Kapitel 1 - Der Bahnhof
Es ist Nacht, und der Bahnhof schläft nicht so sehr, er atmet nur anders. Die Lampe über dem Bahnsteig flackert, als hätte jemand mit schwacher Hand ein längst vernageltes Licht gestochen. Wind zieht durch die zerbrochenen Fenster, ein kalter Atem, der Papierfetzen und Plastikbeutel wie kleine Vögel weiterträgt. Aus der Ferne bellt ein Hund, dann hallt das Geräusch durch die leeren Gleise wie ein Warnruf. Vier Gestalten bewegen sich durchs Halbdunkel und sind im Mondlicht kaum mehr als Schatten; trotzdem kennt jeder, der hierherkommt, ihre Silhouetten. Sie sind die Kinder des Bahnhofs, die Besitzer einer Ruine, die ihnen mehr Heimat ist als jeder Ort mit geschlossenen Türen.
Jorn geht voran. Er ist dreizehn Jahre alt, und seine Schultern tragen die Haltung eines älteren Mannes. Sein Gesicht ist schmal, die Kinnlinie hart, die Augen dunkel wie Nadeln; er trägt eine Jacke, die zu groß wirkt, weil die Ärmel über seine Hände rutschen, aber gerade das macht ihn größer. Die Coolness, sagt man, sitzt ihm im Nacken wie ein Schal – er trägt sie mit der Selbstverständlichkeit eines Jungen, der gelernt hat, dass Haltung manchmal wichtiger ist als Essen. Manchmal, wenn er in den Spiegel schaut – wenn er überhaupt noch in einen Spiegel schaut – ist da ein Junge, der zu oft allein bleibt. Aber das erzählt er niemandem. Die anderen glauben lieber das Bild, das er ihnen zeigt: ruhig, unverletzlich, unerschrocken.
Nala geht neben ihm. Sie trägt einen dicken Pullover und Jeans, die Knie sind aufgerissen, wie so oft. Das Haar trägt sie offen, leicht verwuschelt. Sie geht mit festen Schritten, als wolle sie jeden Moment loslaufen, doch ihre Augen kommen immer wieder zu Jorn, als wären sie ein Magnet, als wäre er ein Kontinent und sie der einzige Mensch, der Land berühren darf. Ihre Mundwinkel spielen oft mit einem Lächeln, doch in ihren Blicken liegt etwas anderes: warme Bewunderung, die sich beinahe nahtlos an Sorge anschmiegt. Sie sieht in Jorn nicht nur den Anführer; sie sieht denjenigen, der wacht, wenn Schlaf unmöglich ist, den, der einen Plan hat, auch wenn er nur aus Mut besteht. Nala ist stark, aber nicht ohne Angst. Ihre Stärke ist die, die sich aus innerer Zähigkeit speist: sie hat gelernt, aufzustehen, also steht sie auf.
Boris schiebt die Kapuze tiefer ins Gesicht. Er ist immer eine halbe Stufe hinter den anderen, als wolle er nicht ganz zu ihnen gehören, aber er gehört dazu. Seine Augen sind wachsam, oft starrt er in die Ecken, wo andere Unruhe vermuten. Er spricht wenig. Wenn er es tut, hat jedes seiner Worte Gewicht, wie etwas, das er sorgsam zusammensucht, bevor er es ausspuckt. Seine Hände verbergen etwas in einer Tasche – ein Stück Papier vielleicht, oder Blei, oder ein kleines Geheimnis. Manchmal sieht man das Zucken an seiner Lippe, wenn etwas zu laut wird, wenn Stimmen zu nahe kommen. Es sind die Nachklänge einer Welt, die ihm weh getan hat. Boris trägt Verletzungen, die man nicht immer sieht, und das Schweigen ist seine Rüstung.
