1. Die Libelle
Das Steinhaus thronte auf einem HĂŒgel am Rande des Waldes. Sein Dach war moosbedeckt, die Mauern grob und ungeschliffen wie Erinnerungen, die man nicht loswird. Verwachsene Stufen fĂŒhrten zur kleinen Terrasse, wo sich KrĂ€uter in den Fugen der Steine festgesetzt hatten. Lavendel, Salbei, Rosmarin. Wild und duftend, als hĂ€tte der Garten einen eigenen Willen. Das Haus schien halb vergessen, halb bewacht. Von den BĂ€umen. Vom Wind. Und vielleicht von etwas, das nur die Tiere spĂŒrten.ï»ż
Anne hatte das Haus vor einigen Jahren bei einem ihrer seltenen AusflĂŒge entdeckt. Damals war es verlassen. Das Dach war vom Moos ĂŒberwuchert, die FensterlĂ€den verschlossen, der Garten ein wucherndes Labyrinth aus wilden KrĂ€utern und verwitterten Steinpfaden. Und doch, als sie die Stufen hinaufstieg, war da dieses GefĂŒhl. Hier gehöre ich hin.
Ein schwarzer Kater saĂ mitten auf dem Weg, sah sie an, und sie wusste es einfach. Mit ihren letzten Ersparnissen kaufte sie das Haus. Marie, ihre beste Freundin, und deren Freund halfen ihr bei der Renovierung. Zimmer fĂŒr Zimmer brachten sie das Leben zurĂŒck. Jetzt, nach all den Jahren, war es beinahe fertig. Heimelig. Und mehr wollte Anne nicht.
Anne saĂ auf der kleinen Terrasse ihres verwilderten Steinhauses, hoch ĂŒber dem Meer. Tief unten peitschten die Wellen gegen die Felsen. In ihrem Kopf war die Brandung lauter, wilder, fast bedrohlich. Wie ein Herzschlag, der sich nicht beruhigen wollte. Mit geschlossenen Augen stellte sie sich vor, wie jeder Aufprall Gischt in den Himmel schleuderte. Das unaufhörliche Rauschen war wie ihr Leben. Ein ewiges Kommen und Gehen, das keine Ruhe kannte.
Als sie die Augen öffnete, lag das Meer friedlich da. Als wĂ€re es eben nicht noch ein wĂŒtendes Tier gewesen. Der Wind trug Salz und Rosmarin herauf, lieĂ die BlĂ€tter der KrĂ€uter leise aneinander reiben. Der Laptop auf ihrem SchoĂ summte, als wolle er sie erinnern, dass die Welt noch wartete. Doch ihre Finger ruhten still. Zwischen Notwendigkeit und Widerstand. Um sie herum lagen Notizzettel. FlĂŒchtige SĂ€tze. Halbe TrĂ€ume. Fragmente aus einer Nacht, in der sie zu lange wach geblieben war.
Einer der Zettel trug ein Wort, das sie nicht bewusst geschrieben hatte. Rachel. Anne starrte es an, als hĂ€tte jemand anders ihre Hand gefĂŒhrt. Sie knĂŒllte den Zettel halb, lieĂ ihn dann doch liegen.
Ihr Blick glitt ĂŒber den Horizont. Alles war still. Zu still. Aus dem Augenwinkel meinte sie, eine Bewegung zwischen den KrĂ€utern zu sehen, doch als sie hinsah, war da nur ein Schmetterling, der ins Leere flatterte.
Dann, ein leises Sirren. Eine Libelle setzte sich direkt auf ihr MacBook. Die FlĂŒgel schimmerten wie flĂŒssiges Glas. FĂŒr einen Herzschlag glaubte Anne, dass die Zeit stehen blieb. Im FlĂŒgelschimmer meinte sie Spiralen zu erkennen, verschlungen wie alte Gravuren auf Metall. Doch als sie blinzelte, war es nur Glaslicht. Ein Laut, fast wie ein geflĂŒsterter Name, wehte durch ihren Kopf. Er war fort, noch bevor sie ihn begreifen konnte.
Ein scharfes Dingdong riss sie aus der Starre. Sie zuckte zusammen. Die TĂŒrklingel. Heute? Hier kam selten jemand vorbei.
Auf der Schwelle stand der Postbote, das Gesicht gerötet, die Uniform vom Schweià durchtrÀnkt. Mein Auto ist verreckt, murmelte er, und jetzt muss ich den ganzen Weg hochlaufen. Er hielt ein nasses Paket in der Hand, aus dem Wasser tropfte.
Das muss ja aus Atlantis kommen, sagte Anne, nahm es entgegen und stellte es vorsichtig auf den Tisch.
Kalte Zitronenlimonade, fragte sie, ohne nachzudenken. Er nickte dankbar, wischte sich ĂŒber die Stirn. Wenige Minuten spĂ€ter kaute er Kirschkuchen. Ihren Kirschkuchen, fĂŒr den man in der Nachbarschaft angeblich sogar bei dreiĂig Grad mit Winterjacke vor der TĂŒr stand, nur um ein StĂŒck zu ergattern.
Was ist denn da drin, fragte er und deutete auf das triefende Paket.
Anne runzelte die Stirn. Der Absender war eine Antiquariatsbuchhandlung, an die sie sich kaum erinnerte. Sie riss das feuchte Papier auf und zog ein altes MĂ€rchenbuch hervor. Der Titel in goldgeprĂ€gter Schrift, halb Latein, halb in einer Sprache, die sie nicht kannte: Cantus Sirenarum â MĂ€rchen und Lieder der Nixen.
Die Nixen auf dem Einband wirkten so lebendig, dass sie fast schwor, leises Lachen zu hören.
Aus den Schatten am Rand der Terrasse glommen plötzlich zwei tĂŒrkise Augen. Kuro. Regungslos beobachtete er sie, und fĂŒr einen Moment war Anne sicher, dass er das Buch schon kannte.
Die KrĂ€uter im Garten neigten sich im Wind, als wĂŒrden sie auf etwas antworten, das nur sie verstanden. Anne schob das Buch nĂ€her zu sich. Das Leder war kĂŒhl und ĂŒberraschend schwer. Fast, als wĂŒrde es etwas in sich tragen, das mehr war als nur Geschichten.
Der Postbote erhob sich schwerfĂ€llig, bedankte sich mit einem letzten Blick auf den Kirschkuchen und verschwand den Weg hinab. Anne blieb zurĂŒck. Mit dem Buch, dem Sirren der Libelle in den Ohren und einem Namen, der noch immer auf einem Zettel neben dem Laptop lag.
Rachel.