Der Norden
Sumeria – eine Insel, so groß und geheimnisvoll, dass sie wie eine eigene Welt im endlosen Ozean ruht. Um sie herum liegt nichts als das weite Meer, unergründlich und unbarmherzig, So kennen die Völker nur Sumeria, und in ihren Herzen trägt sie den Klang des Ursprungs, als gäbe es jenseits ihrer Küsten kein anderes Land.
Im Südwesten breiten sich weite Flachlande aus, grün und fruchtbar, durchzogen von Dörfern der Menschen. Hier pulsiert das Herz des einfachen Lebens: Ackerbau und Handel, Märkte und Feste, das beständige Lied der Arbeit und des Alltags. Rauch steigt aus Schornsteinen auf wie Gebete, Kinder lachen zwischen Feldern und Wegen, und Händler ziehen ihre Waren über uralte Straßen, die Dörfer wie Knotenpunkte verbinden.
Der Südosten – ein Reich der Wildnis, dicht und geheimnisvoll. Ein riesiger Wald türmt sich dort zu grünen Kathedralen, ihr Dach aus Blättern raubt der Sonne das Licht, und in den Tiefen flüstert der Wind von Zeiten, die älter sind als das Reich der Menschen. Dies ist die Heimat der Zentauren, jener stolzen Geschöpfe mit den Leibern der Pferde und den Oberkörpern der Menschen. Ihre Kultur ist von Liedern, Jagd und uralten Geschichten erfüllt, und sie kennen den großen Wald wie Menschen ihre Felder kennen. Einst standen sie in blutigem Krieg mit den Menschen, doch heute herrscht eine fragile Ruhe.
Im hohen Norden erhebt sich das Antlitz des Eises. Schneebedeckte Gipfel ragen wie Speere in den Himmel, und Stürme durchpeitschen das Land, als wolle der Himmel selbst es verbergen. Zwischen diesen endlosen Schneefeldern liegt die älteste aller Legenden: die Sage von einer verborgenen Stadt. Ihre Mauern, so heißt es, bestehen nicht aus Stein, sondern aus einem eisblauen Metall, das glänzt wie gefrorenes Licht. Niemand kennt ihren Namen, niemand hat ihre Tore betreten. Doch dies sollte sich nun ändern.
Willkommen auf Sumeria
Zwölf Monate zuvor: Theresia hockte in der Ecke der Zelle, die Knie an die Brust gepresst. Die Gefangenenrobe klebte feucht und staubig auf ihrer Haut, abgewetzt, schmutzig. Ein schmaler Sonnenstrahl fiel durch das vergitterte Fenster und ließ Staubkörnchen in der Luft tanzen. Wasser tropfte von den feuchten Wänden auf den kalten Steinboden — „plopp… plopp…“ — mal hastig, mal mit langen Pausen. Moder und nasser Stein lagen schwer in der Luft. Theresia zog die Schultern noch enger zusammen und starrte auf den Boden, als gäbe die Stille selbst den Takt vor.
Ein metallisches Knarren ließ sie zusammenzucken. Schritte im Korridor, das Klirren von Rüstung, näherkommend. Im Schatten der Gitterstäbe erschien eine hohe, breite Gestalt; der Sonnenstrahl glitt über die Kanten seiner Rüstung.
„Kayne…“, flüsterte sie.
Sie richtete sich auf, die Knie steif, und rutschte bis ans Gitter. Ihre Finger schlossen sich um das kalte Metall, das Herz schlug ihr gegen die Rippen.
„Ich hörte euch damals“, hauchte sie. „Der Himmel trug eure Worte bis hierher, bis zum Turm. Ihr wollt in den Norden…“
Kayne antwortete nicht. Seine Augen glühten, zornig, unergründlich. Allein seine Präsenz drückte durch die Stäbe.
Theresia schluckte, zwang die Stimme ruhig. „Ich bitte euch, Kayne… lasst mich frei.“
Ihre Hände glitten zwischen die Stäbe und fanden seine Brustplatte. Eiskalt, hart. Für einen Moment blieb sie so, als könnte sie ihn durch das Metall erreichen.
„Kayne…“, flüsterte sie erneut, brüchig.
Plötzlich packte er ihre Handgelenke. Seine Finger waren wie Fesseln, drückten sie von sich weg. Schmerz schoss ihr in die Arme, doch sie stemmte sich dagegen.