Rosita ist die letzte. Sie hat die Arme verschränkt, immer. Ihre Augen sind spitz wie Nadeln, ihr Mund ist eine Linie, die selten weich wird. Ihr Spott ist scharf, ihr Humor meistens bitter, als würde sie mit ihm das Salz der Welt abschlecken. Sie ist die, die eine Tür eintritt, wenn es nötig erscheint, und die erste, die sagt, was alle denken, aber keiner ausspricht. Sie schützt die Gruppe mit einem Zorn, der oft nicht so sehr laut ist wie beständig. Rosita trägt Narben, kleine, unscheinbare Zeichen eines Lebens, das sie nicht gefragt hat. Sie ist zornig, aber sie hat einen Anker im Kopf: Freundschaft bedeutet für sie mehr als Coolness. Dafür setzt sie sich ein, oft ohne Worte. Sie ist die Jüngste in der Clique, fast noch zwölf.
Der Bahnhof ist ihr Hauptquartier, eine Ruine mit Namen und Geschichte. Früher rollten hier Züge, Menschen kamen an und gingen. Jetzt klaffen Wände, Wellen des Putzes fallen ab, und Schienen sind mit Rost überzogen; dazwischen wächst Moos, wie Gras auf einer ehemaligen Straße. Auf den Wänden prangt Graffiti in grellen Farben, Slogans, Namen, Herzen mit Pfeilen – die Kunst von denen, die noch etwas formulieren wollen, auch wenn niemand mehr zuhört. In einer Nische steht ein alter, halb zerrissener Couchsessel, sein Stoff löchrig, die Federn treten hervor wie kleine weiße Knochen. Daneben ein Tisch aus Sperrholz, ein Glas, ein paar leere Dosen, eine Schachtel Streichhölzer. An der Wand hängt ein Poster eines längst vergessenen Popstars, die Augen von ihm sind wie ausgeblichenes Glas. Der Geruch von Öl, Urin und Fett mischt sich mit dem kalten Duft der Nacht; irgendwo tropft Wasser und macht ein monoton rhythmisches Geräusch, das ihnen wie ein Taktstock vorkommt.
Jorn bleibt stehen, legt eine Hand auf das Holz der Couch, fühlt die raue Oberfläche und lässt seine Finger dort ruhen, als prüfte er, ob das, was sie Nacht für Nacht behaupten, nicht doch nur eine Illusion ist. Nala lehnt sich gegen die Wand, die Schultern entspannt, als würde sie hier etwas finden, das sie bei der Hand nehmen könnte. Boris zieht die Kapuze zu, die Augen auf eine dunkle Ecke gerichtet. Rosita dreht sich, mustert den Raum, sucht nach Schwachstellen, Schutzplätzen, Möglichkeiten, die Flucht zu organisieren, falls es nötig wird.
„Kein Laut heute“, sagt Jorn. Seine Stimme ist ruhig, ein Ton, der Anweisung ist und Befehl, obwohl sie nur Freunde sind. Es ist nicht die Autorität eines Erwachsenen, eher die eines Jungen, der gelernt hat, dass Ruhe mehr sagt als Panik. „Wir teilen das Feld. Zwei drüben, zwei hier.“ Er nickt und zeigt mit dem Kinn zur anderen Seite des Bahnsteigs, wo die Schatten dicker sind.
Nala schiebt eine Strähne hinter ihr Ohr.
„Ich nehme den Turm“, sagt sie, „von dort sieht man die ganze Straße.“
Ihre Stimme verrät Aufregung, aber auch Stolz; sie mag die Verantwortung, auch wenn sie heimlich hofft, dass ihre Blicke oft auf Jorn fallen, wenn er nicht hinsieht.
„Ich geh’ auf die Schienen“, murmelt Boris. Er versucht, es beiläufig klingen zu lassen, doch seine Augen verraten, dass er die Nähe zu den Gleisen nicht ohne Grund sucht: dort fühlt er sich sicher, als wäre das Klappern der Schienen ein Herzschlag, mit dem zu arbeiten weniger weh tut als das Gedachte.
Rosita schnaubt, ein freches Geräusch.
