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Der Raum war eine Kathedrale der Vergangenheit. Riesige, stählerne Regale ragten in die Dunkelheit, gefüllt mit Jahrtausenden von Wissen, das die Kyber-Gilde längst für irrelevant erklärt hatte. Kai hasste den Geruch; es roch nach Staub, verfaultem Leim und der statischen Elektrizität der alten, vergessenen Sicherheitssysteme.
Er flog förmlich durch die Gänge. Für Kai war die Zeit keine feste Größe. Seine Kyber-Augen reduzierten die Welt auf eine Trägheit von 0.1\text{x} Geschwindigkeit. Die Laserfallen, die die Gänge kreuzten, waren in seinen Augen träge, leuchtende Fäden, denen er mit lässiger Eleganz auswich. Der Chrono-Zauber kostete ihn Energie, aber er war effizient.
Er fand das Ziel in der Sektion Sigma-9. Zwischen vergilbten Landkarten und vergessenen Verträgen lag eine versiegelte Holzkassette. Mit einer feinen energetischen Entladung knackte er das archaische Schloss. Darin lag es: eine Pergamentrolle, die in ein dünnes, lederartiges Material gewickelt war.
Kai spürte einen Anflug von Frustration. Analoger Müll. Seine Scanner bestätigten jedoch, dass die auf der Rolle eingeritzten Runen eine unvorstellbare, dichte Informationsstruktur enthielten. Das musste der Nexus-Schlüssel sein.
Er wickelte die Rolle vorsichtig ab. In diesem Moment, als der leise Knall des Siegellacks in der tiefen Stille des Archivs verhallte, nahm Kai die Störung wahr.
Etwas stimmte nicht mit seiner Chrono-Illusion. Die minimale Verzerrung der Zeit, die er um sich herum erzeugte, verursachte ein feines, statisches Knistern – ein Geräusch, das in einem so stillen Raum nicht existieren sollte.
Kai erstarrte. Er schaltete seine Illusion augenblicklich ab. Die Welt sprang mit einem WUSCH zurück in Echtzeit.
Er drehte sich langsam um.
Dort, hinter einer Wand aus Nachschlagewerken, saß Mily. Sie hatte ihren Arbeitsplatz eingerichtet wie in einer anderen Epoche: eine altmodische Schreibtischlampe warf einen warmen, konzentrierten Schein auf ein aufgeschlagenes Buch mit unglaublich komplexen Diagrammen. Ihr Haar war zu einem unordentlichen Knoten gebunden, und sie trug eine dicke, überdimensionale Strickjacke. Sie wirkte entschlossen und warf ihm einen Blick zu, der weder Angst noch Überraschung, sondern nur tiefe Verärgerung enthielt.
Sie hatte ihn gehört, nicht gesehen.
"Ich nehme an, das ist der Grund, warum seit fünf Minuten die Stromrelais im ganzen Sektor vibrieren", sagte Mily, ihre Stimme war ruhig und unerwartet fest. Sie klappte ihr Buch zu. "Sie sind von der Gilde. Was haben Sie gestohlen?"
Kai lächelte kühl. Dieses Lächeln erreichte seine Kyber-Augen nicht. "Ich habe nichts gestohlen, noch nicht." Er hielt die Pergamentrolle hoch, ließ sie vor Mily baumeln. "Ich habe lediglich das gefunden, wonach die Gilde sucht. Aber es ist leider... analog. Ich benötige einen Übersetzer. Und Sie, Mily, sind die Einzige, die die Chiffre dieser Ur-Runen kennt."
Mily stand auf. Sie faltete die Arme. "Wenn das wirklich der Nexus-Schlüssel ist, dann werde ich Ihnen keinen einzigen Buchstaben übersetzen. Die Gilde soll ihn niemals bekommen."
Kai ging einen Schritt auf sie zu, die Beleuchtung in der Halle spiegelte sich kalt in seiner Kyber-Rüstung. Er zog einen kleinen, leuchtenden Kyber-Chip aus seiner Weste, nicht größer als ihr Daumennagel. Er funkelte gefährlich.
"Das ist unser Verhandlungspunkt", sagte er, seine Stimme sank zu einem leisen, aber absoluten Befehlston. Er ließ Mily's Blick auf den Chip wandern.
"Das ist ein Code. Ein 'Virus', wie Sie es nennen würden. Er ist programmiert, sich in die alten Brandmeldesysteme dieses Archivs einzuschleusen und alle Löschmittel zu neutralisieren. Und er ist mit meinem Herzschlag synchronisiert." Er grinste ohne Wärme.
