Kapitel 1
Wenn man vier Jahre seines Lebens an der Westküste verbracht hat, um die Modeschule abzuschließen, ist es ein ziemlich großer Schritt, zu seinem älteren Bruder nach New York zu ziehen.
Besonders als frischgebackene Absolventin, die noch keinen Plan für die Zukunft hat.
Was sich in diesen vier Jahren angesammelt hatte, waren Klamotten. Jede Menge Kleider, Schuhe und natürlich auch Accessoires. Design ist meine Leidenschaft. Ich habe viel verloren und viel gewonnen, als ich mich entschied, diesen Weg zu gehen.
Mein Bruder Elio war so nett und hat ein Umzugsunternehmen bezahlt, damit meine Sachen quer durchs Land transportiert werden. Ich hatte nur noch eine Reisetasche bei mir. Ich rollte das halb kaputte Ding zur Abholstation.
Ich dachte, ich würde Elio dort treffen. Aber stattdessen stand da ein Typ, den ich noch nie gesehen hatte, mit einem Schild: Mia Fiore.
Als ich auf ihn zuging, merkte ich sofort, dass er wie meine Familie aus Italien stammt. Er sieht aus wie ein Mann, der seine Pasta liebt, und das sieht man ihm auch an. Seine Haltung erinnerte mich an eine Bulldogge.
„Ähm, hallo?“ Ich war mir unsicher, wie ich diesen Fremden ansprechen sollte. Sein Blick schoss zu mir herüber und er nickte mir kurz angebunden zu. „Miss Fiore?“
Als ich zurücknickte, stellte er sich als Riccardo vor.
„Ihr Bruder ist heute verhindert. Er hat mich geschickt, um Sie abzuholen“, ließ er mich wissen.
„Schön. Hat er zufällig erwähnt, wo Sie mich hinbringen? Denn als ich das letzte Mal mit ihm sprach, hieß es, wir könnten erst nächste Woche in die neue Wohnung einziehen.“ Ich sah den Mann erwartungsvoll an.
Riccardo trug einen kompletten Anzug. Er klemmte sich das Schild unter den Arm und nahm mir den Koffer ab. Dann fing er an, das klobige Ding zu einem schwarzen Viertürer mit getönten Scheiben zu rollen.
Hier ist die Sache mit meinem Bruder...
Wir standen uns als Kinder sehr nahe. Aber durch unsere Lebensentscheidungen waren wir die letzte Zeit meistens getrennt.
Wir kommen aus einem schwierigen Elternhaus mit einem narzisstischen, gewalttätigen Vater. Unsere Mutter war schwach und fügsam und stellte ihn über alles – sogar über uns.
Elio hielt es zu Hause nicht mehr aus. Mit 18 Jahren, direkt nach der Highschool, ging er zur Armee.
Ich war damals 14 und diese Jahre waren die Hölle für mich.
Elio verbrachte zwei Jahre in der Ausbildung. Danach war er drei Jahre bei den Special Forces. Das bedeutete, dass ich meinen Bruder fünf ganze Jahre lang kaum gesehen habe.
Auch ich verließ das Haus mit 18, aber nicht auf die beste Art. Ich war verzweifelt und meine Vergangenheit zeigt das deutlich...
Wie dem auch sei... von 18 bis 19 arbeitete ich bei einer Schneiderin. Sie brachte mir alles über das Nähen und Entwerfen von Kleidung bei.
Ich stand beim Aufwachsen immer unter Druck, perfekt auszusehen, weil mein narzisstischer Vater es so verlangte. Er musste in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Image wahren.
Dadurch entdeckte ich aber meine Liebe zur Mode und nutzte sie als mein Ventil.
Meine Eltern waren jedoch dagegen, dass ich auf die Modeschule gehe. Mein Vater weigerte sich, dafür zu bezahlen. Er wollte, dass ich Anwältin oder Ärztin werde, damit er damit angeben konnte.
Mit 19 Jahren bekam ich schließlich die Stipendien, die ich brauchte. So konnte ich für die nächsten vier Jahre in Los Angeles studieren.
Es war meine Flucht vor meinen Eltern, zu denen ich schon lange keinen Kontakt mehr habe.
Aber es war auch eine Flucht vor dem Mann, bei dem ich gelandet war, als ich unbedingt von zu Hause weg wollte. Die Freiheit war jedoch nicht leicht. Ich kämpfte mit Geldnöten und vielen anderen Dingen.
Vier Jahre später bin ich nun 23 und Elio ist 27 Jahre alt.
Die Sache ist die: Ich habe keine Ahnung, was er beruflich macht. Ich weiß nur, dass er jetzt Geld hat und dass er sich für mich wie ein Fremder anfühlt.
Er ist nicht mehr der verstörte 18-Jährige, der mich damals verlassen hat. Er ist jetzt ein erfahrener Veteran und ein erfolgreicher Geschäftsmann – und das alles dank seines besten Freundes, Domani De Luca.