„Ich bleib’ hier. Wenn einer von uns angeklopft wird, dann werde ich mit ihm reden. Oder zumindest schreien.“ Sie lächelt kurz, nur mit einer Seite des Mundes, und für einen Moment ist sie weniger wütend als furchtbar lebendig.
Sie verteilen sich so, wie sie es tausendmal geübt haben, ohne dass ein Erwachsener es jemals gesteuert hätte. Die Nacht nimmt sie auf, als seien sie alte Bekannte. Sie hören die Stadt atmen: ein Auto, das in der Ferne aufflackert, dann wieder verschwindet; Schritte, so weit weg, dass sie fast imaginär scheinen; das gelegentliche Klingeln von zerbrochenem Glas, das unter einem spitzen Windstoß tanzend niedergeht. In dieser Stadt, die ihnen nichts schenkt, ist jedes Geräusch entweder Gefahr oder die Bestätigung, dass sie noch existieren.
„Wenn Mut keiner ist, dann ist es Wahnsinn“, sagt Rosita leise, so dass nur Boris es hören kann. Boris nickt ohne zu sprechen. In seinen Augen blitzt kurz etwas wie Zustimmung, und dann verschwindet es wieder.
Jorn denkt an seine Mutter. Er denkt daran, wie sie manchmal in der Wohnung sitzt und die Fensterläden offen lässt, als warte sie auf jemanden, der nie kommt. Er denkt an halbvolle Flaschen, an Papier und Zigaretten, an das Husten, das durch seine Nächte hallt. Gedanken sind selten bei ihm, doch sobald sie auftauchen, drängen sie das Bild des Bahnhofs in die Ferne, so wie Nebel die Konturen eines Schiffes. Jorn hat gelernt, sein Herz im Kofferraum eines gestohlenen Mopeds zurückzulassen – unauffällig, unten, als könne es so niemandem weh tun. Er hat gelernt, dass Erschöpfung und Coolness die gleiche Rüstung sind. Und er hat gelernt, dass manchmal ein Diebstahl weniger bedeutet als ein Blick, der sagt: Du bist nicht allein.
Nala hat das bemerkt. Sie beobachtet ihn, wenn er allein wirkt, und in ihrem Inneren wächst eine stille Entschlossenheit, die kaum mehr ist als ein Flüstern. Sie will die Lücken in ihm füllen, will nicht wissen, ob er das möchte. Zwischen ihnen schwebt eine unsichtbare Linie: sie ist die, die geben will, er ist der, der sich hält. Doch die Nähe schmerzt, weil Jorn niemals leichtfertig Dinge annimmt, die Zuneigung heißen.
Boris zieht langsam einen Fetzen aus seiner Tasche, gefaltet, zusammengerollt, als bestehe er aus dünnem Papier. Es ist eine Zeichnung. Nicht viele wissen, dass Boris zeichnet. Er ist nicht der Typ, dem man Kunst zutraut; er ist der Typ, der schweigt. Aber seine Handschrift ist anders: auf dem Papier ist ein Bahnhof gemalt, nicht dieser, sondern so, wie er sein sollte – mit festen Fenstern, mit Glanz auf den Schienen, mit Menschen, die lachen. In der Zeichnung sind die Kinder wie Figuren, die kleiner sind als sie, aber sie halten sich an den Händen. Boris faltet das Bild zusammen und stopft es wieder weg, als sei es etwas zu kostbares, um es der Nacht preiszugeben. Niemand fragt. Niemand braucht die Antwort, die er dadurch zu geben versucht.
Rosita schiebt sich eine Zigarette zwischen die Finger, pafft, obwohl sie weiß, dass es nicht gut ist. Das Rauchen riecht nach Rebellion und nach etwas, das sie sich selbst auferlegt, um wach zu bleiben.
„Wenn Rico heute Abend vorbeischaut“, sagt sie, „dann kriegt er die Ohren voll.“ Ihre Stimme ist wie ein Messergriff, „Aber niemand fängt uns heute.“ Die Anderen knurren, sie spielen ihr Spiel mit, das Spiel, das sie am saubersten beherrschen: drohen, blenden, überstehen.
