GEFANGEN IM SCHATTEN DES BESTIALISCHEN

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Zusammenfassung

Er war ein König der Unterwelt, der ihr zu Füßen verblutete. Sie war eine Göttin der Elite, die nicht mit der Wimper zuckte. Als Professorin Peony Maddox Korrin rettete, den brutalen Vollstrecker der Iron Serpents, begann ein gefährliches Spiel. Er stieß sie weg, um sie zu schützen; sie begegnete seiner Dunkelheit mit einem Feuer, das sie beide zu verschlingen drohte. Sein Fehler war der Glaube, er könne ohne sie leben. Ihrer war der Glaube, er würde sie jemals wieder gehen lassen. Nach einem Verrat, der sie zutiefst erschütterte, zog Peony sich zurück und baute Mauern aus Eis um ihr gebrochenes Herz. Doch Korrin ist kein Mann, der anklopft. Er ist ein Kult für sich, und seine Religion ist sie. Getrieben von einem besitzergreifenden, alles verzehrenden Wahnsinn, beginnt er seine Anbetung. Er erstickt ihren Freiraum, seine Präsenz ist eine ständige, bedrückende Hitze. Er bittet nicht um Vergebung; er verlangt absolute Hingabe. Jede verweilende Berührung in einem überfüllten Raum, jedes geknurrte Versprechen an ihrem Ohr ist wie ein Brandmal. Er drängt sie in die Dunkelheit, seine Hände ein verzweifelter Anspruch auf den Körper, den er einst von sich stieß, sein Mund ein sündiges Geständnis auf ihrer Haut. „Du gehörst mir“, ist sein Gebet, seine Drohung, seine einzige Wahrheit. Er wird jede Waffe nutzen, die er hat – seinen Körper, seinen Willen, seine unnachgiebige Dominanz –, um die Erinnerung an sein Versagen auszulöschen und seine Hingabe in ihre Seele zu brennen. Er wird sie das Vergnügen spüren lassen, das nur er ihr schenken kann, die Sicherheit, die es nur in seinen Armen gibt, und die erschreckende Wahrheit, dass seine Welt mit ihr beginnt und endet. Doch Peony ist keine einfache Eroberung. Sie ist eine Königin der Schatten, die ein Geheimnis hütet, das sein gesamtes Königreich in Schutt und Asche legen könnte. Die Frage ist nicht länger, ob er sie zurückgewinnen kann, sondern ob er das Inferno ihrer Wahrheit überlebt, sobald sie erst einmal entfesselt ist.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
36
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Altersfreigabe
18+

Bull and Blood

Der Regen hatte gerade erst eingesetzt. Ein feiner, schimmernder Nebel verwandelte die Lichter der Stadt in goldene und neonfarbene Schlieren auf dem dunklen Samt der Nacht. Im Inneren ihres flachen Sportwagens war es still, abgesehen vom Schnurren des Motors und den sanften, melancholischen Klängen eines Cellokonzerts. Peony Maddox lenkte den Wagen mit einer beiläufigen Anmut, doch ihre Gedanken waren tausend Meilen vom nassen Asphalt entfernt.


Sie war eine Erscheinung und bildete einen krassen Kontrast zu der düsteren, industriellen Straße, durch die sie fuhr. Gekleidet in ein Kleid aus flüssigem Gold, dessen schwerer Seidenkragen weich über ihre Schlüsselbeine floss, wirkte sie wie ein vergessenes Stück einer Hollywood-Premiere. Ihr Haar, das bei öffentlichen Auftritten meist zu einem eleganten Knoten gebändigt war, trug sie offen. Es fiel in üppigen, kastanienbraunen Wellen über ihre Schultern. Der feine, würzige Duft ihres Parfüms – Amber und Vanille – hing noch immer an ihr wie ein Geist der abendlichen Festlichkeiten.


