Der Kraken in der Dunkelheit
In der Lagerhalle war es stockfinster. Die Schwärze fühlte sich dick und erstickend an. Nur das rhythmische Quietschen schwerer Ketten durchbrach die Stille. Es gab kein Licht und keine Fenster. Nur das schwache, geisterhafte Leuchten eines Monitors in einem fernen Büro warf einen blassen Schein in den Raum. Aber dieses Licht reichte nicht aus, um die Halle wirklich zu erhellen.
Mitten in diesem riesigen, dunklen Raum bewegte sich Kain.
Er wirkte wie ein Schatten aus reiner, geballter Kraft. Er erinnerte an ein Ungeheuer, das in der Tiefe erwacht. Um seine Schultern und seinen Oberkörper lag eine massive Kette. Sie war so dick wie der Unterarm eines Mannes. Das andere Ende war an einer Betonsäule befestigt. Er zog die Kette hinter sich her. Dabei wirkte er nicht angestrengt, sondern unaufhaltsam wie eine Maschine. Die Kettenglieder kreischten auf dem Betonboden. Das Geräusch tat in den Ohren weh. Sein Atem stieg als feuchter Nebel in der kalten Luft auf. Es war das einzige Zeichen für die Anstrengung seines riesigen Körpers.
Als er sich umdrehte, traf ihn ein Lichtstrahl aus der offenen Bürotür. Der Schein schälte seine Gestalt aus dem Schatten.
Er war fast zwei Meter groß, ein Riese. Seine Muskeln waren nicht nur zur Zierde da, sondern für brutale Gewalt gemacht. Sie wirkten wie Eisenplatten über einem massiven Skelett. Seine Haut erzählte von Gewalt und war voller Tattoos. Man sah alte Bilder von Kraken, deren Tentakel sich um seine Oberarme schlangen. Auf seinen Unterarmen waren Anker zu sehen. Andere, verblasste Symbole erzählten von einem harten Leben auf der Straße. Sein schwarzes Haar war lang und hing ihm verschwitzt in die Stirn. Aber am auffälligsten waren seine Augen. Sie lagen tief und hatten die Farbe eines Wintersturms. Sie waren kalt und völlig ausdruckslos. In ihnen war keine Leidenschaft, keine Wut und keine Freude zu sehen. Nur Leere.
Er war das offene Geheimnis des Syndikats. Die Wachen am Rand seines Trainingsgeländes sprachen nur leise und voller Ehrfurcht über ihn.
„Er kämpft nicht – er zerlegt seine Gegner“, murmelte einer und putzte nervös seine Waffe.
„Ich habe mal gesehen, wie er ein Messer in die Rippen bekam“, flüsterte ein anderer. „Er hat nicht einmal gezuckt. Er sah den Angreifer nur an... und dann war es vorbei. Er blutet nicht – er wird nur wütender.“
Ihre Angst vor ihm war fast greifbar. Sie fürchteten ihren Boss, Donato, aus gutem Grund. Aber vor Kain – dem Kraken – hatten sie eine fast heilige Angst. Denn wer ihm einmal in die Quere kam, überlebte es nicht.
Die schwere Stahltür am Ende der Halle öffnete sich knarrend. Ein gelber Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit. Donato trat herein. Er wirkte in dem hellen Licht scharf und kontrolliert. Er war Mitte vierzig und sah so hager und zäh aus wie ein Raubvogel. Sein Haar war an den Schläfen grau meliert. Seine Gesichtszüge waren streng. Seine stahlgrauen Augen übersahen nichts. Er betrachtete die Szene und das Ungeheuer, das den Stahl hinter sich herzog. Er zeigte dabei keine Gefühle.
Hinter ihm kam sein Berater Silas. Er war ein älterer Mann, der ruhig und berechnend wirkte. Seine Augen sahen aus, als wüssten sie zu viele Geheimnisse.
Donato umkreiste Kain. Seine teuren Schuhe machten keine Geräusche auf dem Beton. „Der Kraken bereitet sich auf die Jagd vor“, sagte er ruhig und bestimmt. „Oder willst du nur ein Loch in meinen Boden schleifen?“
Kain antwortete nicht. Er hielt einfach inne. Die Ketten fielen mit einem ohrenbetäubenden Krachen zu Boden. Das Geräusch hallte lange nach. Er stand da, sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Er wartete.
