die Hand aus und rückte den Kragen von Cynthias Kleid zurecht, eine liebevolle, schwesterliche Geste. „Aber gerade du solltest wissen: Wenn man mir sagt, ich soll etwas nicht tun, ist das immer der sicherste Weg, dass ich es absolut, ganz bestimmt tun muss.“
Sie blickte zurück zur Tür, wo der Nachhall von Akhiros Blick noch immer wie eine Herausforderung in der Luft lag.
„Die Höhle ist gerade um einiges interessanter geworden.“
Die schwere Stille des Arbeitszimmers, das zuvor von der imposanten Präsenz des Dons erfüllt war, fühlte sich nach seinem Gehen wie ein Vakuum an. Cynthia brach die Stille mit einem theatralischen Seufzer und ließ sich auf eine plüschige Samtcouch fallen, wobei sich das smaragdgrüne Seidenkleid um sie verteilte.
„Okay, die väterliche Inquisition ist vorbei“, verkündete sie und kickte ihre High Heels von den Füßen. „Jetzt kommt die echte Führung. Die ohne den Kommentar: ‚Hier hat Großpapa einen Senator bedroht‘.“
Siris professionelles Auftreten begann bereits wie eine zweite Haut von ihr abzufallen. Sie legte ihre Mappe achtlos auf den Schreibtisch aus Obsidian – ein Sakrileg, bei dem das Auge des Dons gezuckt hätte – und holte ihre Kamera hervor. Die schnittige, schwarze Spiegelreflexkamera war wie eine Erweiterung ihres eigenen Sehens. Sie schaltete sie ein und das leise Surren war ein vertrautes, beruhigendes Geräusch.
„Zeig mir die Räume, Cyn“, sagte Siri. Ihre Stimme verlor den sachlichen Ton, den sie gegenüber Kunden anschlug, und fiel zurück in die lockere Art ihrer College-Zeit. Sie hob die Kamera und nahm Cynthia ins Visier, wie sie sich vor dem prasselnden Kamin ausstreckte. Das Klicken des Auslösers war scharf und befriedigend. Ein Testschuss. Das Licht war schwierig, dramatisch, voll mit tiefen Schatten und feurigen Highlights. Perfekt.
Cynthia sprang auf, ihre Energie war zurückgekehrt. „Stimmt! Der große Ballsaal, natürlich. Der Hauptspeisesaal, die Bibliothek – die im Morgenlicht göttlich ist, du wirst sterben –, das Sonnenzimmer, die Gärten...“ Sie zählte die Orte an ihren Fingern auf, während sie Siri zurück in den riesigen Empfangssaal führte. Dort waren nur noch ein paar Angestellte, die leise die Gläser abräumten.
Sie bewegten sich wie Geister durch das Anwesen und ihre Schritte hallten in den weiten, marmorierten Räumen wider. Siris Kamera war ein konstantes Auge, das klickte und surrte. Sie sah nicht einfach nur Räume; sie sah Kompositionen. Die Art, wie das Mondlicht durch die hohen Bogenfenster des Ballsaals drang und lange, skelettartige Schatten von den Kristallleuchtern warf. Das dichte, stille Gewicht der Bibliothek, wo der Geruch von altem Papier und Leder körperlich spürbar war. Sie hielt die strenge Geometrie eines Schachbretts fest, das für ein Spiel bereitstand, das nie gespielt werden würde, und das einsame Glänzen eines einzelnen Cognacschwenkers, der auf einem Beistelltisch vergessen worden war.
„Es ist spät“, murmelte Cynthia mit gedämpfter Stimme in der Heiligkeit der Bibliothek. „Die meisten Orte, die ich geplant habe, sind dunkel. Das Licht wird bis morgen schrecklich sein.“
Siri nahm die Kamera von einem riesigen Globus herunter, dessen Kontinente in verblichenem Blattgold gehalten waren. Ein langsames, verschmitztes Grinsen breitchtete sich auf ihren Lippen aus. „Aber der Pool ist nicht dunkel.“
Cynthias Augen leuchteten sofort mit verschwörerischem Verständnis auf. Der Innenpool war das einzige Zugeständnis ihres Vaters an modernen, hedonistischen Luxus – eine riesige, nach Ozon duftende Grotte aus schwarzem Marmor und Goldmosaik, die immer warm war und aus der ständig Dampf aufstieg, um sich an der gläsernen Kuppeldecke zu kräuseln.
„Wir könnten mit dem letzten Rumgeknutsche weitermachen“, sagte Cynthia und zuckte mit den Augenbrauen, „oder falls dir jemand anderes ins Auge sticht...“ Sie hakte sich bei Siri ein, während sie in Richtung Ostflügel gingen. „Aber nicht Akhiro. Im Ernst. Dieser Eismann ist... seltsam. Er macht mir eine Gänsehaut. Es ist, als hätte er keinen Puls.“
Siri antwortete nur mit einem unverbindlichen Summen. Die Erwähnung seines Namens war wie ein Stein, der in das stille Wasser ihres Geistes geworfen wurde, und neugierig beobachtete sie die Wellen.
