Kapitel 1

„Heute wird Janine die Morgenandacht beginnen.“ Margit sieht die jüngeren Schülerinnen freundlich lächelnd an. „Sie hat eine sehr einfühlsame kleine Meditation geschrieben.“
Einfühlsame kleine Meditation … Mein Herz pocht wie wahnsinnig. Muss sie immer so hochtrabend sprechen? Wenn die anderen Mädchen nun meine Gedanken langweilig finden, dann brauche ich nie wieder einen Fuß in diesen Andachtsraum setzen! Aber es ist zu spät, Margit setzt sich und acht Augenpaare blicken auf mich. Da sitze ich nun auf meinem rot-braun-karierten Kissen, lächle zaghaft und streiche meine dunkelblonden Haare hinter mein Ohr … oder nein, ich versuche es. Denn mal wieder, wenn ich hypernervös bin, habe ich vergessen, dass meine Haare einem Anfall sommerlicher Wut zum Opfer gefallen sind. Ich habe dieses ewige Hochbinden und Nassschwitzen im Nacken einfach nicht mehr ertragen und sie ratzfatz abschneiden lassen! Kurzes Pony, über den Ohren stecknadelkopfmäßig rasiert und im Nacken einen Hauch länger. Aus dem Dunkelblond ist ein Karottenrot geworden, das aber durch die Sonne immer mehr ausbleicht. Kurz ist zwar nicht trendy, aber unglaublich luftig und lässig und es macht Spaß, den Kopf einfach mal unter die Wasserpumpe im Bio-Garten unserer Schule zu halten. Mit den früher rückenlangen Haaren ist das gar nicht möglich gewesen. Ein Hoch auf kurzes Haar!
Na gut, die Augenpaare werden nicht geduldiger, je länger ich mich in Träumereien verliere. Aber noch glaubt jeder, meine Ruhe und mein Schweigen gehören zur Vorbereitung dazu. Nervös lecke ich über meine lila gefärbten Lippen und halte mein Andachtsblatt vor mich. Geht da am linken Daumen etwa etwas vom schwarzen Nagellack ab? Verdammt, ich kann doch nicht schon morgens mit einem abgesplitterten Nagellack in den Unterricht gehen! Wie sieht das denn aus? Hier bei der Morgenandacht bin ich der Freak, weil ich ständig meine Haarfarbe, die Lippenstifte und auch den Nagellack wechsle. Aber meine Andachten sind total beliebt. Trotzdem habe ich jedes Mal Angst, dass sie gelangweilt sind. Warum? Weil ich die Texte allmählich selbst öde finde. Ich bin immerhin achtzehn und darf meine Interessen anderen Gebieten zuwenden.
An diesem Mädchengymnasium bin ich die Einzige, die noch nie einen Freund hatte. Und was das heißt, kann sich wohl jeder an einer Hand ausrechnen. Ich bin noch Jungfrau! Wahrscheinlich die älteste Jungfrau an diesem Gymnasium! Aber die will ich nicht ewig bleiben, auch wenn der Teekreis, zu dem diese Morgenandacht gehört, immer predigt, dass man unberührt in die Ehe gehen soll. Aber was wissen die schon von meiner Sehnsucht und den körperlichen Begierden meines Körpers!
Ich räuspere mich. Die Stille ist nun lang genug gewesen. Zeit für meinen Text.
Die kleine Flamme
In der Morgendämmerung erwacht eine kleine Flamme. Sie flackert sanft, noch unsicher, ob sie heute groß genug sein wird, um den Tag zu erhellen. Leise fragt sie sich: „Wohin soll ich heute gehen? Wen soll ich wärmen, wem soll ich Licht schenken?“
Vorsichtig schwebt sie zuerst zu den Blumen auf der Wiese.
„Wohin des Weges, kleine Flamme?“, fragen die bunten Blüten, während sie ihre Köpfe dem ersten Sonnenlicht entgegenstrecken.
„Ich bin auf der Suche nach jemandem, der mich braucht“, antwortet die Flamme.
