Prolog
In manchem Ende liegt erst der Anfang, den wir wirklich brauchen.
–Eine Feststellung, die jeder einmal macht–
Es war anstrengend; seit Jahren wurde es immer mühsamer. Mein Clan und ich reisten als fahrende Künstler durch die fünf Kontinente. Da war Lelissa, die in den Höhen erst ihr Zuhause gefunden hatte, Lemor, der mit Messern besser umgehen konnte als mit Worten, und Sela, die mit ihrer hinreißenden Stimme alle verzauberte. Aber nicht nur darstellende Künstler waren in unserer großen Familie zu finden. Meine Zwillingsschwester konnte die innersten Wünsche, die stärksten Sehnsüchte, erkennen, wenn sie sich nur tief genug in das Selbst des anderen fallen ließ. Für sie war das immer sehr kräftezehrend, aber dementsprechend konnte sie auch viel für ihre Dienste verlangen, auch wenn vieles, was sie erzählte, nur frei erfunden war. Ich selbst besaß eine Gabe für die Heilung. Nur ganz schwach, aber sie war da.
Unsere besonderen Fähigkeiten hatten wir von unserem Vater vererbt bekommen. Er war eine Seeli. Auch wenn der Begriff Unseeli menschengemacht ist und nur eine Beschreibung des Charakters einiger Seeli, würde er dennoch uneingeschränkt auf unseren Erzeuger passen. Oder wie sollte man sonst einen Mann nennen, der ein Menschenmädchen, das die Schwelle zur Frau noch nicht ganz überschritten hatte, vergewaltigt? Meine Gabe wirkte nicht wie die meiner Schwester; vielmehr besaß ich ein besonderes Verständnis für die Pflanzenwelt und ein natürliches Gespür dafür, wofür ich sie verwenden konnte.
Früher, als meine Schwester und ich noch jung waren, wurden wir aufgrund unseres Blutes verachtet und ausgestoßen. Erst in den Clans fanden wir eine wirkliche Familie. Dort zählt nicht, wo du herkommst oder was du getan hast. Es ist nur wichtig, was du tust, was du tun wirst und wie du dich verhältst. In den Clans gelten nur die Regeln des Clans, und niemand wird ausgeschlossen. Wer den Clan nicht verrät oder schädigt, hat immer einen Ort, an den er zurückkehren kann.
Der kühle Regen war bereits vor Stunden durch meine Kleidung gedrungen, und wir alle wollten nur noch, dass der Tag zu Ende ging. Es war kein heftiger Regen wie noch vor wenigen Stunden, sondern eher ein leichter Nieselregen. Unsere Wagen fuhren durch tiefe Pfützen, die den Weg säumten, und Schlamm, Matsch und Wasser flogen durch die Luft. Aus Erfahrung wusste ich, dass in etwa fünf Minuten ein geeigneter Lagerplatz kommen würde – auf einem großen Findling, der bereits seit Generationen von den unterschiedlichsten Clans genutzt wurde.
Als Semir das Zeichen zum Anhalten gab, stellten sich alle in einem großen Kreis um die alte Feuerstelle auf. Wir würden wohl ein oder zwei Wochen hierbleiben und dann weiterziehen. Es war immer die gleiche Prozedur. Nach gut 60 Jahren bei den Clans kannte ich fast jeden Schritt, der jetzt kommen würde, auswendig. Semir würde einige zum Jagen losschicken, andere würden Feuerholz suchen, und der Rest würde das Lager errichten. Meine alten Knochen und Gelenke waren weder für das eine noch für das andere wirklich geeignet.
Ich wartete, bis die ersten unter der Leitung von Lemor und Tisha das Lager verlassen hatten. “Ich werde mich auf die Suche nach Kräutern in Richtung der Höhlen am Fluss machen. Bei diesem Regen würde es mich nicht wundern, wenn einige sich erkälten, insbesondere die Kinder, die noch nicht genug vom Regen bekommen haben.”
