THE MISSION
Das Telefon in Lukes Handfläche vibriert einmal. Der warme Schein des Displays durchbricht das Dämmerlicht seines Arbeitszimmers.
UNBEKANNTER ANRUFER
Er drückt den Annahmeknopf, noch bevor das Telefon zum zweiten Mal klingelt.
„Luke!“
Adams Stimme ist tief, belegt und klingt extrem gehetzt.
„Mann, ich löse jetzt den Gefallen ein. Sofort.“
Lukes Rücken strafft sich gegen den Ledersessel.
Er kennt diesen Ton. Es ist dieselbe abgehackte Stimme, die Adam benutzte, als er während eines Feuergefechts in Beirut Koordinaten durchgab. Damals war der Rettungshelikopter zu spät und das Tal voller Feinde.
„Du weißt, ich habe es versprochen.“
Seine Stimme ist ruhig und fest.
„Sag mir, was zu tun ist.“
Ein rasselndes Einatmen.
„Sie wissen, wer sie ist. Ich kann sie von hier aus nicht mehr schützen.“
Sein Puls rast – heftig.
Sie.
Adam hat nur eine Sie, für die er seine gesamte Karriere aufs Spiel setzen würde.
„Verdammt. Wie viel Zeit habe ich?“
Adam zögert. Die Stille am anderen Ende ist so dünn wie brüchiges Eis.
„Vier oder fünf Stunden, vielleicht weniger. Sie ist aufgeflogen – Chloes Name ist gerade in den falschen Posteingang gerutscht. Sie werden sie aufspüren, bevor ich mich bemerkbar machen kann. Ich habe ihr Handy verschlüsselt; dreifache Absicherung, Koordinaten kommen rein.“
Ein leises Ping lässt Lukes zweiten Bildschirm aufleuchten.
„Du musst sie holen – SOFORT.“
„Erledigt. Schick mir das GPS, die Kennzeichen – alles.“
Luke ist bereits in Bewegung. Er schnappt sich die Tasche unter dem Schreibtisch, die Glock gleitet mit dem vertrauten Gefühl in den Holster. Seine Finger fliegen über die Tastatur, um ein sicheres VPN aufzubauen.
„Ist raus. Hör zu, noch eine Sache.“
Adam stockt der Atem. „Wenn das schiefgeht, verschwinde ich. Sie darf nichts wissen, was ihr ein Ziel auf den Rücken malt. Sorg einfach dafür, dass sie am Leben bleibt, Bruder. Ich kann nicht auch sie noch verlieren.“
„Sie ist deine Schwester.“
Lukes Stimme klingt rau. „Das versteht sich von selbst. Du hast mein Wort.“
Ein bitteres Lachen schallt durch die Leitung.
„Ja, nun, sie ist ein verdammt heftiger Wirbelsturm. Sie hört nicht auf mich, also wird sie verdammt noch mal auch nicht auf dich hören. Sie ist stur wie unser alter Herr und doppelt so leichtsinnig. Sie hat ihr Studium in Georgetown abgebrochen, hängt mit Träumern ab und feiert, als gäbe es kein Morgen. Sie ist einundzwanzig und glaubt, sie sei kugelsicher.“
Er atmet aus. „Sie war sechzehn, als unsere Eltern bei dem Bombenanschlag vor Paris starben. Seitdem halte ich meine Tarnung aufrecht: der große Bruder bei den Marines. Sie glaubt mir.“
„Lass sie nicht aus den Augen. Sie spielt sich zwar groß auf, aber sie ist jung und naiv.“
Luke schließt die Tasche und wirft sie sich über die Schulter.
„Ich werde sie an die kurze Leine nehmen, wenn es sein muss.“
„Sie wird kämpfen – aber diese Kartelle bluffen nicht. Sie werden sie umlegen, nur um mir eine Postkarte zu schicken.“
Adams Stimme bricht.