„Ich flehe euch an… bitte…“
Dann ließ er sie los. „Mögen wir uns nie wiedersehen“, sagte er — kalt wie Stahl.
Theresia taumelte zurück. Sein Rücken verschwand im Dunkel des Ganges. Panik stieg in ihr hoch, heiß und würgend.
„WAGT ES NICHT, MICH HIER ZU LASSEN! KAYNE! KAYYYYYYNE!“
Die Mauern verschluckten ihren Schrei. Sie krallte sich wieder ans Gitter, die Nägel am Metall.
„GLAUBT MIR — IHR WOLLT NICHT GEGEN DIE KÄMPFEN!“
Dann Stille.
Kayne blieb stehen. Reglos. Theresia keuchte, Tränen brannten, doch in ihren eisblauen Augen flackerte plötzlich Hoffnung.
Kayne drehte sich langsam um und trat ans Gitter. „Ihr wisst, was dort oben ist?“, fragte er rau.
Theresia hob das Kinn. „Ich weiß, wer dort oben ist.“
„Sagt es mir“, befahl er.
Sie presste die Hände gegen die Stäbe, als hielte sie sich an der einzigen Chance fest. „Lasst mich heraus“, sagte sie — Hoffnung und Kalkül zugleich. „Ich erzähle euch alles. Ich kann euch helfen, den Norden zu erobern. Ich weiß alles.“
Kaynes Blick blieb hart. „Ihr lügt“, sagte er knapp. „Ihr wollt nur der Gefangenschaft entkommen.“
„Nein.“ Theresias Atem stolperte. „Kayne, hört mir zu. Ihr braucht mich. Ihr habt keine Chance gegen sie. Ihr werdet gegen Mächte kämpfen, die ihr nicht versteht. Ich sage die Wahrheit.“
Ein schiefes, verzweifeltes Lächeln zuckte über ihre Lippen — und starb, als Kayne den Kopf senkte und kurz, hämisch lachte. Metallisch, ohne Wärme.
Dann hob er den Blick. „Ich glaube euch kein Wort.“
Er wandte sich ab und ging. Schritte, schwer, der Klang seiner Rüstung wie eine unerbittliche Uhr.
„Kayne — lauft nicht davon! KAYNE! KAYNE!“
Die Tür schlug hinter ihm zu. Dumpf. Endgültig.
Theresia schrie weiter, bis ihr die Kehle brannte.
„IHR WERDET JÄMMERLICH VERRECKEN! KAYNE! KAYNE!“
Kapitel 1 - Der Norden
Außerhalb der Mauern öffneten sich die Felder wie eine Bühne. Dort standen Brunolf und Halvar an Kaynes Seite, während vor ihnen das Heer wartete: tausend Männer in strahlend silberner Rüstung, Reihen so sauber gezogen, als hätte man sie mit einem Lineal in die Erde geschnitten.
Kayne saß hoch zu Ross. Das Tier war unruhig und schnaubte. Kayne jedoch wirkte unbeweglich – dreiundvierzig Winter alt, breit in den Schultern, hoch gewachsen, mit kurzem schwarzem Haar und einem glatten, bartlosen Gesicht. Nicht schön, nicht freundlich. Eher, als wäre er aus Erz geformt und erst im Feuer des Krieges hart geworden.
Brunolf neben ihm: siebenundvierzig Winter, gebaut wie ein Bär, Arme wie Baumstämme, rötlicher Bart bis zur Brust.
Halvar: einundfünfzig, wettergegerbt, ruhig, muskulös – ein Mann, der den Kampf nicht sucht, aber ihn kennt.
Kayne ließ das Pferd einen Schritt vortreten. Sonnenlicht fing sich auf der Klinge an seiner Seite – ein kurzes Aufblitzen, als wäre es Absicht.
Dann hob er die Stimme. Kein Brüllen. Nur ein Ton, der das Feld ordnete. „Soldaten von Havenbruck. Krieger des Reiches.“
Tausend Köpfe richteten sich aus. Das Klirren der Ausrüstung verstummte fast vollständig, nur der Wind fuhr in die Banner.
„Ein Winter ist vergangen, seit das alte Blut versiegt ist.“ Sein Blick glitt über die Reihen, als zählte er jeden einzelnen Mann.