Die Veranstaltung in ihrer Galerie, *The Gilded Frame*, war ein Triumph gewesen. Die Künstlerin, Elara Vance, war eine Frau, die buchstäblich durch das Feuer gegangen war. Die Narben, die ihr halbes Gesicht zeichneten, waren ein Zeugnis vergangener Qualen, doch ihre Augen strahlten das wilde, unbeugsame Licht eines Phönix aus. Ihre Werke waren keine bloßen Gemälde; es waren Ausgrabungen. Auf den Leinwänden sah man Wälder, in denen aus prachtvollen, verrottenden Stämmen leuchtende, phosphoreszierende Pilze wuchsen. Skulpturen aus verdrehtem, geschwärztem Metall hielten Blüten aus mundgeblasenem Glas, zart und doch stark. Es waren atemberaubende Nachbildungen von Verfall und Neubeginn, von Feuer und Schmiede. Das Herzstück, ein massives Triptychon mit dem Titel *„An Elegy for Skin and Soul“*, zeigte eine menschliche Figur, die zur Hälfte von leuchtenden, schrecklichen Flammen verzehrt wurde, während die andere Hälfte sich bereits mit Fäden aus Gold und Perlmutt neu aufbaute.


Peony war fasziniert gewesen. Während der Fahrt kreisten ihre Gedanken immer wieder um Elaras Künstlerstatement, das sie mit einer von Rauch gezeichneten, aber kraftvollen Stimme vorgetragen hatte: *„Schönheit ist nicht das Fehlen von Beschädigung. Sie ist der Beweis des Überlebens. Sie ist der goldgefüllte Riss im Porzellan, das neue Wachstum nach dem Waldbrand. Wir alle werden in unseren eigenen privaten Öfen geschmiedet.“*


Die Worte hallten in Peonys Seele nach, als ein eindringlicher Kontrapunkt zu dem Leben, das sie so sorgsam inszenierte. Die fröhliche, strahlende Professorin, die sprühende Gesellschaftsdame – es war ihr eigener Akt der Selbstbehauptung, eine bewusste Entscheidung, Gold über die Risse ihrer eigenen Geschichte zu malen. Elaras Werk war ein Spiegel, und Peony lernte gerade erst, hineinzusehen, ohne zurückzuzucken.


Sie war so in Gedanken verloren, während sich die philosophische Kluft zwischen Verfall und Neubeginn in ihrem Geist auftat, dass sie die Bewegung fast übersehen hätte. Eine große, schwankende Gestalt stolperte aus einer Seitengasse direkt auf ihren Weg.


Ihr Herz rutschte ihr in die Hose. Die Zeit schien sich zu verzerren, sie dehnte sich und zog sich gleichzeitig zusammen. Ihre Hände, zart aber sicher auf dem lederbezogenen Lenkrad, reagierten, bevor ihr Verstand es konnte. Sie trat auf die Bremse. Die modernen Systeme des Wagens protestierten mit einem Wimmern, während das Auto zum Stehen kam. Die vordere Stoßstange hielt nur einen Fuß vor den Beinen des Mannes an.


Für einen Moment war da nur das rasende Pochen ihres Herzens und das hektische Wischen der Scheibenwischer. Der Mann stand wie erstarrt im Scheinwerferlicht, wie ein Hirsch vor dem Jäger. Und dann, als hätte die Pause seine letzte Kraft geraubt, sackte er auf dem nassen Pflaster zusammen.


Peony hielt den Atem an. Ohne zu zögern, schaltete sie den Motor aus. Die plötzliche Stille wirkte lauter als das Kreischen der Reifen. Sie stieß die Tür auf. Der feine Regen küsste sofort ihre nackten Arme und legte sich wie Diamantstaub auf ihr Haar. Die Kälte war ein Schock, doch nichts im Vergleich zu dem Anblick vor ihr.


Er war ein Hüne von einem Mann, gebaut aus purer, brutaler Muskelkraft, bekleidet mit durchnässtem, dunklem Denim und einer schwarzen Lederweste, die zerschrammt und befleckt war. Doch es war das Blut, das ihren Blick fesselte. Eine dunkle, bedrohliche Blüte breitete sich an seiner Seite aus, der Stoff seines Hemdes klebte nass an ihm. Einer seiner Knöchel war aufgeplatzt, und eine frische Wunde an seiner Braue ließ einen langsamen, stetigen Strom von Blut über seine Schläfe rinnen, der sich mit dem Regen vermischte.