Ein leichtes Schmunzeln war zu erkennen, und als er sprach, konnte man die Freude auch in seiner Stimme hören. “Kannst du es ihnen verübeln? Nachdem wir eineinhalb Mondzyklen durch die phalenischen Wüsten gereist sind?” “Nein, wie könnte ich? Ich mochte diese Wüste auch nie. Dennoch dürfen sich einige trotz ihrer Freude erkälten, und meine Kräutervorräte sind fast erschöpft.” “Du und deine Pflanzen. Aber ja, du kannst gehen, pass auf dich auf. Ich will nicht noch jemanden in so kurzer Zeit zu den Ahnen schicken müssen.”
Eine noch nicht ganz verheilte Wunde – das wird sie wohl nie ganz. Unsere Abfahrt vor drei Monaten war sehr hektisch gewesen. Der südliche Kontinent hatte den drei Königreichen Phalenien, Rosan und Tremur den Krieg erklärt und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Tremur angegriffen. Anscheinend waren diese Pläne nicht neu, und Verräter und Spione hatten sich bereits vor Jahren eingeschlichen. Denn was sind schon ein paar Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte für einen unsterblichen Seeli im Vergleich zu einem Menschen? Viele hatten bereits in mehreren Kriegen gekämpft, zuletzt gegen den verstorbenen König Esakril und Lord Zenthaph. Doch nach diesem kam der Frieden für die drei Königreiche. Sie gediehen in Freundschaft und Vertrauen – etwas, das es bis dahin noch nie gegeben hatte.
Während unserer Flucht wurde unser Clan in zwei Gruppen getrennt, und Semirs Bruder wurde schwer verletzt. Er starb, bevor er zu mir gebracht werden konnte. Es waren von Vorwürfen geprägte Tage, bis sich alles einigermaßen normalisierte und wir weitergereist sind.
“Möge Hasimer den Frieden und die Freude bei seinen Ahnen finden, die er in dieser Welt nicht gefunden hat.” “Und mögen wir uns immer an ihn erinnern, so wie wir wollen, dass sich an uns erinnert wird,” beendete Semir den alten Spruch mit Tränen in den Augen. Sein Blick richtete sich in den Himmel, als ob er dort ein Zeichen seines Bruders suchen würde.
Ich drehte mich von ihm weg; dies war allein sein Moment, und ich schlang meinen Mantel noch fester um mich, um wenigstens etwas Wärme zu finden. Meine Schritte führten mich aus dem Lager durch die Baumgrenze hin zu den dichten Zonen des Waldes.
An einer alten Eiche fand ich eine Akelei, die sich an dem Baum hochrankte, und deren roséfarbenen Blüten einen süßlichen Duft absonderten. Die getrockneten Blüten versüßten die sonst oft so bittere Medizin, damit die Kinder sie auch nahmen, ohne dass sie einen Aufstand machten. Ich musste schmunzeln, zum Glück konnte ich mich noch daran erinnern, wie die fünfjährige Lelissa alle vom Schlafen abgehalten hatte. Sie hatte einen schrecklichen Husten, wollte aber unter keinen Umständen meinen Trank trinken, da er ihr zu bitter war. Damals hatte der halbe Clan die Gegend abgesucht, bis jemand eine Akelei gefunden hatte. Noch heute wird Lelissa gerne mit dieser Geschichte aufgezogen.
Ich hatte gerade Morcheln aus feuchter Erde gegraben und säuberte meine Hände an den Rockschößen. Währenddessen ging ich durch, was ich bereits alles gesammelt hatte und was noch fehlte, um auf alles vorbereitet zu sein. Baldrian gegen Kopfschmerzen, Beifuß für die schnellere Wundheilung, Ringelblumen, um Entzündungen zu verhindern, Kamille, um die Schmerzen während der Mondphasen einer Frau zu lindern, Salbei für die Mundhygiene …
Es fehlten nur noch die Pflanzen, die nahe am Fluss wuchsen, der in etwa einer Meile kommen würde. Fast schon konnte ich das Rauschen hören, das durch das Wasser entstand, das sich an das Ufer drängte.
Als ich an der Baumgrenze stand, roch ich es zunächst nur: leicht säuerlich-muffig, wie bei einer alten Wunde. Es war kein schöner Geruch, und all meine Nackenhaare stellten sich auf. Das letzte Mal, dass ich diesen Geruch gerochen hatte, musste ich Hasimer den halben Arm abnehmen. Der dumme Junge hatte sich in einer rostigen Falle verletzt und anstatt sofort zu kommen, hatte er seinen Ausflug mit seinem Bruder fortgesetzt. Und hier war der Geruch fast noch intensiver.