Ein Atemzug ging durch das Heer.
„Ihr alle hörtet die Legende.“ Kayne sprach das Wort, als wäre es ein Werkzeug. „Eine Stadt im Norden. Metall so blau wie Eis. Mauern, die kein König je besaß.“
Er ließ eine kleine Pause, gerade lang genug, dass die Vorstellung in den Männern wuchs.
„Kein Banner unseres Reiches hat sie je gesehen.“ Seine Stimme wurde härter. „Wir werden die Ersten sein!“
Die Schultern der Männer spannten sich. Hände legten sich fester um Schwerter und Zügel.
„Nicht als Räuber. Nicht als Bettler.“ Kayne hob das Kinn. „Als Anspruch! Der Norden wird uns gehören!“
Ein Donner brach los, tausend Stimmen, die das Feld erbeben ließen. Pferde stampften, Banner rissen im Wind. Und Kayne lächelte – kalt und sicher, als habe er Sumeria bereits in seiner Faust.
Das Heer setzte sich in Bewegung. Hinter Havenbruck blieben die Mauern im Staub zurück, während sich die Sonne golden über die weiten Felder legte. Die ersten Tage führten sie durch das Herz des Reiches. Weizenfelder rauschten im Wind wie ein goldenes Meer, Bauern hielten inne bei der Arbeit und verneigten sich, wenn die gewaltige Schar vorüberzog. Kinder liefen lachend an den Wegen entlang, streckten die Hände nach den Bannern aus, als wollten sie ein Stück der Zukunft berühren. Für Kayne war es ein Triumphzug, für die Männer ein Beweis ihrer Stärke.
Bald änderte sich die Landschaft. Die Felder wichen sanften Hügeln, kleinen Wäldern, in denen die Sonne in Schimmern durch das dichte Blätterdach fiel. Der Zug bewegte sich wie ein gewaltiger Strom durch das Grün, begleitet vom Zirpen der Grillen und dem Rufen der Vögel.
Nach einigen Tagen erreichten sie die Grenze der Fürstentümer Westbruck und Silberquell. Von dort folgten sie dem Weg nach Norden. Doch je weiter sie gingen, desto stiller wurde Sumeria. Die Straße, die ihnen den Weg gewiesen hatte, wurde schmaler, ihre Pflastersteine brüchig, von Gras überwuchert. Sie war nie für solche Heere gebaut worden, nie gedacht, so weit gen Norden zu führen. Eines Morgens endete die Straße einfach. Ohne Markierung, ohne Tor – das Pflaster verlor sich im Gras und verschwand in der Weite. Vor ihnen lag nur ein namenloses Land, eine Wildnis, in der keine Fahne wehte, kein Lied erklang. Hinter ihnen lag das Reich, vor ihnen das Unbekannte.
Kayne zog die Zügel, und sein Pferd blieb stehen. Ein einziger Augenblick der Stille breitete sich aus wie eine Welle – Brunolf hielt inne, Halvar ebenso, und tausend Männer erstarrten hinter ihnen. Vor ihnen erhob sich der Norden. Hoch, unnahbar, wie aus einer anderen Welt. Die Berge standen wie gewaltige Titanen am Horizont, ihre Spitzen von ewigem Schnee gekrönt. Zwischen den Gipfeln hing dichter Nebel, der sich langsam in den Schluchten wälzte, als wollten die Berge ihr Geheimnis vor den Fremden verbergen. Hier und da glitzerte Eis, das selbst in der Ferne wie Kristall funkelte. Aus den Tiefen der Berge wehte ein kalter Atem, ein Windstoß, der den Bannern des Reiches das Flattern nahm und sie wie starre Schilder in der Luft hielt. Kaynes Blick sog alles in sich auf. Kein Triumph, kein Wort auf den Lippen – nur dieses Schweigen, das größer war als Jubel. Tausend Augen sahen, wie Kayne der Erste war, der das Reich hinter sich ließ und in ein Land eintrat, das noch keinem Banner, keinem Schwert und keinem König gehört hatte.
