Der erste Schlag
Alaric
Ich stand am Kopfende meines Ratstisches und hielt mitten im Satz inne. In dem langen Eichensaal wurde es still. Meine Berater sahen mich erwartungsvoll an und warteten auf die nächste Anweisung. Aber ich konnte nicht sprechen. Denn dort — tief in meiner Brust — flatterte etwas.
Ein Flügelschlag wie von einem Kolibri.
Mein Herz. Mein Herz schlug.
Zum ersten Mal seit einhundertfünfzig Jahren riss der Stein unter meinen Rippen auf. Es war diese kalte, tote Last, an die ich mich längst gewöhnt hatte. Ich spürte, wie er entlang alter Bruchlinien zerbrach. Licht drang durch diese Risse. Erst schwach, dann immer heller. Es erleuchtete das Innere meiner Brust, als hätte jemand darin eine Laterne angezündet.
Könnte es sein? Ich wagte nicht, zu tief einzuatmen. Hoffnung war eine gefährliche Sache für einen Mann wie mich, einen verfluchten Mann. Aber ich hob mein Gesicht in den Wind und atmete langsam und vorsichtig ein.
Ein Duft streifte meine Sinne wie Seide.
Kirschblüten. Frisches Wasser. Wärme.
Ich gab ihm eine Farbe — blassrosa. Vor meinem inneren Auge sah ich ein dünnes Band, das aus meiner Brust durch das nächste Fenster nach draußen schwebte. Ein Faden, der mich rief. Der an mir zog.
Ich musste wissen, ob es das war, worauf ich gewartet hatte. Seit jener Nacht, in der alles in mir gestorben war.
„Entschuldigen Sie mich“, sagte ich und trat vom Ratstisch zurück. „Bitte verzeihen Sie. Etwas erfordert meine sofortige Aufmerksamkeit. Wir machen nächste Woche weiter.“
Ihr Gemurmel begleitete mich nach draußen, aber es war mir egal. Mein Puls — mein Puls — pochte wieder. Schwach, aber echt.
Ich nahm die Treppen zum Turm jeweils zwei Stufen auf einmal. Mit jedem Adrenalinschub drohten die Krallen unter meinen Fingernägeln hervorzubrechen. Als ich die kleine Holztür ganz oben erreichte, war mein Atem flach. Nicht vor Anstrengung, sondern vor Erwartung.
Ich bückte mich beim Eintreten. Mit meinen eins dreiundneunzig war ich für diesen Ort immer zu groß. Ich betrat das Zimmer, das ich den „Ausguck“ nannte. Ein weicher Sessel. Ein dicker Teppich. Ein Ring aus Fenstern, der den Blick auf jeden Horizont freigab. Doch ich achtete kaum darauf. Ich eilte direkt auf den Balkon, der den Turm umschloss.
Der Wind schlug mir ins Gesicht. Kühl. Scharf. Er klärte meine Gedanken.
Von hier aus bewachte ich mein Königreich. Und von hier aus sah ich es ganz deutlich: Der blassrosa Duftfaden wand sich nach Westen. Er erstreckte sich weit in die Ferne, wie ein Pfad, der nur für mich geschaffen war.
Ich konzentrierte mich und rief das alte Blut in mir wach.
Fae-Blut, fern, aber vorhanden. Ein Funken davon war vor Jahrzehnten erwacht. Mit der Zeit hatte ich gelernt, diese Gaben zu verstärken — die Vorstellungskraft in echte Fähigkeiten zu verwandeln. Die Sehkraft kam zuerst. Wenn ich wollte, konnte ich nun meilenweit sehen.
Ich folgte dem Faden mit meinen Augen. Die rosa Spur zog sich an Wäldern und Flüssen vorbei über den letzten Gebirgskamm meiner westlichen Grenze. Selbst mit meiner geschärften Sicht verschwand der Faden schließlich im Irgendwo.
Zwei Wochen Reise. Vielleicht mehr.
Mein Herz flatterte wieder. Dieser kleine, hartnäckige Schlag.
Was liegt dort draußen?
Ich stützte meine Hände auf das kalte Steingeländer. Ich ließ das Zittern in mir zu — Angst, Unglaube … und Hunger. Ein Hunger, der anderthalb Jahrhunderte lang geschlafen hatte.
Ich schloss die Augen und die Vergangenheit riss mich in die Tiefe.
In der Nacht, in der ich verflucht wurde, war die Welt noch kleiner. Mein Vater herrschte damals — ein Tyrann mit Eisenfäusten und Stolz in seinen morschen Knochen. Unsere Lykaner-Linie befehligte jeden Wolf in unserem Gebiet. Ich sollte so werden wie er. Ein im Krieg geborener König, geformt aus Blut und Eroberung.
