Prolog - LOST GIRL
Sie erinnerte sich an Wärme, bevor der Lärm begann.
Eine Hand – groß, rau, mit Adern, die unter der sonnenverbrannten Haut hervortraten – umschloss ihre kleine Hand. Am Handgelenk des Mannes war ein Totenkopf-Tattoo. Es war verblasst, aber immer noch deutlich genug, dass ein Kind mit der Fingerspitze darüberfahren konnte. Er roch nach Kaffee, Rauch und etwas, das sich sicher anfühlte.
Dann begann das Geschrei.
Menschenmassen drängten, Leute rannten. Die Luft wurde schwer vor Staub und Angst. Ihre Hand rutschte einmal ab, dann noch einmal, bis nur noch der Schatten seiner Wärme übrig blieb.
„Papa!“
Ihre Stimme ging in dem Lärm unter. Sie versuchte, in die Richtung des vertrauten Geruchs zu laufen – Kaffee, Rauch, Leder –, doch Körper drängten sich um sie herum. Gesichter verschwammen in der Bewegung. Sie sah die tätowierte Hand, die sich durch das Chaos nach ihr ausstreckte, und dann – war sie weg.
Die Welt wurde für einen Moment weiß, dann grau.
Sie fiel zu Boden und weinte, bis ihr Hals brannte. Doch niemand hielt an. Niemand sah hin.
Als sie wieder aufwachte, war der Himmel dunkel. Die Straße roch nach Regen und altem Essen. Ein Mann hockte neben ihr. Sein Atem roch streng nach Alkohol.
„Du armes Ding“, murmelte er. „Wo sind deine Eltern?“
Sie antwortete nicht. Sie starrte nur.
Kurz darauf kam seine Frau dazu. Sie hatte müde Augen und Hände, die aussahen, als seien sie es gewohnt, Böden zu schrubben. Die Frau legte ihr eine Decke um.
„Wir nehmen sie mit“, sagte die Frau leise. „Wenigstens hat sie dann etwas zu essen.“
„Sie wird aber arbeiten müssen“, fügte der Mann hinzu. „Wir können uns keinen weiteren Esser leisten.“
Das sechsjährige Mädchen nickte. Sie verstand nicht, was Arbeit bedeutete. Sie wollte nur, dass jemand wieder ihre Hand hielt.
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Danach verschwammen die Jahre.
Fabriken, Rauch, das Brennen von Öl auf der Haut. Morgen, die vor Sonnenaufgang begannen und lange nach Erscheinen der Sterne endeten. Sie lernte, keine Fragen zu stellen, sich nicht zu beschweren und nicht zu träumen.
Die Frau – sie nannte sie Ma – brachte ihr bei, wie man näht, putzt, repariert und anpackt. Der Mann – Richard Smith – sie nannte ihn Papa – brachte ihr bei, wie Wut roch. Nach Bier, Schweiß und Enttäuschung.
Nachts, wenn es im Haus still wurde, drückte sie manchmal ihre Finger auf ihr eigenes Handgelenk, als könnte die tätowierte Hand wieder auftauchen und sie nach Hause holen.
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Als sie achtzehn wurde, hatte sie aufgehört, an ein Zuhause zu glauben.
Die Fabrik hatte sie ausgelaugt. Ihre Arme schmerzten, ihre Fingernägel waren abgebrochen, ihr Rücken steif vom Kistenheben. Richards Geschrei war schlimmer geworden, und ihre Adoptivmutter hatte gelernt, zu schweigen – immer am Putzen, immer in der Hoffnung, dass der Sturm vorüberziehen würde.
Nancy beschloss, ihre Arbeit zu wechseln.
Nicht, weil sie glaubte, dass das Leben besser werden könnte, sondern weil sie Luft brauchte, die nicht nach Rost und Feuer roch.
Das Café war kleiner, als sie es sich vorgestellt hatte. Billiger Kaffee, angeschlagene Tassen und Leute, die viel zu laut sprachen. Der Manager schrie oft. Die Kunden sagten nie danke.
Aber es gab ein Fenster.
Und manchmal, wenn sie nach Feierabend die Tische abwischte, fing sie ihr Spiegelbild in der Scheibe ein – müde Augen, weiche Lippen, eine feine Narbe unter ihrem Kinn. Sie fuhr gedankenverloren darüber und flüsterte zu sich selbst:
„Du hast den Tag überstanden.“
Das reichte.
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Eines Nachts, als sie nach Hause kam, fing es an zu regnen. Ihre Schuhe platschten in Pfützen, die Straßenlaternen flackerten schwach. Durch das gesprungene Fenster ihres kleinen Hauses konnte sie schon den orangefarbenen Schein einer Zigarette sehen.
Richard saß zusammengesunken in seinem Sessel, eine halb leere Flasche neben sich, Rauch kräuselte sich Richtung Decke. Ihre Adoptivmutter stand am Spülbecken und starrte ins Leere.
„Du bist spät“, murmelte Richard, ohne sie anzusehen.
„Ich habe Überstunden gemacht“, sagte sie leise und stellte ihre Tasche ab.
Keine Antwort. Nur das Geräusch eines Feuerzeugs, die Flamme entzündete sich, Rauch stieg auf.
Sie drehte sich weg und starrte auf die kleine Uhr an der Wand. Mitternacht.
Ihr Name war Nancy Smith, aber es fühlte sich nie so an, als würde er wirklich ihr gehören.
Sie fragte sich immer, wie ihr echter Nachname wohl lautete, da sie ihren von den Smiths bekommen hatte, die sie adoptierten.
Während die Uhr tickte, brannte Richards Zigarette bis zum Ende herunter.
Der Rauch füllte den Raum, scharf und schwer.
Nancy saß am Fenster, das Kinn auf ihren Knien, und beobachtete, wie der Regen Linien auf das Glas zeichnete. Ihre Augen waren müde, aber ruhig, fast taub. Irgendwo in ihrem Herzen rief das kleine Mädchen immer noch nach dem Mann mit der tätowierten Hand.
Und in einem anderen Teil der Stadt saß ein Mann mit einem verblassenden Totenkopf-Tattoo am Handgelenk in einem Büro und starrte auf ein altes Foto – eines von einem lächelnden kleinen Mädchen in seinen Armen.
Manchmal stirbt die Liebe nicht. Sie vergisst nur den Weg nach Hause.