Je weiter sie vorstießen, desto mehr veränderte sich die Natur um sie. Der Boden, eben noch von Erde und Gras bedeckt, begann zu verblassen. Erst waren es vereinzelte helle Flecken, dann ein feines Schimmern, als habe der Frost selbst die Erde bemalt. Schließlich breitete sich ein Teppich aus Weiß unter den Hufen der Pferde aus, weich und knirschend. Der Atem der Männer wurde sichtbar. Mit jedem Schritt tiefer ins Land des Schnees kroch ihnen die Kälte in die Knochen, machte die Rüstungen schwerer, die Finger steif. Banner flatterten nicht mehr spielerisch, sondern rissen hart in den Böen, die aus den Bergen herabstießen. Ein Schweigen legte sich über das Heer. Jeder Blick wanderte unruhig umher, tastete die weißen Hügel und die verschleierten Wälder ab, als könne hinter jedem Baum, hinter jedem Nebelschleier ein Feind lauern.
Der Schnee fing an sich aufzutürmen. Zuerst knöchelhoch, dann bis zu den knien. Die Pferde kämpften sich durch das weiße Meer, das jeden Schritt verlangsamte. Die Hufe versanken, rutschten immer wieder zurück, als wollte die Wildnis selbst sie aufhalten. Die Kälte war nicht mehr nur ein Begleiter – sie wurde zu einer greifbaren Macht. Ein Frost, härter als jeder Winter, den sie je gekannt hatten, schnitt durch Rüstungen und Stoff, durch Haut und Fleisch. Hände wurden taub, Gesichter rot gefroren, jeder Atemzug brannte wie Feuer im Brustkorb und so ritten sie bereits seit Drei Wochen durch den bergigen Norden.
„Was denkt Ihr, wie weit ist es noch bis zu dieser Festung?“ Halvars Stimme war ruhig, doch ein Hauch von Zweifel klang darin. „Sollte sie überhaupt existieren“, fügte er hinzu, und der Nebel schien seine Worte zu verschlucken.
Kayne hob den Blick und ließ ihn über den höchsten Punkt gleiten, der über allem thronte, als wolle er dessen Geheimnis herausfordern. „Müsste ich raten, würde ich sagen… dort liegt unser Ziel.“ Seine Stimme war fest, unerschütterlich, wie ein Fels inmitten des Schneesturms.
Halvar folgte seinem Blick, die Stirn in Falten gelegt. „Wie sollen wir es bis dort hoch schaffen?“ Seine Worte trugen die Sorge in sich, die jeder spürte, der die schwindenden Lichtstrahlen des Tages hinter sich ließ.
Kayne schwieg einen Moment, die Hände fest auf den Zügeln. Dann nickte er kaum merklich und sagte: „Wir finden einen Weg. Einen Pfad – irgendwas.“
Brunolf, der einige Schritte hinter ihnen ritt, schnaubte und richtete sich im Sattel auf. „Die Nacht bricht herein“, sagte er, seine Stimme tief und warnend. „Wir sollten einen Rastplatz finden, bevor es dunkel ist.“
Die Männer des Heeres glitten durch den schwindenden Dämmer, jeder Schritt schwerer als der vorherige. Nach Stunden des mühsamen Aufstiegs wurde der Pfad allmählich flacher. Die Pferde stampften weniger, die Männer atmeten etwas leichter. Dann, hinter der letzten Kuppe, öffnete sich die Landschaft – ein weites, von Schnee bedecktes Feld, endlos und still, soweit das Auge reichte. Ein schmaler Fluss schlängelte sich durch die weiße Weite, das Wasser noch nicht gefroren, sein leises Plätschern das einzige Geräusch in der ansonsten stillen Landschaft.
„Hier machen wir Rast“, erklärte Kayne. „Zelte aufschlagen, Feuer entzünden. Wir brauchen Wärme und Nahrung.“
Brunolf und Halvar nickten, und die Männer begannen sofort, das Lager vorzubereiten. Zelte wurden im Kreis aufgestellt, die Pferde angebunden, die Banner sorgfältig neben den Zelten im Schnee verankert. Funken stiegen aus den Feuern auf, die nach und nach loderten, Wärme in die klammen Glieder der Männer und Reiter sendend. Einige Gruppen gingen auf die Jagd. Sie tasteten sich durch den Schnee, Augen und Ohren auf die Bewegungen der Tiere gerichtet, bereit, das karge Fleisch zu erlegen, das ihnen in dieser unwirtlichen Umgebung überlebenswichtig war. Andere sammelten Holz, verstärkten die Feuer und bereiteten einfache Mahlzeiten zu, deren Rauch in den klaren, kalten Nachthimmel stieg.