Doch die Blumen schütteln ihre Blütenblätter. „Wir haben die Sonne, die uns wärmt. Wir brauchen dich nicht.“
Ein wenig betrübt zieht die Flamme weiter, bis sie zu einem klaren Bach gelangt. Dort glitzert und funkelt das Wasser im Licht.
„Wohin des Weges, kleine Flamme?“, plätschert der Bach neugierig.
„Ich suche jemanden, der mich braucht“, antwortet die Flamme.
Doch der Bach lehnt ab. „Ich brauche dich nicht. Ich bin kühl und erfrische die Tiere und die Menschen. Du würdest mich nur austrocknen.“
Die Flamme wird kleiner und schwebt entmutigt weiter. „Vielleicht braucht mich niemand“, denkt sie traurig. „Vielleicht bin ich überflüssig geworden.“
Da kommt sie in ein Dorf. Zögernd nähert sie sich einem Haus.
„Wohin des Weges, kleine Flamme?“, fragen ein paar Menschen, die Holz sammeln.
„Ich suche jemanden, der mich braucht“, flüstert die Flamme zaghaft.
„Dann bleib bei uns“, sagen die Menschen freundlich. „Du kannst unser Feuer im Ofen sein, wenn wir das Brot knusprig backen. Du kannst uns wärmen an kalten Tagen. Du kannst Licht spenden in dunklen Nächten. Du kannst Kerzen zum Leuchten bringen, wenn wir beten.“
Die kleine Flamme beginnt, heller zu brennen, voller Freude über die vielen Aufgaben. Groß und stark leuchtet sie. Denn sie hat jemanden gefunden, der sie braucht.
So leise wie möglich lege ich die zwei Textblätter hinter mich. Jetzt ist eine kleine Besinnungsstille, damit jeder über die Geschichte nachdenken kann. Danach spricht Margit ein Abschlussgebet und wir werden einander einen wunderschönen, neuen Tag wünschen. Während alle aus den Klassen zehn bis dreizehn die Kissen zurück räumen, gehen die Jüngeren in ihre Klassen. Ich gehöre zu den Älteren und helfe aufräumen.
„Janine, deine Andachten sind so wunderbar erfrischend. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, sie einem Verlag anzubieten?“ Ich blicke in Margits blaue Augen und stelle überrascht fest, sie meint es ernst! Ich, die unscheinbare, zumindest früher unscheinbare Janine soll meine Texte an einen reichen, berühmten Verlag einsenden? Die lachen sich doch kaputt, wenn sie die Ergüsse einer weltfremden Jungfrau aus der zwölften Klasse lesen. Die werden nicht still und bewundernd vor meinen Zeilen sitzen und dabei sabbernd tropfen.
„Nein, Margit, da hab ich noch nie drüber nachgedacht.“ Ehrlich fahre ich sicherlich am besten. „Meine paar Geschichten füllen auch kein Buch. Außerdem hat sogar unsere Schülerzeitung meine Texte abgelehnt. Also können sie zum Drucken nicht gut genug sein.“
„Pah!“, schnaubt Margit abfällig. „In der Schülerzeitung sitzen doch nur die arroganten Speichellecker, die für eine gute Note im Abi veröffentlichen. Was bei ihren eigenen Lehrern nicht angesagt ist, kommt auch nicht in die Zeitung.“
„Meinst du?“ Irritiert hebe ich eine Augenbraue.
„Klar. Schmeiß dich an Herrn Wendlich ran und ich garantiere dir, sobald er eine Andacht von dir liest und sein Okay gibt, steht sie in der MarienSZ.“
„An Herrn Wendlich ranschmeißen?“ Ich reiße nun den Mund weit auf und starre das Mädchen aus der Dreizehnten entgeistert an. Meine grünen Augen sehen anscheinend genauso erschrocken aus, wie ich mich fühle.