Er war das erschreckendste und am stärksten zerstörte Wesen, das sie je gesehen hatte.


„Oh Gott“, hauchte sie, kaum hörbar. Sie eilte vorwärts, ihre goldenen Absätze klickten auf dem nassen Beton. „Geht es dir gut? Kannst du mich hören?“


Als sie neben ihm niederkniete, drangen ihr der Geruch von Motoröl, eisenhaltigem Blut und die nächtliche Kälte in die Nase. Er zuckte bei ihrer Berührung zurück und hob den Kopf. Seine Augen – ein auffälliges, sturmgraues Grau – trafen ihre. Sie waren vor Schmerz getrübt, doch darunter lag eine wilde, tierische Intensität, die sie eigentlich zur Flucht hätte bewegen müssen.


„Geh weg von mir“, knurrte er. Die Worte waren ein tiefes, grollendes Grollen, das durch den Boden zu vibrieren schien. Er versuchte sich hochzustemmen, doch eine neue Welle von Schmerz raubte ihm den Atem, und er sackte mit einem scharf abgebrochenen Fluch zurück.


Peony wich nicht zurück. Elaras Phönix-Blick schien hinter ihren eigenen Augen zu brennen. Das war keine Bedrohung; das war ein Mann im Ofen. Das war Verfall und Schmerz, der verzweifelte, rohe Stoff des Neubeginns.


„Du bist verletzt“, sagte sie, ihre Stimme weich wie bei ihren nervösen Kunststudenten. Sie klang ruhig, melodisch und absolut bestimmt. „Du brauchst Hilfe. Lass mich dir helfen.“


Seine Augen, diese wilden, stürmischen Augen, verengten sich. „Ich sagte: *Verschwinde*.“ Das Flehen war mit einer giftigen Warnung durchsetzt. „Bitte.“


Das „Bitte“ bewirkte alles. Es war ein Riss in seiner massiven Rüstung, ein Flüstern des Menschen hinter der Gewalt und dem Leder. Es war das Gold im Riss.


„Das werde ich nicht tun“, sagte sie mit unerschütterlichem Blick. Sie streckte langsam die Hand aus, um ihm jeden Moment Zeit zu lassen, sie zurückzuweisen, und strich ihm sanft das nasse, dunkle Haar von der Stirn, um die Wunde besser zu sehen. Sein ganzer Körper spannte sich bei ihrer Berührung an, als wäre er gebrandmarkt worden. „Du brauchst einen Arzt. Mein Auto ist direkt hier.“


Er starrte sie an, als spräche sie eine Fremdsprache. Seine Augen musterten sie – das goldene Kleid, das makellose Make-up, der Reichtum, der aus jeder perfekt gestylten Welle ihres Haares tropfte. Die Kluft zwischen ihren Welten war in diesem Moment eine physische, greifbare Tatsache.


„Wer bist du?“, krächzte er, während Misstrauen tiefe Falten in sein Gesicht grub.


„Jemand, der nicht einfach weiterfahren und dich in einer Gasse verbluten lassen kann“, erwiderte sie, während ein kleines, entschlossenes Lächeln ihre Lippen umspielte. „Es wird diskret sein, versprochen. Keine Fragen.“


Es folgte eine lange, angespannte Stille, die nur vom Regen und seinem rasselnden Atem durchbrochen wurde. Er wog seine Optionen ab, sein Blick sprang zwischen ihrem Gesicht und ihrem teuren Wagen hin und her. Der Kampfgeist wich aus ihm und wurde durch eine Welle lähmender Schwäche ersetzt. Mit einem Gesichtsausdruck, der mehr ein Entblößen der Zähne als alles andere war, nickte er kurz und knapp.


Es kostete sie all ihre Kraft, ihm auf die Beine zu helfen. Er war unfassbar schwer, eine massive Wand aus Muskeln und Schmerz. Er stützte sich mehr auf sie, als er wohl wollte, sein Arm lag wie ein schweres, warmes Gewicht auf ihren Schultern. Sie ertrug es ohne zu zucken, führte ihn die wenigen Schritte zur Beifahrerseite und half ihm, seinen großen Körper in den tiefen Sitz gleiten zu lassen. Der Kontrast war fast lächerlich – dieser blutende Titan der Unterwelt, zusammengefaltet in ihrem makellosen Interieur aus cremefarbenem Leder, sein Blut ein krasser Gegensatz zu dem hellen Luxus.


