BRAUT DER FINSTERNIS

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Zusammenfassung

Lila sollte zum Altar schreiten, um einen drei Jahrzehnte älteren Mann zu heiraten – verkauft wie eine Schuldentilgung. Stattdessen ergriff sie die Flucht – und lief direkt in den Hinterhalt der gefürchtetsten Gang des Untergrunds. Raze wollte eigentlich nur den Millionär töten. Mit der flüchtigen Braut hatte er nicht gerechnet. Er hatte nicht mit dem zitternden kleinen Wesen gerechnet, das ihn wie ein in die Enge getriebenes Reh ansah ... und dann wie ein wildes Tier davonrannte. Er hatte nicht damit gerechnet, sie zu begehren. Also nahm er sie sich. Als Trophäe. Als Warnung. Als sein Eigentum. Und je tiefer sie in seinen gefährlichen Orbit gezogen wird, desto mehr erkennt Raze, dass er nicht nur eine Gefangene bei sich hält ... Er hält die einzige Sanftheit fest, nach der er sich je gesehnt hat. Die einzige Unschuld, die er verderben will. Die einzige Frau, für die er die Welt in Schutt und Asche legen würde. Eine geraubte Braut. Ein besitzergreifender Kingpin. Eine Liebesgeschichte, verdreht durch Verlangen, Gefahr und Hingabe. Düster. Verführerisch. Gewalttätig. Nichts für schwache Nerven.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
42
Rating
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Altersfreigabe
18+

Wall of Fire

Der Nebel klebte nicht nur an der Autobahn, er erstickte sie. Ein dichtes, geisterhaftes Leichentuch verwandelte die Welt in einen tropfenden, monochromen Albtraum. Die vorderste Limousine, ein grotesk in die Länge gezogener, obsidianfarbener Käfer, starb zuerst. Das Knallen des kleinkalibrigen Schusses war wie ein einziger, brutaler Punkt am Ende eines stummen Satzes. Die Windschutzscheibe überzog sich mit einem Spinnennetz aus Rissen, und der Kopf des Fahrers ruckte nach hinten – wie eine Marionette, deren Fäden durchschnitten wurden. Der Schwung beförderte die Tonne aus Metall und Luxus in eine widerwärtige, schleifende Pirouette, bis sie schließlich beide Spuren blockierte.


Das Chaos, als es hereinbrach, war nicht laut. Es war eine Abfolge präziser, mechanischer Atemzüge. Das *Wumm-Wumm-Wumm* von Schüssen mit Schalldämpfer, das nasse, fleischige Aufschlagen auf die verbliebenen Sicherheitsleute, das unterdrückte Gurgeln. Türen flogen auf, Männer in taktischem Schwarz, deren Gesichter hinter Totenkopf-Masken verborgen waren, bewegten sich mit fließender, räuberischer Anmut. Das war kein Überfall; das war eine Hinrichtung.


Im Herzen des Konvois saß Ilia Marín wie erstarrt. Das Weiß ihres Kleides wirkte in der Düsternis obszön, die Seide und die Spitze wie ein Käfig, den sie freiwillig betreten hatte. Neben ihr krallte sich Gregor, fünfundfünfzig Jahre alt und nach teuren Zigarren und Verfall riechend, in ihren Oberschenkel. Seine Finger bohrten sich wie Krallen hinein. Er hatte ihre Zuneigung nicht gekauft; er hatte ihre bloße Anwesenheit erworben – ein letztes, glitzerndes Gut, um eine Schuld zu begleichen, die ihre Familie niemals hätte zurückzahlen können.


„Bleib unten, du dummes Mädchen“, zischte er. Seine Stimme zitterte vor Angst und Wut.


Die Tür der Limousine wurde aufgerissen. Der Nebel drang herein, kalt und feucht, mit dem metallischen Beigeschmack von Blut. Eine behandschuhte Hand griff hinein, packte Gregor am Revers und zerrte ihn mit einem kräftigen Ruck auf die Straße. Ilia bewegte sich nicht. Sie sah zu, wie ihre Zukunft aus dem plüschigen Innenraum gezerrt wurde, während ihr der Atem in der Kehle stecken blieb.