„Wir sind nicht Kings“, sagt Jorn, „wir sind nur...“ Er sucht das Wort und findet keins, das die Schwere seiner Aggression erklären könnte. „Wir sind, was uns übrigbleibt.“ Das ist mehr Philosophie, als er hören lassen will. Die anderen nicken. Jeder weiß, was übrigbleibt: wenige Münzen, ein abgebrochener Stuhl, Freundschaft, die schwerer wiegt als alles, was sie je besitzen.
Ein Rauschen. Schritte. Fremde Stimmen, rau, ungeübt. Die Form eines Autos schiebt sich in die Ferne; zwei Männer steigen aus und tragen etwas, das wie Kartons aussieht. Der Mond malt Kohlestriche auf ihre Gesichter, die Augen der Fremden blinken. Jorn hebt kaum die Hand, gibt ein Zeichen an Nala. Sie verschwindet, ein Schatten zwischen den Zügen, und in der nächsten Sekunde ist sie oben auf dem Turm, ein winziger Punkt, der ihnen die Straße beäugt.
Die Nacht ist keine Heldin, sie ist nur ein Tuch, das mit den Ecken weht. Doch für diese vier Kinder ist sie ein Verbündeter, manchmal die einzige Freundin, die sie haben. Sie haben einander, und das ist genug, um die Kälte zu teilen, genug, um die Angst in kleine Handgriffe zu zerbrechen. Wenn morgens der Geruch von verbranntem Fett durch den Bahnhof kriecht und die Sonne rote Fetzen über die Schienen schickt, merken sie, dass sie nur Gestalten in einem größeren Dunkel sind, doch für den Augenblick gehören sie zusammen, und das gehört ihnen.
Jorn atmet tief ein. Er hört das leise Nasenrasseln von Boris, das regelmäßig in der Nacht wie eine zweite Stimme erscheint, hört Nalas Schritt auf dem Turm, der wie ein Herzschlag wirkt. Rosita lehnt am Pfosten und zieht den Rauch in sich hinein, als würde sie auch den Mut atmen. In ihm ist eine Mischung aus Vorsicht und Aufruhr, ein Gefühl, das gleichgültig wirkt und doch alles bestimmt: eine Art Wachsamkeit, die man nur hat, wenn man weiß, dass etwas passieren wird. Etwas, das nicht schön ist. Aber solange sie zusammen sind, kann Jorn der Welt entgegentreten.
Die Nacht legt sich nicht mehr wie ein Mantel über die Gruppe, sie wird zum Raum, den sie teilen. Und in diesem Raum erfinden sie Regeln und Rituale, kleine Akte der Zugehörigkeit. Boris, schweigend, zieht eine kleine Dose heraus und teilt seine Ration Tabak mit Rosita. Nala holt eine alte Decke, faltet sie behutsam, und legt eine Ecke über die Couch, damit jemand schlafen kann, sollte er müde werden. Jorn steht auf, geht zum Ausgang und blickt in die Straßen des Ghettos, als wolle er das ganze Viertel abtasten. Er denkt an nichts, und an vieles zugleich. Er denkt daran, dass dieser Bahnhof nicht nur sein Versteck ist, sondern auch die letzte Bastion von etwas wie Familie.
Als der Wind stärker wird und der Geruch von Regen aufzieht, hören sie das Kratzen von Reifen auf geschwärzter Straße. Ein Bus, etwas ferner, schüttelt den Asphalt. Jorn nimmt noch einen letzten Blick. Seine Stimme ist weich, als er sagt: „Wir halten zusammen.“ Es ist kein Befehl, nicht wirklich. Es ist ein Versprechen, halblaut, so dass es nur für die anderen bestimmt ist. Nala lächelt, kurz und flüchtig, und in der Geste liegt eine Zukunft, die noch nicht benannt ist. Boris nickt, Rosita zieht ihre Jacke enger.