„Ich benutze ein Wegwerfhandy. Ich muss untertauchen. Ich melde mich, wenn es sicher ist. Halt sie an der kurzen Leine – sie braucht eine feste Hand. Egal was es kostet – du bist der Einzige, dem ich vertraue.“
„Verstanden. Geh offline. Ich habe sie.“
Eine Pause, schwer wie ein Mörserbeschuss.
„Danke, Kumpel. Ich wette, du bist froh, dass du aus diesem Zirkus ausgestiegen bist, als du es getan hast, was?“
Sein Lachen klingt humorlos und rau.
„Es hört nie auf – das weißt du.“
Die Leitung bricht ab.
Luke starrt auf den blinkenden Punkt auf der Karte – eine verschlafene Kleinstadt etwa zwei Stunden nördlich.
Er schlüpft in seine schwarze Feldjacke und überprüft seine Waffe.
Mit den Schlüsseln für den mattschwarzen Tacoma in der Hand und der Tasche über der Schulter tritt er hinaus in den frühen Abend.
Es ist Zeit, Adams Wirbelsturm einzusammeln – und zu beten, dass er nicht zu spät kommt.
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Luke sitzt bereits auf dem Fahrersitz und starrt auf die Koordinaten, der Daumen schwebt über dem Display.
Chloe Levoss. 21. 1,65 m. Haselnussbraune Augen, schlanke Statur, mittellanges rotes Haar.
Adam hatte das Foto vor Monaten geschickt, als das Ganze noch rein theoretisch war. Ihr Haar fällt ihr über eine Schulter, das Kinn ist trotzig in Richtung Kamera geneigt. Ein schelmisches, aber unschuldiges Gesicht und ein Körper, der einen Mann um den Verstand bringen kann.
Luke beobachtet den GPS-Punkt, bevor er das Telefon auf den Beifahrersitz wirft und sich mit der Freisprechanlage des Fahrzeugs verbindet. Der Motor knurrt, als er aus der langen, von Pinien gesäumten Auffahrt seines abgelegenen Landhauses schießt. Eine Staubwolke wirbelt wie eine Kriegsfahne hinter ihm auf. Der herannahende Sonnenuntergang taucht die Windschutzscheibe in ein flüssiges Orange, während er über die einsame Landstraße rast und die Reifen Kies spucken.
Noch 1 Stunde und 52 Minuten bis zum Turner’s Quarry – einem verlassenen Kalksteinbruch irgendwo im Nirgendwo. Chloes Handy hatte sich dort vor zwanzig Minuten das letzte Mal gemeldet und sich seitdem nicht mehr bewegt.
Er runzelt die Stirn und murmelt: „Was zur Hölle machst du auf einem Friedhof, Prinzessin?“
„Daz anrufen“, befiehlt er dem Auto.
Bluetooth piept. Drei Mal klingelt es. Vier Mal.
„Großer Bruder“, zieht Daz das Gespräch in die Länge, die Stimme dick vor träger Zufriedenheit, im Hintergrund ist das Rascheln von Laken zu hören. „Was gibt’s?“
„Brauche dich ASAP. Extraktion. Könnte Deckungsfeuer brauchen.“
Ein leises Pfeifen, dann ein kicherndes Frauenlachen im Hintergrund.
„Alter, ich bin gerade erst dabei, es mir mit Lia zu besorgen. Kann dein Notfall nicht warten bis—“
„Halt verdammt noch mal die Fresse!“ Lukes Knöchel werden weiß, als er das Lenkrad umklammert und eine Haarnadelkurve mit 150 km/h nimmt. Der Wagen bebt. „Sei in fünfzehn Minuten draußen.“
Er beendet das Gespräch, bevor Daz widersprechen kann.
„Daz“ Donovan – ehemaliger SEAL, drei Jahre jünger, Mitinhaber von Obsidian Tactical – ist schon an guten Tagen ein ziemlicher Schmerz im Arsch. Aber er kann einen Raum in vier Sekunden räumen und einen Satelliten mit einer Büroklammer hacken.