Sie stieg ein. Die Tür schloss mit einem sanften, teuren Wummern, das sie in ihrer seltsam intimen Blase einschloss. Der Geruch seines Blutes und der Nacht vermischte sich nun mit ihrem Parfüm. Sie sprach kein Wort, während sie fuhr, und folgte seinen knappen Anweisungen: „Links.“ „Rechts.“ „Hier.“


Sie landeten in einem Teil der Stadt, den kein Reiseführer erwähnte. Das Gebäude war unscheinbar, die Fenster vergittert, doch im Inneren brannte ein schwaches Licht. Der Mann, der nach Korrins schwachem Klopfen öffnete, wirkte genauso steril und fragwürdig wie der Ort. Er trug mit altem Blut befleckte OP-Kleidung, seine Augen waren müde, und er fragte nicht nach Namen.


Peony wartete in dem kargen, weiß gefliesten Raum, während der Arzt arbeitete. Sie hörte die dumpfen Geräusche von Stichen und tiefes, schmerzhaftes Stöhnen. Sie stand an einem kleinen, schmutzigen Fenster; ihr goldenes Kleid war ein schockierender Farbtupfer in der klinischen Düsternis. Sie wirkte wie ein Engel, der versehentlich in eine Metzgerei gefallen war.


Als der Arzt fertig war, kam Korrin heraus und bewegte sich steif. Das Blut war entfernt, die Wunden in seinem Gesicht und an den Knöcheln sauber vernäht und verbunden. Er sah sauberer aus, aber nicht weniger gefährlich. Die Behandlung hatte seine rohe, urwüchsige Kraft nur noch betont. Er wich ihrem Blick aus, während eine neue Welle von etwas, das wie Scham oder Frustration aussah, von ihm ausging.


„Danke“, murmelte er, als seien die Worte fremd auf seiner Zunge.


„Gern geschehen“, sagte sie schlicht.


Sie fuhr ihn zurück an den Rand seines Reviers, in dieselbe Industriegegend, in der sie ihn gefunden hatte. Als er aussteigen wollte, hielt sie ihn mit einer sanften Hand auf seinem Arm fest. Wieder zuckte er, hielt aber still. Sie griff in ihre kleine, perlenbesetzte Tasche und zog eine einzelne, schwere, cremefarbene Karte heraus. Sie war mit einem einfachen, eleganten Design geprägt: *The Gilded Frame* und darunter ihr Name, *Peony Maddox*.


„Falls du etwas brauchst“, sagte sie und drückte sie in seine große, schwielige Hand. Ihr Lächeln war echt, eine kleine, warme Sonne im dunklen, regennassen Auto. „Keine Fragen. Das Angebot gilt immer.“


Er nahm die Karte, seine Finger streiften ihre. Der Kontakt war elektrisch, ein Schlag, der ihr direkt den Arm hinauf fuhr. Er starrte auf die elegante Schrift, als sei es eine Hieroglyphe, die er nicht entziffern konnte. Innerlich war er erschüttert. Diese Frau, dieses Geschöpf aus Licht und Seide und unmöglicher Furchtlosigkeit, war in seine Hölle hinabgestiegen, hatte ihn herausgeholt und nichts dafür verlangt. Sie war ein Rätsel, ein Paradoxon. Sie war das Schönste, was er je gesehen hatte, und jeder Instinkt, den er besaß – geschärft durch ein Leben voller Gewalt und Verrat – schrie, dass sie die gefährlichste Art von Bedrohung war: die Art, die einen Mann dazu bringen konnte, sich Dinge zu wünschen, auf Dinge zu hoffen, die ihn nur umbringen würden.


Seine stürmischen Augen hoben sich und trafen ihren Blick für einen flüchtigen, atemberaubenden Moment. In ihrer Tiefe sah sie keine Dankbarkeit, sondern einen stürmischen Krieg – ein Flackern von ehrfürchtigem Staunen, das gegen einen Strom tiefsitzenden Misstrauens ankämpfte.