„Es geht um das Logistikzentrum am Hafen“, sagte Donato und kam direkt zum Punkt. „Die Vipers werden frech. Sie stehlen von unseren Lieferungen und denken, wir merken es nicht. Sie brauchen eine Lektion in Sachen Respekt. Eine endgültige.“
Silas trat vor und steckte die Hände in seine Manteltaschen. „Die Bewachung ist schwach. Vielleicht ein Dutzend Männer. Meistens nur Bürohengste.“ Er sah jedoch nicht den Boss an, sondern Kain. Er bemerkte das leichte Zittern in den Händen des Riesen. Unter der eisigen Oberfläche brodelte die Wut.
„Die Vipers machen mir keine Sorgen“, murmelte Silas so leise, dass nur Donato ihn hören konnte.
Donato kniff die Lippen zusammen. Er betrachtete seine Waffe, seinen wertvollsten Besitz. Er hatte jahrelang versucht, Kain mit Geschenken an sich zu binden. Er bot ihm Berge von Bargeld an, schnelle Autos und seltene Waffen. Einmal hatte er ihm sogar wunderschöne Frauen geschickt. Er hoffte, in diesen toten Augen einen Funken Verlangen zu finden.
Kains Antwort war immer die gleiche. Ein einziges, kurzes Wort: „Nichts.“
Genau deshalb behielt Donato ihn. Ein Mann, der nichts will, hat auch keinen Ehrgeiz, den Boss zu stürzen. Aber ein Mann, der nichts will, hat auch nichts zu verlieren.
„Er ist wie ein eingesperrter Sturm, Donato“, drängte Silas leise. „Aber der Druck steigt. Er braucht einen Anker. Angst wird ihn nicht ewig halten. Er braucht etwas, das er nicht verlieren will.“
Donato lachte trocken. „Du hast ihn gehört, Silas. Er will nichts. Welche Frau würde *das* ansehen und einen Mann darin erkennen? Was könnte ihn schon halten?“
„Es geht nicht immer um Freiwilligkeit“, erwiderte Silas und starrte weiter zu Kain. „Es geht um seine Faszination. Sein Interesse. Wir könnten ihm eine Frau ins Bett legen, aber er würde sie nur kaputtmachen. Das Biest will sie nicht. Das ist das Problem. Wir müssen weiter suchen.“
Wie aufs Stichwort drehte Kain den Kopf. Seine stürmischen Augen trafen die von Donato. Für einen kurzen Moment sah Donato einen Riss in der perfekten, gefühllosen Rüstung. Da war eine wilde Energie, die nach Freiheit schrie.
„Er bricht bald aus“, flüsterte Silas. Er sprach damit Donatos eigene Angst aus.
Donatos Miene wurde hart. Er klatschte in die Hände. Das Geräusch war laut in der Stille. „Dann finden wir etwas für ihn. Etwas, von dem er noch gar nicht weiß, dass er es will.“ Er wandte sich wieder an Kain und sprach in befehlendem Ton. „Wir legen im Morgengrauen los. Macht den Laden platt. Niemand darf überleben, um den Vipers davon zu berichten. Verstanden?“
Kain nickte nur einmal langsam. Es wirkte, als würde sich ein ganzer Berg bewegen.
„Gut.“ Donato lächelte wie ein Raubtier. „Wenn das erledigt ist, Kain, kannst du alles von mir haben. Egal was.“
Kains Stimme war ein tiefes Grollen, wie Steine, die aufeinander reiben. „Ich will nichts.“
„Gar nichts?“, bohrte Donato nach. „Geld? Ein neues Haus? Eine Frau? Oh, Moment...“ Er tat so, als würde er nachdenken. „Die meisten würden wohl ohnmächtig werden, wenn sie dich sehen. Mein Fehler.“
Kain antwortete nicht. Er drehte sich einfach um und ging zurück in die Dunkelheit der Halle. Seine Ablehnung stand wie ein Fels in der Brandung im Raum.
Donato und Silas sahen zu, wie er verschwand. Die Schatten verschluckten ihn ganz.
„Wir werden weitersuchen“, wiederholte Silas, klang aber nicht mehr so sicher.