Luke braucht heute Nacht genau diese Fähigkeiten.
Obsidian Tactical vermietet nicht nur Muskelkraft an Politiker, Diplomaten und Promis.
Unter dem Radar führt das Unternehmen geheime Sicherheitsaufträge für Milliardäre aus, die in Krypto und mit Schweigen bezahlen – neben lukrativen Anti-Terror-Regierungsaufträgen.
Luke – ein ausgezeichneter ehemaliger Marine, der mit Chloes Bruder Adam gedient hat – machte schnell Karriere und verdiente sich einen Platz bei den Special Forces.
Die CIA rekrutierte sie beide kurz darauf für Undercover-Einsätze.
Nach seinem Abschied vom Geheimdienst, mit einer Kugelnarbe und einer Anzahl an Kills, über die er nie spricht, haben er und Daz etwas aufgebaut, das weit schärfer ist, als es die CIA je erlaubt hätte.
Luke streicht über die Sig an seinem Oberschenkel – geladen, eine Kugel im Lauf – und bedient dann wieder die Funkkonsole im Armaturenbrett.
„Scan den Turner’s Quarry thermisch. Die letzten dreißig Minuten.“ Ein leises Klingeln. Seine KI-Drohne Raven antwortet mit einer abgehackten Frauenstimme:
„Starte Mikro-Drohne. ETA 18 Minuten. Bereithalten.“
Sein Kiefer mahlt. Minuten sind eine Ewigkeit, wenn dein Name auf einer Todesliste steht. Die Drohne wird vor ihnen da sein – sie wird ihm Sicht auf das Ziel, das Layout und die Anzahl der Feinde geben.
Sie werden nicht blindlings hineinlaufen.
Er sieht Chloe aus Adams Fotos vor sich: welliges rotes Haar, stürmische Augen, ein Mund, der wie geschaffen für Ärger aussieht.
Einundzwanzig Jahre. Null Überlebenstraining. Und sie versteckt sich gerade in einer Kiesgrube mit Gott-weiß-wem.
Der Tachometer klettert über die 150. Die Pinien verschwimmen zu schwarzen Streifen. Sein Telefon vibriert – eine verschlüsselte Nachricht von Adam:
Ziel noch im Dunkeln. Sie sind näher als ich dachte. Achte auf den östlichen Grat.
Lukes Haltung versteift sich. Der östliche Grat bedeutet Überwachung. Scharfschützen oder Beobachter. Vielleicht beides.
Er tritt das Gaspedal noch tiefer durch – 19 Minuten später schlittert er seitwärts in Daz’ Auffahrt, die Scheinwerfer schneiden über das Garagentor.
Sein Bruder wartet schon – oberkörperfrei, in grüner Camo-Hose, die Stiefel nicht geschnürt, das AR-Gewehr lässig über der Schulter wie ein Strandtuch.
Lias Silhouette huscht in der Tür hinter ihm vorbei, ein Laken vor die Brust gepresst.
Daz reißt die Beifahrertür auf. „Du schuldest mir blaue Eier und eine Flasche Yamazaki.“
„Rein mit dir“, grummelt Luke. „Wir haben Scharfschützen – behalte die Augen offen.“
Luke reicht ihm das Tablet, das bereits den Feed von Raven überträgt: Wärmesignaturen – drei, vielleicht vier – gruppiert in der Nähe des alten Förderbandturms des Steinbruchs.
Ein kleinerer Punkt, isoliert.
Als Daz die Daten auf dem Bildschirm sieht, verschwindet sein Grinsen.
„Oh, verdammt. Ist das die Schwester?“
„Ja. Schnall dich an.“
Der Tacoma brüllt zurück auf die Straße, keine Zeit zu verlieren.
Daz lädt seine Waffe durch, die Augen berechnen bereits die Schusswinkel.
Die Sonne verschwindet hinter dem Grat, während die Nacht hereinbricht.
„Plan?“, fragt er.