Ich habe den Kerl vor vier Jahren kennengelernt, als die beiden zusammen aus dem Militär entlassen wurden. Doms Familie ist sehr erfolgreich. Und anscheinend fällt der Apfel nicht weit vom Stamm, denn über die Jahre habe ich so einiges gehört.
Ich weiß, dass er und mein Bruder jetzt einen rasanten Lebensstil führen.
Ich habe Dom seit Jahren nicht mehr gesehen, aber eines weiß ich sicher über ihn. Er ist der heißeste Typ, den ich je gesehen habe, und das war vor vier Jahren... stellt euch ihn erst heute vor.
Der Mann ist seltsam. Er hat überhaupt keine sozialen Medien, also konnte ich in letzter Zeit nie einen Blick auf ihn erhaschen. Mein Bruder hat auch keine sozialen Medien. Vielleicht finden sie das kindisch. Ich weiß es nicht.
„Ja, Miss Fiore, ich wurde angewiesen, Sie erst einmal zu Mr. De Lucas Haus zu bringen“, informierte mich Riccardo. Oh.
„Und wo ist das?“ Ich saß bereits auf dem Rücksitz dieses ziemlich schicken Wagens. Die Bulldogge mit dem gegelten Haar fing an, mir ein Ohr abzukauen und alle meine Fragen zu beantworten.
„The Hudson ist die neueste und schickste Gated Community in New York, direkt an Manhattans Silhouette. Es ist etwa 14 Minuten vom Herzen von New York City entfernt.“
Als wir näher kamen, wurde die Spitze eines riesigen Hochhauses immer deutlicher sichtbar.
Reflektierendes blaues Glas, exzentrisch geschnitten und in einzigartigen Winkeln geformt. Tatsächlich sahen plötzlich alle Gebäude einfach umwerfend aus.
„Es gibt dort Luxusgeschäfte, Kunst und schöne Parks“, fuhr Riccardo fort.
„Wohnt Mr. De Luca in einem dieser Hochhäuser?“ Ich lehnte mich zwischen den Vordersitzen nach vorne und zeigte durch die Windschutzscheibe. Sein kurzer Finger deutete auf ein ganz bestimmtes Gebäude.
„Das ist 15 Hudson Yards... es ist, äh, beeindruckend.“ Der Mann blickte hoch, als würde auch er den Ort zum ersten Mal sehen. Ich war fassungslos.
Die Form war seltsam. Glaswände mit einer rechteckigen Basis, die dann in runde Kurven übergingen, sodass das Gebäude fast wie ein vierblättriges Kleeblatt aussah. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Ich schwöre, es ragte über die Wolken hinaus.
„Was für Unternehmen besitzt er?“ Ich versuchte, ein paar Informationen über den geheimnisvollen Domani De Luca herauszubekommen. Ich sah, wie Riccardos fast schwarze Augen zum Rückspiegel und dann wieder auf die Straße wanderten.
„Viele verschiedene Unternehmen“, war alles, was er sagte. Als ich weiter nachbohrte, lenkte er mich ab. „Das Gebäude hat einen 23 Meter langen Pool. Ohne Witz... ich habe die Broschüre gelesen“, erzählte er mir. Hm.
„Sind Sie der Fahrer von Mr. De Luca?“ Ich beschloss, das Thema zu wechseln. Ich werde meine Antworten schon noch bekommen, aber alles zu seiner Zeit.
„Ich bin eher so was wie... ein persönlicher Assistent.“ Er zuckte mit seinen Bulldoggen-Schultern.
„Und was ist mit meinem Bruder?“
Er nickte. „Für ihn arbeite ich auch.“
Als wir an einer Ampel standen, kramte Riccardo plötzlich in seiner Konsole und holte ein Faltblatt hervor. „Hier, lesen Sie mal.“
Er zeigte mir die Broschüre, die er vorhin erwähnt hatte. Wir steckten im New Yorker Verkehr fest, also warum nicht. Die ersten großen Worte, die ich las, waren: Penthouse im Himmel.
Es wurde mit einem 270-Grad-Blick auf den Hudson River und die New Yorker Skyline geworben... okay, das klingt wirklich hübsch.
275 Meter hoch, mit Fußböden aus weißer Eiche und grauem Matt-Finish. Ein Wohnzimmer mit doppelter Deckenhöhe und geschwungenen, raumhohen Fenstern, ein privater Aufzug und eine elegante, freischwebende Treppe.
„Das klingt nach ziemlich viel“, stellte ich geistesabwesend fest, während ich weiterlas.
„Sie werden feststellen, dass Mr. De Luca auch... viel ist“, sagte er. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Ich hätte nachgefragt, wenn er mich nicht unterbrochen hätte.
„Hier lang.“ Er bog in eine private Einfahrt ein, zu der wohl nur die Penthouse-Etagen Zugang haben. Private Garagen und so weiter.