Ich ließ meinen Blick wandern, sah zunächst nichts, was auf eine verletzte Person hindeutete. Ich stellte meinen Korb ab und trat langsam weiter aus dem Schatten der Bäume, bis ich vollkommen ungedeckt dastand. Dort, zwischen den Ästen eines in den Fluss gestürzten Baumes, fand ich tatsächlich, was ich suchte.
Mit festen und sicheren Schritten ging ich zu der Wurzel des Baumes. Ich konnte dieser armen Seele helfen – ich musste es sogar, sonst würde ich es mir mein Leben lang vorwerfen. Die Rinde war glitschig und teilweise gar nicht mehr vorhanden, aber ich hangelte mich von Ast zu Ast, teilweise auf allen vieren. Mehr als einmal wäre ich fast in den Fluss gestürzt. Als ich in den Zweigen der Krone angekommen war, sah ich sie zum ersten Mal. Es war ein Mädchen, höchstens zwölf Sommer alt, über und über mit Blut bedeckt.
Als ich versuchte, das Mädchen aus dem Wasser zu holen, schaffte ich es nur, dass sie erneut von der Strömung ergriffen wurde und mich mit sich zog. Das kalte Wasser zog und zerrte an uns, und auch meine Kleidung versuchte, uns auf den Grund zu ziehen. Das Rauschen des Wassers übertönte all meine Schreie. Die weißen Kronen zeugten von der Unbeugsamkeit und Unzähmbarkeit des rauschenden Ungetüms.
Als ich gegen einen Stein geschleudert wurde, der nur halb aus dem Wasser ragte, wurde alles schwarz um mich. Doch ich weigerte mich, das Mädchen loszulassen, und mein Griff versteifte sich um ihre Arme.
Geweckt wurde ich von einer fremden Stimme und schrecklichen Kopfschmerzen. Ich lag auf hartem Untergrund, kleine Steine bohrten sich in meinen Rücken. Nein, keine fremde Stimme. Semir. Das war Semir. Was machte er hier? Und auch Lemor, Tasimir, Wellis, Klemy und Amra konnte ich entdecken. Tasimir und Wellis hielten ein junges Mädchen fest, Klemy stand daneben und hielt meinen Korb. Wie waren sie hierher gekommen, und wo hatten sie meinen Korb gefunden?
“Ohma, kannst du mich hören?” – man konnte die Sorge in Semirs Stimme hören, aber warum war er besorgt? “Ja, Semir, ich kann dich hören, aber was mache ich hier?” “Einige der Jäger haben deinen Korb etwa sieben Meilen flussaufwärts gefunden. Von dir war keine Spur zu sehen, nur dein Mantel hing in den Zweigen eines Baumes. Dort war so viel Blut, so unglaublich viel Blut. Heute Morgen haben wir uns auf die Suche nach dir gemacht und hier fanden wir dich zusammen mit diesem Seeli-Mädchen.”
Bei seinen Worten kamen meine Erinnerungen langsam zurück: der Geruch, der Baum, das Mädchen, der Fluss. Langsam richtete ich mich auf, schwankte aber leicht, sodass Semir mich stützen musste.
“Semir, wie geht es dem Mädchen? Es war im Fluss, und ich wollte ihr helfen, bin dann aber selbst hineingefallen.” Ich wusste, dass etwas geschehen war, als ich noch nicht bei Bewusstsein war. Ich kannte Semir bereits, seit er ein kleiner Junge gewesen war, und auch Wellis sah bedrückt zu Boden.
“Semir Adalak Tirmorson, du sagst mir jetzt sofort, was passiert ist, als ihr angekommen seid!” Meine Stimme war fester, als ich erwartet hatte. Zu meiner Überraschung war es jedoch nicht Semir, sondern die sonst so schüchterne Amra, die mir antwortete.