„Sie extrahieren. Gummi verbrennen. Rein und raus – aber wenn jemand ein Rohr auf uns richtet, weißt du, was zu tun ist.“
Daz pfeift leise. „Romantisch.“
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Der Steinbruch leuchtet wie ein Krater auf dem Mars. Pastellrosa Töne verblassen am Himmel, als die Sonne hinter den schroffen Kalksteinklippen versinkt.
Chloe lehnt an der warmen Motorhaube eines rostigen Hilux. Ihre Stiefel wirbeln Staub auf, der nach Eisen und Auflehnung riecht.
Ein Lagerfeuer knistert zwanzig Meter entfernt und sprüht Funken in die Dämmerung, während die Silhouetten mit jeder Neuankunft zahlreicher werden. Weitere Trucks rollen herein, die Ladeklappen fallen wie Zugbrücken. Bierfässer werden herausgerollt.
Teenager und Twens strömen herbei.
Jemand kurbelt einen Generator an – wumm, wumm, wumm – und der Bass kriecht unter ihre Haut und betäubt ihre Sinne.
Sie setzt sich mit angewinkelten Beinen auf die Ladefläche und schnippt ein Streichholz an, das nicht brennen will.
Der Joint – dick, laienhaft gedreht, riecht wie frisch gemähtes Gras – zittert zwischen ihren Fingern.
Das erste Mal.
Natürlich ist es das.
Knack. Nichts.
Wieder. Knack.
Die Spitze bröckelt ab, unbrauchbar.
„Verdammt noch mal!“, murmelt sie entnervt und beißt sich auf die Lippe.
Der Joint – ein Geschenk von einem Typen namens Fernandez, der grinste, als würde er ihr einen Gefallen tun.
Sie hat noch nie Gras geraucht.
Heute Nacht ist die Nacht, um das zu ändern.
Neue Leute, neue Regeln. Keine Predigten, keine Ausgangssperre, kein großer Bruder Adam, der anruft und fragt, warum sie sich nicht „mehr anstrengt“.
Sie blinzelt und schirmt ihre Augen ab, als die Scheinwerfer eines weiteren Wagens aufflackern, der rückwärts einparkt. Die Fässer klappern wie Kriegstrommeln.
Typen in Hoodies und mit Leuchtfarbe bepinselt schleppen Lautsprecher an.
Ein Kerl mit Dreadlocks erklimmt das provisorische DJ-Pult wie ein Schamane, der bereit ist, die Toten zu beschwören.
Ein schriller Schrei durchdringt die Luft.
Anya hüpft herbei. Ihr neonfarbenes bauchfreies Top leuchtet unter den Lichterketten, die zwischen den Auslegerarmen der Bagger hängen. In ihren Händen schwingen zwei schwappende Plastikbecher.
„Oh mein Gott, diese Party wird der absolute WAHNSINN“, schreit Anya über den einsetzenden Synths. „DJ Valley – der hat schon auf meinem Einundzwanzigsten aufgelegt – hat bis zum Eintreffen der Bullen gespielt und wollte einfach nicht aufhören!“
Sie springt auf die Ladefläche, die Beine baumeln in der Luft, und drückt Chloe ein Bier in die Hand.
„Trink aus, Chlo-Chlo. Heute Abend lassen wir es richtig krachen!“
Chloe hebt den Becher zum Schein, Schaum schwappt über ihre Fingerknöchel.
„Das muss du mir kein zweites Mal sagen, Süße!“
Sie kichert, während sie das Bier in einem Zug herunterkippt. Es ist ihr zweiter – oder vielleicht dritter, wer zählt schon mit – Drink des Abends. Billiges Lager, lauwarm, brennt wie Feuer auf dem Weg in ihren Magen.
Sie japst nach Luft, fängt an zu lachen und wischt sich mit dem Handrücken über den Mund.
Sie hat die Schnauze voll davon, unter dem strengen Adlerauge ihres großen Bruders zu leben. Sie will einfach nur ausbrechen und wild sein.