Die Nacht nimmt sie an und gibt ihnen nichts zurück. Aber in dieser Annahme liegt eine Art von Heimat, die sie dann haben, wenn alles andere sie verlässt. Sie bleiben, wie ein Bündel von kleinen, hartgesottenen Vögeln, die nicht fliegen, aber zusammen rasten. Der Bahnhof ist ihr Hauptquartier, ihr Königreich. Und inmitten der kaputten Stadt, die sie nicht loslässt, halten sie sich aneinander fest.
Der Morgen schiebt sich wie zäher Rauch über den Kölnberg, als hätten die Häuser beschlossen, länger zu schlafen als die Stadt. Die ersten Dämmerstrahlen treffen auf zerfurchte Fassaden, auf Balkone, auf die benutzten Vorhänge, die mehr verschämt als schützend wirken. Aus den Wohnungen sickern Gerüche: Kaffee, Fett, manchmal etwas Süßes, oft nur die bittere Erinnerung an etwas, das einst einmal Nahrung war. Auf den Straßen liegen Papiertüten, ein Fahrrad ohne Vorderreifen, Zigarettenkippen, und die Tauben picken davon, als wären sie die einzigen, die hier noch etwas zu suchen haben.
Die vier gehen getrennte Wege. Es ist eine Bewegung, die sie ohne Anstrengung ausführen – ein vertrautes Ritual, das mit dem Ghetto verwachsen ist. Sie kennen die Abkürzungen, die schiefen Treppen, die Mülltonnen, die Plätze, an denen Wachhunde bellen und die, an denen die Nachbarn nur dann auftauchen, wenn erst etwas passiert ist. Sie bewegen sich wie Knotenpunkte in einem Netz, dessen Muster sie längst gelesen haben.
Jorn läuft allein den schmalen Flur zu seiner Wohnung entlang. Der Gestank von angebranntem Essen und billiger Zigarette hängt in der Luft eines Flurs, in dem die Wände von Jahren an Fingern und Stößen matt geworden sind. Die Tür seiner Wohnung steht einen Spalt offen, als sei sie nie richtig zugemacht worden. Er schiebt sie auf – nicht verstohlen, nicht stolz, nur gewohnt. Drinnen sitzt seine Mutter am Tisch, eine Schlaf- und Wachgestalt zugleich: Falten um die Augen, eine leere Kaffeetasse, deren Boden Ölrand zeigt. Die Haare sind strähnig, das Gesicht wie eine Karte, aus der Wege gefallen sind. Sie hat die Arme ausgestreckt, die Hände ruhig, als würde sie etwas zählen, das im Inneren liegt.
Jorn bleibt im Türrahmen stehen. Er räuspert sich, ein kleines Geräusch, das niemandem auffallen würde. Die Mutter hebt den Kopf nicht. Ihre Augen sind auf ein zerknittertes Fernsehbild gerichtet, das stumm etwas abspielt, das schon vor Tagen hätte enden können. Sie zieht an einer Zigarette, die Finger geübt, die Bewegung so automatisiert, dass man vermuten könnte, sie hat keinen Körper mehr, nur noch Gewohnheit.
„Mama“, sagt Jorn, und das Wort hat die Ungefährlichkeit eines Briefes, der in einen leeren Briefkasten fällt. Sie registriert das Geräusch nicht. Er tritt einen Schritt näher. „Mama.“
Diesmal rutscht ihr Blick an ihm vorbei wie an einem Gespenst. Sie blinzelt, als würde sie an etwas denken, an eine Rechnung, an die Farbe der Wände, an die Zeit, die sie nicht zurückdrehen kann.
„Ist… jemand da?“, murmelt sie, mehr an die Geräusche als an ihn gerichtet. Sie steht auf – langsam, schwer – geht aber nicht zu ihm, sondern bleibt am Tisch, als müsse sie eine Körperlichkeit vorzeigen, die durch nichts mehr belegt ist.