Donato kniff die Augen zusammen. Er musste nicht mehr suchen. Er spürte es in der Luft. Die Stille in der Halle war unheimlich. Dieser Auftrag, dieser Überfall auf ein einfaches Büro, würde alles verändern.
Kain war nun ganz von der Dunkelheit umschlungen. Er war ein Raubtier im Körper eines Mannes. Die Fesseln seiner Natur waren kurz davor zu reißen. Der Kraken erhob sich, und die Welt war nicht bereit für das, was nun ans Licht kommen würde.
Die Morgensonne schien schwach durch die dünnen Vorhänge ihrer Wohnung. In der Luft tanzten kleine Staubkörner im Licht. In ihrem kleinen, sauberen Badezimmer stand Opal vor dem Spiegel. Sie band sich geschickt die Haare zusammen. Ihr Haar war schwarz wie Seide und glänzte im Licht. Sie band es zu einem lockeren Pferdeschwanz. Ein paar Strähnen fielen ihr dabei ins Gesicht.
Jeden Morgen machte sie das Gleiche. Sie trug eine Creme auf ihre Haut auf. Sie wollte die Rötungen auf ihren Wangen und ihrer Nase verdecken. Es war kein schlimmes Rot, sondern ein zartes Rosa. Dadurch sah sie immer ein bisschen schüchtern aus. Sie betrachtete sich im Spiegel. Sie hatte große, braune Augen und lange Wimpern. Wenn sie freundlich lächelte, bekam sie kleine Grübchen an den Mundwinkeln. Ihre Lippen waren voll und sahen so aus, als hätte sie immer ein liebes Wort für jeden übrig.
Sie wirkte sanft und harmlos. In einer harten Welt war Opal wie ein Ruhepol.
Sie trug ein einfaches cremefarbenes Kleid und eine graue Strickjacke. Sie bewegte sich leise durch ihre Wohnung. Sie war eher klein und zierlich. Sie ging so vorsichtig, als wollte sie niemanden stören. Nach dem Frühstück wusch sie sofort ihre Tasse und den Teller ab. Alles war ordentlich. In ihrer Handtasche war alles an seinem Platz: Portemonnaie, Schlüssel, ein Buch und eine Dose mit selbstgebackenen Keksen.
„Entschuldigung“, murmelte sie, als sie die Heizung einstellte. Sie entschuldigte sich oft aus Gewohnheit, auch wenn niemand da war. Sie wollte einfach niemandem zur Last fallen.
Ihre Arbeit bei Aethelred Logistics war stinknormal. Das Büro war in einem langweiligen Backsteingebäude untergebracht. Man hörte nur das Summen der Kopierer und Computer. Opal arbeitete am Empfang. Sie war die Erste, die Besucher begrüßte. Ihr Schreibtisch war ordentlich. Dort standen eine kleine Pflanze und ein schönes Bild von einer Landschaft.
„Morgen, Opal“, rief Brenda aus der Buchhaltung im Vorbeigehen. „Du siehst heute wieder richtig goldig aus.“
Opal lachte leise. „Hör auf, sonst werde ich noch rot.“ Dabei war sie wegen ihrer Wangen sowieso schon immer ein bisschen rosa.
„Ich meine es ernst! Mit deinen Grübchen würde ich den ganzen Tag nur lächeln.“
Leo aus der Abteilung für „Spezialimporte“ kam an ihren Tisch. Er war ein kräftiger Mann mit dicken Fingern. „Der Tacker klemmt schon wieder“, brummte er, aber er meinte es nicht böse.
„Zeig mal her“, sagte Opal. Sie nahm den Tacker aus seinen großen Händen. Mit einem kurzen Klick reparierte sie ihn. „Hier bitteschön“, sagte sie mit einem Lächeln.
„Du bist meine Rettung“, sagte er und lächelte sie ehrlich an. Die Männer, die hier arbeiteten, mochten sie. Für sie war sie ein kleiner Lichtblick. In Wirklichkeit waren diese Männer Kriminelle und Schläger. Aber für Opal waren sie einfach nur Leo mit dem kaputten Tacker. Sie bemerkte die Waffen unter ihren Jacken nicht. Sie verstand auch nicht, worüber sie am Telefon sprachen. Für sie gab es nur Akten, Liefertermine und Büroklatsch.