Hitze steigt ihr in die Wangen. Der Bass wummert tiefer, betäubt alles und synchronisiert sich mit ihrem Puls.
Angst, Gefühle – wer braucht den Mist schon?
Anya johlt und wiegt sich bereits im Takt. „So ist meine Kleine! Komm schon, zünd das Ding an, du Anfängerlunge!“
Chloe lacht und reißt ein weiteres Streichholz an. Die Flamme lodert endlich auf. Sie schirmt sie mit der Hand ab, führt sie an den Joint – und zieht viel zu schnell.
Husten, husten, verdammt noch mal –
Anya klopft ihr auf den Rücken und gackert.
„Ganz ruhig, Tiger! Du kotzt dir noch die Lunge aus, bevor der Drop kommt.“
Chloe wischt sich die Augen, Rauch kringelt sich träge um ihr Gesicht. Der Rausch brennt sanft an den Rändern, die Farben wirken schärfer, die Wände des Steinbruchs pulsieren, als würden sie mit der Musik atmen.
Sie fühlt sich schwerelos.
Frei.
Sie nimmt noch einen Zug, diesmal langsamer, und lächelt durch den Rauch.
Zum ersten Mal seit Monaten wird der Lärm in ihrem Kopf leiser und der Schmerz ihrer Gefühle löst sich in einem benebelten Nichts auf.
Scheiß auf Adam – soll er doch schmoren!
Er ist irgendwo im „geheimen“ Einsatz, wie immer. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß.
Sie schaltet ihr Handy aus und wirft es auf ihren liegengebliebenen Hoodie hinten auf die Ladefläche des Pickups.
Es ist ein warmer Abend, sie trägt ein süßes Sommerkleid und Cowboystiefel.
Sie legt sich zurück, schiebt ihren Pullover als Kissen unter den Kopf, starrt in den samtenen Himmel und seufzt.
Heute Abend renne ich nicht weg – vor gar nichts!
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Luke und Daz rollen den Wagen auf einem Feldweg eine halbe Meile entfernt lautlos zum Stehen, stellen den Motor ab und löschen die Lichter.
Die mondlose Dunkelheit verschlingt sie komplett.
Luke steigt zuerst aus, seine Stiefel knirschen leise auf dem Schiefer. In der Luft liegt ferner Bass – wie ein Herzschlag tief unter der Erde.
Daz bleibt noch einen Moment auf dem Beifahrersitz. Das Tablet liegt auf dem Armaturenbrett, der Laptop auf seinen Knien, seine Finger tanzen über die Tasten.
Die Mikrodrohne – Raven – surrt über ihnen wie eine Mücke in der Nacht. Ihr Nachtsichtbild wirft grüne Schemen über den Bildschirm.
Luke klappt die Heckklappe auf und holt die Tasche hervor: Sanitätsset, Kabelbinder, Schalldämpfer, Nachtsichtgerät, zwei Ersatzmagazine, eine Spritze mit orangener Kappe.
Er zieht sich eine schwarze Plattenträgerweste über und wirft die Spritze und ein dunkelgrünes Henley-Shirt zu Daz.
„Decke die Tattoos ab. Unauffällig bleiben. Rein und raus.“
Er schraubt den Schalldämpfer auf seine Sig – das metallische Klicken wird von der Dunkelheit verschluckt – und steckt sie sich hinten in den Hosenbund.
„Keine Leichen, außer es lässt sich nicht vermeiden.“
Daz fängt das Shirt einhändig und zieht es sich über.
„Wie brenzlig ist das hier genau? Kartell? Geheimdienst?“
Luke prüft das Patronenlager seiner Pistole.
„Wenn wir zu spät kommen, liegt sie bei Sonnenaufgang in einem flachen Grab in Sonora. Ist das brenzlig genug für dich?“
„Verdammt.“
Daz wirft einen Blick auf den Monitor. Raven kreist über dem Rand des Steinbruchs – Wärmebilder von Leuten, die um ein Feuer tanzen, Silhouetten, die mit Leuchtstäben hantieren.
