Kapitel 1
„Dad, ich werde dich vermissen“, flüsterte Orabella, während sie auf den geschlossenen Sarg starrte. Alle anderen hatten den Friedhof schon vor Stunden verlassen. Sie war allein und völlig verweint.
Schließlich erhob sie sich aus ihrer knienden Haltung und ging zu ihrem Auto. Auf dem kurzen Weg kamen ihr Bilder vom Tod ihres Vaters in den Kopf. Das arme Mädchen drohte fast den Verstand zu verlieren, während sie versuchte, die quälenden Gedanken zu verdrängen.
Ihr Handy gab einen Ton von sich. Sie hatte eine SMS bekommen. Orabella starrte mit verschwommenem Blick auf die Nachricht von ihrer Mutter. Sie legte die Stirn in Falten, als sie las: Ich will, dass du sofort bei mir einziehst.
Orabella erinnerte sich noch genau daran, wann sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen hatte. Sie versuchte immer, nicht daran zu denken. In ihren Augen war ihre Mutter ein schrecklicher Mensch. Doch obwohl sie nicht gehen wollte, hatte sie keine Wahl. Mit achtzehn Jahren ging sie noch zur Schule. Es wäre nicht leicht, jetzt schon völlig auf eigenen Beinen zu stehen. Sie brauchte immer noch die Hand eines Erwachsenen, die sie ins Berufsleben führte.
In der letzten Woche hatte sie Mühe gehabt, die Rechnungen zu bezahlen und allein klarzukommen. Sobald die Wasserrechnung bezahlt war, hatte Orabella kein Geld mehr übrig. Sie konnte nicht einmal die Hypothek bedienen. Eine weitere Nachricht erschien auf ihrem Display und zeigte eine Adresse. Sie biss sich auf die Unterlippe und blickte noch einmal zu ihrem Vater zurück. Sie konnte ihn zwar nicht sehen, aber das Wissen, dass er in diesem Sarg lag, ließ ihr Herz schmerzen. Nachdem sie einen Moment in völliger Stille dastehen geblieben war, fuhr Orabella schließlich los.
Es war ein ganzes Jahrzehnt her, seit sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen hatte. Der einzige Grund für die Trennung ihrer Eltern war, dass ihre Mutter ständig auf Drogen war und ihren Vater betrogen hatte. Nach der Scheidung erhielt Orabellas Vater das alleinige Sorgerecht. Er wollte nicht, dass die Zukunft seiner Tochter ruiniert wurde. Seit diesem Tag hatte sie ihre Mutter nie wiedergesehen.
Als sie bei ihrem Haus ankam, klebte ein Schild mit der Aufschrift „Zwangsversteigerung“ im Garten. Orabella stieg schnell aus und rannte zur Haustür. Sie drehte am Knauf, aber die Tür war verschlossen.
„Was zum Teufel soll das?“, flüsterte Orabella völlig verwirrt. Sie hatte nicht einmal eine Benachrichtigung bekommen. Zumindest hätten sie ihre Kleidung nach draußen stellen können. Das war alles, was sie aus dem riesigen Haus noch holen wollte. Sie stöhnte laut auf und trat frustriert gegen die Tür. Sie vermisste ihren Dad. Er hätte gewusst, wie man mit dieser Situation umgeht, und sie wünschte sich, er wäre hier, um ihr zu helfen.
Ihr Handy piepte erneut. Es war eine weitere Nachricht von ihrer Mutter. Sie ging zurück zu ihrem Auto und stieg ein. Sobald sie saß, schrieb sie zurück: Ich bin auf dem Weg.
Orabella steckte den Schlüssel ins Zündschloss und fuhr los. Sie trauerte immer noch um ihren Vater und musste in jedem Moment an ihn denken. Erinnerungen suchten sie heim. Sie lächelte, als sie an sein Lachen dachte. Er hatte sie über alles geliebt und sie wusste, dass sie so eine Liebe nie wieder finden würde. Das machte sie noch trauriger und sie fühlte sich erbärmlich. Dann musste sie lachen, als sie an ihre Streitereien dachte. Es ging meistens darum, dass sie zu spät nach Hause kam oder mit den falschen Leuten abhing.