„Wie auch immer“, fuhr Cynthia fort und zog sie zu einer Reihe von Milchglastüren, „vergiss ihn. Hol deine Kamera raus. Ich will Bikini-Bilder. Die Art von Fotos, die dem Sicherheitspersonal meines Vaters einen kollektiven Herzinfarkt bescheren würden.“
Siri lachte, ein echtes, kehliges Lachen, das die ruhigen Flure zu erschrecken schien. „Du bist eine Gefahr.“
„Du liebst es“, schoss Cynthia zurück und stieß die Türen auf.
Die Luft, die sie traf, war warm, feucht und dick vom Geruch nach Chlor und nachtblühendem Jasmin, der von Pflanzen stammte, die kunstvoll in den Ecken arrangiert waren. Der Poolbereich war atemberaubend. Es war ein römisches Bad, entworfen von einem Genießer des 21. Jahrhunderts. Der Pool selbst war eine lange, rechteckige Lagune aus schimmerndem, beleuchtetem Türkis, eingelassen in glänzenden schwarzen Marmor. Bogensäulengänge säumten die Seiten, und am anderen Ende erhob sich eine massive Statue von Poseidon aus Blattgold aus dem Wasser, den Dreizack hoch erhoben. Aber das wahre Wunder war die Decke – eine riesige Glaskuppel, durch die der Nachthimmel wie ein Teppich aus kalten, fernen Sternen wirkte.
„Musik?“, fragte Siri, die ihre Kameratasche bereits auf einer Liege abstellte und ein anderes Objektiv herausholte, ein lichtstärkeres für das schummrige Licht.
Cynthia sah sie gespielt beleidigt an. „Zweifle nicht an meiner Integrität, nur weil ich eine Party für zwei Personen schmeiße.“ Sie ging zu einem unauffälligen Panel an der Wand, tippte ein paar Befehle ein, und plötzlich füllte der tiefe, pochende Beat eines Trip-Hop-Songs den Raum, wobei die Bassnoten durch den Marmor unter ihren Füßen vibrierten. „Du hast sowieso Feierabend. Das hier ist nur für mich.“
„Für deine private Erpresser-Sammlung?“, neckte Siri und passte ihre Einstellungen an.
„Für meine Memoiren“, erwiderte Cynthia und schlüpfte bereits aus ihrem smaragdgrünen Kleid. Darunter trug sie einen skandalös knappen, elektrisch blauen Bikini. Sie nahm eine dramatische Pose am Beckenrand ein, den Rücken durchgedrückt. „Na los? Geh an die Arbeit, Künstlerin.“
Und das tat Siri. Genau hier fühlte sie sich am lebendigsten – nicht bei steifen, formellen Porträts, sondern wenn sie das Wesen eines Moments oder einer Persönlichkeit einfing. Die Kamera wurde zum Werkzeug für ihr Spiel. Sie drückte ab, als Cynthia mit einem Köpfler ins tiefe Ende sprang; die Wasserfontäne fing das Licht wie eine Salve aus Diamanten ein. Sie hielt fest, wie sie wieder auftauchte, die Haare klebten an ihrem Gesicht, sie lachte, und das Wasser floss von ihrem Körper. Sie zoomte auf die Tropfen, die auf Cynthias gebräunter Schulter perlen, auf das Kurven ihrer Lippen und die trotzige Freude in ihren Augen.
Sie fanden in einen einfachen, vertrauten Rhythmus, ein Tanz zwischen Fotografin und Model, der auch der Tanz zweier alter Freundinnen war. Cynthia schwamm gemütliche Bahnen und trieb dann auf dem Rücken, während sie zu der sternenbesetzten Kuppel aufblickte. Siri lag bäuchlings auf dem kühlen Marmor, die Kamera im Anschlag, und hielt das heitere, fast überirdische Bild ihrer Freundin fest, die im leuchtenden Wasser trieb, umgeben von Dampf, der sie wie Ektoplasma umhüllte.