“Das Mädchen,” begann sie leise, “war blutüberströmt und lachte wie eine Verrückte. Wir dachten, sie hätte dir etwas angetan! Also haben wir sie mit Johanniskraut betäubt.” “Aber Amra, sie ist doch noch ein Kind!” “Sie ist eine Seeli! Sie zeigt dir ihre Flügel! Und du hättest hören müssen, was sie sagte: ‘Ich habe sie getötet, sie alle umgebracht. Es ist meine Schuld, sie sind alle tot.’ – und dabei hat sie schrecklich gelacht! So kann einfach kein Kind lachen! In ihrer Stimme fehlte jedes Zeichen von Mitgefühl und Wärme, aber das Schlimmste waren ihre Augen. Sie wirkten abgeklärt und lebenslos,” führte Klemy Amra aus.
“Es herrscht Krieg in ihrer Heimat! Habt ihr schon daran gedacht? Wisst ihr vielleicht, was sie alles erlebt hat? Sie ist noch so jung und hat ihr ganzes Leben noch vor sich! Ihr seid solche Rüpel! Wir gehen jetzt zurück, und ich werde alles tun, damit es dem armen Ding besser geht!”
Wieder sprach Klemy, diesmal Worte, die die Grundsätze der Clans in Frage stellten: “Sie. Ist. Eine. Seeli,” schrie sie fast. “Sollen sich doch ihre eigenen Leute um sie kümmern! Ihre Sorte hat meine Familie getötet! Und ihr wollt sie aufnehmen?”
“Wie kannst du nur? In den Clans ist jeder willkommen, und wir urteilen nicht nach Aussehen oder Herkunft!” nahm nun auch Semir Stellung. “Bei den Seeli sind Kinder selten, und sie sind das Kostbarste, was sie haben. Wenn dieses Mädchen nun also alleine hier ist, so weit von den Gebirgen von Rosan entfernt, bedeutet das, dass ihre Familie tot ist. Wir nehmen sie mit ins Lager, und dort kannst du sehen, was du tun kannst. Du solltest dir auf jeden Fall ihre Flügel ansehen; sie erinnern mich an Hasimers Arm. Und vielleicht findest du einen Weg, dass sie sich nicht mehr erinnert. Du hast recht, wenn du sagst, dass sie noch lange leben wird – doch wir alle wissen, was Trauma anrichten kann. Wenn selbst die stärksten Männer darunter leiden, will ich nicht wissen, wie es dem Mädchen, Seeli oder nicht, ergehen würde.”
Es waren endgültige Worte; niemand wagte zu widersprechen. So setzte sich unsere kleine Gruppe in Bewegung. Tasimir nahm das noch bewusstlose Mädchen auf den Arm, das aufstöhnte, als er ihre Flügel nur leicht streifte. Sie sahen schrecklich aus: tiefe Wunden, die vor Flusswasser und Dreck trieften, bereits teilweise schwarz verfärbtes Gewebe und ausgerissene graue Federn. Bei genauerer Betrachtung wusste ich: Ihre Flügel waren nicht mehr zu retten. Nicht durch mich.
Eine Träne rann mir das Gesicht herunter, als ich das realisierte. Ich hatte zwar nur ein paar Mal die stolzen Bewohner von Rosan gesehen, wie sie mit ihren Flügeln den Himmel eroberten, doch es war ein Schauspiel, das ich niemals vergessen würde. Es würde sie brechen, wenn sie ihre Flügel verlieren würde.
“Vielleicht kennst du ja einen Weg, dass sie sich nicht mehr erinnert,” waren Semirs Worte, und vielleicht war das auch keine schlechte Idee. Denn wie soll man etwas vermissen, wenn man sich nicht erinnert?
Es gab noch einen weiteren Grund, weshalb ich es tun würde: Ihre Flügel waren grau. Emra, die Frau, von der ich all mein Wissen habe, erzählte mir, dass die Bewohner Rosans mit grauen Flügeln geboren werden. Wenn sie ihre Magie bekamen, wurden ihnen die Flügel als Mahnung genommen – als stete Erinnerung, dass alles seinen Preis hat. Erst Jahre später, wenn sie erwachsen waren und in die Unsterblichkeit übergingen, wuchsen ihnen neue Flügel: größer, stärker, so dass sie jedem Sturm trotzen konnten – und farbig.
Ich konnte zwar keine Zeremonie der Seeli abhalten, aber so ein großer Unterschied bestand hoffentlich nicht. “Bitte, ihr Ahnen, lasst mich nicht irren,” sprach ich ein Stoßgebet in die Ewigkeit.
