Kapitel Eins
——— FREYA ———
In Stockholm war es an diesem dunklen Novemberabend still. Es war diese Art von Ruhe, bei der die Luft nach Regen und feuchten Blättern roch und der Asphalt unter den Straßenlaternen schwarz glänzte.
Freya saß eingekuschelt auf dem Sofa. Sie hatte sich eine Decke umgelegt und ihr Zwergspitz Winston schnarchte leise an ihrem Bein. Auf dem Couchtisch stand ein halbvolles Glas Rotwein neben dem Buch, das sie eigentlich lesen wollte. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Sie war erschöpft, aber es war eine Müdigkeit, gegen die auch Schlaf nicht half.
Hinter ihr lag eine weitere harte Woche bei Kaiza. Sie war schon bei der Modemarke dabei, als die Firma noch aus fünf Leuten in einem zugigen Keller in Södermalm bestand. Inzwischen war es der Name in Stockholm – schick, urban und einfach cool. Die Marke hatte mittlerweile Flagship-Stores in London, Paris und Berlin.
Als Marketingleiterin jonglierte Freya gerade mit der Eröffnung in New York, ihrem ersten Laden in den USA. Außerdem stand der Dreh für die Kampagne an, mit der alles losgehen sollte. Es war pures Chaos, aber positiver Stress. Ein Stress, der ihren Puls beschleunigte und dafür sorgte, dass sie viel zu viel Kaffee trank.
Sie hatte sich die ganze Woche auf diesen Abend gefreut. Nur sie, eine Decke und der Luxus, einfach gar nichts zu tun. Alexander war bei einem Geschäftsessen mit der Kanzlei – mal wieder so ein Networking-Marathon. Zuerst war sie über die Ruhe froh gewesen.
Doch jetzt war es nach Mitternacht und die Stille fühlte sich bleischwer an. Das flaue Gefühl in ihrem Magen wurde mit jeder Minute schlimmer. Er hatte gesagt, dass er um zehn zu Hause sein würde.
Ihr Handy fing an zu vibrieren.
Sie warf einen Blick auf das Display – Alexander. Erst spürte sie Erleichterung, dann Ärger. Sie wollte erst gar nicht rangehen, aber ihr Daumen drückte wie von selbst auf den Bildschirm.
„Hallo?“ Keine Antwort. Nur... Geräusche.
Das Lachen einer Frau. Nicht seins.
Ein tiefes, weibliches Stöhnen – die Sorte, die nach purer Lust klingt.
Freya erstarrte. „Alex?“, fragte sie.
Eine andere Stimme. Diesmal seine, leise und gedämpft durch Stoff. „Ja, Babe... ohhh... du bist so eng.“
Ihr sackte das Herz in die Hose. Am anderen Ende veränderten sich die Geräusche – ein leiser Schlag, das Rascheln von Stoff, ein atemloses Seufzen, das nicht von ihr kam.
Sie saß völlig starr da. Ihr Herz raste und ihre Hand zitterte. Das durfte nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Nicht so.
„Alexander?“ Ihre Stimme brach. Die Geräusche verstummten kurz, dann folgte ein unterdrücktes Lachen. Ein rhythmisches Klatschen fing an, gemischt mit lautem Stöhnen.
„Schrei für mich, wenn du kommst, Mads.“ Alex’ Stimme klang außer Atem und fern.
Die Verbindung brach ab.
Freya saß wie versteinert auf dem Sofa. Sie starrte lange auf das Handy, als ob es ihr eine Erklärung liefern könnte.
Winston rührte sich und hob den Kopf. Er wedelte unsicher mit dem Schwanz gegen das Kissen. „Alles gut“, flüsterte sie ihm zu, obwohl ihr das Blut in den Ohren rauschte. „Das ist bestimmt... ich weiß auch nicht. Ein Versehen.“
Sie ging den Anruf im Kopf immer wieder durch. Doch egal wie sehr sie versuchte, es sich schönzureden – schlechter Empfang, falsche Nummer, ein Streich – sie musste immer an diesen einen Ton denken. Seine Stimme. Sanft. Vertraut. Das Lachen dieser Frau namens Mads. Das Geräusch, wie sie Sex hatten. Und dann seine Worte. Er hatte Freya früher dasselbe gefragt – er liebte es, wenn sie beim Sex laut war.
Ihr schnürte sich die Kehle zu und Tränen schossen ihr in die Augen. Er hatte versprochen, ihr das nie wieder anzutun, aber das war wohl nichts wert. Sie rief zurück. Einmal. Zweimal. Niemand ging ran.
Schließlich tippte sie:
Ich glaube, du hast mich aus Versehen angerufen. Kannst du zurückrufen, wenn du Zeit hast?
Nach einer Weile erschienen drei Punkte, dann verschwanden sie wieder. Sie wartete. Minuten vergingen. Nichts. Freya legte das Handy weg und stand auf. Sie lief unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Draußen fing es an zu regnen und dicke Tropfen liefen die Scheiben hinunter.
Irgendwo unten knallte eine Autotür zu, jemand lachte. Die Welt drehte sich ganz normal weiter, während ihre eigene Welt gerade aus den Fugen geriet.
Sie setzte sich wieder aufs Sofa und nahm Winston in den Arm. Seine dunklen Augen beobachteten sie genau und seine feuchte Nase stupste gegen ihre Wange. Er merkte immer sofort, wie es ihr ging. Er leckte ihr ein paar Mal über die Hand, seufzte und rollte sich wieder zusammen, während sie ihm gedankenverloren durch das Fell strich.