„Sieht aus wie Spring Break hier drin – nicht wie eine Todeszone.“
Luke beugt sich vor, seine Augen verengen sich. Die kleinere Wärmesignatur sitzt auf einer Ladefläche, die Beine baumeln, Rauch kringelt sich von etwas zwischen ihren Fingern nach oben.
Chloe.
Sie lacht. Ahnungslose.
„Gott, sie hat keine Ahnung“, murmelt er.
„Sie tanzt im Fadenkreuz und merkt es nicht mal.“
Daz zoomt heran. „Ostkamm – zwei Wachen. Gewehre. Die feiern nicht.“
Ein Schauer läuft ihm über den Rücken.
„Späher. Die sind schon hier.“
„Und wenn die kleine Schwester Ärger macht?“ Daz tippt auf die orangene Kappe der Spritze, bevor er sie in die Tasche steckt.
„Wenn sie um ihr Leben schreit?“
Lukes Blick ist eiskalt.
„Sie kommt entweder freiwillig mit oder bewusstlos.“
„Die Zeit läuft.“
Er schultert den Rucksack und prüft das Funkgerät – Ohrhörer sitzt, Mikrofon an. „Raven, halte die Position über dem Pickup. Markiere die Ziele.“
„Markiert. Zwei Bewaffnete am Grat. Vier Zivilisten nahe der Zapfanlage. Zielperson isoliert.“
Daz klappt den Laptop zu und lädt seine Glock durch.
„Dann lass uns mal die Party crashen.“
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Chloes Rausch schimmert an den Rändern, aber der Name auf ihrer Zunge schmeckt bitter.
„Glaubst du, Caden taucht auf?“, fragt sie, während sie mit ihrem Stiefel gegen den Reifen des Hilux tritt.
Anya schnaubt so heftig, dass Bierschaum auf ihre Lippe spritzt.
„Wer interessiert sich schon für diesen Wichser? Er hat dich verarscht und geghostet – er ist ein betrügerischer Mistkerl –, wahrscheinlich steckt er seinen Schwanz gerade in irgendeine Tussi von Tinder. Wenn der sich blicken lässt, dreh ich ihm die Eier wie ein nasses Handtuch ab und schmeiß sie den Wölfen zum Fraß vor!“
Sie macht die Drehbewegung mit theatralischer Gewalt nach.
Tränen schießen Chloe in die Augen, aber sie kann sich ein Kichern über Anya nicht verkneifen.
„Ich zahl dir Eintritt in der ersten Reihe für diese Show!“
„Behalt das Bild im Kopf“, lacht Anya und rutscht von der Ladefläche. „Muss mal pinkeln. Soll ich Nachschub holen?“
Sie drückt Chloe die leeren Becher in die Hand und verschwindet im Gewühl der tanzenden Körper und bunten Lichter.
Chloe springt runter – ihre Stiefel knirschen auf dem Kies – und schlendert zum anderen Ende des Lagerfeuers, wo das Fass auf einem alten Pickup steht. Der Zapfhahn glänzt wie eine billige Krone.
Sie hält beide Becher unter den Hahn – klack, zisch, Schaum –, als eine Hand ihre linke Pobacke packt und fest zudrückt.
Sie schreit auf und dreht sich so schnell herum, dass das Bier über ihre Handgelenke schwappt.
Caden!
Dasselbe arrogante Grinsen – derselbe Duft, der ihr früher den Magen verdreht hat und bei dem ihr jetzt schlecht wird. Sein Blick wandert an den dünnen Trägern ihres Sommerkleids herunter, als würde er ein Stück Fleisch begutachten.
„Hey, Sexy“, sagt er mit einer Stimme, die vor Alkohol und Selbstgefälligkeit trieft.
„Lass das –“ Ihre Stimme überschlägt sich; sie hasst es, wie gebrochen sie klingt.
„Fass mich nicht an!“
Er kichert leise und abstoßend.