„Erinnerst du dich an die Party im Kappa-Sig-Haus?“, rief Cynthia, und ihre Stimme hallte leicht in dem riesigen Raum wider. „Als du diesen BWL-Typen überzeugt hast, du wärst eine russische Spionin?“
Siri kicherte, ohne den Blick vom Sucher zu nehmen. „Er hat es mir drei Wochen lang geglaubt. Er hat mir verschlüsselte Nachrichten in sein VWL-Lehrbuch geschrieben.“
„Du bist beängstigend“, sagte Cynthia, schwamm an den Rand und legte ihre Arme auf den Marmor. Ihr Gesichtsausdruck wurde ernster. „Aber im Ernst, Siri. Wegen Akhiro. Ich habe nicht ganz gescherzt. Er ist... anders. Er ist seit zehn Jahren bei meinem Vater. Niemand weiß, woher er kommt. Er ist eines Tages einfach aufgetaucht, und jetzt ist er der Einzige, dem mein Vater blind vertraut. Er trinkt nicht. Er flirtet nicht. Ich habe ihn noch nie auch nur lächeln sehen.“
Siri nahm endlich die Kamera herunter, setzte sich auf und umschlang ihre Knie. „Vielleicht hat er einfach noch keinen Grund dazu gefunden.“
„Oder vielleicht ist er ein Soziopath“, konterte Cynthia direkt. „Sein Job ist es nicht, charmant zu sein, Siri. Sein Job ist es, Probleme verschwinden zu lassen. Permanent. Du flirtest mit gefährlichen Männern, ich weiß, das ist dein Ding. Die Künstler mit ihren gequälten Seelen, die Musiker mit ihren Drogenproblemen. Aber Akhiro ist nicht auf eine poetische Weise gefährlich. Er ist gefährlich auf die Art, bei der man am Ende am Grund des Hudson landet. Das hat nichts Romantisches.“
„Wer hat was von Romantik gesagt?“, Siris Grinsen war zurück, ein Schatten im Dampf. „Ich bin nur neugierig. Er hat mich angesehen, als wäre ich ein Fleck auf dem Teppich. Das bin ich nicht gewöhnt.“
„Das liegt daran, dass du eine Göttin bist und die meisten Männer genug Verstand haben, dich entsprechend zu verehren“, sagte Cynthia, stieg aus dem Pool und schnappte sich ein flauschiges weißes Handtuch. „Er ist kaputt. Lass die kaputten Spielzeuge in Ruhe.“
Siris Blick wanderte von Cynthia weg, zurück zu den Milchglastüren. Die Musik wechselte zu einem stimmungsvolleren, atmosphärischeren Track. Für einen flüchtigen Moment stellte sie sich vor, wie sich diese Türen öffneten. Sie stellte sich vor, wie er dort stand, eine breite Silhouette vor dem weicheren Licht des Flurs, seine dunklen Augen nahmen die Szene in sich auf. Sie fragte sich, wie dieses unbewegliche Gesicht aussehen würde, wenn er sie hier sähe – nicht als professionelle Eindringlingin, sondern als eine Frau aus Fleisch und Blut, gespiegelt im Wasser und durch das Objektiv ihrer Kamera. Würde er immer noch starren? Würde diese kalte Gleichgültigkeit bröckeln?
„Erde an Siri!“ Cynthia wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht und riss sie aus ihrer Träumerei. „Ich habe dich verloren. Hast du etwa schon deine Hochzeit mit dem Eiszapfen geplant?“
Siri stand auf und klopfte ihr schwarzes Spitzenkleid ab, das sich in diesem feuchten Paradies nun fehl am Platz anfühlte. „Nein“, sagte sie, ihre Stimme leise, aber durchzogen von einem stählernen Faden der Entschlossenheit. „Ich habe nur über die Beleuchtung nachgedacht.“
Sie nahm ihre Kamera wieder auf. „Noch eine Serie. Unter Wasser. Oder zumindest so tun als ob. Lass uns das ‚Geburt der Venus‘-Foto machen, aber mach es... düsterer. Eher eine Sirene als eine Göttin.“
Cynthias Sorge verflog und wich dem Nervenkitzel der kreativen Herausforderung. „Ooh, das gefällt mir. Die Seemänner in ihr Verderben locken?“ Sie warf ihr Handtuch beiseite und watete zurück in das schimmernde türkisfarbene Wasser.
Während Siri ihre Freundin anleitete, sie gegen den Rand aus schwarzem Marmor positionierte und ihr Haar in einem dunklen Wirbel um ihre Schultern arrangierte, war sie nur mit halbem Herzen bei der Sache. Die andere Hälfte war zurück im Arbeitszimmer, gefangen in diesem stillen, elektrisierenden Blickduell mit Akhiro. Cynthia hatte recht. Er war eine andere Art von gefährlich. Aber Siri hatte ihr Leben damit verbracht, Erfahrungen zu sammeln, Schicht um Schicht bei Menschen und Orten abzutragen, um die Wahrheit, die Schönheit und die Hässlichkeit darunter zu finden. Akhiro war die ultimative Herausforderung: eine verschlossene Box ohne sichtbaren Schlüssel. Ein Mann, dessen Blick sich weniger wie eine Beleidigung anfühlte und mehr wie eine Aufforderung.
Die Kamera klickte und hielt Cynthias gespielte, räuberische Verlockung fest. Doch in Siris geistigem Auge hatte die Figur im Wasser längere Haare, einen breiteren Körperbau und Augen aus poliertem Jet, die einen Sturm hinter ihrer Ruhe verbargen. Die Höhle war in der Tat interessanter geworden. Und die dreitägige Belagerung war gerade zur Jagd geworden.