"Sie helfen mir, diese Chiffre zu knacken. Wenn Sie es nicht tun, löse ich den Code aus, und morgen früh wird das Archiv der Vergessenen Codes nur noch ein Stapel brennender Asche sein, Mily. Alle Ihre geliebten Geheimnisse, alle Ihre mühevollen Forschungen – alles ist weg."
Er machte eine theatralische Pause. "Sie haben die Wahl: Die Wahrheit über die Magie retten, indem Sie mir helfen... oder alles verlieren."Mily starrte auf den leuchtenden Chip in Kais Hand. Ihre Verärgerung wich einer kalten, rechnenden Wut. Kai war eine Bedrohung, aber er war auch die direkte Verbindung zu den Runen, die sie seit Monaten gesucht hatte.
"Ein Brandstifter mit einem Time-Slice-Zauber", murmelte sie verächtlich. Sie blickte vom Chip zu dem Pergament in seiner anderen Hand. "Sie wollen, dass ich die Formel für die Gilde freischalte. Sie wollen Macht."
"Ich will einen Auftrag beenden", korrigierte Kai trocken. "Der Rest interessiert mich nicht. Was interessiert, ist Ihre Antwort."
Mily atmete tief durch. Der Verlust des Archivs war undenkbar. "Ich helfe Ihnen", sagte sie. Die Worte schmeckten bitter. "Aber nicht auf Befehl der Gilde und nicht auf Ihrem Weg."
Kai hob eine Augenbraue. "Ihre Bedingungen?"
"Erstens: Die Entschlüsselung findet hier nicht statt. Wir brauchen einen sicheren Ort, der außerhalb des Netzes der Gilde liegt. Kein Kyber-Auge, keine Drohne, kein Funknetz darf auch nur in die Nähe kommen. Wenn ich mit den Ur-Runen arbeite, brauche ich Isolation."
"Ich habe meine Wohnung in den Spire-Türmen", sagte Kai, abweisend. "Sie ist die am besten gesicherte... "
"Zweitens: Wir übersetzen die Runen komplett", unterbrach Mily ihn scharf. "Nicht nur die 'Schlüsselsequenz', die Ihre Gilde verlangt. Die Ur-Magie ist kein Code, den man einfach stiehlt. Sie ist ein Dokument. Ich werde es von Anfang bis Ende entschlüsseln, um zu verstehen, was wir freisetzen. Die Gilde bekommt nur, was sie braucht, wenn ich es für sicher halte."
Kai verengte die Augen. Das war riskant. Eine vollständige Übersetzung würde Stunden dauern, vielleicht Tage. Er würde Überstunden an seinen Vorgesetzten melden müssen. Aber er brauchte Mily – es gab keine Alternative.
"In Ordnung", stimmte er zu, seine Stimme war kühl. "Ich akzeptiere. Aber wenn Sie versuchen, mir die Rolle wegzunehmen oder die Entschlüsselung zu sabotieren, aktiviere ich den Chip. Verstanden?"
"Verstanden", sagte Mily, ohne zu zögern. "Dann bringen Sie mich jetzt aus dieser Stadt und weg von Ihrem Netzwerk. Und", fügte sie hinzu, als er sich abwandte, "Sie können diesen Chip... gerne in Ihrer Hose lassen. Ich laufe nicht weg. Ich bin eine Bibliothekarin, kein Sprinter."
Ein fast unmerklicher Zucken huschte über Kais Mundwinkel – ein Blitz von Amüsement, der schnell wieder verschwand. Es war der erste Riss in der kalten Fassade des Kyber-Mage. Er hatte erwartet, Angst zu sehen, aber er sah nur eine unbeugsame Entschlossenheit.
"Gut", sagte Kai und steckte den Chip weg. Er rollte das Pergament zusammen und verstaute es sicher in einer verborgenen Tasche seiner Rüstung. "Wir fahren. Ich kenne einen Ort, weit draußen. Bringen Sie mit, was Sie zum Arbeiten brauchen."
Mily nickte. Sie nahm ihre Ledertasche, die voller Stifte, Notizbücher und ein paar obskurer Nachschlagewerke war. Sie war bereit für die Reise ins Unbekannte.
Kai machte eine Handbewegung zu den Schatten hin. "Wir müssen ungesehen verschwinden. Halten Sie sich fest. Meine Zeitverzerrung ist nicht für Passagiere konzipiert."