Ohne ein Wort steckte er die Karte in seine Jeanstasche, drehte sich um und ging. Er verschwand in den Schatten der Laderampe, auf die er gedeutet hatte. Sein breiter Rücken war eine stolze, zurückweichende Silhouette, und er weigerte sich, auch nur ein einziges Mal zurückzublicken.


Peony beobachtete ihn, bis er fort war. Der Regen fiel nun unaufhörlich und hinterließ Spuren auf ihrer Windschutzscheibe wie Tränen. Sie saß lange Zeit dort, den Geist seines Gewichts noch immer in ihrem Wagen, während der Geruch von Blut und Leder in der Luft hing. Sie dachte an Elaras geschmiedete Schönheit, an Verfall und Neubeginn. Und sie wusste mit einer Gewissheit, die sich tief in ihren Knochen festsetzte, dass der Mann mit den stürmischen Augen ein Meisterwerk aus verheerendem, problematischem und zutiefst schönem Potenzial war, das im Dunkeln auf eine Hand wartete, die mutig genug war, ihn zu berühren.

*

Der Weg von der Laderampe zum Hauptbereich des Lagers der Iron Serpents war nur fünfzig Meter lang, doch für Korrin fühlte er sich an wie ein kilometerlanger Marsch durch Feindesland. Jeder Schritt sandte einen neuen, heißen Schmerzstoß durch seine vernähte Seite, eine brutale Erinnerung an seine Verwundbarkeit. Der Regen, der eben noch ein feiner Nebel gewesen war, war nun ein stetiger, kalter Guss, der durch seine Verbände drang und ihm die Wärme aus den Knochen zog. Er begrüßte die körperliche Pein; sie war eine Ablenkung von der Unruhe, die in seinem Inneren brodelte.


Das Lagerhaus, ihr Heiligtum, war eine Kathedrale aus fettigen Maschinen, rostigem Stahl und dem tiefen, ständigen Brummen von Motoren, die zerlegt und neu zusammengebaut wurden. Die Luft war dick von Benzin, Schweißdämpfen und Schweißgeruch. Neonreklamen für obskure Biermarken warfen ein kränkliches, buntes Licht auf den chaotischen Raum. Es war eine Welt der harten Kanten und noch härteren Männer, eine Welt, die er verstand. Eine Welt, die er gerade mit dem Duft von goldener Seide und teurem Parfüm verunreinigt hatte.


Er stieß die schwere Stahltür auf. Das kreischende Geräusch schnitt wie ein Messer durch das leise Gemurmel und das Klappern der Werkzeuge. Sofort verstummte jede Aktivität. Ein Dutzend scharfer, prüfender Augenpaare richtete sich auf ihn. Er sah, wie sie seinen Zustand im selben Moment erfassten: die Blässe seines Gesichts unter dem Schmutz, die steife, vorsichtige Haltung seines Körpers und die frischen, weißen Verbände, die sich scharf von seiner Haut abhoben.


„Korrin! Was zur Hölle ist mit dir passiert?“ Die Stimme gehörte Bear, einem Mann wie ein Berg mit einem Bart, in dem eine ganze Spatzenfamilie hätte nisten können. Er ließ einen schweren Schraubenschlüssel scheppernd fallen und kam auf ihn zu.


„Hinterhalt“, knurrte Korrin, und das einzelne Wort kostete ihn Überwindung. Er bewegte sich auf das alte, fleckige Sofa zu, das das Herzstück ihres Gemeinschaftsbereichs bildete, und ließ sich mit einem unterdrückten Stöhnen darauf sinken. Die ausgeleierten Federn quietschten mitleidig. „Black Dogs. Vier von denen. In der Gasse hinter der Seventh.“


Ein Chor aus Flüchen brach los, ein tiefes, wütendes Grollen, das die Werkstatt ausfüllte. Die Black Dogs waren eine rivalisierende Gang, ehrgeizig und schlampig, und das hier war eine klare Eskalation.