Über ihm stand ein Mann, der wirkte, als wäre er direkt aus den Schatten geschnitzt. Raze Blackthorne. Er trug keine Maske. Sein Gesicht war eine Landkarte der Gewalt, voller harter Kanten und eines Kiefers, der in einem ständigen, spöttischen Zug erstarrt war. Ein Teppich aus Tinte – eine Geschichte von Schmerz und Macht – wand sich über seine sehnigen Unterarme und verschwand unter den Ärmeln seines schwarzen Henley-Shirts. In seiner Hand wirkte eine maßgefertigte 1911er weniger wie ein Werkzeug, sondern eher wie eine Verlängerung seines Willens.


„Gregor“, Razes Stimme war ein tiefes Grollen, wie ein Steinschlag in der Stille. „Du dachtest, ein Hochzeitskleid wäre ein Schild?“


„Raze, bitte … das Geld … ich kann es verdreifachen!“, stammelte Gregor und robbte auf dem Asphalt rückwärts, während sein feiner Anzug über den Kies schürfte.


Razes Grinsen war eine Sichel aus Bosheit. „Ich bin nicht wegen deines Geldes hier. Ich bin wegen des Prinzips hier.“


Der Schuss hallte ohrenbetäubend und endgültig nach. Es war kein Knall, sondern ein dumpfer Schlag, der die Welt verschlang. Gregors Körper zuckte, dann wurde er still. Ein dunkler Fleck breitete sich auf seiner Brust aus, wie eine groteske Blume.


Irgendetwas in Ilias Kopf riss entzwei. Es war kein bewusster Gedanke, kein Plan zum Überleben. Es war eine Ur-Sicherung, die durchbrannte. Der goldene Käfig war zerbrochen, und der einzige Instinkt, der ihr blieb, war zu *rennen*. Nicht vor der Gefahr, sondern vor dem Leben, das sie hierher geführt hatte. Vor den Eltern, die sie verkauft hatten, vor der Leiche des Mannes, den sie Ehemann nennen sollte, und vor dem goldenen Grauen der Zukunft, in die sie sich gefügt hatte.


Sie stürzte aus der Limousine. Das weiße Kleid, ein Symbol für Reinheit und Besitz, wurde zur Fahne der Kapitulation vor einem ganz anderen Schicksal. Es verhedderte sich um ihre Beine, die zarte Spitze riss am kaputten Türrahmen ein. Sie spürte es nicht. Sie rannte, ein weißer Streifen auf dem grauen Asphalt, vorbei an den brennenden Autos und den verstreuten Körpern, vorbei an den Männern, die beim Plündern innehielten, um ihr zuzusehen.


Ein leises Kichern hallte durch die Gang.


„Seht euch das kleine Kaninchen rennen“, grunzte einer von ihnen, ein wuchtiger Kerl namens Cutter, während er eine Kiste mit Hochzeitsgeschenken hochwuchtete.


„Oder komm“, murmelte Raze. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie durchschnitt den Nebel und das Gerede. Seine Augen, in der Farbe von altem Kanonenmetall, verfolgten ihre panische, stolpernde Flucht. In seiner Haltung lag keine Eile, nur ein träges, räuberisches Interesse. Ein Wolf, der eine Rehkitze beobachtet.


Er nahm die Verfolgung auf – kein Rennen, sondern ein stetiger, raumgreifender Schritt. Er bewegte sich wie der Nebel selbst: unvermeidlich, durchdringend.


Ilia stürzte in den Waldrand, wo sich die Welt vom harten Grau der Straße in einen verworrenen, tropfenden gotischen Albtraum verwandelte. Zweige, wie skelettartige Finger, griffen nach ihrem Kleid, ihren Haaren, ihrer Haut. Dornen rissen an der Seide und hinterließen blasse, rote Striemen auf ihren Armen. Ihr Atem ging in stoßweisen, schluchzenden Zügen; das Geräusch war in der gedämpften Stille des Waldes entsetzlich laut. Der Nebel wand sich um die Stämme und ließ in ihrem Augenwinkel tanzende Phantomgestalten entstehen. Jeder Schatten war ein Mann, jedes Rascheln im Laub ein Fußtritt.


Sie fiel, als ihre Ferse an einer Wurzel hängen blieb. Der Aufprall erschütterte ihre Zähne. Sie krabbelte auf Händen und Knien weiter, das makellose Weiß ihres Kleides nun ein schmutziges, zerfetztes Leichentuch. Sie presste ihren Rücken gegen die raue Rinde einer massiven Eiche und versuchte, sich klein zu machen, um im Moos und Verfall zu verschwinden.