Die Nacht hatte das Plateau vollständig umhüllt. Über ihnen glitzerten die Sterne kalt, der Fluss flüsterte leise durch die Schneefläche, und die Feuer loderten in kleinen Kreisen, ihre Wärme eine willkommene Zuflucht gegen die unbarmherzige Kälte. Die Männer und Reiter saßen um die Feuer und aßen das Fleisch der Tiere, die sie erlegt hatten, und wärmten sich die Hände an den Flammen. Das Rauschen des Windes mischte sich mit leisen Gesprächen.
Dann durchbrach ein Laut die Nacht.
Ein schrilles, gellendes Kreischen, das aus der Ferne herüberwehte. Köpfe hoben sich, Hände griffen instinktiv nach den Schwertern. Das Kreischen wiederholte sich, diesmal zwei kurze, durchdringende Schreie, die das Blut in den Adern gefrieren ließen. Die Männer rissen die Köpfe herum, lauschten, als würde die Dunkelheit selbst antworten. Dann, wie aus allen Richtungen gleichzeitig kamen die Geräusche, fremd und unnatürlich. Es klang wie eine Horde von Kreaturen, deren Laute noch niemand zuvor gehört hatte. Die Töne waren scharf und wild, verzerrt, zerrissen, und die Stille der Nacht wurde von einem einzigen, pulsierenden Schauer durchzogen. Pferde scheuten, stampften im Kreis, als spürten sie die Gefahr, bevor sie gesehen werden konnte. Die Männer rückten dichter zusammen, Augen, die in die Dunkelheit starrten, suchten nach irgendeiner Bewegung. Kayne erhob sich, stumm, wie ein Fels inmitten des Unbekannten. Seine Augen funkelten.
Brunolf trat vor, die Stirn gerunzelt. „Kreischer“, sagte er knapp.
Kayne zog die Augenbrauen zusammen. „Was?“
„Adam erzählte mir von ihnen“, antwortete Brunolf, die Stimme jetzt ernster. „Offenbar ein alter Feind der Zentauren. Er kämpfte sogar mit ihnen gegen sie.“
„Nun… erzählt schon, wie kann man sie besiegen?“, fragte Kayne.
Brunolf dachte einen Moment nach, dann sprach er mit einem Hauch von Überzeugung: „Licht! Adam erwähnte, sie meiden das Licht.“
Kayne nickte knapp, ihm war sofort klar, was zu tun war. Er stellte sich in die Mitte des Lagers, hob die Stimme: „Soldaten! Jeder zündet eine Fackel! Verteilt euch um die Lagerfeuer, lasst keine dunklen Stellen bleiben und schützt… die… Pferde!“
Die Männer reagierten ohne Zögern. Hände griffen nach dickem Holz, Funken flogen, Fackeln wurden entzündet. Jeder verteilte sich, achtete darauf, dass keine schattige Ecke des Plateaus unbeleuchtet blieb. Das Knistern der Feuer mischte sich mit dem Stampfen der Pferde, das Heulen des Windes und den ersten flackernden Flammen.
Und dann lauschten sie.
Die Kreischenden Stimmen wurden lauter, unheilvoller, als wüssten die Kreaturen, dass das Licht ihnen den Weg versperrte. Doch das Heer war bereit, die Feuer umringten das Lager wie ein Wall aus Flammen, jeder Mann stand mit erhobener Fackel, die Augen hell und wachsam. Kayne hielt die Hand über die Augen, blickte durch den Nebel, spürte die drohende Präsenz der Kreaturen, die in der Dunkelheit lauerten. Die Nacht bebte unter dem Schreien, der Frost biss tiefer, und doch brannte das Licht um sie herum heller als je zuvor.
Dann geschah es.
