Kapitel 1 - Von Geburt an verraten
Beverly POV.
Der Wecker klingelte und ich sprang aus dem Bett.
Es war 5:30 Uhr.
Im Hause Knightley begann der Tag normalerweise früh. Pünktlich um 6:00 Uhr hieß es aufstehen, gefolgt vom Frühstück und der Besprechung des Tagesplans. Um 7:30 Uhr war das Haus meist leer, weil alle eilig zu ihrer Arbeit aufbrachen.
Aber bei mir war alles anders.
Ich musste als Erste aufstehen, abwaschen und für die ganze Familie Frühstück machen. Erst wenn alle satt waren, durfte ich zur Arbeit gehen. Normalerweise musste die älteste Tochter eines Alphas keine Hausarbeit machen. Es wurde auch nicht von ihr erwartet, die gesamte Last zu tragen – vom Putzen bis zum Kochen.
Doch so war mein Schicksal.
Ich war die älteste Tochter von Alpha Magnus, dem Anführer des Penumbra-Rudels. Gleichzeitig war ich aber auch das Vollzeit-Hausmädchen, dem man nur niedere Tätigkeiten wie Spülen und Kochen zutraute.
Mein Tag begann also eine halbe Stunde vor dem Rest der Familie.
Ich rannte die Treppe hinunter in die Küche, drehte den Herd auf und heizte die Pfanne an. Das Frühstück musste spätestens um 6:30 Uhr fertig sein. Schon eine kleine Verzögerung bedeutete Ärger und Kritik.
Schließlich war mein Fall etwas Besonderes.
Ich putzte, wischte, kochte und deckte den Tisch. Ich schnaufte vor Erschöpfung, wischte mir einen Schweißtropfen von der Stirn und sah auf die Uhr.
Es war 6:30 Uhr.
Ein Gewirr von Schritten war auf dem Flur in meine Richtung zu hören. Die Familie Knightley war für ihre Pünktlichkeit bekannt. Und beim Frühstück waren sie unerbittlich.
Einer nach dem anderen kamen sie herein und nahmen ihre Plätze am Tisch ein.
Mein Vater, Magnus, der Alpha und Familienoberhaupt, saß immer am Kopfende. Meine Mutter, Marie, saß direkt neben ihm. Evelyn, meine Schwester, setzte sich, wo sie wollte. Ich durfte mich erst setzen oder frühstücken, wenn sie fertig waren.
„Was zum Teufel ist das?“, kreischte Evelyn, kaum dass sie einen Bissen von meinem Frühstück genommen hatte. „Du nennst das Essen? Das ist Abfall!“
„Wieso? Ich habe es richtig gekocht, und –“, stammelte ich leise, erschrocken über ihre heftige Beschwerde. „Ich finde, es ist in Ordnung –“
Bevor ich weiterreden konnte, stand Evelyn auf, trat vor und ohrfeigte mich.
Hart. Auf die Wange.
„Das ist verdammte Scheiße!“, schrie sie mir ins Gesicht. „Mein Erbrochenes schmeckt besser. Das Essen hier ist ein Haufen Scheiße, genau wie du.“
Ich war zu schockiert, um zu reagieren.
„Evelyn hat recht“, bemerkte meine Mutter verächtlich. „Das Essen schmeckt nach nichts, es hat kein Aroma, gar nichts. Die erste Mahlzeit des Tages sollte die beste sein. Das hier ist unter aller Sau.“
Ich stand mit gesenktem Kopf da, meine Wangen brannten. Die Ohrfeige tat weh, aber die Beleidigung traf mich bis ins Mark.
„Was stimmt nicht mit dir, Beverly?“, fragte mein Vater als Letzter. „Du bist eine Schande, sowohl zu Hause als auch draußen. Du siehst aus wie ein Freak, benimmst dich wie eine Idiotin und kriegst nichts auf die Reihe! Du bringst uns nur Schande und Spott. Ich verfluche den Tag, an dem du geboren wurdest.“
Ich tat es auch. Ich verfluchte meine Geburt. Diese Demütigung war mein ständiger Begleiter seit dem Tag, an dem ich auf die Welt kam. Aber ich schwieg und antwortete meinem Vater nicht.
Sie verließen alle den Tisch, ohne das Essen anzurühren. Als wäre es die Pest, die man meiden musste. Meine unermüdlichen Versuche, es meiner Familie recht zu machen, waren wieder einmal krachend gescheitert.
Schon wieder.
Ich wischte mir langsam die Tränen weg und packte meine Tasche. Ich musste zur Arbeit. Es war 7:30 Uhr und die Pflicht rief.
Ivans Cafe and Diner. Ein Fast-Food-Laden ein paar Straßen weiter. Das war mein Arbeitsplatz.
Ich verließ das Haus und ging zum Diner. Mein Kopf war voller Gedanken an das Grauen dieses Morgens. Mein Herz versank langsam in Dunkelheit und Verzweiflung.
„Komm schon! Kopf hoch!“, meldete sich plötzlich Fiona über die Gedankenverbindung.
Fiona war mein innerer Wolf. Meine ständige Begleiterin. Genau wie die tägliche Verachtung und die Beleidigungen meiner Familie waren Fiona und ihre Aufmunterungsversuche ein fester Bestandteil meines Lebens.