Die Schritte, die sich näherten, waren weder panisch noch hastig. Sie waren gemessen. Ein langsames, bewusstes *Knirsch … Knirsch … Knirsch* auf dem feuchten Laub. Es war der Klang eines Todes, der sich Zeit nahm.


Er tauchte aus dem Dunkel auf, wie ein Phantom, das Form annahm. Er füllte den Raum zwischen den Bäumen aus, und seine bloße Anwesenheit schien den Sauerstoff aus der Luft zu saugen. Das grausame Grinsen war zurück – ein räuberisches Aufblitzen von Zähnen in der Halbdunkelheit.


„Den Weg verloren, kleine Rose?“, schnurrte er. Seine Stimme war eine in Samt gehüllte Drohung. Er blieb ein paar Meter vor ihr stehen, nah genug, dass sie die feine Narbe sehen konnte, die seine linke Augenbraue teilte, und das kalte, prüfende Licht in seinen Augen. „Du wirkst nicht besonders am Boden zerstört wegen deines lieben Dahingeschiedenen. Keine Tränen für den alten Mann?“


Ilia konnte nur den Kopf schütteln. Ihr Hals war wie zugeschnürt vor einer Angst, die so tief saß, dass sie sich fast friedlich anfühlte. Das war das Ende. Das war das, was jenseits des goldenen Käfigs lag.


„Wer bist du?“, fragte er. Die Frage war ein Befehl.


Ihre Stimme war nur ein gebrochenes Flüstern. „I-I—Ilia …“


„Ilia“, wiederholte er und kostete den Namen aus. Auf seiner Zunge klang er wie ein anderes Wort – als würde er ihr etwas besitzen. „Hmm. Hübsch.“


Er machte einen letzten Schritt und überbrückte die Distanz. Sein Duft strömte über sie hinweg – Waffenöl, kalte Nachtluft und etwas Wildes, etwas grundlegend Männliches und Gefährliches. Sie zuckte zurück, aber es gab keinen Ausweg mehr. Die Eiche war ein unnachgiebiges Gefängnis hinter ihr.


Seine Hand schoss vor, nicht um sie zu schlagen, sondern um ihr Handgelenk zu packen. Sein Griff fühlte sich an wie eine Fessel aus erhitztem Eisen, unmöglich stark; sein schwieliger Daumen drückte auf das rasende Flattern ihres Pulses.


„Lass mich los“, flehte sie, die Worte brachen endlich aus ihr heraus. „Bitte.“


„Bitte“, wiederholte er mit einem dunklen Amusement in der Stimme. „So eine höfliche Kleine. Aber nein. Ich glaube nicht, dass ich das tun werde.“


Er beugte sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Sie konnte die einzelnen Stoppeln an seinem Kiefer sehen, die silbernen Flecken in seinen grauen Augen. „Weißt du, ich bin ein Sammler. Ich nehme mir Dinge. Diamanten“, sagte er, und sein Blick huschte zu dem schlichten Anhänger an ihrem Hals – ein Geschenk von Gregor, kalt und ungeliebt. „Bargeld. Territorium.“ Seine Augen trafen wieder die ihren und fixierten sie. „Und hübsche, zerbrochene Dinge, die in die falsche Richtung laufen.“


Mit einer einzigen, mühelosen Bewegung bückte er sich und schwang sie sich über die Schulter. Die Welt drehte sich um. Der Waldboden, ein schwindelerregendes Mosaik aus Wurzeln und Blättern, schwang unter ihr. Das Blut schoss ihr in den Kopf, ein pochender, schwindelerregender Strom. Sie schrie auf, ein schwaches, ersticktes Geräusch, und trommelte mit den Fäusten auf seinen massiven Rücken ein. Es war, als würde sie gegen Granit hämmern.


Er gab nicht einmal einen Laut von sich. Er passte einfach seinen Griff an, ein Arm wie eine Stahlstange fest hinter ihren Oberschenkeln, und hielt sie fest, als würde sie nichts wiegen.