Die ersten Kreischer stürmten auf das Licht zu, eine wogende Masse aus dunklen, schemenhaften Gestalten. Doch kaum hatten sie den Rand des Kreises erreicht, bremsten sie abrupt ab. Ein ohrenbetäubendes Kreischen durchdrang die Luft, schrill und zornig, so intensiv, dass sich alle Soldaten instinktiv die Ohren zuhielten, die Gesichter vor Schmerz verzerrt. Kayne presste die Augen zusammen gegen das grelle Geräusch, der Klang vibrierte durch den Schnee, ließ selbst den Boden erzittern. Als er die Augen wieder öffnete, sah er sie klar: Kleine Wesen, kaum halb so groß wie ein Mann, von hagerer, wirrer Statur. Lange, spitze Krallen an Händen und Füßen, die im Licht wie schwarze Dolche funkelten. Die Mäuler aufgerissen, voller scharfer, glänzender Zähne, und die Augen weit, brennend vor Zorn.
Halvar flüsterte, die Stimme kaum mehr als ein Zittern: „Bei Gott… das sind Dämonen!“
Doch in Kayne regte sich keine Angst – nur die Konzentration eines Mannes, der wusste, dass Licht und Ordnung der einzige Schild gegen diese Kreaturen sein würden. Die Kreischer bäumten sich auf, ein Chor aus fauchenden Lauten, zischend, keuchend, wild und ungezähmt. Die Flammen spiegelten sich in den Augen, die Klauen gruben sich in den Schnee. Ihre Zahl schien endlos, eine dunkle, wogende Masse, die den Rand des Platzes umschloss.
Es waren Tausende.
Kaynes Gesicht verzerrte sich, die Kiefer gespannt, die Lippen zu einem Knurren verzogen. Jeder Laut aus seinem Mund war voller Zorn, jede Bewegung geladen mit unterdrückter Wut. Die lauten Geräusche schienen wie ein Funke, der ein Feuer in ihm entfachte. Brunolf und Halvar beobachteten ihn aus den Augenwinkeln und spürten, wie etwas in ihm aufloderte. Eine rohe Kraft, Wut, Aggression, Dunkelheit – ein Feuer, das über die Flammen des Lagers hinaus zu brennen schien.
Kayne stemmte die Hände um den Griff seines Schwertes, die Klinge funkelte im Licht der Feuer. Er knurrte erneut, tief und rau, wie ein wütender Sturm, der durch die Nacht fuhr. Wo sich keiner der Tausend Männer auch nur einen Schritt wagte, ging er in gemessenen, sicheren Schritten auf das flackernde Licht zu, das die Grenze zwischen Leben und Chaos markierte.
„Bei Gott, Kayne… was macht ihr?“ rief Brunolf, die Stimme voll Angst und Unglauben.
„Geht nicht zu nahe ran, Kayne!“ warnte auch Halvar.
Doch Kayne reagierte nicht. Er schritt an seinen Soldaten vorbei, als wären sie bloß Schatten am Rand seiner Wahrnehmung. Kein Wort, kein Zucken des Kopfes, nur der feste, unerschütterliche Blick, der auf die Kreaturen gerichtet blieb. Glühende Augen folgten Kaynes Schritten, Klauen gruben sich in den Schnee, doch sie wagten keinen Angriff.
Kayne übertrat die Grenze. Die Fackel in seiner Hand brannte lichterloh, ihr Licht zitterte über den Platz, doch der König selbst ging geradewegs in die Masse der Kreischer hinein. Um ihn herum formte sich ein dichter Kreis. Eine wogende, dunkle Wand, die sich wie eine unüberwindbare Mauer um ihn schloss. Doch inmitten dieser Dunkelheit stand er – ein Mann, ein kleines Licht auf dem endlosen, weißen Platz. Die Flamme seiner Fackel war das einzige, das den Schneefall rund um ihn erhellte.
Kayne ging langsam in die Hocke. Sein Blick bohrte sich in die Augen eines der Kreischer. Die Flamme der Fackel flackerte, warf Schatten über seine Züge, doch für Kayne selbst schien die Welt in Dunkelheit getaucht – ein dunkler Schleier, der ihn von allem um ihn herum trennte. Kein Windhauch, kein Knacken von Holz, kein Rascheln im Schnee – nur er und das Wesen vor ihm, Augen auf Augen. Der Kreischer hob den Kopf kaum merklich, das rote Glühen der Augen flackerte wie bei einem wankenden Funken.
„Verschwindet!“ knurrte Kayne, seine Stimme ein dumpfer, fast physischer Schlag durch die frostige Luft.