Doch das Kind war trotz ihrer Flügel wie ich: ein Halbling, trotz der markanten Auswüchse, die etwas ihrer Herkunft verrieten. Zwar waren die Flügel grau wie bei jedem Seelikind, doch ihre Haare und Haut hatten Farbe. Seelikinder wurden ohne jede Farbe geboren; erst mit ihrer Magie änderte sich das.
“Sie wird doch wieder gesund, oder?” – fragte Tasimir, der neben mir ging. “Sie erinnert mich irgendwie an meine eigene Tochter. Die beiden sind fast gleich alt. Es würde Odiva freuen, eine neue Freundin zu finden.”
“Ja, sie wird es schaffen. Ich werde alles tun, damit sie es schafft. Aber sie wird auch vieles verlieren, und ich denke, dass sie eine Freundin sehr gut gebrauchen kann. Viele werden wie Klemy denken, aber dieses Mädchen wird sich an nichts aus ihrer Vergangenheit erinnern. Sie wird in den Clans eine neue Heimat finden, wie Tausende vor ihr.”
Der Weg zurück war von trüben Gedanken überschattet, aber auch von Hoffnung begleitet. Die Sonne schlich durch das Blätterdach, als wolle sie mich bestätigen: Ja, du tust das Richtige.
Ich legte das Mädchen vorsichtig auf den Bauch, um die offenen Wunden zu schonen. Ihre Flügel waren in einer prekär überstreckten Position, selbst wenn sie gesund gewesen wären, wären sie kaum beweglich gewesen.
“Am besten legst du sie so, dass sie auf keinen offenen Wunden liegt,” sagte ich leise zu Tasimir.
Die Augen des Mädchens starrten mich an – zwei Gewitterwolken aus Schmerz und Angst. Klemy hatte recht gehabt: In diesen Augen lag kein Leben, keine Hoffnung. Was musste ein Kind wohl erlebt haben, um seiner ganzen Kindheit beraubt zu werden? Es wirkte, als seien die Augen einer Greisin in diesem jungen Körper – gezeichnet von Leid und Verlust.
“Tasimir, lass. Ich mach das schon. Bring mir bitte nur das Wasser, ja?” Meine Augen folgten ihm, während er den Korb öffnete.
“Ich verstehe nicht ganz… Ohma, ist alles in Ordnung?”
“Ja, alles ist gut,” beruhigte ich ihn. Doch das nächste Geräusch ließ mich aufhorchen: die sich öffnende Tür und ein Fluch, der nur von Semir kommen konnte.
“Da wollte man einmal nett sein und bekommt fast eine Tür ins Gesicht!”
“Dann muss ich nicht mehr darauf warten, dass das Wasser kocht. Ohma, sag mir Bescheid, wenn du Hilfe brauchst, und auch, wenn es vorbei ist. Ich fürchte, ich muss Odiva beschäftigen. Das kleine Monster begibt sich auf den Weg hierher.” Tasimir sprach zu sich selbst, doch es klang liebevoll, wie eine Gutenachtgeschichte.
“Wenn du erst einmal Kinder hast, wird es dir genauso gehen, Semir Adalak Tirmorson. Also verkneif dir deinen Spruch.”
“Es graust mir vor dem Tag, an dem deine Drohung wahr wird. Andererseits prophezeist du mir das seit ewigen Jahren – und noch weit und breit kein Kind in Sicht.”
“Manche Kinder sind nicht des Blutes, und dennoch lieben wir sie, als wären sie es.”
“Und manche Alte Dame kann nicht einmal Danke sagen, wenn man ihr freundlicherweise Wasser bringt.”
Der dumpfe Aufprall eines Buches auf Semirs Kopf klang befriedigend. “Und mancher Bub wusste nie, wann er besser leise geblieben wäre.” Das zufallende Geräusch der Tür zeigte mir, dass ich meine Autorität in all den Jahren nicht verloren hatte. Semir zollte mir Respekt – auch wenn er es kaum aussprach.
