1 - Orso
Sizilien
Italien
Ich klammerte mich fest an das Holzgeländer. Mein Blick schweifte über die Olivenhaine bis in den Nachthimmel. Das wunderschöne Meer, das am Tag hellblau leuchtete, lag unten am Fuß des Hügels. Ich wandte mich ab und drehte mich auf dem Balkon um.
„Sag das noch mal“, sagte ich mit rauer Stimme. Santo stand direkt vor mir an der Tür meines Arbeitszimmers. Er hatte langes, dunkles Haar und einen runden Bauch. Er seufzte und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
„Sie haben versucht, eine Lieferung Schrotflinten zu kapern. Sie war auf dem Weg nach Neapel“, erklärte er zum zweiten Mal. Wieder spannte sich mein Kiefer an. Ich fuhr mir mit der Zunge über die oberen Zähne.
„Hatten sie Erfolg?“, fragte ich und zog eine Augenbraue hoch. Santo schüttelte den Kopf, sein Gesicht war todernst. „Santo, sag es mir“, unterbrach ich ihn. Ich ging an ihm vorbei in mein Büro. Es war dunkel dort. Wohin man sah, gab es nur dunkles Mahagoniholz. Ich riss die Tür auf. Im ganzen Haus war es totenstill. „Enzo!“, brüllte ich so laut ich konnte. Kurz darauf hörte ich ihn die Treppe heraufrennen.
„Sag mir eins, denn ich muss es wissen: Für wen zum Teufel halten sich diese Morettis eigentlich?!“, schrie ich. Ich schnappte mir eine goldene Vase aus dem Regal und pfefferte sie gegen die Wand. Das Klirren hallte laut durch den großen Raum.
„Orso“, sagte Enzo leise. Ich wirbelte herum und starrte die beiden Männer an. Die Wut kochte in meinen Adern. Meine Brust schmerzte und ich atmete schwer.
„Mein verdammtes Boot“, knurrte ich. Ich ging auf Enzo zu. Er legte mir eine Hand auf die Brust. Er war kleiner als ich. Sein dunkles Haar trug er zur Seite gegelt. Aus dem Kragen seines Anzugs schauten Tattoos hervor, genau wie bei mir.
„Sie hatten keinen Erfolg. Sie haben gar nichts bekommen und –“
„Verpiss dich!“, herrschte ich ihn an und warf die Hände in die Luft. Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen. „Dieser verdammte Abschaum glaubt wirklich, er könnte meine Boote stehlen?!“ Ich schrie die beiden an und zeigte mit dem Finger auf mich selbst. „Du bist mein Underboss“, sagte ich zu Santo, der sofort Haltung annahm. „Und du bist mein verdammter Caporegime“, bellte ich Enzo an. Er nahm es mit der Etikette nie so genau wie Santo. „Also gehen wir da rein und bringen jeden Einzelnen von ihnen um, habt ihr mich verstanden?“ Ich sprang wieder auf. Meine Wut wurde kein bisschen weniger. Am liebsten wäre ich sofort losgezogen, um diesen Bastarden die Eingeweide rauszureißen.
„Die Männer, die den Überfall versucht haben, sind erledigt“, knurrte Santo. Aber das reichte mir nicht. Es reichte verdammt noch mal nicht aus. Was für Eier diese Morettis hatten! Diese Familie war doch nur schmutziges Neureichen-Pack. Sie waren wie Dreck unter meinen Fingernägeln und hatten doch tatsächlich die Frechheit, sich an meinen Booten zu vergreifen.
„Erinnere mich noch mal: Wie heißt diese Pussy, die diesen Saftladen leitet?“ Ich zog die Schublade meines Schreibtisches auf und zündete mir eine Zigarette an. Der Rauch stieg mir ins Gesicht.
„Davide –“, setzte Enzo an.
„Puttana“, spuckte ich aus. Ich nahm zwei tiefe Züge und reichte die Zigarette dann an Enzo weiter.
„Orso, lass dich nicht so von deinem Zorn beherrschen“, sagte Santo und hob die Hand. Er hatte ja recht, aber ich brauchte einfach fünf verdammte Minuten, um auszurasten.
„Schick einen deiner Jungs los. Er soll die Boote der Morettis finden. Ich will die Zeiten und die Tage wissen“, befahl ich Santo. Er drückte mir kurz die Schulter.
„Wird erledigt, Boss“, sagte er bestimmt und verließ das Zimmer. Ich sackte auf meinem Stuhl zusammen und starrte an die Decke.
„Orso“, seufzte Enzo. Ich sah ihn nicht an und hielt den Kopf weiter gesenkt. „Die Alighieris sind Krieger. Du bist ein verdammter Bär“, knurrte er. Er stützte die Hand auf meinen Schreibtisch, während ich aufsah. „Und die Morettis?“, er zuckte die Achseln und lachte trocken. „Die verkaufen Schwerter, um an Geld zu kommen. Was soll der Scheiß?“ Enzo lachte jetzt richtig. Das lockerte meine Stimmung ein wenig. Für einen kurzen Moment musste ich auch schmunzeln.
