Chapter 1
Ethan
Die Craigslist-Anzeige war simpel. „Suche Mitbewohner, am liebsten männlich. Privates Zimmer mit gemeinsamer Küche, Bad und Wohnzimmer. 700 $ im Monat.“
Ich tippte die Nummer in mein Handy und drückte mit klopfendem Herzen auf „Anrufen“.
Ich hasste es, zu telefonieren. Oder vielleicht hasste ich einfach die Ungewissheit, wer am anderen Ende sein könnte? Oder was die Person sagen würde. Das war es wahrscheinlich. Zu viele Anrufe mit seinem Namen auf dem Display, bei denen ich nie wusste, ob ich meinen Freund dran hatte … oder das Monster, das das Gesicht meines Freundes trug.
Ex-Freund. Das ist ein wichtiges Detail. Ale war jetzt mein Ex-Freund, weshalb ich mit einem Künstlerbudget nach einer Bleibe suchte. 700 $ lagen am oberen Ende meiner Preisvorstellung, aber wenn Nebenkosten und Internet dabei waren, könnte ich es stemmen.
Das Telefon klingelte und klingelte. Mit jeder Sekunde verkrampfte sich mein Magen mehr und ich war kurz davor, aus Panik aufzulegen. Das hätte ich tatsächlich fast getan, als ich eine fremde männliche Stimme am anderen Ende hörte. „Hallo?“
Ich schaffte es, meine instinktive Reaktion zu unterdrücken, und zwang mich in meine Rolle. „Hallo! Mein Name ist Ethan und ich rufe wegen deiner Anzeige für einen Mitbewohner an. Ist das Zimmer noch frei?“
„Ja, ist es! Ich bin heute Abend da, damit du es dir anschauen kannst, wenn du willst?“
Obwohl ich wusste, dass der Typ es nicht sehen konnte, nickte ich. „Ja, das würde bei mir passen. Ich habe heute den ganzen Tag Zeit. Wenn du mir eine Uhrzeit und die Adresse schickst, komme ich vorbei.“
„Cool. Ist das ein Handy? Ich kann dir die Adresse simsen. Wie wäre es mit 7 Uhr? Ach ja, ich bin Jordan.“ Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. Nenn mich verrückt, aber der Kerl war mir schon jetzt sympathisch. Ich bestätigte, dass das okay sei, und legte mit einem Lächeln auf.
So kam es, dass ich wenig später vor einem niedlichen kleinen Reihenhaus am Rande der Stadt stand. Es war in einem sanften Gelb mit weißen Akzenten gestrichen und der Vorgarten war makellos. Zu beiden Seiten der Veranda blühten Blumen in den Beeten. Allein beim Anblick des Hauses wurde mir warm ums Herz.
Hätte ich jemanden mitnehmen sollen, um einen Fremden zu treffen? Ja, wahrscheinlich. Aber daran dachte ich erst, als ich das weiße Lattenzauntor öffnete (ich weiß, wie klischeehaft und niedlich!) und den Trittsteinen zur Haustür folgte. Ich klopfte zweimal, straffte meine Haltung und tat mein Bestes, um selbstbewusst zu wirken.
Die Tür öffnete sich und zum Vorschein kam ein lächelnder Jordan, der verdammt heiß war. Sein Haar war dunkel und kurz, und es ging perfekt in markante Wangenknochen und ein kantiges Kinn über. Er überragte mich, während er sich lässig mit einem Arm gegen den Türrahmen lehnte. „Du musst Ethan sein?“
Ich nickte und versuchte, entspannt zu wirken. „Jup, genau. Ein s- äh, nettes Zuhause hast du hier. Sieht so aus, als würdest du dich richtig gut darum kümmern.“
Jordan grinste und zuckte mit den Schultern. „Kann ich mir nicht wirklich auf die Fahne schreiben. Ich bin erst gestern eingezogen. Aber ein Pluspunkt ist, dass ich noch keine Zeit hatte, ein Chaos zu veranstalten. Warum kommst du nicht rein?“ Er trat von der Tür zurück und ich ging hinein, wobei ich mich umsah, um zu prüfen, ob hier Schuhe an- oder ausgezogen werden mussten.
„Draußen ist es nicht matschig. Du kannst deine Schuhe anlassen, wenn du willst. Mich stört beides nicht.“
Gedankenleser, was? Ich entschied mich dafür, sie anzubehalten, um mir nicht die Mühe zu machen, sie wieder anziehen zu müssen, wenn ich gehe. Er schloss die Tür und zeigte auf den Wohnbereich. „Es war voll möbliert, also musst du dir darüber keine Sorgen machen. Der Fernseher und die Konsolen sind allerdings meine.“ Ich entdeckte die neueste Xbox auf dem TV-Ständer und ein Regal mit Sportspielen.
Okay, ein Sportler-Typ. Damit könnte ich leben. Aber nicht auf die Art. Ich meine … ich könnte, verdammt, ich würde, aber bisher deutete alles darauf hin, dass er hetero ist.
„Cool, das macht das Leben einfacher.“ Ich gab Jordan einen Daumen hoch und folgte ihm tiefer ins Haus. Die Schlafzimmer und der Rest waren nichts Besonderes, gestrichen in einem hellen Beige mit Standard-Teppich- und Fliesenböden. Typische Mietwohnung. Ich merkte mir, dass das Bett keine Laken hatte und die Handtücher alle Jordan gehörten, und versuchte mir vorzustellen, ob mein ganzes Zeug in mein Zimmer passen würde.
