Kapitel 1
»Pass doch auf, Dylan!«
Ashleys Knöchel traten weiß hervor, so sehr krallte sie sich an der Kopfstütze des klapprigen, grasgrünen Hondas fest. Sie war den Fahrstil ihres Freundes zwar gewöhnt, doch aus unerfindlichen Gründen schien er seinen anderen Freunden unbedingt etwas beweisen zu wollen, und fuhr noch halsbrecherischer als sonst.
Er ignorierte die Gesetze der Schwerkraft und drückte das Gaspedal durch, dass der Kleinwagen bei jedem Schlagloch ins Schlingern geriet. Ashley fragte sich, ob sie die Einzige war, die heil an der Halloweenparty in Chester’s Mill ankommen wollte. Außer ihr dachte niemand daran, Dylan zu mehr Vorsicht zu raten. Neben ihr knutschte ihre jüngere Schwester Jenna mit Mike auf dem Rücksitz herum. Die beiden bemerkten weder den aufsteigenden Nebel noch den schlechten Straßenzustand. Josh, Mikes Cousin, durchsuchte das Handschuhfach nach etwas, womit er vorglühen konnte.
»Dylan!«, schrie sie auf, als einen Schlenker machte und sie dadurch gegen das knutschende Pärchen geschleudert wurde.
»Alles gut, Baby,« beschwichtigte er sie. »Ich habe alles im Griff.«
Er tastete nach hinten und fand ihre klammen Finger. »Bist du irre? Nimm die Hand wieder an das Lenkrad«, fauchte sie. Er tat, was sie verlangte, jedoch nicht ohne den Kopf zu schütteln.
»Entspann dich, hier hast Du einen Shot.«
Josh war fündig geworden und bot an, die Beute mit ihr zu teilen. Sie wischte das Fläschchen beiseite. »Nein, danke. Ich trinke nachher lieber etwas vom Rumpunsch auf der Party – wenn wir lebendig da ankommen!« Das letzte Wort brüllte sie beinahe.
»Hey, was ist denn los?«, nuschelte Jenna mit Lippen, die von Mikes Küssen geschwollen waren.
Die Antwort blieb Ashley schuldig, weil die Welt sich mit einem Mal auf die Seite drehte.
Für einige Minuten stand alles still, das Getöse zuvor vom nun dichten Weiß der Nebelschwaden verschluckt. Alte, knorrige Äste streckten sich nach dem grünen Haufen Blech zu Füßen des Baumes aus. Doch dann drang ein schwaches Husten aus dem Fahrzeug, das wie ein verwundetes Tier auf der Seite lag. Die oben liegende Fahrertür wehrte sich noch etwas dagegen, von innen aufgestoßen zu werden, gab aber schließlich doch kreischend auf.
Heraus krabbelte Dylan, gefolgt von Josh, der sich sofort zur hinteren Tür wandte.
»Alles in Ordnung bei euch?«, fragte er, während er durch die gähnende Öffnung spähte, in der sich kurz zuvor noch ein unversehrtes Seitenfenster befunden hatte. Die Antwort bestand aus einem zittrigen, dreistimmigen »Ja.«
Die Tür zum Fonds klemmte auch, weigerte sich jedoch erfolgreicher als die Beifahrertür, auf herkömmlichem Wege geöffnet zu werden. So wickelte Josh sich seine Jeansjacke um den Unterarm, schlug die verbliebenen Glasscherben aus dem Rahmen und half den verbliebenen drei Insassen hindurch. Dylan jedoch rührte sich nicht – war vertieft in die Bestandsaufnahme der Schäden an seinem fahrbaren Untersatz. Nach außen wirkte er ruhig, doch das verräterische Blinzeln konnte er vor Ashley nicht verbergen. Der alte Honda war ein Geschenk seines verstorbenen Großvaters gewesen.
Sie trat von hinten an ihren Freund heran, schob ihre Finger zwischen seine und wartete wortlos.