Jorn fühlt die Leere wie ein Gewicht. Er hat sich an diese Unsichtbarkeit gewöhnt, an das Gefühl, dass sein Dasein keine Erwartung weckt. Er tritt an die Spüle, lässt Wasser laufen, hört das Tropfen wie ein Takt, der ihn verortet. Seine Finger zittern leicht, nicht mehr als nötig. Er sucht nach Worten, die ihre Aufmerksamkeit erzwingen könnten, aber er weiß, dass es keinen Laut gibt, der stärker ist als die Gleichgültigkeit, die in ihr wütet.
„Ich war nicht lange weg“, sagt er, so beiläufig wie möglich. Ein kleiner Versuch, wie ein Test, ob die Realität noch reagiert.
Seine Mutter zuckt mit der Schulter.
„Mach dir keinen Kopf, Junge. Frühstück ist nicht mehr.“ Sie zieht eine Packung Zigaretten näher, als würde das eine Mahlzeit ersetzen. Es ist nicht Bosheit, die sie antreibt; es ist Demotivation. Die Welt hat sie hungrig gemacht und ihr nichts zurückgegeben. Manche Tage hat sie nicht einmal das Interesse an einem Namen. Jorn sitzt, als würde er die Hitze von dieser Ignoranz messen, nimmt die Kaffeetasse, fühlt die klebrige Außenhaut, und plötzlich ist er wieder Kind und leer zugleich.
Er denkt daran, wie es früher war – wenn es früher je besser war. Ein Vater, der selten kommt. Rechnungen, die wie dunkle Wolken am Fenster kleben. Niemand, der fragt, wie sein Tag war, niemand, der aufsteht, wenn er allein ankommt. In diesem Mangel wächst eine andere Form von Nähe: die zu Nala, Boris, Rosita. Die, die bleibt, weil sie ihn erwidert. Dort, im Bahnhof, ist er nicht unsichtbar. Dort bedeutet sein Schritt etwas; dort bedeutet sein Blick etwas. Zuhause aber ist er nur die Erinnerung an eine verpasste Pflicht.
Nala dagegen läuft durch enge Straßen, vorbei an Spielplätzen, auf denen der Sand grau ist, in denen Kinder Ziegelsteine statt Spielzeug haben. Ihr Zuhause ist eine dieser Wohnungen mit einem Balkon, aus dem Seile hängen, Wäsche, die in der Luft tanzt. Ihre Mutter liegt noch im Bett; sie hört das Radio, deren Stimmen müde werden, bevor sie überhaupt wach sind. Nala legt ihren Rucksack ab, fährt sich durch die Haare, und ihr Blick schlägt wie ein Hammer gegen die Wohnungstür, gegen die Ziegel, gegen etwas, das ihr nichts gibt. Es ist nicht direkt Ablehnung, was sie fühlt; es ist das Gefühl, dass niemand hier Wurzeln schlägt. Die Mutter bemerkt sie kaum. Vielleicht ist es auch so gewollt – weniger Frage, weniger Verantwortung.
„Warst du draußen?“, fragt die Mutter, ohne aufzustehen. Es ist kein Vorwurf, eher eine tiefe Müdigkeit, die Fragen in Drohungen verwandeln kann.
Nala nickt nur, und das reicht. Auf dem Tisch liegen Papiere, die nicht ihr Leben bedeuten. Nala setzt sich, greift nach einem Stück Brot, das trocken ist, aber immerhin. Ihre Finger sind rau, als hätte sie gerade noch Dinge gehalten, die nicht für Kinderhände bestimmt sind.
Boris kommt in seine Wohnung, eine Zwei-Zimmer-Zelle, in der die Lampe an einer Kette hängt und die Wände Risse haben, die wie Straßen aussehen. Seine Mutter ist nicht da; sein Vater offenbar auch nicht. An der Wand klebt ein Zettel mit einer Telefonnummer, die niemand mehr anruft. Auf dem Couchtisch liegt eine Schachtel, in der alte Zettel und Rechnungen liegen. Boris stellt die Tasche ab, geht ans Fenster, zieht die Vorhänge ein Stück auf und blickt auf den Innenhof, wo ein Mülleimer als König thront. Niemand ruft seinen Namen. Das Schweigen ist nicht überrascht, es ist erwartet. In seinem Zimmer hängen Skizzen, ein paar Bleistiftzeichnungen, Linien, die zeigen, wie er die Welt sieht – nicht so, wie sie ist, sondern so, wie er sie sich wünscht. Er faltet die Hände, schaut die Zeichnungen an. Kein Laut nach Außen. Es ist, als würde er im abgeschlossenen Raum atmen und die Luft mit einer eigenen Intensität füllen.