Wir lebten durch Dominanz. Wir nahmen uns, was wir wollten.
Und die Fae hassten uns dafür.
Sie zogen sich bereits aus dem Land zurück. Ihr Volk wurde immer kleiner, weil sie vor dem flohen, was wir ihrer Meinung nach waren — Bestien, die den Boden vergifteten. Sie hatten nicht ganz unrecht.
In jener Nacht patrouillierte ich in meiner silbernen Wolfsgestalt an der Grenze. Schon damals war ich größer und gefährlicher als die meisten anderen. Ich verwandelte mich zurück, als ich sie witterte: kühles Sternenlicht, alte Magie.
Sie war wunderschön, natürlich. Das waren sie alle. Langes silbernes Haar, Augen in der Farbe des Abendhimmels und Haut, die schwach leuchtete wie Glas im Mondschein. Ich schlenderte auf sie zu. Ich besaß die lässige Arroganz eines Prinzen, dem noch nie etwas verweigert worden war — weder Loyalität noch Furcht, noch Frauen.
Ich dachte, mein Aussehen würde sie beeindrucken. Das hatte bisher immer funktioniert.
Aber sie durchschaute mich sofort.
„Dein Herz ist krank“, sagte sie. Ihre Stimme hallte, als käme sie von tausend Orten gleichzeitig. „Es wird dein Untergang sein … und der Untergang vieler anderer.“
Bevor ich sie auslachen konnte, wurden ihre Augen milchweiß. Ihre Hände leuchteten in einem schrecklichen, gleißenden Licht auf.
Dann kam die Qual. Scharf, plötzlich und absolut.
Mein Herz blieb stehen. Ich brach zusammen und krallte meine Finger in die Brust, während in meinem Inneren etwas Altes zerriss.
Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Dein Herz wird nie wieder schlagen“, fuhr sie fort. Ihre Stimme war so kalt wie Winterregen. „Und du wirst niemals sterben, bis du verstehst, was es heißt, zu herrschen. Du musst dienen, statt zu dominieren. Du musst führen, statt zu kontrollieren. Hilf allen in diesem Reich, zu gedeihen, anstatt nur für dich selbst zu nehmen.“
Die Welt um mich herum wurde dunkel, als sie ihre Hände senkte. Sie ging an mir vorbei. Sie ließ mich im Dreck liegen, mit einem sterbenden Organ, das zu Stein schrumpfte, noch bevor ich begriff, was geschah.
Sie ließ mich dort zurück. Und ich überlebte. Aber ich fühlte mich nicht mehr lebendig.
In den Jahren danach irrte ich in einem schwarzen Nebel umher.
Die Verbindung zu meinem Volk war weg. Mein Verlangen — weg. Ehrgeiz, Hunger, Freude, sogar Zorn — alles war fort.
Ich bewegte mich mit leerem Geist durch die Welt. Nur die Logik leitete mich noch, da mir jedes Gefühl geraubt worden war. Vernunft ersetzte den Instinkt. Fairness ersetzte die Herrschsucht. Ich lernte, durch den Verstand zu regieren, weil ich kein Herz mehr hatte, das mich führen konnte.
Ich wurde … anders als mein Vater. Etwas Besseres, vielleicht.
Aber ich war auch unvollständig.
Bis jetzt.
Bis zu diesem Moment.
Ich öffnete meine Augen wieder im Wind. Mein Atem stockte, als ein weiterer Schlag durch meine Brust bebte.
Eins. Dann ein zweiter, schwach, aber stärker werdend.
Es ist da draußen.
Wer auch immer — oder was auch immer — meinen Herzschlag entfacht hatte, war irgendwo hinter dem westlichen Gebirgskamm. Es zog mich an wie die Gezeiten.
Das Duftband pulsierte und lockte mich.
Ich richtete mich auf. Mein Entschluss stand fest, mit einer Klarheit, die ich seit Generationen nicht gespürt hatte.
„Ich komme“, flüsterte ich dem Wind zu.
Denn zum ersten Mal nach einhundertfünfzig Jahren handelte ich nicht aus Pflichtgefühl oder Logik.
Ich machte mich auf den Weg, weil mich etwas rief.
Und ich würde diesem Ruf nach Westen folgen. Bis ich die Quelle dieses blassrosa Fadens fand — das erste Zeichen von Leben, das ich seit anderthalb Jahrhunderten gespürt hatte.
Was auch immer jenseits der Grenze auf mich wartete … es war meine Bestimmung, es zu finden.
Und ich würde es finden.