»Ist es sehr schlimm?« Vielleicht war es unklug, ihn danach zu fragen, doch ihr fiel nichts Besseres ein, um das unbehagliche Schweigen zu brechen.
»Ich weiß nicht … ich bin ins Schleudern geraten und habe den Baum gerammt. Muss heftig gewesen sein, sonst wären wir nicht auch noch umgekippt.«
»Hauptsache, es ist niemandem etwas passiert«, warf Jenna ein. »Es geht doch allen gut? Ihr wisst schon, Schock und so…«
Die Jungs betasteten sich daraufhin selbst und auch die Mädchen machten eine kurze Bestandsaufnahme. »Alle unverletzt, das ist doch gut!«, ließ Ashley gezwungen fröhlich verlauten. »Sogar die Kostüme sind noch heil.«
Mike zückte sein Handy, das er immer am Mann trug. Die anderen machten sich sonst darüber lustig, dass er es sich angenäht haben musste. Doch heute war seine Marotte von Vorteil. Keiner hatte Lust, im Dunklen in dem verbeulten Auto nach einem Telefon suchen zu müssen. Er lief auf der Suche nach Empfang in immer größer werdenden Kreisen um die verdorrte Eiche herum und schwenkte das Gerät triumphierend, als er auf einer kleinen Anhöhe Halt machte.
Dylan riss sich von seiner Freundin los und marschierte steif in die Richtung, aus der sie gekommen waren, die schlingernden Reifenspuren nicht aus den Augen lassend. Als Ashley ihm folgen wollte, hielt Jenna sie zurück. »Lass ihn«, sagte ihr Blick. Und so beobachtete sie ihn stumm, wie er in zehn oder fünfzehn Metern Entfernung stehen blieb und fluchend einen Stein von der Größe eines kleinen Kürbisses ins Dickicht kickte.
»Yep, Onkel Ethan. Auf dem Highway von Carters Ridge nach Chester’s Mill.«
Die Mädchen hatten nicht registriert, dass der Wind aufgefrischt hatte, und die kalte Brise trug Mikes stimme klar zu ihnen herüber. Zu ihrer aller Glück führte Mikes Onkel den einzigen Abschleppdienst im Umkreis von achtzig Meilen. Er würde sie nicht hängen lassen. Der weiteren Unterhaltung schenkten sie keine Aufmerksamkeit mehr, weil Dylan seinen Zorn losgeworden und mit hängenden Schultern zurückgekommen war.
Ashley stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, froh, dass er ihren Trost dieses Mal nicht zurückwies. »Alles gut?«
»Ja, ich bin froh, dass niemandem von euch etwas passiert ist. Du hattest recht.«
»Hey, ihr Turteltäubchen!«, rief Mike, während er das Telefon mit einer Hand abschirmte. »Wisst ihr, wo genau auf dem Highway wir sind?«
»Sagt genau der Richtige«, erwiderte Dylan mit einem schiefen Grinsen. »Wärst du nicht mit Rumknutschen beschäftigt gewesen, wüsstest du es selbst.« Dann verzog er das Gesicht. Jenna hatte verdammt spitze Ellenbogen.
»Klappe, Kumpel! Sag mir lieber, wo wir sind.«
»Seht ihr das nicht? Wir sind gerade dagegen gefahren.« Jennas Stirn legte sich in Falten, während sie die schorfige Rinde des toten Baumes betastete. »Das ist die Eiche bei Meile 13 des Highways. Gleich da vorne kreuzt die Straße zwischen Elder’s Crossing und Ashford Hollow.«
Stille senkte sich über die Unfallstelle, dicht und beklemmend. Es war, als hielte sogar die Natur den Atem an. Sie alle kannten die düsteren Legenden, die sich um die knotigen Äste und dürren Zweige des Baumes rankten. Eines Baumes, der älter war als Maple County selbst und der sich an jedes schreckliche Ereignis erinnerte, das sich je an dieser Stelle abgespielt hatte.
»Hallo?«, dröhnte es aus Mikes Telefon. »Was ist los, Junge? Hab nich den ganz‘n Abend Zeit!«