„Hör auf zu zappeln“, sagte er. Seine Stimme war eine tiefe Vibration, die sie durch seinen Oberkörper spürte. „Sonst lasse ich dich in den Bach fallen, an dem wir vorbeigekommen sind. Du wirst immer noch genauso mein sein, nur ein Stück kälter und nasser.“


Er begann, zurück durch die Bäume zu gehen, sein Schritt durch ihr Gewicht nicht im Geringsten beeinträchtigt. Der Rückweg war eine langsame, demütigende Parade. Die Gang hatte ihre Arbeit beendet. Der Konvoi war ein Friedhof aus schwelendem Metall. Seine Männer beobachteten, wie sie sich näherten, und ihr Lachen wich nun einer respektvollen, wissenden Stille. Sie sahen ihren König, der mit seiner Beute zurückkehrte.


„Ein Souvenir, Raze?“, fragte Cutter mit einem anzüglichen Unterton.


Raze verlangsamte seinen Schritt nicht. „Eine Kriegstrophäe“, korrigierte er, sein Tonfall ließ keinen Raum für weitere Kommentare.


Er trug sie an der Leiche ihres Ehemanns vorbei, an den glitzernden Scherben des Lebens, das sie hätte haben sollen. Er hielt bei keinem der durchlöcherten Fahrzeuge an. Er ging zu einem wuchtigen, mattschwarzen Motorrad, ein Biest aus glänzendem Chrom und Bedrohung, das am Straßenrand parkte.


Erst dann setzte er sie ab. Ihre Beine gaben nach, doch sein Griff an ihrem Arm blieb – ein ständiges, unnachgiebiges Band. Er hielt sie aufrecht, ihr Körper zitterte heftig gegen seinen. Mit der freien Hand griff er in eine Satteltasche und zog ein bedrohlich aussehendes Jagdmesser heraus.


Ilias Augen weiteten sich, eine neue Welle der Angst überkam sie. War das es? Würde er—


Er sah sie nicht an. Stattdessen packte er eine Handvoll des voluminösen, zerrissenen Brautkleides. Mit einer schnellen, effizienten Bewegung schnitt er durch die Lagen aus Seide und Tüll. Das Geräusch des reißenden Stoffes war obszön laut. Er schnitt die schwere, sperrige Schleppe ab und hackte dann den Rock kürzer, bis nur noch ein zerfetztes, knielanges Etwas übrig war. Er war nicht nett. Er machte sie transportabel. Er entfernte die unbequeme, symbolische Last ihrer Vergangenheit.


Er warf den zerfetzten weißen Stoff auf den blutigen Asphalt. Er blieb dort liegen, wie ein verstoßener Geist.


„So“, sagte er. Seine Stimme war ein tiefes Knurren in ihrem Ohr, während er ein Bein über das Motorrad schwang und sie hinter sich hochzog. „Du wirst dich an mir festhalten.“


Er kickte den Motor an. Er brüllte auf – ein ohrenbetäubendes, räuberisches Knurren, das die neblige Stille zerriss. Die Vibration durchfuhr sie, eine physische Manifestation seiner Macht.


„Wenn du loslässt“, fuhr er fort, gab Gas und schickte eine neue Welle von Donner durch die Bäume, „brichst du dir dein hübsches kleines Genick auf dem Asphalt. Und ich wäre … enttäuscht. Ich mag es nicht, wenn meine Sachen kaputtgehen.“


Er wartete nicht auf eine Antwort. Das Bike preschte vorwärts und warf sie zurück. Instinktiv schlangen sich ihre Arme um seine Taille, ihre Hände spreizten sich über die harten, unnachgiebigen Muskeln seines Bauches. Sie war gegen seinen Rücken gepresst, ihre Wange auf dem kalten Leder seiner Jacke. Sie konnte die Bewegung seiner Muskeln spüren, als er die Maschine lenkte, die rohe Kraft, die in seinem Körper steckte.


Sie ließen das Gemetzel hinter sich; das Bike verschlang die menschenleere Autobahn, verschluckt vom alles verzehrenden Nebel. Ilia Marín, die Braut des Millionärs, war verschwunden. An ihrer Stelle saß nun eine zitternde, verängstigte Kreatur, die sich an den Teufel persönlich klammerte und in einen Abgrund raste, den er selbst geschaffen hatte. Der kalte Wind zerrte an ihrem zerfetzten Kleid und ihren verfilzten Haaren, doch das war nichts gegen die eisige Endgültigkeit seiner letzten Worte. Worte, die in der dröhnenden Stille nachhallten und ihre Seele brannten.