Es würde knapp werden. Aber ich war sicher, dass Jordan keine Instrumente und Leinwände in den Gemeinschaftsräumen haben wollte, also mussten sie zumindest anfangs dort bleiben. Jordan führte mich zurück ins Wohnzimmer, wo wir uns auf das einfache graue Ecksofa setzten. „Ich habe nicht viele Regeln. Keine Drogen, nicht so betrinken, dass du das Bewusstsein verlierst und Kotzpfützen hinterlässt, in die ich treten muss, und wenn du eine Parade von Frauen mitbringst, behalte das Sex-Gedöns in deinem Schlafzimmer. Oh, und zwing mich nicht, mein Essen zu beschriften. Das hasse ich. Wenn du keine Erlaubnis hast, es zu essen, dann iss es nicht.“
„Klingt nach dem üblichen Minimum an ‚sei ein anständiger Mitbewohner‘. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass ich das hinkriege.“ Ich grinste Jordan frech an, der lachte und nickte. Verdammt, selbst sein Lachen war attraktiv! Ich rutschte etwas hin und her, um meine wachsende (im wahrsten Sinne des Wortes) Verlegenheit zu verbergen, und redete weiter, um ihn abzulenken. „Hattest du viele Bewerber? Und wann willst du dich entscheiden?“
Er zuckte mit den Schultern und lehnte sich zurück, wobei er beide Arme auf die Rückenlehne legte. „Einige. Ich habe morgen noch drei weitere Typen da, also wahrscheinlich morgen Nachmittag?“ Ich nickte und er legte einen Fuß über das andere Knie. „Ich muss ein paar Fragen stellen. Erzähl mir ein bisschen was über dich! Was machst du beruflich? Irgendeine kriminelle Vergangenheit, von der ich wissen sollte, bevor ich dich heute Abend google und deine sozialen Medien stalke?“ Er wackelte mit den Augenbrauen und ich wünschte, ich hätte ein Kissen, um mich dezent dahinter zu verstecken, weil – boing.
„Äh …“ Mein Gehirn setzte wegen Blutmangels aus. Aber ich schaffte es, genug zusammenzubekommen, um eine Art Antwort zu stammeln. „Ich bin 28, Fische, frisch Single und unterrichte Musik an der Mittelschule. Wenn du eine Vorstrafe für mich findest, sag mir Bescheid, denn ich weiß nichts davon.“
Jordan schmunzelte und schüttelte langsam den Kopf. „Fische, was? Ich weiß ja nicht, das könnte ein Ausschlusskriterium sein.“ Er ließ einen Moment Stille wirken, dann kicherte er. „Ich muss mal jemanden fragen, der sich mit Horoskopen auskennt, ob ich mich nicht mit Fischmenschen verstehen sollte. Ich glaube, ich bin Skorpion. Möglicherweise.“
Ich konnte mich gerade noch davon abhalten herauszuposaunen, dass wir dann ja perfekt zusammenpassen würden. „Kein Horoskop-Typ, alles klar. Eher ein …“, ich sah mich im Raum um, meine Augen blieben am Spieleregal hängen, „… Madden-Typ?“
„Ja. Wenn ich mal etwas Freizeit finde. Lehrer, was? Das ist gut. Stabil. Jünger als ich, aber solange du deine Miete zahlen kannst und nicht die Polizei vor der Tür steht, bist du dabei.“
„Verdammt ja!“ Ich ballte triumphierend die Faust. „Und du? Was machst du beruflich?“
Jordans Augen wichen nicht von mir, was warme Schauer durch meinen Körper jagte. Er beobachtete mich so intensiv, dass ich mich wie das Interessanteste im ganzen Raum fühlte. Davon wurde mir ganz warm. „Ich arbeite für das Autohaus. Ich bin der Typ, der sich um die Zulassungen und Finanzierungen kümmert. Super langweilig.“ Er zupfte geistesabwesend an seinem Hosenaufschlag und verstummte, während er mich weiter musterte.
Ich konnte nicht anders, als ihn ebenfalls anzustarren. Sein Shirt war hinten ein wenig hochgerutscht, als er auf dem Sofa saß. Es entblößte durchtrainierte Bauchmuskeln, die zu seinen kräftigen Bizeps passten. Definitiv ein Gym-Bro in seiner Freizeit. Er könnte mich wahrscheinlich in der Mitte durchbrechen, ganz ehrlich.
Nein, Ethan, reiß dich zusammen.
Er sah schließlich auf seine Uhr, und seine Lippen wurden schmaler. „Mist. Ich will dich nicht rausschmeißen, aber ich muss in etwa fünfzehn Minuten irgendwo sein. Irgendein kurzfristiger Kram. Es war toll, dich kennenzulernen, Ethan. Ich gebe dir morgen Bescheid, wie ich mich entschieden habe.“ Er erhob sich vom Sofa und bot mir die Hand an, um mir hochzuhelfen.
Du kannst darauf wetten, dass ich sie ergriff. Seine Haut war warm und rau, und sein Griff war kraftvoll. Er zog mich vom Sofa, als würde ich keine Feder wiegen. „Ich freue mich darauf, von dir zu hören.“ Ich folgte ihm zur Haustür und wünschte, ich könnte noch ein kleines bisschen länger bleiben.
Aber ich hätte noch genug Zeit, ihn anzustarren, wenn wir erst Mitbewohner wären, oder? Ich sage wenn, nicht falls, weil ich die guten Schwingungen rausschicken musste. Zum ersten Mal in meinem verdammten Leben sollte mal etwas richtig laufen.