„Mistkerle“, spuckte ein drahtiger Mann namens Mouse, dessen Finger bereits zum Messer an seinem Gürtel zuckten. „Reiten wir aus?“


„Noch nicht“, sagte Korrin, und seine Stimme ließ keinen Raum für Diskussionen. Er lehnte den Kopf gegen die Lehne und schloss die Augen. Das Bild von goldenem Haar und furchtlosen Augen blitzte ungebeten hinter seinen Lidern auf. *Geh weg von mir.* Er konnte noch immer den Geist ihrer Finger auf seiner Stirn spüren, die erschreckend sanft gewesen waren.


In diesem Moment spürte er eine Präsenz neben sich. Er musste die Augen nicht öffnen, um zu wissen, dass es Jax war.


Jax war sein Stellvertreter, sein Bruder in allem außer dem Blut. Wo Korrin eine Wand aus stiller Intensität war, war Jax ein Drahtseilakt – er lächelte schneller, machte eher Witze, war aber nicht weniger tödlich, wenn es die Situation erforderte. Er war der Einzige, der die Nuancen in Korrins Schweigen lesen konnte.


Zuerst sagte er nichts. Korrin hörte das leise *Klicken* eines Zippos, dann erfüllte der Geruch von billigem Tabak die Luft. Einen Moment später wurde ein kaltes, feuchtes Tuch in seinen Nacken gedrückt. Korrin zuckte zusammen, entspannte sich dann aber bei der simplen, erdenden Berührung. Jax’ Art zu helfen war immer praktisch, nie unterwürfig.


„Hat Doc Evans dich zusammengeflickt?“, fragte Jax mit ruhiger Stimme.


Korrin schüttelte minimal den Kopf, was ein neues Pochen in seiner Schläfe auslöste. „Nein. Jemand anderes.“


Die Stille, die folgte, war schwerer und neugieriger. Er konnte ihren kollektiven Blick spüren, ein physisches Gewicht. Er ließ die Augen geschlossen und hoffte, das Unvermeidliche abzuwehren.


„Jemand anderes?“, hakte Jax nach, sein Tonfall täuschend leicht. „Wer? Ein barmherziger Samariter?“


Ein paar der Männer kicherten, der Klang war hohl. Barmherzige Samariter gab es in diesem Teil der Stadt nicht. Jedenfalls keine, die blutenden Lieutenants der Iron Serpents halfen.


Korrin sagte nichts. Er wollte die Erinnerung an sie verdrängen, doch sie war hartnäckig. Die Art, wie sie im Regen gekniet hatte, ihr Kleid wie geschmolzenes Gold um sie herum, vollkommen unerschrocken. Wie sie gesagt hatte: *„Das werde ich nicht tun.“*


Sein Schweigen war eine Sprache, die sie alle verstanden, und es befeuerte nur ihre Neugier. Er hörte das Leder knistern, als Jax sich bewegte, und dann spürte er, wie der Blick seines Freundes – scharf wie der eines Falken – auf die Vorderseite seiner blutverschmierten Jacke fixiert war.


Korrin riss die Augen auf.


Es war zu spät. Jax’ Blick hing an der kleinen, verräterischen quadratischen Wölbung in seiner Brusttasche. Die cremefarbene Ecke der Karte war gerade noch zu sehen, ein scharfer, sauberer Kontrast zu dem dunklen, fleckigen Leder.


„Was ist das?“, fragte Jax, und seine Stimme verlor ihren beiläufigen Unterton.


„Nichts“, presste Korrin hervor, während seine Hand instinktiv nach oben schnellte, um die Tasche zu verdecken.


Aber Jax war schneller. Seine Bewegungen waren immer fließend, fast träge, bis sie es plötzlich nicht mehr waren. Seine Finger schnellten hervor und zogen die Karte mit der Präzision eines Taschendiebs aus Korrins Jacke. Er hielt sie zwischen zwei Fingern, als wäre sie ein seltenes Insekt.


Die Männer beugten sich vor. Die Karte war ein Fremdkörper in ihrer Welt, so deplatziert wie ein Diamant in einem Kohleschacht. Das schwere, texturierte Papier, die elegante, geprägte Schrift – es sprach von einem Universum voller Privilegien und Eleganz, das ihnen zutiefst fremd war.