Nach einer sehr langen Fahrt schaute Orabella auf ihr Handy. Sie wollte sichergehen, dass sie die richtige Adresse hatte. Ihr klappte die Kinnlade herunter, als sie vor dem Haus ankam. Das war kein bescheidenes Heim, sondern eine wunderschöne Villa. Der Luxus sprang ihr förmlich ins Gesicht. Eine Sache gefiel ihr sofort: Das Haus lag völlig isoliert. Bäume umgaben das riesige Grundstück, sodass kein Fußgänger einfach vorbeilaufen konnte.
Der Anblick einer Frau, die aus der Tür und auf Orabellas Auto zulief, erschreckte sie ein wenig. „Orabella!“, hörte sie die Frau rufen. Orabella öffnete die Autotür und wurde sofort fest umarmt. „Ich habe dich so vermisst! Du bist so groß geworden!“, rief die Frau aus, als sie sie wieder losließ.
Orabella lächelte sie verlegen an. „Erinnerst du dich nicht an mich?“, fragte die Frau. Orabella sah sie sich genau an. Sie bemerkte das dunkelbraune Haar, das ihr in Wellen den Rücken hinunterfiel, und die stechend grauen Augen, die genau wie ihre eigenen aussah.
„Meine Mutter, richtig?“, fragte sie.
Die Frau nickte und ein breites Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Komm rein! Ich will, dass du meinen Mann kennenlernst.“ Diese Worte linderten den Schmerz in ihrem Herzen nicht. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater keine andere Frau auch nur angesehen hatte, weil er ihre Mutter immer noch liebte. Es erstaunte sie einfach, dass ihre Mutter schon wieder glücklich verheiratet war und völlig nüchtern wirkte.
Ihre Mutter öffnete die Flügeltüren. In dem Moment, als Orabella eintrat, schrie alles nach Reichtum. Überall in der Villa waren Dienstmädchen und Wachen. Sie blickte misstrauisch um sich. „Wer ist dein Mann?“, fragte Orabella, woraufhin ihre Mutter sichtlich erstarrte.
„Das wirst du gleich sehen“, flüsterte ihre Mutter nur. Sie packte Orabella am Arm und zog sie in Richtung eines Büros. Die Wände waren dunkelrot, fast schwarz, und passten gut zum Marmorboden. Im Vorbeigehen bemerkte Orabella, dass die Dienstmädchen die Köpfe gesenkt hielten. Sie konnte auch einen blauen Fleck auf der Wange eines Mädchens nicht übersehen. Die Wachen trugen alle eine Waffe, während sie durch das Haus patrouillierten.
Was zum Teufel ist das hier?
Sie sah wieder zu ihrer Mutter, als diese an eine Tür klopfte.
„Herein.“ Eine dunkle, faszinierende Stimme rief von drinnen. Sie sah zu, wie ihre Mutter den Knauf drehte und die Tür aufstieß.
Das Erste, was Orabella auffiel, war eine lange Narbe an seinem Auge. Sie zog sich von der Augenbraue bis zur Lippe. Er hatte schwarzes Haar und Augen, die nach Gefahr schrien. Als er aufblickte, lächelte er seine Frau an, bevor sein Blick auf Orabella fiel.
Er erhob sich und schob den Stuhl an den tiefschwarzen Schreibtisch. „Ist das die reizende Tochter?“, fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Mutter lächelte ihn an und stellte sich neben ihn.
„Das ist sie. Orabella, das ist mein Mann, Angelo Romano“, stellte ihre Mutter ihn vor. Orabella sah ihn an und spürte, wie sie vor seinem kalten Blick leicht zitterte. Er streckte die Hand aus und sie legte ihre kleine Hand hinein, um sie zu schütteln.
„Schön, dich kennenzulernen. Deine Mutter hat schon viel von dir erzählt“, sagte er mit einem Lächeln.
Orabella lächelte ihn an und sah sich dann verlegen im Raum um. Sie hörte ihn leise lachen, was sie sofort wieder zu ihm aufblicken ließ. „Du kannst hier bleiben, solange du willst. Der Verlust deines Vaters tut mir aufrichtig leid“, sagte er mitfühlend.
Sie bemerkte seinen Akzent. Jedes Wort, das er sprach, klang völlig emotionslos. Sie sah zu ihrer Mutter hinüber, die immer noch lächelte. Es wirkte so, als hätte sie ihr ganzes Leben lang von diesem Moment geträumt.
„Ja, mir auch“, antwortete Orabella im selben monotonen Tonfall wie er. Die Stimmung im Raum war seltsam. Man spürte Gefühle, die keiner von ihnen offen zeigen wollte.