„Komm schon, Chlo. Spiel nicht die Unschuldige.“
Er schnappt ihr die Becher aus der Hand, bevor sie reagieren kann, und füllt sie mit einer lässigen Arroganz, bis der Schaum über den Rand läuft.
„Ich glaube, du hast dieses Kleid nicht ohne Grund an – oder etwa doch?“
Caden mustert ihren Körper mit einem ekligen, anzüglichen Blick, während er ihr einen der Becher wieder hinhält.
„Trink. Entspann dich ein bisschen.“
Sie weicht zurück, lehnt das Getränk ab, ihr Absatz rutscht auf dem losen Gestein weg.
„Ich sagte: Hau ab!“
Sein Grinsen wird breiter, ein räuberisches Funkeln in seinen Augen, als er einen Schritt nach vorne macht und den Träger ihres Kleides von ihrer Schulter schiebt.
Sie schlägt seine Hand weg.
Caden grinst nur verschlagen, völlig unbeeindruckt.
„Du wirst deine Meinung schon noch ändern, sobald –“
Ein Schatten löst sich aus der Baumreihe am Rand des Steinbruchs – groß, lautlos, er bewegt sich wie eine zuschnappende Falle.
In einer Sekunde ist der Platz neben ihr noch leer; in der nächsten baut sich ein Mann wie eine Mauer neben ihr auf.
Seine Hand packt Cadens Handgelenk und dreht es, bis der Plastikbecher zerquetscht wird und das Bier im Staub explodiert.
Cadens Grinsen stirbt mit einem erstickten Keuchen.
Die Stimme des Fremden klingt wie Kies.
„Sie hat Nein gesagt.“
Chloes Herz stolpert in ihrer Brust.
Aus der Nähe betrachtet sieht er älter aus – Mitte dreißig vielleicht –, eine verblasste Narbe zieht sich durch eine Augenbraue, dunkle Haare, eine schwarze Jacke spannt über einer Brust, die wirkt, als wäre sie aus dem Steinbruch selbst gemeißelt.
Seine Augen sind auf Caden gerichtet, leer und tödlich, wie ein Scharfschütze, der den Wind berechnet.
Caden versucht, sich loszureißen. „Wer zum Teufel –“
Der Fremde dreht fester zu.
Etwas in Cadens Handgelenk macht ein Knacken. Er sackt auf die Knie, sein Gesicht läuft rot an.
„Entschuldige dich“, verlangt der Mann. Ruhig. Furchteinflößend.
„S-sorry“, keucht er.
„Lauter!“
„Es tut mir leid, Chloe! Verdammt – sorry!“
Der Fremde lässt ihn los. Caden klammert sich an seinen Arm, stolpert rückwärts und rennt dann wie ein verprügelter Hund in die Menge davon.
Chloes Atem geht stoßweise. Bier durchnässt ihr Kleid; ihr Adrenalin schmeckt metallisch auf der Zunge.
Sie starrt zu ihrem Retter auf – oder ist er ihr Entführer? Sie ist sich noch nicht sicher.
Er macht einen einschüchternden Schritt auf sie zu.
Sie stößt einen Schrei aus – das Geräusch schneidet wie eine Peitsche durch die Luft, wird aber sofort von der hämmernden Musik verschluckt.
Ihr Puls hämmert so heftig, dass sie es in ihren Zähnen spürt.
„Ähm… was zum TEUFEL war das gerade!“
„Wer… wer bist du?“, stammelt sie und reckt das Kinn hoch, obwohl ihre Knie anfangen zu zittern.
Sein intensiver Blick hält sie fest – dunkelbraune Augen treffen auf ihre.
Für eine Sekunde verschwindet der Bass, das Feuer, der ganze verdammte Steinbruch schrumpft zusammen, bis nur noch die Hitze zwischen ihnen übrig bleibt.
„Ich bin Luke“, sagt er.
„Und du kommst jetzt mit mir.“
„SOFORT.“