Rosita trifft niemanden an, wenn sie ihre Wohnung betritt; im Flur liegt der Geruch von heißem Fett, als hätte es in dieser Küche ein letztes Fest gegeben. Sie schmeißt die Tasche in die Ecke, wirft sich auf ein Sofa, das seine besten Zeiten hinter sich hat. Ihre Mutter ist unterwegs, wie immer, in irgendeiner Nacht beschäftigt. Rosita rollt mit den Augen, steht auf, holt sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank, öffnet sie, trinkt einen Schluck, als wäre es nur Wasser, als wäre es nur das Ritual, das den Morgen erträglicher machen kann. Sie denkt an Boris, an sein Schweigen, an seine Zeichnungen, und etwas warmes, weiches breitet sich in ihr aus – wie ein Versprechen oder wie eine Schuld. Sie weiß, sie ist hart, aber sie hat eine Weichheit, die sie nur vorsichtig zeigt.
Am Ende des Vormittags finden sich die vier wieder – nicht am Bahnhof, aber auf einem schmalen Platz, der wie ein Herzstück des Kölnbergs ist. Ein alter Kiosk verkauft Zigaretten und abgekühlten Kaffee. Die Besitzerin nickt ihnen kurz zu, kennt ihre Gesichter, ihre Wege. Manchmal ist es erstaunlich, wie so wenig Aufmerksamkeit als Sorglosigkeit durchs Leben kommt. Niemand fragt, ob sie etwas brauchen. Niemand fragt, ob sie krank sind. Genau das ist der Punkt: In ihren Familien sind sie nicht mehr als feste Ansichten, die man hat, Dinge, die vor sich hin existieren. Es sind keine Vorwürfe, es ist eine Abwesenheit, die für sie genauso normal ist wie die Schiene, die aus dem Bahnhof führt.
„Was machen wir heute?“, fragt Rosita, als sie sich auf eine niedrige Mauer setzt. Ihre Stimme knackt wie altes Leder. Es ist keine Frage nach einem Plan, eher ein Test, ob jemand antwortet.
Jorn lehnt an einer Laterne und schaut auf die Schuhe. Seine Finger drehen eine Münze, die er zwischen Daumen und Zeigefinger dreht, als würde er die Möglichkeiten der Welt abwägen. „Wir gucken“, sagt er schließlich. „Wir sehen, wer draußen ist.“ Seine Stimme hat etwas Bestimmtes, etwas, das aus der Stille wächst; nicht laut, aber fest.
Nala tritt näher. „Wenn wir nichts machen“, sagt sie, „dann macht das hier uns.“ Sie schaut in Jorns Richtung, und ihre Augen sind schwer. „Ich will nicht, dass das unser Ende ist.“ Es ist kein Vorwurf an ihn, eher eine Bitte, fast schon ein Befehl, der aus einer anderen Tiefe kommt. Jorn schaut sie an, und für einen Moment sind beide nur Blicke, die sich abtasten. Das Gefühl, das zwischen ihnen liegt, ist wie ein Seil, das man nicht durchschneiden darf.
Boris fischt eine kleine Tasche aus seiner Jacke, legt die Zeichnung flach auf den Stein neben sich. Rosita beugt sich vor, sieht die Bahnhofszeichnung, und für einen Augenblick lässt sie ihre Augen weicher werden. „Nicht schlecht“, murmelt sie. „Wenn wir den wieder aufbauen könnten…“ Ihre Stimme verliert sich. Die Vorstellung ist lachhaft, fast respektlos, aber in ihnen allen glimmt etwas wie Sehnsucht. Die Zeichnung zeigt nicht nur den Bahnhof; sie zeigt Menschen, die sich umarmen. Es ist nur Bleistift, aber es ist auch ein Vorschlag: anders leben als jetzt.