„Ich kann nicht glauben, dass du wirklich hier bist“, sagte ihre Mutter. Sie ging auf Orabella zu, um sie noch einmal zu umarmen. Orabella tätschelte ihrer Mutter verlegen den Rücken und löste sich dann aus der Umarmung.
„Ich lasse dich von Valerio in dein Zimmer bringen“, sagte Angelo, während er hinter seinen Schreibtisch zurückkehrte. In diesem Moment betrat ein Mann den Raum. Er hatte blondes Haar, blaue Augen und eine markante Kinnpartie. Er lächelte Orabella an und nickte in Richtung Tür. Sie verstand den Wink und ging los. Draußen blieb sie jedoch kurz stehen, als sie Angelos Stimme hörte.
„Sie wird perfekt für ihn sein“, hörte sie ihn murmeln. Unbewusst kniff sie die Augen zusammen und versuchte zu begreifen, von wem er sprach.
„Hab ich dir doch gesagt“, antwortete ihre Mutter.
„Hoffen wir einfach, dass ihm sein Geschenk gefällt.“
Orabella war kurz davor, die Tür wieder aufzureißen. Sie hielt sich jedoch zurück, als Valerio sie an der Schulter berührte. Sie gingen eine Treppe hinauf in ein riesiges Schlafzimmer. Als sie das Zimmer betrachtete, merkte sie, dass alles genau nach ihrem Geschmack eingerichtet war.
In der Ecke stand ein riesiges Sofa und in der Mitte ein großes Kingsize-Bett. Sie ging in den begehbaren Kleiderschrank und sah Sachen, die genau ihre Größe hatten. Es gab sogar Schubladen voller teurem Schmuck, der nur für sie bestimmt war. Sie konnte nicht verstehen, woher sie ihre Maße kannten. Alles war absolut perfekt, und das machte die Sache nur noch verwirrender.
„Ich bin unten, falls du mich brauchst“, sagte Valerio. Sie sah ihn an, und in ihrem Blick stand die ganze Verwirrung. Er schenkte ihr ein Lächeln und ging zur Tür.
„Warte. Ich... ich muss nach Hause. Ich k-kann nicht hierbleiben“, sagte sie, während Angst in ihr aufstieg. Sein Blick wurde für eine Sekunde weich, bevor er wieder hart wurde.
„Das kannst du nicht“, sagte er.
Sie zog die Augenbrauen wütend zusammen. Sie verstand nicht, was hier eigentlich vor sich ging. Sie kramte in ihren Taschen nach ihren Schlüsseln, aber sie waren weg.
„Was meinst du mit ‚ich kann nicht‘?“, fragte sie ihn.
„Wenn du einmal hier bist, kannst du nicht mehr gehen. Zumindest nicht, bis unser Boss nach Hause kommt“, erklärte er ihr, bevor er aus dem Zimmer ging. Orabella sah sich im Raum um und bemerkte, dass die Tür nicht abgeschlossen war.
In dem Moment, als sie die Tür aufriss, bereute sie es sofort. Vor ihr stand ein Mann. Er sah noch beängstigender aus als Angelo. Tätowierungen bedeckten fast jede sichtbare Stelle seines Körpers, außer seinem Gesicht. Seine blauen Augen wirkten dunkel und furchtlos. Er sah mit einem Grinsen auf Orabella herab.
„I-I-Ich“, versuchte sie zu sagen, aber sie brachte kein Wort heraus, während sie den Mann anstarrte. Sein Anzug brachte seine beeindruckenden Muskeln gut zur Geltung. Sie war so von seinem Aussehen gefesselt, dass sie gar nicht bemerkte, wie er die Tür noch weiter aufstieß.
„Orabella, richtig?“, fragte er. Die Art, wie er ihren Namen aussprach, war anders. Es klang besser als bei jedem anderen zuvor. Sein italienischer Akzent war deutlich und tief, fast schon erregend. Sie merkte zwar nicht, wie ihre Fotze feucht wurde, und sie zitterte auch nicht. Orabella hatte einfach nur schreckliche Angst vor allem, was nach diesem Tag noch kommen sollte.
„W-Wer sind Sie?“, rief sie verzweifelt aus und versuchte, an ihm vorbeizukommen. Er grinste wieder verschmitzt.
„Vincenzo.“