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Remember of Fate.➤neu verwoben

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Zusammenfassung

Zwei Bücher wollten eins werden Zwei Stimmen, zwei Strömungen, zwei Erinnerungen verschmolzen zu einem neuen Text Remember of Fate und Date of Fate sprechen jetzt gemeinsam Flüsternd Fordernd Vielleicht in deiner Stimme Dieses Werk ist ein Ritual in Bewegung Ein lebender Text Was du liest, atmest, spürst, erinnerst Es trägt Spuren von allem, was war und allem, was noch gesagt werden muss Vielleicht wirst du Kapitel lesen, die dich verstören Vielleicht erkennst du dich darin Oder etwas, das du längst vergessen hast Ich lade dich ein Nicht nur zu lesen Sondern zu spüren Zu hinterfragen Sag mir, was bleibt Was wirkt Was brennt Oder was fehlt Denn vielleicht bist du nicht zufällig hier Vielleicht ist das hier deine Geschichte Nur aus einer anderen Zeit

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
29
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

1. Die Libelle

Das Steinhaus thronte auf einem Hügel am Rande des Waldes. Sein Dach war moosbedeckt, die Mauern grob und ungeschliffen wie Erinnerungen, die man nicht loswird. Verwachsene Stufen führten zur kleinen Terrasse, wo sich Kräuter in den Fugen der Steine festgesetzt hatten. Lavendel, Salbei, Rosmarin. Wild und duftend, als hätte der Garten einen eigenen Willen. Das Haus schien halb vergessen, halb bewacht. Von den Bäumen. Vom Wind. Und vielleicht von etwas, das nur die Tiere spürten.

Anne hatte das Haus vor einigen Jahren bei einem ihrer seltenen Ausflüge entdeckt. Damals war es verlassen. Das Dach war vom Moos überwuchert, die Fensterläden verschlossen, der Garten ein wucherndes Labyrinth aus wilden Kräutern und verwitterten Steinpfaden. Und doch, als sie die Stufen hinaufstieg, war da dieses Gefühl. Hier gehöre ich hin.

Ein schwarzer Kater saß mitten auf dem Weg, sah sie an, und sie wusste es einfach. Mit ihren letzten Ersparnissen kaufte sie das Haus. Marie, ihre beste Freundin, und deren Freund halfen ihr bei der Renovierung. Zimmer für Zimmer brachten sie das Leben zurück. Jetzt, nach all den Jahren, war es beinahe fertig. Heimelig. Und mehr wollte Anne nicht.

Anne saß auf der kleinen Terrasse ihres verwilderten Steinhauses, hoch über dem Meer. Tief unten peitschten die Wellen gegen die Felsen. In ihrem Kopf war die Brandung lauter, wilder, fast bedrohlich. Wie ein Herzschlag, der sich nicht beruhigen wollte. Mit geschlossenen Augen stellte sie sich vor, wie jeder Aufprall Gischt in den Himmel schleuderte. Das unaufhörliche Rauschen war wie ihr Leben. Ein ewiges Kommen und Gehen, das keine Ruhe kannte.

Als sie die Augen öffnete, lag das Meer friedlich da. Als wäre es eben nicht noch ein wütendes Tier gewesen. Der Wind trug Salz und Rosmarin herauf, ließ die Blätter der Kräuter leise aneinander reiben. Der Laptop auf ihrem Schoß summte, als wolle er sie erinnern, dass die Welt noch wartete. Doch ihre Finger ruhten still. Zwischen Notwendigkeit und Widerstand. Um sie herum lagen Notizzettel. Flüchtige Sätze. Halbe Träume. Fragmente aus einer Nacht, in der sie zu lange wach geblieben war.

Einer der Zettel trug ein Wort, das sie nicht bewusst geschrieben hatte. Rachel. Anne starrte es an, als hätte jemand anders ihre Hand geführt. Sie knüllte den Zettel halb, ließ ihn dann doch liegen.

Ihr Blick glitt über den Horizont. Alles war still. Zu still. Aus dem Augenwinkel meinte sie, eine Bewegung zwischen den Kräutern zu sehen, doch als sie hinsah, war da nur ein Schmetterling, der ins Leere flatterte.

Dann, ein leises Sirren. Eine Libelle setzte sich direkt auf ihr MacBook. Die Flügel schimmerten wie flüssiges Glas. Für einen Herzschlag glaubte Anne, dass die Zeit stehen blieb. Im Flügelschimmer meinte sie Spiralen zu erkennen, verschlungen wie alte Gravuren auf Metall. Doch als sie blinzelte, war es nur Glaslicht. Ein Laut, fast wie ein geflüsterter Name, wehte durch ihren Kopf. Er war fort, noch bevor sie ihn begreifen konnte.

Ein scharfes Dingdong riss sie aus der Starre. Sie zuckte zusammen. Die Türklingel. Heute? Hier kam selten jemand vorbei.

Auf der Schwelle stand der Postbote, das Gesicht gerötet, die Uniform vom Schweiß durchtränkt. Mein Auto ist verreckt, murmelte er, und jetzt muss ich den ganzen Weg hochlaufen. Er hielt ein nasses Paket in der Hand, aus dem Wasser tropfte.

Das muss ja aus Atlantis kommen, sagte Anne, nahm es entgegen und stellte es vorsichtig auf den Tisch.

Kalte Zitronenlimonade, fragte sie, ohne nachzudenken. Er nickte dankbar, wischte sich über die Stirn. Wenige Minuten später kaute er Kirschkuchen. Ihren Kirschkuchen, für den man in der Nachbarschaft angeblich sogar bei dreißig Grad mit Winterjacke vor der Tür stand, nur um ein Stück zu ergattern.

Was ist denn da drin, fragte er und deutete auf das triefende Paket.

Anne runzelte die Stirn. Der Absender war eine Antiquariatsbuchhandlung, an die sie sich kaum erinnerte. Sie riss das feuchte Papier auf und zog ein altes Märchenbuch hervor. Der Titel in goldgeprägter Schrift, halb Latein, halb in einer Sprache, die sie nicht kannte: Cantus Sirenarum – Märchen und Lieder der Nixen.

Die Nixen auf dem Einband wirkten so lebendig, dass sie fast schwor, leises Lachen zu hören.

Aus den Schatten am Rand der Terrasse glommen plötzlich zwei türkise Augen. Kuro. Regungslos beobachtete er sie, und für einen Moment war Anne sicher, dass er das Buch schon kannte.

Die Kräuter im Garten neigten sich im Wind, als würden sie auf etwas antworten, das nur sie verstanden. Anne schob das Buch näher zu sich. Das Leder war kühl und überraschend schwer. Fast, als würde es etwas in sich tragen, das mehr war als nur Geschichten.

Der Postbote erhob sich schwerfällig, bedankte sich mit einem letzten Blick auf den Kirschkuchen und verschwand den Weg hinab. Anne blieb zurück. Mit dem Buch, dem Sirren der Libelle in den Ohren und einem Namen, der noch immer auf einem Zettel neben dem Laptop lag.

Rachel.

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