Die Garage sieht eigentlich ganz normal aus, bis man merkt, was für Autos dort parken. Meine Güte, wo bin ich hier gelandet?
Ich habe jahrelang ein Zimmer mit unordentlichen Fremden geteilt. Ich bin fast überfordert. Ich fühle mich unterlegen, und so habe ich schon zu viele Jahre meines Lebens verbracht.
Mein Vater liebte es, mich psychisch zu terrorisieren. Am liebsten sagte er mir, dass ich hübscher sein müsse, besser angezogen, besser geschminkt.
Er nannte mich ständig minderwertig. Man hätte meinen können, das wäre mein Zweitname.
Wenn Leute mir heute sagen, wie schön ich bin, zucke ich bei dem Kompliment zusammen. Das kleine Mädchen in mir sagt mir immer noch, dass sie lügen.
In ärmlichen Verhältnissen zu leben, seit ich mit der Schule fertig war, fühlte sich wie eine Strafe an, die ich verdient hatte. Ein mieses Leben für ein mieses Mädchen. Vor allem, weil ich meine Eltern verlassen und den Kontakt abgebrochen hatte.
Dad fühlte sich immer wie Gott auf Erden an... und in schweren Nächten schwor ich mir, dass er das alles in Gang gesetzt hatte. Sogar ohne noch Teil meines eigentlichen Lebens zu sein.
Ich hatte immer das Gefühl, seine Hände lägen wie eine Leine um meinen Hals. Je mehr ich zerre oder versuche wegzulaufen, desto mehr würge ich mich selbst. Ich bin mir sicher, wenn mein Vater mich fände, würde er mich krankenhausreif schlagen, weil ich ihn verlassen habe. Ich weiß, dass er nach mir gesucht hat.
Meinen Bruder hat er allerdings schon vor langer von der Leine gelassen, weil er „ein Mann“ ist, der sein eigenes Leben führen sollte.
Mein Vater glaubt, dass ich ihm gehöre, genau wie meine Mutter ihm gehört. Meine Mutter ist bildhübsch und einfach nur strohdumm.
Sie ist besessen von ihm, und er ist besessen von sich selbst.
Wenn mein Vater dieses Gebäude in diesem Viertel sehen würde und das Penthouse, in das ich gleich hochfahre, würde er ausrasten. Er wäre eifersüchtig und völlig wahnsinnig.
Mein Vater will so reich und wichtig sein, aber er ist es nicht. Er arbeitet in Boston in einer erfolgreichen Investmentfirma, aber er ist kein CEO oder so etwas. Es ist eine Position in der mittleren Ebene.
Er hat sich immer mit beeindruckenden Leuten umgeben, also nahmen die Leute einfach an, dass er auch beeindruckend sei. Ich würde uns als gehobene Mittelklasse bezeichnen.
Ich will nicht lügen: Die vier Stunden Distanz zwischen New York und Boston haben mir Angst gemacht. Ich habe es geschafft, von Dad wegzukommen, weil ich buchstäblich am anderen Ende des Landes war.
Elio ist jedoch schon seit Jahren in New York und hat kein Wort von meinen Eltern gehört. Ich denke also, das ist nur meine eigene Paranoia.
Ich habe extreme Maßnahmen ergriffen, um diese Leute aus meinem Leben zu streichen. Ich musste die Hälfte meiner Familie blockieren, weil sie meine Eltern über alles informierten, was sie in den sozialen Medien sahen. Jetzt ist alles auf privat gestellt.
Ich musste meine beste Freundin in Boston fallen lassen, weil ihr Vater und mein Vater ebenfalls beste Freunde waren. Ihr Vater drängte sie dazu, meinem Vater Dinge über mich zu erzählen.
Ich bin keine Person, die leicht zu erreichen ist.
Ich habe eine neue Telefonnummer und nirgendwo eine Adresse hinterlegt. Ich habe zwar meine Schulunterlagen, aber es gibt so viele Modedesign-Schulen, dass sie nicht einmal wissen könnten, an welcher ich überhaupt war.
Außerdem bin ich nicht mehr minderjährig, und die Colleges würden den Eltern sowieso keine Auskunft geben.
Ich hatte schon viele Tagträume und Nachtwünsche, dass ich eine erfolgreiche Designerin werde. Aber die kleine Stimme in meinem Hinterkopf sagt mir, dass ich nicht gut genug bin.
Doch eine andere kleine, aufdringliche Stimme sagt mir: Wenn ich doch gut genug bin, wird mein Name bekannt sein. Und dann wird meine Familie wieder Zugang zu mir haben.
Träume und Albträume vermischen sich und führen mich an den Scheideweg schwerer Entscheidungen. New York ist das Zentrum der Mode, aber wie mutig werde ich sein?
Früher hatte ich Elio, meinen großen Bruder, als meinen großen Beschützer. Mit 14 Jahren musste ich lernen, mein eigener Beschützer zu sein.
Vor wem muss ich jetzt allerdings beschützt werden? Was kommt als Nächstes?