Sie öffnete ihre Dose. „Kekse? Ich habe sie gestern Abend gebacken.“
Leo und ein paar andere nahmen sich dankend einen. Sie mochten diese kleine, unschuldige Frau. Sie brachte ein Stück Normalität in ihr gefährliches Leben. Opal ahnte nicht, dass sie in Wirklichkeit beim Schmuggeln half. Sie merkte nicht, dass die Fehler in den Rechnungen mit Geldwäsche zu tun hatten.
Der Tag verging, aber am Nachmittag änderte sich die Stimmung plötzlich.
Ein fremder Lastwagen hielt draußen an. Die Männer, die ausstiegen, sahen gefährlich aus. Sie wirkten viel härter als Leo und die anderen. Sie beobachteten alles ganz genau. Einer von ihnen hatte Tattoos am ganzen Hals. Er starrte Opal durch die Glastür lange an. Opal fühlte sich unwohl und schaute schnell wieder auf ihren Computer.
Wenig später hörte sie laute Stimmen aus dem Büro des Chefs. Es klang nach Streit, aber dann wurde es sofort wieder leise. Als sie eine Nachricht vorbeibringen wollte, hörten die Männer sofort auf zu reden. Die drei Männer im Büro lächelten sie an, aber es wirkte künstlich.
„Ist alles okay?“, fragte sie schüchtern.
„Alles bestens, Opal“, sagte Donato. Sein Lächeln wirkte aber sehr kühl. „Wir haben nur über Lieferzeiten diskutiert.“
Auf dem Rückweg hielt Leo sie kurz am Arm fest. „Hey, Opal? Vielleicht solltest du heute lieber früher Feierabend machen.“
Sie sah ihn verwundert an. „Aber meine Schicht geht doch noch drei Stunden. Gibt es ein Problem?“
„Kein Problem“, sagte er, aber sein Tonfall war schwer und ernst. „Ist nur… ein ruhiger Nachmittag. Wäre eigentlich ein guter Tag dafür.“
Sie lachte leise und verwirrt. „Und mir den Spaß entgehen lassen, die vierteljährlichen Transportlisten abzuheften? Das würde ich nicht wagen.“
Leos Miene verfinsterte sich, aber er hakte nicht weiter nach. Er nickte nur und ging weg. Er ließ sie mit einem flauen Gefühl der Verwirrung zurück.
Opal liebte ihren Job gerade deshalb, weil er stabil und ruhig war. Das passte zu ihrem Wesen. Konflikte machten ihr Angst. Laute, wütende Männer jagten ihr eine Heidenangst ein. Sie war noch nie in etwas Gefährlicheres verwickelt gewesen als einen Schnitt an einer Papierkante. Sie glaubte von ganzem Herzen an die friedliche Natur ihres Büroalltags. Sie hielt sich für völlig gewöhnlich, ein vergessenes Gesicht in der Menge. Jemand, der im Hintergrund des Lebens verschwand. Der Gedanke, dass sie für jemanden wichtig sein könnte – geschweige denn für gefährliche Leute interessant –, war ihr völlig fremd. Diese gewalttätige Welt existierte für sie einfach nicht.
Um kurz zur Ruhe zu kommen, machte sie ihre Nachmittagstee-Pause. Sie stand am großen Fenster im Pausenraum. Ihr Pferdeschwanz schwang sanft hin und her, während sie ihren Kamillentee umrührte. Sie blickte auf den Parkplatz hinaus. Sie atmete tief durch und spürte die Müdigkeit in ihren Schultern, aber auch ein Gefühl von Frieden. Das war ihr Leben. Ruhig. Vorhersehbar.
Draußen, von ihr unbemerkt, bogen zwei schwarze Vans ohne Fenster in die hinteren Ecken des Parkplatzes ein. Sie parkten lautlos und stellten die Motoren ab. Sie gehörten nicht hierher.
Das letzte Bild ihrer ruhigen Welt war eines von geordneter Unschuld. Sie kehrte an ihren Schreibtisch zurück und summte eine leise Melodie aus dem Radio. Sie fing an, die Stifte zu ordnen und die Akten zu einem perfekten Stapel zu stapeln. Die Sukkulente auf ihrem Schreibtisch, prall und fröhlich grün, schien zu zittern. Ein tiefes Grollen vibrierte durch den Boden. Es war ein fernes Donnern, das man eher fühlte als hörte.