Sie reden. Nicht über große Pläne, nicht über die Zukunft in dem Sinne, wie Erwachsene es tun. Sie reden über Dinge, die real und greifbar sind: wer sie beobachtet hat, welche Straßenräuber unterwegs sind, ob sie heute irgendwo später noch jemand aufhält. Sie sprechen mit einer Sprache, die kurz ist, pragmatisch, wie die Abfolge von Schritten, die man geht, bevor man einen Laden ausraubt oder ein Motorrad entwenden könnte – und doch sagen sie nicht laut, was sie denken. Es ist fast, als würden sie die Worte scheuen, weil sie glauben, dass wenn sie ausgesprochen werden, sie wahrer werden und sie keine Wahl mehr hätten.
Die Vernachlässigung, die sie zu Hause erleben, formt sie, doch sie verbindet sie nicht nur in Schmerz. Sie ist auch ein Katalysator, eine notwendige Lücke, in der sie einander haben. Ohne diesen Mangel wären sie vielleicht nur Einzelne, vielleicht Kinder unter vielen. Mit ihm sind sie eine Struktur. Der Bahnhof ist ihr Zentrum, die Zeichnung ihr Traum, die Ratschläge ihrer schroffen Zuneigung ihr Gesetz.
„Wir müssen aufpassen“, sagt Boris plötzlich, seine Stimme tief, als müsse er damit etwas beschwören. „Rico lässt nicht locker.“ Seine Augen fahren über den Platz, als würde er sehen, was andere nicht sehen: lauernde Blicke, vorbeiziehende Silhouetten. Die anderen nicken. Sie kennen den Namen, kennen das Gesicht, wissen um die Drohungen, die Rico aussendet wie Messerstiche.
Jorn knickt die Münze schließlich ein, steckt sie in seine Tasche.
„Dann müssen wir schneller sein“, sagt er. „Und klüger.“ Es ist ein Satz, kaum lauter als der Wind, aber in ihm liegt eine Verpflichtung. Er schaut in Nalas Gesicht. „Und wenn’s sein muss, dann tun wir, was getan werden muss.“
Worte, die wie ein Ventil wirken. Nala sieht ihn an, offen, und es ist, als wolle sie ihm folgen – wohin auch immer.
Sie verteilen sich, um verschiedene Aufgaben zu erledigen: ein paar Besorgungen, ein paar Blicke in die Gassen. Die Tageszeit ruft anders als die Nacht, aber unter der Sonne verändert sich die Stadt nicht wesentlich. Sie ist nur heller, klarer in ihren Brüchen. Die vier gehen auseinander, jeder in seine Richtung, und doch ziehen unsichtbare Fäden sie zurück an denselben Platz. Jeder von ihnen nimmt die Welt mit, legt sie in seine Tasche, faltet sie wie ein Tuch, um sie später auszubreiten.
Jorn bleibt kurz stehen, schaut auf seine Hände. Er denkt an die Unsichtbarkeit zu Hause, an das Gewicht der Gleichgültigkeit, und er denkt an Nala, an Boris, an Rosita – an die Menschen, die seine Anwesenheit nicht übersehen. Ein leichtes Lächeln spielt über seinen Mund. Es ist nicht groß, nicht sehr überzeugend, aber es ist da: ein Funken, dass er zu jemandem gehört. Und vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das ihn antreibt, das ihn eines Tages in die falsche Richtung rennen lässt. Aber jetzt, im frühen Morgen, schmeckt die Luft nach Möglichkeit: nach Aufbegehren, nach Tagen, an denen etwas anders sein könnte. Die Stadt ist schwer, doch für den Augenblick trägt er sie.