Es war nicht das erste Mal, dass sie an Alexander oder seiner Liebe zweifelte. Genau so hatte sie sich an jenem Wintertag vor zwei Jahren gefühlt. Damals hatte sie Unterwäsche in seiner Tasche gefunden. Rote Spitze, ein Hauch von Nichts. Und ein Zettel, auf dem stand:
Ich kann es kaum erwarten, dass du mir das Teil vom Leib reißt...
Das war das erste Mal, dass ihre Welt zerbrach. Nach fast einem Jahr Paartherapie, verheulten Versprechen und ihrem verzweifelten Glauben an eine zweite Chance hatte sie ihn zurückgenommen.
Wie dumm sie gewesen war. Und wie dumm sie sich jetzt vorkam.
Immer wieder hatte sie bemerkt, wie sein Blick abschweifte – selbst wenn er bei ihr war. Aber sie hatte sich eingeredet, dass die Liebe stärker sei. Dass sie beide stärker seien. Denn natürlich liebte sie ihn. Oder?
Das Handy vibrierte wieder. Sie schreckte zusammen.
Eine Nachricht von Alexander:
Sorry. Das Essen hat ewig gedauert und jetzt bin ich noch mal im Büro und arbeite. Wart nicht auf mich – bis morgen!
Kein Anruf. Keine Erklärung. Einfach nur das.
Freya starrte auf die Nachricht, bis der Bildschirm schwarz wurde. Dann legte sie das Handy mit dem Display nach unten weg.
„Klar. Du bist im Büro“, flüsterte sie.
Winston hob den Kopf, als sie sich das Handy erneut schnappte. Ihr Puls raste und ihre Finger zitterten.
Wenn du im Büro bist, bist du nicht allein. Ich habe dich mit „Mads“ gehört.
Drei Punkte erschienen – und verschwanden wieder.
Freya, wovon redest du? Was glaubst du gehört zu haben? Du steigerst dich da in was rein.
Ihr schnürte sich die Kehle zu, während sie tippte.
Du hast „Mads“ gesagt, sie soll deinen Namen schreien.
Die Sprechblase tauchte auf, stoppte, und tauchte wieder auf. Jetzt musste ihm klar sein, dass sie sich nicht irrte – sie wusste es. Endlich kam etwas:
Freya... es tut mir so leid. Schatz, bitte. Lass es mich erklären. Ich komme sofort nach Hause.
Sie starrte auf die Worte, bis alles vor ihren Augen verschwamm.
NEIN!! Ich will dich gerade nicht sehen. Wage es ja nicht, heute Nacht nach Hause zu kommen.
Lange Zeit passierte gar nichts. Dann kam noch eine Nachricht – kurz und besorgt.
Bitte, Schatz. Ich liebe nur dich und sonst niemanden. Das war ein schrecklicher Fehler. Tu nichts Unüberlegtes.
Bitte, lass uns morgen reden. Wir kriegen das wieder hin!
Sie legte das Handy wieder mit dem Gesicht nach unten weg. Ihre Brust fühlte sich eng an, ihr Herz pochte bis zum Hals. Draußen regnete es jetzt fester und hinterließ silberne Spuren auf den Fenstern.
Winston kam herübergetrottet und stupste mit der Nase gegen ihr Bein. Sie beugte sich hinunter und drückte ihre Stirn in sein Fell. „Lass uns nicht so viel nachdenken, okay?“, flüsterte sie. „Morgen erklärt er es mir. Dann ergibt alles einen Sinn.“ Aber während sie das sagte, glaubte sie sich selbst nicht.
Stunden später lag sie im Bett. Winston hatte sich wie eine kleine, treue Wärmflasche an ihre Füße gekuschelt. An Schlaf war nicht zu denken. Ihre Gedanken kreisten im Dunkeln immer wieder um dasselbe. Dann vibrierte ihr Handy auf dem Nachttisch. Eine SMS von einer unbekannten Nummer. Sie blinzelte benommen auf das Display.
Hallo Freya. Ich denke, wir müssen reden. Es geht um Alexander.
Freyas Magen verkrampfte sich, als sie antwortete.
Tut mir leid – wer ist da?
Mein Name ist Madeline. Ich arbeite mit ihm bei Norberg & Co zusammen.
Die Worte machten sie schlagartig hellwach. Madeline. Ihr Gehirn krallte sich an dem Namen fest, bis es Klick machte. Die Empfangsdame. Die mit den langen Beinen, den goldblonden Haaren und dieser perfekten Schönheit, die nie aus der Fassung zu geraten schien. Die Sorte Frau, bei der Alexanders Blick immer eine Sekunde zu lange hängen blieb.
Freyas Mund wurde ganz trocken. Mads. Das war der Name, den sie bei dem versehentlichen Anruf gehört hatte.
Ihr erster Reflex war, die Nachricht zu löschen. Sie wollte die Augen schließen und so tun, als hätte sie nichts gesehen. Aber dieses bohrende Gefühl in ihrem Bauch, das sie schon die ganze Nacht quälte, ließ sie zurückschreiben.
Was ist mit ihm?
Eine Pause entstand. Dann tauchten drei Punkte auf.
Kann ich dich anrufen? So lässt es sich einfacher erklären.
Freya starrte auf den Bildschirm. Ihr Puls hämmerte in ihren Ohren. Sie zögerte nur einen Moment, dann tippte sie:
Okay.