Jax drehte die Karte um, die Stirn in Falten gelegt. Er las die Worte laut vor, und seine Stimme schnitt mit der Klarheit einer Glocke durch die schmutzige Luft.


*„The Gilded Frame“*, las er. Dann langsamer, als würde er den Namen kosten: *„Peony Maddox“*.


Der Name hing in der Luft, zart und fremd. *Peony.* Er klang wie aus einem Märchen, etwas Weiches, Duftendes und vollkommen Zerbrechliches.


„Peony Maddox?“, wiederholte Bear, die Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Wer zum Teufel ist Peony Maddox?“


Alle Augen wanderten zurück zu Korrin. Er spürte, wie eine heiße Welle von etwas – Wut, Scham, er wusste es nicht – seinen Nacken hinaufkroch. Er wollte die Karte zurückreißen, sie zerknüllen und verbrennen. Sie war ein Beweis seiner Schwäche, ein Andenken an einen Moment tiefer Verletzlichkeit.


„Sie hat dir geholfen?“, fragte Mouse ungläubig. „Eine *Peony*?“


Jax sah nicht zu den anderen; sein Blick war auf Korrin fixiert, während er den Sturm in dessen Augen las. „Eine feine Dame?“, sinnierte er und klopfte sich die Karte gegen die Handfläche. „Eine Kunstgalerie. Schick.“ Ein langsames, wissendes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Es war das Grinsen, das normalerweise Ärger ankündigte. „Also, lass mich das richtig verstehen. Du wirst von den Dogs angegriffen, blutest in irgendeiner Gasse aus, und wer kommt dir zur Rettung? Eine Prinzessin im goldenen Kleid? Korrin, du Schlitzohr. Du hast uns was verheimlicht.“


Die Spannung löste sich. Die Männer brachen in eine Welle von lautem Gelächter und gutmütigen, wenn auch derben Spekulationen aus.


„Kam die mit einem weißen Pferd, diese Peony?“, lachte Bear.


„Wette, die riecht nach Geld und Ärger!“, rief ein anderer.


„Hat sie dein Aua wieder gesund geküsst, Lieutenant?“


Korrin biss die Zähne so fest zusammen, dass er dachte, sie würden zerspringen. „Halt die Fresse“, knurrte er, der Befehl war leise und gefährlich.


Das Gelächter verebbte, aber das Grinsen blieb. Sie hatten keine Angst vor ihm, nicht so. Das Ganze war zu bizarr, zu beispiellos. Ihr stoischer, unerschütterlicher Lieutenant, gerettet von einer Frau, die nach einer Blume benannt war.


Jax, der immer noch grinste, ließ sich neben ihm auf das Sofa fallen und ignorierte Korrins finsteren Blick. „Nein, im Ernst, Mann. Wer ist sie? Und noch wichtiger: Was hat sie in diesem Viertel zu suchen gehabt?“


Korrin sah weg und starrte auf eine halb zerlegte Harley, als gäbe sie die Antworten. „Sie ist nur durchgefahren. Ich bin ihr vors Auto gestolpert. Sie hat angehalten.“ Er ließ die Details weg – wie sie im Regen gekniet hatte, die unerschütterliche Ruhe in ihren Augen, die Art, wie sich ihre Berührung wie ein Brandzeichen angefühlt hatte.


„Und sie hat dich einfach zum Arzt gebracht? Ohne Fragen?“, hakte Jax nach, seine Neugier war jetzt echt.


„Ja.“

„Und dann hat sie dir ihre Karte gegeben? ‚Falls du was brauchst‘?“, zitierte Jax, sein Tonfall verriet, dass er das Ganze sowohl urkomisch als auch faszinierend fand.


„Ja.“


Jax pfiff leise durch die Zähne. „Furchtlos. Oder dumm.“


„Sie ist nicht dumm“, sagte Korrin, die Worte waren aus seinem Mund, bevor er sie aufhalten konnte. Die Heftigkeit seiner eigenen Stimme überraschte ihn selbst.


Die Werkstatt wurde wieder still. Jax’ Grinsen milderte sich zu etwas Nachdenklichem. Er studierte seinen Freund – die starre Haltung seiner Schultern, die Art, wie er es vermied, jemandem in die Augen zu sehen. Das war mehr als nur Gereiztheit. Das war etwas Tieferes, etwas, gegen das Korrin mit jeder Faser seines Seins ankämpfte.