*Ich mag es nicht, wenn meine Sachen kaputtgehen.*

Das Motorrad war ein Biest aus reiner, unverfälschter Wut, und sein Brüllen war das einzige Geräusch in Ilias Welt. Es verschluckte ihr Wimmern, ihre Angst, das panische Hämmern ihres Herzens gegen ihre Rippen. Der Wind, scharf und kalt wie eine Klinge, zerrte an den zerfetzten Überresten ihres Hochzeitskleides – ein ständiger, spöttischer Hinweis auf das Leben, vor dem sie geflohen war. Sie war gegen eine Wand aus festen Muskeln und abgetragenem Leder gepresst, ihre Arme fest um Raze Blackthornes Oberkörper verschlungen, ihr Gesicht gegen seinen Rücken gedrückt, um der stechenden Luft zu entkommen. Er war unbeweglich, ein Monolith aus Hitze und latenter Gewalt, die Vibration des Motors eine direkte Verlängerung seiner eigenen Kraft.


Sie ließen die nebelverhangene Autobahn und das Gemetzel weit hinter sich. Sie tauchten in einen Teil der Stadt ein, den Ilia bisher nur durch die getönten Scheiben einer Limousine gesehen hatte – die UnderCity, den Red Belt. Der polierte Glanz des Upper Crest District verschwand und wurde durch eine Landschaft aus industriellem Verfall ersetzt. Lagerhäuser voller Graffiti ragten wie schlafende Riesen auf, deren Fenster eingeschlagen oder mit Brettern vernagelt waren. Die Luft war schwer von Rost, abgestandenem Wasser und noch etwas anderem – dem scharfen, metallischen Geruch der Gesetzlosigkeit.


Raze lenkte das Motorrad mit einer beinahe beiläufigen Brutalität. Er schlängelte sich durch Schlaglöcher und an Schatten vorbei, die sie mit wilden Augen zu beobachten schienen. Schließlich wurde er vor einem massiven, unscheinbaren Lagerhaus langsamer. Die Wände aus Wellblech waren von jahrzehntelangem Schmutz gezeichnet. Ein einzelnes, verrostetes Schild, das kaum noch zu lesen war, trug die Aufschrift *‘Aethelred Manufacturing’*. Es war ein Ort wie ein Geist.


Er stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille war ohrenbetäubend; ein Vakuum, das sich ausbreitete, um den Raum zu füllen, den das Dröhnen hinterlassen hatte. Ilias Ohren klingelten. Sie ließ ihren Griff nicht lockern; sie war wie erstarrt, eine Reflexreaktion aus purer Angst.


„Wir sind da“, sagte er, und seine Stimme war ein tiefes Grollen, das sie in seinem Rücken spüren konnte. Er stieg mit einer fließenden, kraftvollen Bewegung ab. Ihre Arme fielen von ihm ab, taub und nutzlos. Ihre Beine gaben nach, sobald ihre Füße den feuchten, ölverschmierten Beton berührten. Er fing sie auf, bevor sie zusammenbrechen konnte. Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm und hielt sie mit einer nervtötenden Leichtigkeit aufrecht.


„Ganz ruhig, kleine Rose“, murmelte er. Sein Daumen strich fast geistesabwesend über die nackte Haut ihres Arms. Die Berührung war besitzergreifend, nicht tröstend. Es war ein Brandzeichen.


Er führte sie zu einer kleinen, verstärkten Tür, die in das größere Rolltor eingelassen war. Sie öffnete sich, bevor er den Griff berühren konnte, und gab den Blick auf einen riesigen Raum frei.


Das Ruinfall Warehouse.


Es war eine Kathedrale aus Beton und Schatten, riesig und hallend. Weit oben kreuzten sich verrostete Stahlträger unter einer Decke, die in der Dunkelheit verschwand. Die Luft war kalt und roch nach Diesel, altem Rauch und männlichem Schweiß. An einer Wand flackerten Reihen ungleicher Monitore mit Kamerabildern. Ihr blaues Licht spiegelte sich in den Waffenständern wider, auf denen akribisch gepflegte Waffen – Sturmgewehre, Schrotflinten, Pistolen – wie Kunstwerke ausgestellt waren. In der Mitte des Raums befand sich ein abgenutzter, blutbefleckter Boxring, der von mit Beton gefüllten Reifen umgeben war. In einer Ecke stand ein halb ausgeschlachtetes Muscle-Car, und in einer anderen bildeten zusammengewürfelte Sofas und Sessel eine behelfsmäßige Wohnecke um ein Fass, in dem ein schwaches, schmutziges Feuer brannte.