Opals Summen verstummte. Ihre Hand hielt über einer Mappe inne. Sie horchte auf und legte den Kopf schief. In ihren großen braunen Augen spiegelte sich eine vage Angst wider. Die Luft im Büro hatte sich verändert. Sie war dick und elektrisch geladen.
Es war die Ruhe vor einem katastrophalen Sturm.
Die Welt bestand aus einer Tabelle. Opals Universum war auf das leuchtend grüne Gitter ihres Monitors geschrumpft. Sie konzentrierte sich darauf, Zahlen in die richtigen Spalten einzutragen. Eine Strähne ihres schwarzen Haares rutschte aus ihrem Pferdeschwanz und berührte ihre Wange. Sie schob sie gedankenverloren hinter das Ohr. Das sanfte *Klick-Klack* ihrer Tastatur war der vertraute Takt des Nachmittags. Um sie herum summte die übliche Büro-Symphonie. Brendas Telefon klingelte zweimal, bevor jemand abhob. Der Kopierer brummte und Leo murmelte leise über einen Lieferplan.
Dann ein neues Geräusch.
Es war nicht laut, aber es passte nicht hierher. Ein schwerer, dumpfer Schlag kam aus der Richtung der Lagerrampe. Es klang, als wäre ein Sack Getreide aus großer Höhe fallen gelassen worden. Dann folgte ein scharfes, metallisches Scheppern – war das die Tür? Die Geräusche an sich waren nicht beunruhigend, aber die Stille danach war es. Das Summen hörte auf. Das Gemurmel verstummte. Das Büro hielt den Atem an.
Ihr Stift über einer Lieferliste erstarrte mitten in der Bewegung.
„Was zur Hölle war das?“, murmelte Mark vom Spezialimport. Sein Stuhl knarrte, als er aufstand.
Leo war bereits auf den Beinen, seine Haltung war angespannt. „Hey! Alles okay da hinten?“, rief er in Richtung der verstärkten Tür zum Lager. Seine Stimme hallte in der plötzlichen Stille wider. Keine Antwort.
Ein kalter Schauer lief Opal über den Rücken. Sie stand langsam auf. Ihr Herz schlug schwer gegen ihre Rippen. Sie hatte noch keine Panik, war aber beunruhigt. War jemand verletzt? War ein Regal eingestürzt?
Sie machte einen zögerlichen Schritt hinter ihrem Schreibtisch hervor. Ihre weichen Sohlen waren auf dem Teppich lautlos. „Leo, soll ich –?“
Die Welt explodierte.
Die verstärkte Tür flog nicht einfach auf; sie wurde mit einem ohrenbetäubenden Getöse nach innen gesprengt. Maskierte Männer in Schwarz stürmten wie ein Insektenschwarm durch die Lücke. Sie bewegten sich mit brutaler Effizienz. Ihre Waffen – kurze, hässliche Gewehre – hielten sie bereits im Anschlag.
„Runter! Alle auf den Boden!“, brüllte einer von ihnen. Aber der Befehl war nur Formsache. Das Feuer wurde eröffnet, noch bevor er ausgesprochen hatte.
Das *Krach-Krach-Krach* war unerträglich laut. Opal schrie auf, doch ihr Schrei ging im Lärm unter. Sie ließ sich hinter ihren Schreibtisch fallen. Ihr Körper reagierte instinktiv. Papiere wirbelten durch die Luft und flatterten wie erbärmlicher Schnee um sie herum.
Das Chaos brach los. Brenda wurde gegen ihre Trennwand geschleudert. Eine Blutfontäne spritzte hinter ihr an die Wand. Mark zog eine Pistole aus seinem Hosenbund, aber er wurde sofort niedergestreckt. Sein Körper zuckte heftig, bevor er zusammenbrach. Das sichere Büro verwandelte sich in Sekunden in ein Schlachthaus. Die Luft wurde dick vom metallischen Geruch nach Blut und dem beißenden Gestank von Schießpulver. Die Männer, die sie kannte, wehrten sich, aber es war zwecklos. Die Angreifer waren gnadenlos und präzise.