„Du stehst auf sie“, sagte Jax, nicht als Witz, sondern als einfache, verblüffende Feststellung.


Korrins Kopf ruckte herum, seine stürmischen Augen brannten. „Sei kein Idiot. Sie ist eine Zivilistin. Sie ist... *das*.“ Er gestikulierte vage in Richtung der Karte in Jax’ Hand, eine abfällige Geste für alles, wofür sie stand. „Sie ist eine Bedrohung. Eine Komplikation. Sobald sie merkt, was ich bin, was wir sind, wird sie schreiend davonlaufen. Oder die Cops rufen. Oder beides.“


„Vielleicht“, räumte Jax ein und zuckte mit den Schultern. „Oder vielleicht ist sie genau das, was du brauchst. Ein wenig Licht in diesem Drecksloch.“ Er beugte sich vor, die Stimme so leise, dass nur Korrin ihn hören konnte. „Wann hat dich das letzte Mal jemand angesehen, ohne nur die Narben auf deinem Rücken zu sehen? Wann hat dir das letzte Mal jemand geholfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten?“


Korrin hatte keine Antwort. Denn Jax hatte recht. In seiner Welt hatte jeder Gefallen seinen Preis. Jede ausgestreckte Hand war entweder das Vorspiel zu einem Schlag oder eine Investition, die auf Rendite wartete. Ihre Hilfe war... sauber gewesen. Diese Reinheit war es, die ihn am meisten erschreckte. Es war eine Währung, die er nicht verstand und mit der er nicht konkurrieren konnte.


„Du solltest sie besuchen“, sagte Jax, sein Tonfall ließ keine Widerworte zu. „Zumindest Danke sagen. Richtig. Nicht nur sie anknurren und wie ein Höhlenmensch davonlaufen. Das hast du doch gemacht, oder?“


Korrin blieb stumm, was Antwort genug war.


Jax seufzte, stand auf und klopfte Korrin leicht auf die gesunde Schulter. „Denk drüber nach. Eine Frau, die keine Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen, die keine Angst vor Blut hat und die eine Kunstgalerie besitzt? Das ist... interessant. Das ist nicht nur irgendein reiches Mädchen.“


Er warf die cremefarbene Karte auf das Sofa neben Korrin. Sie landete mit der Vorderseite nach oben, und der Name *Peony Maddox* schien im fahlen Neonlicht zu leuchten.


Die Männer kehrten langsam zu ihrer Arbeit zurück, das Gespräch drehte sich wieder um die Black Dogs und die notwendigen Vergeltungsmaßnahmen. Aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Eine neue Variable war in die brutale Berechnung ihres Lebens eingeführt worden.


Korrin blieb allein auf dem Sofa zurück, während der Regen einen stetigen Rhythmus auf das Wellblechdach trommelte. Er starrte auf die Karte. Es war nur ein Stück Papier, aber es fühlte sich schwerer an als jede Waffe, die er je getragen hatte. Es war eine Tür, und auf der anderen Seite war eine Welt aus Licht, von der er mit krankhafter Gewissheit wusste, dass sie jeden Makel auf seiner Seele nur noch deutlicher hervorheben würde.


Jax’ Worte hallten in seinem Kopf wider. *Ein wenig Licht.*

Aber Korrin hatte sein ganzes Leben im Schatten verbracht. Er wusste besser als jeder andere: Wenn eine Kreatur der Dunkelheit plötzlichem, grellem Licht ausgesetzt wird, beleuchtet es sie nicht einfach; es blendet sie, offenbart ihre Schwäche und macht sie zum Ziel.


Er hob die Karte auf, seine dicken, schwieligen Finger fühlten sich ungeschickt an gegen die feine Textur. Für einen langen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie in zwei Hälften zu zerreißen. Das wäre das Kluge gewesen. Das Sichere.


Stattdessen schob er sie mit einer Miene, die halb Schmerz, halb Resignation war, vorsichtig, fast ehrfürchtig wieder in die Tasche seiner Jacke – direkt über sein Herz.