Margit wird krebsrot. „Nein, sooo meine ich das nicht! Also nicht so, wie du anscheinend denkst. Ich meine damit eigentlich, dass du ihm ein oder zwei Texte in sein Fach geben kannst mit der Bitte, sie Korrektur zu lesen.“
Mein Herz schlägt ein paar Takte schneller. Herr Wendlich ist bei allen Mädchen in der Oberstufe sehr beliebt. Leider habe ich ihn in keinem einzigen Kurs. Eigentlich ist es nicht wirklich gern gesehen, wenn man sich nicht an seine eigenen Lehrer wendet, sondern einen Lehrer von einem anderen Kurs. Das ist so, als ob ich meinem Deutschlehrer ein Misstrauensvotum entgegen schmettere! Wenn Margit aber meint, ich soll es versuchen, dann muss sie mich wirklich für sehr gut halten.
„Ich kann es ja mal probieren“, murmle ich und verabschiede mich schnell von ihr. Jetzt geht mir einfach zu viel durch den Kopf. Ich brauche ein paar Minuten für mich alleine, ehe ich zum Klassenraum gehe und … Mein abgesplitterter Daumennagel fällt mir wieder ein! Himmel! So kann ich nicht zur Klasse! Eilig laufe ich zu meinem Spind, schließe ihn auf und krame in meinem Täschchen für Nagellack herum. Endlich finde ich den schwarzen. Puh, Glück gehabt! Rasch entferne ich den alten, schnell den neuen drauf und pusten, pusten, damit er noch trocknet. Schnell mache ich mich auf den Weg zum Klassenraum und haste durch das Foyer. Dass ich besser nicht so sehr auf meine Hand, sondern mehr auf die Menschen um mich herum geachtet hätte, wird mir erst bewusst, als ich einem Lehrer gegen die Brust renne. Der hat aber auch nicht aufgepasst!
Mein Kopf schlägt gegen sein Kinn, was er bestimmt nicht sonderlich toll findet. Ich schrecke zusammen und weiche einen Schritt zurück. „Entschuldigung!“ Wahrscheinlich sind meine Wangen jetzt mindestens so karottenrot wie meine Haare. Es kann gut sein, dass sie auch einen Hauch mehr Erdbeere und weniger Karotte haben. Ich hebe den Blick – und nun sind meine Wangen eindeutig erdbeerrot! Ausgerechnet Herr Wendlich! Warum ausgerechnet er?
Er starrt mich einfach nur an und sagt nichts. Hat mein Kopf ihm den Kiefer ausgerenkt? Verdammt, das wäre dann aber megaungünstig!
„Margit und ich haben nach dem Morgenkreis noch über Sie gesprochen und schon treffe ich mit Ihnen zusammen. Was für ein Wunder!“ Ein blöderer Spruch fällt mir auf die Schnelle nicht ein. Wenn er nicht bald was sagt, gehe ich einfach weiter. Immerhin wird es jede Sekunde klingeln. Da verzichte ich eben auf seine Entschuldigung oder darauf, dass er meine annimmt.
„Sie sind nicht in einem meiner Kurse?“, fragt er nun und runzelt nachdenklich die Stirn.
„Nein, ich bin erst in der zehnten.“ Warum will ich ihn unbedingt provozieren? Nur weil er sich nicht an mich Karottenschopf erinnern kann? Meine Deutschlehrerin, da bin ich mir sicher, erkennt mich schon vom anderen Ende des Foyers, ohne dass ich mit ihr zusammenstoßen muss!
„Ah, okay. Aber was wolltest du dann von mir?“
Wow, interessant, wie schnell er vom Sie zum Du wechselt, kaum dass er glaubt, ich bin noch nicht in der Oberliga! Der Typ ist echt heftig!