„Und trotzdem fassen sie meine Boote an? Boote, von denen sie genau wissen, dass sie mir und dieser Familie gehören. Boote, die randvoll mit Waffen sind“, tobte ich weiter. Meine Wut kochte wieder hoch. „Ich fasse diese Dreistigkeit nicht. Glauben die etwa, wir wären ebenbürtig?“ Ich warf die Hände in die Luft. Enzo setzte sich auf die Kante meines Schreibtisches und steckte die Hände in die Anzugtaschen.
„Wir regeln das schon. Wie immer“, versuchte er mich zu beruhigen. Enzo war wahrscheinlich der Einzige, dem das gelang. Er war nicht nur mein Caporegime und mein Captain. Er war mein bester Freund, seit ich laufen konnte.
„Geh nach Hause“, sagte ich und machte eine wegwerfende Handbewegung. Er stand auf und knöpfte sein Sakko zu.
„Willst du einen Krieg?“, fragte er und zog die Augenbrauen hoch.
„Immer“, grinste ich. Er hob zum Abschied die Hand und verließ das Büro. Es war spät, aber die genaue Uhrzeit kannte ich nicht. Es war mir auch egal. Ich versuchte, tief durchzuatmen. Mein Blick war starr auf das Porträt meines Vaters an der Wand gerichtet. Enzo hatte recht: Die Alighieris waren Krieger. Aber wir waren auch mächtig. Unser Name war in ganz Italien bekannt. Meine Vorfahren stammten aus Florenz. Das waren Künstler und Männer mit mehr Geld, als sie jemals ausgeben konnten. Später kamen wir nach Sizilien. Unsere Verbindungen zu den Faschisten an der Macht erlaubten es uns, das Land teilweise zu kontrollieren. Mein Urgroßvater hatte das Regime fest im Griff. Gleichzeitig finanzierte er die Leute, die es stürzen wollten. Das machte uns mächtig, angesehen und noch reicher. Wir waren die Familie an der Spitze der sizilianischen Mafia. Andere Familien kamen und gingen. Die Morettis waren da keine Ausnahme. Ihre Familie wurde von Schlangen angeführt. Erst verkauften sie Schwerter, um groß zu werden. Dann verrieten sie uns, um Informationen an die Politiker weiterzugeben. In meiner Welt tat niemand etwas umsonst. Ihre Belohnung war die Hälfte der Hafenanlagen. Aber das war ihnen wohl nicht genug. Sie versuchten tatsächlich, meine Schiffe zu kapern. Und das auch noch an meinem privaten Kai. Mit zweiunddreißig Jahren war ich zwar jung, aber nach dem Mord an meinem Vater wurde ich in die Machtposition katapultiert. Ich hatte kein Problem damit. Ich war bereit, schon lange bevor mein Vater starb. Man hatte mich nicht ohne Grund Orso genannt – der Bär.
Ich stieß ein Knurren aus, als sich meine Tür öffnete und sie langsam hereinkam.
„Orso“, sagte meine Großmutter Vittoria sanft. Ich starrte immer noch geradeaus und versuchte vergeblich, mich zu entspannen.
„Was gibt's?“, entgegnete ich barsch. Schließlich sah ich sie doch an, als sie an meinen Schreibtisch trat. Ihre dunklen Augen waren von Falten umgeben. Ihr ergrautes Haar trug sie in einem Zopf nach hinten gebunden.
„Morgen findet in der Stadt eine Auktion statt“, erklärte sie. Ich beugte mich vor und legte die Hände auf den Tisch. „Dort gibt es ein Stück, eine Uhr. Ich finde, es wäre gut, wenn sie in unseren Besitz übergeht“, sagte sie trocken. Ich musterte sie kurz von oben bis unten und wartete darauf, dass sie weitersprach. „Sie gehört ursprünglich den Morettis“, schloss sie. Ich hatte verdammt noch mal größere Probleme mit diesen Wichsern als irgendeine Uhr.
„Wen juckt das schon“, winkte ich ab. Sie legte mir die Hand auf das Handgelenk.
„Ein Erbstück der Familie Moretti in den Händen der Alighieris?“, sie legte den Kopf schief. „Verzeih mir, Orso. Ich dachte, du wolltest sie ärgern.“
„Ich will sie umbringen“, stellte ich klar. Nonna kicherte leise.
„Denk einfach darüber nach“, sagte sie und verließ mein Büro. Ich sackte in meinem Stuhl zusammen und hielt mich an den Armlehnen fest. Ich schätze, für den Anfang müsste das wohl reichen.