Und da waren Männer. Überall. Sie unterbrachen ihre Tätigkeiten – das Reinigen von Waffen, das Heben von Gewichten, das Zählen von Bargeldbündeln – und drehten sich um, um zu sehen, wer da kam. Ihre Augen waren hart und prüfend; sie verfolgten jedes ihrer Zucken. Sie war ein Klecks ruiniertes Weiß in ihrer Welt aus Schwarz und Grau, ein zerbrechliches, exotisches Geschöpf, das aus dem Sturm hierher gezerrt worden war.


Ein Berg von einem Mann löste sich aus den Schatten in der Nähe der Tür. Er war noch größer als Raze, kahlköpfig, und seine Kopfhaut war mit komplizierten, wirbelnden Tattoos bedeckt. Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske, doch in seinen Augen lag eine stille, erschreckende Intelligenz. Das war Brick.


„Boss“, brummte er, seine Stimme klang wie aneinanderreibende Steine. Sein Blick glitt über Ilia, bemerkte das zerrissene Kleid, das Zittern und den wilden Blick eines gefangenen Tieres in ihren Augen. „Hast einen Gast mitgebracht.“


„Ein Souvenir“, korrigierte Raze, und sein boshaftes Grinsen kehrte zurück. Er gab ihr einen leichten Schubs nach vorne, mitten hinein in das Herz des Verstecks. „Das ist Ilia. Ilia, das ist Brick. Bring ihn nicht dazu, sich anzupissen.“


Ilia machte einen unfreiwilligen Schritt zurück, ihre Schulterblätter drückten gegen Razes Brust. Er war eine unnachgiebige Wand hinter ihr, das Raubtier an ihrem Rücken, während das restliche Rudel sie visuell einkreiste. Sie konnte seine Hitze spüren und den bleibenden Geruch von Schießpulver und Nachtluft an seiner Lederjacke wahrnehmen. Es war erstickend.


„Sie zittert wie Espenlaub“, kommentierte ein Mann mit einem strengen Irokesenschnitt – Wolf – von einem Sofa aus, ohne sich die Mühe zu machen, seine Stimme zu senken.


„Habe noch nie einen Wolf unter den Jagdhunden gesehen“, kicherte ein anderer, Knuckle, der mit einem schmutzigen Lappen ein Messer polierte.


Razes Hand legte sich in ihren Nacken. Seine Finger krümmten sich sanft, fast zärtlich, um die zarten Knochen. Die Botschaft war klar: *Du gehörst mir. Sie können schauen, aber sie dürfen dich nicht anfassen.* Die Geste jedoch versetzte ihr einen erneuten Stoß von purer, unverfälschter Angst. Es war die gleiche Art, wie ihr Vater den Familienhund gepackt hatte, bevor er ihn ausschimpfte.


„Ich will nach Hause“, flüsterte sie, und das Flehen drang dünn und zittrig aus ihrer Kehle.


„Du bist zu Hause“, sagte Raze, und sein Atem bewegte das Haar an ihrem Ohr. Seine Stimme war trügerisch sanft. „Das hier ist es. Beton und Stahl. Gewöhn dich dran.“


Er fing wieder an zu gehen und zog sie mit der Hand an ihrem Nacken mit sich. Sie stolperte; ihre Beine wollten nicht mehr so, wie sie sollten. Er führte sie tiefer in das Lagerhaus, weg von der Tür, weg von dem schwachen, illusorischen Versprechen der Flucht. Panik, ein kalter, scharfer Stich, schoss durch ihre Adern. Das war es. Er brachte sie in eine dunkle Ecke, zu einer Matratze auf dem Boden, um die Beute zu beanspruchen, die er gestohlen hatte.