“Kind, ich weiß, dass du große Schmerzen hast, und ich kann dir helfen, dass sie nicht mehr so schlimm sind, aber du musst mir dabei helfen.” Meine Stimme sollte beruhigend wirken, doch ich konnte kaum eine Reaktion des Mädchens erkennen.
“Na gut, fangen wir mit etwas Einfachem an. Wie heißt du?” Stille. Nur diese unergründlichen Augen.
“Na komm schon, Mädchen, ich kann dich nicht die ganze Zeit so nennen.”
“Wieso bin ich nicht tot?” Eine gebrochene, doch liebliche Stimme, etwas tiefer als bei anderen Mädchen ihres Alters, aber angenehm zu hören.
“Ich bin froh, dass du nicht tot bist. Hier bist du in Sicherheit. Niemand kann dir etwas antun. Du musst mir nur Vertrauen und alles wird gut.”
“Also, Kind, wie heißt du?”
“Ich… ich habe viele Namen, aber keiner ist mein Name.” Sie wirkte im Delirium, als hätte nichts auf der Welt Bedeutung, versuchte dennoch, sich durchzusetzen.
“Und was ist dein richtiger Name?”
“Willst du mich so nennen? Meine Eltern habe ich nie gehört, ihn auszusprechen… willst du es?”
Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Diese Unterhaltung war seltsam, intensiv und zugleich zart. Ich nickte nur leicht, als Bestätigung für das namenlose Mädchen.
“Mera. Ich möchte Mera genannt werden. Mein Name ist sonst viel zu lang.”
“Hallo Mera, du kannst mich Ohma nennen. Ich möchte dir helfen, aber dafür musst du mir auch helfen, ja?”
“Oohma. Das ist lustig. Meine Oma habe ich nie kennengelernt.”
“Ja, Schätzchen, dafür hast du jetzt mich. Das ist fast genauso gut. Jetzt musst du den Mund öffnen und schlucken, dann werden deine Schmerzen schnell vergehen.” Ich gab ihr ausgekochtes Weidenrinden-Extrakt, verfeinert mit Wildbienenhonig und Arnika.
“Mera, du musst dich jetzt hinlegen. Dann kaust du noch diese Johannishülsen.” Sie sah mich skeptisch an, doch ich reichte ihr die Heilpflanzen.
Die Leinentücher bewahrte ich in einem Weidenkorb auf. Viele trugen alte Flecken, jede einzelne Geschichte kannte ich. Mein Besteck nutzte ich seit meiner Lehrzeit – und es hatte mich nie enttäuscht.
Als ich das Skalpell an ihrem Flügelansatz ansetzte, quoll bei der geringsten Berührung dunkles Blut aus der Wunde. Der Wagen erfüllte sich mit Fäulnisgeruch, schmieriges Blut bedeckte die Laken. Der weiße Knochen blitzte auf, intakt. Keine Verfärbungen, keine Porosität.
Die Zinken der Säge gruben sich in das weiche Gewebe, und trotz der Johannishülsen gingen mir ihre Schreie durch Mark und Bein.
Einen halben Kontinent entfernt schrie einer der mächtigsten Seeli im Schlaf auf. Es fühlte sich an, als würde seine Haut vom Rücken gerissen und mit Feuer verbrannt.
Er war schon alt, doch solche Schmerzen hatte er selten erlebt. Es waren nicht nur körperliche Schmerzen – vielmehr litt seine Seele. Seine vereinte, dann getrennte Seele spürte erneut den alten Verlust. Jahrhunderte waren vergangen, seit sie einander begegnet waren, doch hatte es Wunden hinterlassen, derer er sich nicht einmal bewusst war.
Er wusste nicht genau, woher diese innere Unruhe und Ausgeglichenheitslosigkeit kam, nur dass sie tief in ihm brannte. Zwar war es diesmal, wie damals, nur eine Angelegenheit der Seele, aber die Verbindung war da, unmissverständlich.
Als er erwachte, war es kaum mehr als ein ferner Traum. Ein Traum der ihm entglitt und nur das Wissen lies, dass er dar gewesen war. Die altbekannte Einsamkeit breitete sich in ihm aus.
Langsam richtete er sich auf, seine Augen suchten die Ferne. In der Stille hörte er das Flüstern der Ahnen, auf deren Führung sie alle hofften, um den neuen Gefahren entgegen stehen zu können.