„Es gibt nichts, worüber ich mich freuen könnte“, antwortete ich Fiona mit bedrückter Stimme.
„Natürlich gibt es das“, schoss sie aufgeregt zurück. „Heute ist dein Geburtstag, Bev! Du wirst heute achtzehn.“
Ich seufzte. Niemand beim Frühstück hatte an meinen Geburtstag gedacht. Niemand hatte sich bisher die Mühe gemacht, mir zu gratulieren. Ich wünschte, Fiona hätte es auch nicht getan.
Ich brauchte keine Erinnerung daran, wie schmerzhaft mein jetziges Dasein war. Und wie ungewollt, ungeliebt und ignoriert ich mich die letzten siebzehn Jahre gefühlt hatte.
„Du weißt, dass das nicht stimmt“, las Fiona meine Gedanken und griff ein. „Ich war immer für dich da. Außerdem wirst du heute jemanden Besonderen treffen.“
„Wen?“, ich konnte ihr nicht folgen.
„Deinen Gefährten, wen sonst? Du wirst heute achtzehn. Das bedeutet, dass du heute deinem Schicksalsgefährten begegnen wirst.“
Schicksal? Ich machte mir keine Illusionen über eine rosige Zukunft. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich von Geburt an verdammt war.
Das Gefühl, verlassen zu sein, hatte mich noch nie losgelassen. Von meinem Schicksal und von meiner Familie verlassen.
Meine Eltern haben mich mein ganzes Leben lang verflucht. Mein Vater zog meine jüngere Schwester Evelyn mir jederzeit vor. Meine Mutter war nicht anders. Manchmal gaben sie mir das Gefühl, ich sei eine Waise.
Dabei hätte mein Leben anders verlaufen sollen, wenn man mein Aussehen und meine guten Noten bedachte. Ich war 1,70 m groß und – wie die meisten sagen würden – sexy. Ich war kein absolutes Model, aber definitiv besser als der Durchschnitt.
Um einiges besser.
Meine schulischen Leistungen waren der Neid der meisten Mitschüler. Ich lernte am schnellsten, war die Jüngste beim Abschluss und die unangefochtene Schulsiegerin in Kampfkunst und Selbstverteidigung. Meine Kampfkünste waren so beeindruckend, dass die meisten Mädchen Kämpfe mit mir mieden und die Jungs mich heimlich bewunderten.
Und trotzdem wurde ich zu Hause als Freak und Fehler beschimpft.
Es hatte etwas mit dem Tag meiner Geburt zu tun. Oder besser gesagt, mit der Zeit.
Ich wurde in einer Blutmondnacht geboren. Der Blutmond gilt in der Welt der Wölfe als so unheilvoll, wie wenn die Sonne nicht bei Sonnenaufgang aufgehen würde.
Ein Blutmond bringt Unglück. Und Kinder, die an einem Blutmond geboren werden, erst recht. Sie werden als Vorboten des Untergangs verachtet. In meinem Fall als Freak.
Es half auch nicht, dass ich gelbe Haare hatte. Und Augen in unterschiedlichen Farben. Ein Auge war blutrot. Das andere weiß.
Ich war die Einzige im Penumbra-Clan mit diesen Merkmalen. Alle anderen – meine Großeltern, Eltern, meine Schwester, Cousins, Onkel und Tanten – waren blond und blauäugig.
Man sagt, man ist kein echter Penumbra, wenn man keine blonden Haare und blauen Augen hat. Ich war die einzige Ausnahme. Die unterschiedliche Farbe meiner Augen brachte mir den Spitznamen „Freak“ ein.
Später sollte ich erfahren, dass meine gelben Haare und die unterschiedlichen Augen tatsächlich direkt von meinen Urahnen stammten – den ersten Penumbra –, die dieselben Merkmale hatten. Aber das war Jahrhunderte her, und niemand in meinem Stamm erinnerte sich daran.
Alles, was sie in mir sahen, war jemand, der kein Penumbra war.
Vielleicht war ich das auch nicht. Vielleicht gehörte ich nicht zu diesem Clan. Vielleicht lag mein Schicksal woanders.
Vielleicht war es an der Zeit, das Haus zu verlassen.
Obwohl ich misshandelt und verlassen wurde, wusste ich eines sicher: Ich war klüger und schneller als die anderen und hatte die Fähigkeiten und das Wissen, um für mich selbst zu sorgen.
Ich war intelligent, lernte schnell und war eine geschickte Kämpferin, die sich jeder Herausforderung stellen konnte. Ich war anders, aber ich war keine Verliererin.
Ich war kein Fehler.
Und jetzt, da ich erwachsen war, konnte ich endlich mein elendes Zuhause und meine lieblose Familie hinter mir lassen. Ich konnte meinen eigenen Weg im Leben bestimmen, anstatt nur anderen zu folgen.
Ich bin Beverly Knightley Penumbra. Bis gestern war ich Tochter, Schwester, Dienstmädchen und Freak.
Aber ab morgen werde ich mein Zuhause verlassen und mein eigenes Schicksal erschaffen.
Das ist MEINE Geschichte.