„Nein“, keuchte sie und versuchte, ihre Absätze in den Boden zu stemmen. Es war, als wollte man einen Panzer aufhalten. „Bitte, lass mich los.“


„Ich habe dir schon gesagt: Nein“, sagte er, und sein Tonfall war mit düsterer Belustigung versetzt. „Das ‚Bitte‘ funktioniert nicht, kleine Rose.“


Sie passierten einen Tisch, der mit technischer Ausrüstung übersät war – Laptops, Router, ein Gewirr aus Kabeln. Ihre Augen huschten umher und suchten panisch nach einer Waffe, irgendeiner Waffe. Ein Tacker. Eine Kaffeetasse. Irgendetwas.


Brick bewegte sich, um sie zu flankieren, ein stiller, drohend aufragender Wächter. Seine schiere Größe blockierte das Licht des Fassfeuers und ließ sie in seinem Schatten verschwinden. Die Nähe der beiden massiven, gefährlichen Männer – einer vor ihr, einer hinter ihr, der sie führte – war zu viel. Die Wände des Käfigs schlossen sich.


Mit einem verzweifelten, kehhligen Schrei riss sie an ihrem Arm und versuchte, seine Finger von ihrem Nacken zu lösen. Es war, als wollte man Stahlstangen verbiegen. Sein Griff wurde nicht einmal fester; er blieb eine unzerbrechliche, nervtötende Konstante.


„Lass das“, warnte er, und das eine Wort ließ die Temperatur sinken.


Blind vor Panik schlug ihre Hand um sich und prallte gegen den mit Technik übersäten Tisch. Ihre Finger schlossen sich um das erste feste Objekt, das sie fanden – eine schwere, schwarze Fernbedienung für irgendetwas. Ohne nachzudenken, wirbelte sie herum, riss sich halb aus seinem Griff und schleuderte sie mit all ihrer Kraft.


Sie war nicht auf Raze gezielt. Er war der Sturm, und nach einem Sturm wirft man nicht mit Dingen. Sie war auf den Berg vor ihr gezielt – Brick.


Die Fernbedienung segelte in einem erbärmlichen, wackeligen Bogen durch die Luft und prallte mit einem dumpfen *Aufprall* mitten auf Bricks massive, tätowierte Brust. Danach klapperte sie auf den Betonboden zu seinen Füßen und blieb an der Spitze seines schweren Stiefels liegen.


Im gesamten Lagerhaus wurde es still. Das Klappern der Gewichte hörte auf. Das leise Gemurmel starb ab. Jeder einzelne Mann starrte sie an.


Ilia stand da, ihre Brust hob und senkte sich, ihre Hand war vom Wurf noch ausgestreckt. Sie sah von der Fernbedienung, die kraftlos auf dem Boden lag, zu Bricks völlig ausdruckslosem Gesicht. Er hatte nicht gezuckt. Er hatte nicht einmal geblinzelt. Es war, als hätte sie einen Kieselstein gegen einen Berg geworfen.


Langsam, mit Bedacht, sah er auf die Fernbedienung und dann zurück zu ihr. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber eine schwere Augenbraue zuckte fast unmerklich. Er ließ die Stille andauern und ließ die reine Absurdität ihrer Tat in jeden Winkel des riesigen Raums einsickern.


Dann sagte er mit einer Stimme, die bemerkenswert, ja beängstigend sanft war – ein tiefes, ruhiges Grollen: „Du musst dich verdammt noch mal beruhigen, Schätzchen.“


Die schiere Enttäuschung, die reine, unverfälschte *Normalität* dieser Aussage in dieser Monsterhöhle, war das, was sie endgültig brach. Die Kampfeslust entwich ihr schlagartig. Die Angst war immer noch da, ein kalter Knoten in ihrem Magen, aber sie vermischte sich nun mit einem verwirrenden, hysterischen Gefühl der Absurdität. Ihre Schultern sackten zusammen. Ein ersticktes Schluchzen, halb Weinen, halb Lachen, entwich ihren Lippen. Sie zitterte unkontrolliert.


Raze, der die gesamte Szene mit einem Blick voller tiefer Faszination beobachtet hatte, stieß nun ein leises, dunkles Lachen aus. Das Geräusch vibrierte durch die Hand, die er immer noch an ihrem Nacken hatte. Er schien nicht wütend zu sein. Er schien… amüsiert.