Ein Schluchzen entriss sich Opals Kehle. Sie kroch über den Boden. Ihre Gliedmaßen zitterten so stark, dass sie sich kaum bewegen konnte. Tränen verschleierten ihre Sicht. *Kein Geräusch machen, nicht gesehen werden.* Sie krabbelte auf Händen und Knien an Brendas Körper vorbei. Sie steuerte auf einen schweren Aktenschrank in der Ecke zu. Sie war klein genug, um sich in die schmale Lücke dahinter zu quetschen. Sie rollte sich zusammen und machte sich so klein wie möglich.
Sie presste die Hände auf die Ohren, um das Sterben nicht zu hören. Schreie verstummten jäh. Kugeln zerfetzten Wände und Fleisch. Körper schlugen mit dumpfen Geräuschen auf dem Boden auf. Sie kniff die Augen zu. Aber ein schrecklicher Drang zwang sie, durch einen Spalt zwischen Schrank und Wand zu spähen.
Sie sah Leo, der in einer Ecke kauerte und einen Schreibtisch als Deckung benutzte. Er feuerte zweimal, und ein Maskierter fiel um. Dann schoss ihm ein zweiter Angreifer ins Bein. Leo schrie auf und stolperte. Ein dritter Mann trat ruhig heran und brachte ihn für immer zum Schweigen.
Opal flüsterte in die staubige Dunkelheit: „Bitte… bitte… nicht mehr…“ Ihr Pferdeschwanz hatte sich gelöst. Ihr Haar hing ihr wirr im Gesicht. Ihre kleine, geordnete Welt war nicht nur zerbrochen; sie war vernichtet worden.
Dann änderte sich etwas.
Das rhythmische Knallen der Schüsse stockte und hörte dann ganz auf. Das Brüllen der Angreifer wurde zu einem leisen, verwirrten Gemurmel. Ein neues Geräusch tauchte auf. Schwer und bestimmt. *Schritte.*
*Wumm. Wumm. Wumm.*
Sie waren langsam und ruhig. Jeder Tritt ließ die Dielen vibrieren. Eine neue Art von Terror packte Opal. Die Männer, die gerade noch getötet hatten, wirkten plötzlich unsicher. Sie richteten ihre Waffen auf den Haupteingang. Sie wichen zurück.
Opal hielt den Atem an. Sie wusste nicht warum, aber sie spürte mit jeder Faser ihres Körpers: Jetzt kam etwas noch Schlimmeres.
Die Flügeltüren am Haupteingang wurden aus den Angeln gerissen, als wären sie aus Papier. Er füllte den gesamten Türrahmen aus.
Kain.
Er trug keine Waffe. Er brauchte keine. Er war ein Koloss aus tätowierten Muskeln und unterdrückter Wut. Seine schwarzen Haare fielen ihm in sein steinernes Gesicht. Seine Augen sahen aus wie Obsidian, völlig ohne menschliches Gefühl. Er bewegte sich mit der Eleganz eines Raubtiers.
Er kämpfte nicht. Er vernichtete.
Ein Maskierter stürmte brüllend auf ihn zu. Kain wich nicht aus. Er packte den Arm des Mannes und drehte ihn mit einem ekligen Knacken um. Er nutzte den Schwung des Mannes, um ihn mit dem Kopf voran gegen die Wand zu rammen. Ohne zu warten, wandte er sich dem Nächsten zu. Zwei Männer feuerten auf ihn. Er zuckte kurz zusammen, wurde aber nicht langsamer. Er packte den Lauf eines Gewehrs und riss es nach oben, bis der Finger des Mannes im Abzugsbügel brach. Mit der anderen Faust schlug er ihm in die Kehle. Den zweiten Angreifer hob er einfach am Nacken und am Gürtel hoch. Mit einer schrecklichen Kraft zog er ihn auseinander. Ein grauenhaftes Reißgeräusch echote durch den Raum.
Opal starrte ihn durch ihre Tränen an. Ihr war schlecht vor Grauen. Doch sie konnte nicht wegsehen. Er war ein Monster, ein wahr gewordener Albtraum. Seine Tattoos schienen bei jeder Bewegung auf seiner Haut zu tanzen. Es war das Schrecklichste, was sie je gesehen hatte. Und doch war es majestätisch. Wie eine Naturgewalt – ein Hurrikan oder ein Waldbrand. Schön in seiner absoluten Wildheit. Eine perverse Faszination mischte sich mit ihrer Todesangst.