„Margit meint, ich könnte Ihnen einige meiner Meditationstexte zeigen, damit Sie prüfen, ob sie gut sind.“
Er schaut nun mich prüfend an. Sein Blick gleitet über meinen ganzen Körper, als wolle er mich sezieren. Wahrscheinlich falle ich gerade durch die Optik-Prüfung mit grellem Blitz durch. Welcher Karottenkopf mit lila Lippen und schwarzen Fingernägeln … ähm, außerdem … ich vergesse gern meinen schwarz-weiß-karierten Minirock, die Overknee-Strümpfe in Lila und meine orangenen Turnschuhe … aber meine Bluse, die ist zwar Kurzarm, aber weiß, absolut weiß und stinknormal! Na gut, wer mich so von oben bis unten mustert, der wird niemals glauben, dass ich einen vernünftigen Satz schreiben kann. Meine Deutschlehrerin ist selbst immer wieder überrascht, dass ich mehr als „Fuck, shit, damned“ schreiben kann. Nur weil ich gerade auf dem Egotrip der Selbstfindung bin und der nun mal nicht zu meinem bisherigen katholisch biederen Leben passt.
„Du kannst mir ja mal einen Text in mein Fach geben. Mit Namen und Klasse bitte. Damit ich dir meine Antwort zukommen lassen kann.“ Er zwinkert mir zu, geht an mir vorbei Richtung Lehrerzimmer und meine wirren Gedanken werden vom Klingeln der Schulglocke wachgerüttelt. Zumindest halbwegs. Aber zuerst starre ich Herrn Wendlich hinterher.
Mein Gott, der Typ sieht nicht nur endlos heiß aus, er lässt sich auch nicht von meinem bizarren Äußeren abschrecken! Für meinen Geschmack ist er viel zu heiß. Seine braunen Haare sind länger als meine und leicht gelockt. Er hat dunkelbraune Augen, eine sportliche Figur, ein richtig hartes Kinn, das glattrasiert ist. Das Gesicht ist … markant trifft es sicherlich. Wie soll man ein Gesicht beschreiben, das nicht rund, auch nicht länglich, nicht eckig und nicht dick ist? Es ist markant, wunderbar männlich, so männlich wie seine dunkle Stimme. Bekomme ich etwa gerade ein feuchtes Höschen?
Hastig drehe ich mich um und renne zu meiner Klasse. Diesen Tag muss ich irgendwie überstehen, damit ich so schnell wie möglich meine Texte checken kann und einen meiner besten in Schönschrift bei ihm einreichen kann – am besten schon morgen.
„Schönschrift oder Computer?“, nuschle ich vor mich hin.
„Was meinen Sie, Janine?“
Verdammt, wieso haben Lehrer immer so gute Ohren?
„Ich habe gerade überlegt, ob ich meine Hausarbeit in Bio zur Abwechslung mal in Schönschrift schreibe, einscanne und so abliefere. Das sieht doch dann eher nach eigener Leistung aus als ein getippter Text.“ Mit zuckersüßem Lächeln schaue ich Frau Färber an.
„Das ist zwar eine nette Idee, aber der Aufwand ist recht hoch, Janine. Die Suchmaschinen machen es zudem sehr leicht herauszufinden, ob etwas geklaut ist. Auch wenn Sie mir einen handgeschriebenen Text abliefern, können Sie ihn woanders abgeschrieben haben.“
Ich lächle einfach weiter und denke: Ich weiß, dass du recht hast, aber wie sonst sollte ich mein Selbstgespräch erklären?
Zum Glück wendet sie sich von mir ab. Puh. Eine Zusatzarbeit, weil ich in ihrem Unterricht nicht aufpasse, habe ich gerade noch vermieden. Dafür habe ich heute auch echt keine Zeit. Herr Wendlich wartet ja auf meinen Text … oder zumindest rede ich mir ein, dass er darauf wartet. Grinsend muss ich vor mir selbst gestehen, dass ich weder die Erste noch die Letzte sein werde, die dem Wendlich schöne Augen macht. Niemand weiß, ob er Single ist oder zehn Kinder zu Hause versteckt. Aber jedes Mädchen dieser Schule, das in der Pubertät die zweite Stufe erreicht hat, findet Herrn Wendlich so scharf, dass sie sich wünscht, ihn im Unterricht zu haben.
Nur ich nicht … ich brauche es mir nicht mehr wünschen, denn ich werde ab Morgen Kontakt zu ihm haben.