„Nun“, schnurrte er und zog sie wieder an seine Seite. Sein Arm schlängelte sich um ihre Taille, um sie festzuhalten. „Sie hat Feuer, das muss ich ihr lassen. Brick mit einer Fernbedienung angreifen. Das ist mal was Neues.“


Er sah auf sie hinunter, und seine stahlgrauen Augen glitzerten vor gefährlichem, räuberischem Flirt. „Versuchst du, bei ihm das Programm zu ändern, kleine Rose? Mal sehen, ob du etwas findest, das weniger beängstigend ist?“


Brick bückte sich, hob die Fernbedienung auf und untersuchte sie. „Sie wird enttäuscht sein. Die ist für den Projektor. Ich bleibe einfach ich.“


Ein paar der Männer kicherten, und die Spannung löste sich für einen Moment.


Razes Blick wich nicht von Ilias Gesicht. Er beugte sich vor, seine Lippen streiften die Muschel ihres Ohrs, und seine Stimme war ein intimes, bedrohliches Flüstern, das nur für sie bestimmt war. „Wenn du das nächste Mal Lust hast, nach etwas zu werfen, dann wirf es nach mir. Ich verspreche dir, ich werde sehr viel… reaktionsfreudiger sein.“


Die Doppeldeutigkeit seiner Worte war unmissverständlich. Es war keine Androhung von Bestrafung, sondern ein Versprechen von Interaktion. Eine Herausforderung. Er *wollte* ihren Kampfgeist. Er genoss ihn.


Er ließ schließlich ihre Taille los, aber nur, um sie zu der Gruppe von Sofas zu führen. „Setz dich. Du machst alle nervös.“


Sie stolperte vorwärts und ließ sich auf ein abgenutztes Ledersofa fallen, das unter ihrem geringen Gewicht seufzte. Es war noch warm von dem Körper, der vorher darauf gelegen hatte. Sie zog die Knie an die Brust und machte sich so klein wie möglich; der zerrissene Saum ihres Kleides rutschte ihre Waden hoch. Sie zitterte – teils vor Kälte, teils vor dem Adrenalinabfall und teils vor der nervenaufreibenden, flirtenden Aufmerksamkeit des Königs dieses Betondschungels.


Raze setzte sich nicht. Er strich vor ihr auf und ab, wie ein Panther auf der Jagd. Er schnappte sich eine dicke Wolldecke von der Lehne eines anderen Stuhls und warf sie ihr zu. Sie landete auf ihrem Kopf und hüllte sie in den Duft von Holzkohle und ihm.


„Deck dich zu“, sagte er. Sein Tonfall war beiläufig, doch seine Augen brannten immer noch in diesem intensiven, besitzergreifenden Licht. „Du lenkst meine Männer ab.“


Vom anderen Ende des Raums rief Wolf: „Abgelenkt ist verdammt noch mal untertrieben, Raze. Sie ist eine Geistergeschichte im Brautkleid.“


Raze warf ihm einen Blick zu, der die Hölle hätte gefrieren lassen können, und Wolf hielt klugerweise den Mund und ging wieder dazu über, seine Waffe zu reinigen.


Brick ging hinüber und gab Raze die Fernbedienung zurück. „Der Projektor ist in Ordnung.“


Raze nahm sie entgegen, ein langsames, boshaftes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er sah von der Fernbedienung zu Ilia, die unter der Decke hervorlugte, die Augen weit aufgerissen.


„Weißt du“, sagte er, und seine Stimme sank wieder zu diesem intimen, verschwörerischen Schnurren. „Für ein verängstigtes kleines Ding, das gerade gesehen hat, wie ihr Ehemann erschossen wurde, hast du einen erstaunlich guten Wurf drauf.“ Er machte einen Schritt näher und überragte das Sofa. „Und erstaunlich schlechtes Zielvermögen. Wenn du schon einen Krieg erklären willst, kleine Rose, solltest du immer auf den König zielen.“


Er streckte die Hand aus und strich eine verirrte Haarsträhne hinter ihr Ohr; seine Knöchel streiften dabei ihre Wange. Die Berührung war erschreckend sanft, trug aber dennoch die unterschwellige Drohung all seiner Gewalt in sich. Es war das verwirrendste Gefühl, das sie je erlebt hatte – eine Liebkosung, die sich wie eine Warnung anfühlte.


„So macht es mehr Spaß.“