Als alles vorbei war, herrschte eine drückende Stille. Man hörte nur das Tropfen von Blut und Kains schweren Atem. Die Luft war geschwängert vom Geruch des Todes.
In diese Stille trat der Boss, Donato. Er stieg lässig über die Leichen hinweg. Seine Adleraugen suchten den Raum ab und prüften den Schaden. Ihm entging nichts. Und dann blieb sein Blick an ihr hängen.
Opal versuchte, sich noch tiefer in die Ecke zu drücken. Sie wollte eins mit der Wand werden. Sie kauerte da, staubig und tränenüberströmt, mit vor Schreck geweiteten Augen. Er blickte von ihr zum Gemetzel und wieder zurück.
Er durchquerte den Raum. Seine polierten Schuhe hinterließen Abdrücke im Blut. Sein Schatten fiel auf sie, kalt und unerbittlich.
„Du“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Was ist deine Aufgabe hier?“
Opal schluchzte heftig. „Ich… ich bin nur die Empfangsdame. Ich weiß nichts… bitte, ich gehe nur ans Telefon…“
Er grinste kalt. „Ganz bestimmt.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme. „Wem unterstehst du? Was hast du heute vor alldem gesehen?“
Sie plapperte drauf los und erzählte von den fremden Männern und den Vans. Sie nannte alles, was ihr einfiel. Doch es war nichts Wichtiges. Das sah er sofort.
Dann wanderte sein Blick über ihre Schulter und sein Grinsen wurde breiter. „Du hast Angst vor ihm“, murmelte er. Er war so nah, dass sie sein teures Parfum riechen konnte.
Sie folgte seinem Blick. Kain stand völlig reglos da. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Seine Knöchel waren blutig. Aber seine dunklen, wilden Augen waren auf sie gerichtet. Nicht auf den Boss. Auf *sie*. Sie fühlte diesen intensiven Blick wie ein körperliches Gewicht. Er schnürte ihr die Kehle zu und ließ ihr Herz rasen. Sie konnte nicht wegsehen.
Donato bemerkte es auch. Er sah den besitzergreifenden Hunger in den Augen seiner Bestie. Er sah, wie das Mädchen trotz ihrer Angst wie gebannt war.
Er richtete sich langsam auf. Er sah abwechselnd zu Kain und in Opals tränenreiches Gesicht. Ein grausames Verständnis blitzte in seinen Augen auf.
Er grinste.
„Bring sie mit“, sagte er. Der Befehl klang fast beiläufig, war aber absolut.
Opals Wimmern klang gebrochen. „Nein – bitte – ich weiß nichts! Bitte lassen Sie mich gehen!“
Aber die Entscheidung war gefallen.
Kain kam auf sie zu. Sie wich zurück, bis sie gegen die kalte Wand stieß. „Nein… nein…“, schluchzte sie.
Er bückte sich und verdeckte mit seiner massigen Gestalt das Licht. Seine riesige, schmutzige Hand packte ihren Unterarm. Sein Griff war wie aus Eisen – fest, aber noch nicht brutal. Sie schlug mit ihrer freien Hand gegen seine Brust. Ihre kleinen Fäuste bewirkten gegen diesen Berg von Muskeln gar nichts. „Hör auf! Lass mich los!“
Er reagierte nicht. Mit einer mühelosen Bewegung hob er sie hoch und warf sie sich über die Schulter. Die Welt stand kopf. Ihr Haar, das nach Kamille und Aprikose duftete, fiel herab. Die seidigen Strähnen berührten seinen Bartstoppel und seinen Nacken.
„Nein! Bitte!“, schluchzte sie. Ihr Widerstand wurde schwächer, als die Verzweiflung sie packte.
Kain passte seinen Griff an. Seine Hand lag breit auf der Rückseite ihrer Oberschenkel. Er atmete tief ein. Der Duft war berauschend. Blumen. Früchte. Angst. Und in diesem Moment spürte er es – ein heißes Ziehen tief in seinem Inneren. Ein urzeitlicher, besitzergreifender Funke, den er noch nie gefühlt hatte. Etwas in ihm, das lange geschlafen hatte, riss auf und erwachte.
***Blackout.***