Die roten Augen weiteten sich. Wie auf unsichtbares Signal – veränderte sich das verzerrte, hungrige Gesicht. Die wild flackernde Wut und der Hunger, die seine Züge geprägt hatten, glätteten sich. Etwas Animalisches wich, und die Kreatur wirkte… weniger bedrohlich, beinahe gehorchend. Langsam, vorsichtig, machte der Kreischer einen Schritt zurück. Seine Glieder zitterten, die Krallen kratzten im Schnee, doch er wagte keinen Laut. Einer folgte, dann ein anderer – und wie ein schwappendes Band aus Dunkelheit breiteten sich die Bewegungen aus. Sie wichen zurück, die Masse begann auseinanderzufließen, wie Nebel, der vom Wind getrieben wird.
Die Kreischer verschwanden, zurück blieben nur Fußspuren im Schnee, die unheilvollen Kratzspuren ihrer Klauen und das eisige Schweigen, das nachhallte. Das Heer Kaynes stand reglos, gebannt von dem, was sie soeben erlebt hatten. Kein Wort wurde gesprochen. Sie spürten die veränderte Atmosphäre, den Sieg ohne einen Schlag. Und irgendwo, tief in der Ferne, schien das unheimliche Echo noch einmal nachzuklingen, bevor es endgültig in der Stille der Berge verschwand.
Die Schatten, die sich wie eine schwarze Decke um Kayne gelegt hatten, begannen sich zurückzuziehen. Er nahm wieder sein Heer wahr. Tausend Männer, starr vor Staunen und Respekt. Er sah die Feuer, die kleinen Lager, die noch immer von der unheimlichen Begegnung erzählten, und spürte die Kälte der Nacht, die langsam von der Wärme der Flammen gemildert wurde. Sein Atem beruhigte sich. Er richtete sich langsam auf, jeder Muskel in seinem Körper spannte sich, dann löste er die Haltung, als würde er das Gewicht der Dunkelheit abschütteln.
Brunolf starrte Kayne fassungslos an, die Worte hingen noch in der eisigen Luft. „Was… wie…“ begann er, suchte nach dem richtigen Ausdruck, doch die Eindrücke der letzten Minuten legten sich wie Blei auf seine Zunge.
Kayne hob eine Augenbraue, sein Blick hart, die Fackel noch in der Hand. „Könnt Ihr auch in ganzen Sätzen sprechen?“ fragte er zornig, ein Anflug von Spott in seiner Stimme.
Brunolf schluckte, rang nach Worten, die sich nicht finden ließen. „Wie habt… was ist…“
Halvar trat einen Schritt vor, die Hände auf die Hüften gestützt, und brachte die Worte für seinen Kameraden hervor: „Ich glaube, die Worte, die Brunolf versucht zu finden, sind: Wie zum Teufel habt Ihr das gemacht?“
Kayne funkelte ihn an, der Zorn noch immer in seinen Augen. „Wovon sprecht Ihr?“ erwiderte er, die Stimme wie gehärtetes Metall. Dann fügte er hinzu, ruhiger, aber immer noch bestimmt: „Es ist, wie Brunolf sagte. Sie mögen kein Licht.“
Halvar schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist nicht, was geschehen ist. Ihr habt… es war als würdet Ihr mit ihnen sprechen, ihnen befehlen zu gehen.“
Kayne schnaubte, fast spöttisch, die Lippen zu einer schmalen Linie gepresst. „Ich glaube, Ihr hattet zu wenig Schlaf.“
Für einen Moment herrschte Stille. Die Kälte der Nacht und die frische Ruhe des Platzes ließen die Worte wie Echos hängen. Brunolf und Halvar tauschten einen Blick, ehrfürchtig, aber auch noch immer fassungslos. Sie wurden gerade Zeuge eines Wunders oder einer Macht, die jenseits ihres Verständnisses lag – und Kayne stand mitten drin, allein gegen die Nacht, doch unerschütterlich.
Sollten euch die Kapitel gefallen, würde ich mich sehr über Bewertungen freuen. Denn diese Reise hier beginnt erst und ich habe noch sehr viel geplant mit dieser Geschichte. Jede Bewertung hilft mir dabei die Kapitel noch besser und ansprechender für euch zu schreiben.