Kapitel 1
Desmond Coyle
„Ich weiß, Coyle, aber ich kann dir nicht jedes verdammte Mal den Arsch retten“, blafft Justin mich an. Seine Stimme geht fast unter im Lärm der Winkelschleifer und dem Kreischen von Stahl, der zerschnitten wird. Ich habe meine Handschuhe noch nicht mal an. Meine Fingerspitzen sind noch wund von gestern und meine Knöchel voller Schorf. Ich ziehe sie trotzdem schnell über, als könnte ich damit die Zeit zurückdrehen.
„Es war nicht meine Schuld“, murmle ich mit zusammengebissenen Zähnen. Ich rechne schon mit der nächsten Standpauke. „Die Nanny kam wieder zu spät und Leon war ...“
„Ja, ja, ja“, winkt Justin ab und geht schon Richtung Gerüst. Sein Gesicht unter dem Schutzhelm ist knallrot. „Ich weiß, dass das mit Lizzie scheiße war, Mann. Aber du musst dir was einfallen lassen. Ich musste diese Woche schon dreimal deine Schicht übernehmen. Du weißt doch, wie John drauf ist.“
Ja. Ich weiß es verdammt noch mal ganz genau. Wenn John so ein Zucken im Auge bekommt, entscheidet er gerade, wen er als Erstes feuert. Und dann tut er so, als hätte er meinen Namen vergessen, wenn er die Wochenendstunden verteilt.
Die Wahrheit ist: Seit Lizzie – meine Frau, Ex-Frau, was auch immer sie jetzt ist – ihren Kram gepackt hat und wie vom Erdboden verschwunden ist, renne ich mir selbst hinterher. Mit der einen Hand wechsle ich Windeln, mit der anderen versuche ich, einen Schweißbrenner ruhig zu halten. Ich versuche, Leon zu füttern, zu wickeln und zu beruhigen. Und dann bringe ich ihn zu irgendeiner Babysitterin, die nicht mehr kostet als meine Miete und der es egal ist, wenn er ihr auf die Couch kotzt.
Ich jongliere hier mit Starkstromkabeln und gleich fällt mir alles um die Ohren.
Ich kann es mir nicht leisten, diesen Job zu verlieren. Ich kann es mir nicht leisten, jemanden Vernünftiges zu bezahlen, der auf ihn aufpasst. Eigentlich kann ich mir gar nichts leisten. Ich muss einfach nur weiter hier auftauchen. Auch wenn ich zehn Minuten zu spät bin, völlig übermüdet, halb angezogen und nach Babynahrung und dem Schweiß von gestern stinke.
Justin hat ja recht. Aber es tut trotzdem weh, das zu hören.
„Glaubst du etwa, ich will das nicht auf die Reihe kriegen?“, fahre ich ihn an. Viel zu scharf und lauter, als ich wollte. Er bleibt stehen und schaut über die Schulter zurück.
„Ich glaube, dass du gerade absäufst, Des. Und wenn du nicht aufhörst, so zu tun, als wäre alles okay, ziehst du uns alle mit runter.“
Er sagt das wie ein Freund. Was die Sache fast noch schlimmer macht.
Das Leben war nicht immer so, wisst ihr? Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich hätte es geschafft. Als hätte die Welt endlich mal beschlossen, mir eine Chance zu geben, statt mir wieder in die Eier zu treten. Damals, als ich Elizabeth – Lizzie – geheiratet habe, war sie alles für mich. Sie war meine Jugendliebe. Wir sind in meinem rostigen Ford rumgefahren, die Fenster unten, das Radio rauschte mit altem Rock. Sie hatte die Beine auf dem Armaturenbrett und lachte, als könnte uns niemand was anhaben.
Ich habe sie angesehen und dachte: Das ist es. So fühlt es sich wohl an, wenn man Glück hat. Im Nachhinein war das dumm, aber verdammt, damals fühlte es sich echt an. Wir haben jung geheiratet. Das machen hier in Ironvale alle so. Das liegt wohl am Wasser. Man wird schnell erwachsen, lässt sich noch schneller nieder und gründet eine Familie, bevor man merkt, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht. Die Leute hier lassen sich mit nichts Zeit. Sie verlieben sich so, wie sie sich zur Schicht stempeln: schnell, verbindlich und ohne Fragen zu stellen.
Damals brummte Ironvale noch. Nicht unbedingt für uns Kids, aber unsere Eltern haben genug Geschichten erzählt. Männer kamen aus den Stahlwerken, bedeckt mit Metallstaub, die Taschen voll Geld und den Rücken gerade. Schweißer waren mal die Könige hier. Mein alter Herr redet heute noch so. Er hat seinen alten Brenner über der Werkbank hängen wie einen heiligen Schrein. Er sagt immer, das Ding hätte uns besser ernährt als jedes Studium.
Aber die Stadt ist geschrumpft. Fabriken machten dicht. Männer räumten ihre Spinde und gingen mit Kartons nach Hause statt mit Stolz. Jetzt brummen nur noch zwei Werke, und ich arbeite in einem davon. Ich bin einer der wenigen Glücklichen, die noch ihr Geld mit Metallbrennen verdienen dürfen. Man kann die Verzweiflung bei jedem Typen riechen, der sich einstempelt. Es ist eine Mischung aus Schweiß und Angst. Denn wir alle kennen die Wahrheit: Draußen vor Ironvale stehen die Männer Schlange. Sie warten nur darauf, dass einer wie ich Mist baut, einen Tag zu viel fehlt oder den falschen Vorarbeiter verärgert. Die würden meinen Job übernehmen, bevor mein Spind überhaupt abgekühlt ist.
Das kann ich mir nicht erlauben. Nicht bei den Preisen für Leons Milchpulver, nicht bei den Arztbesuchen und der Miete, die selbst in dieser sterbenden Stadt steigt. Jede Minute, die ich zu spät komme, jede Schicht, durch die ich mich halbwach quäle – ich höre die Wölfe in meinem Rücken. Und das Verrückte daran? Ich dachte immer, mir würde das nie passieren. Ich dachte, Lizzie und ich wären die Ausnahme. Dass wir es rausschaffen oder es zumindest hinkriegen. Dass wir nicht so verbittert und kaputt enden wie alle anderen hier. Aber Träume sind einen Scheiß wert, wenn alles anfängt zu verrotten.
Und die Fäulnis kam langsam. Leise. Wie Rost unter dem Lack. Man merkt es zuerst nicht, wenn man noch damit fährt und alles okay scheint. Ich war glücklich. Dumm, blind und verdammt noch mal glücklich. Das ist es, was mich heute am meisten aufregt: wie gut ich mich fühlte, während hinter meinem Rücken schon alles schiefging.
Es fing mit Kleinigkeiten an. Ihr Handy leuchtete öfter auf als sonst. Sie lachte über Nachrichten, die sie mir nicht zeigen wollte. „Nur ein Freund“, sagte sie dann ganz locker, als wäre ich blöd, weil ich überhaupt fragte. Dann kamen die Erledigungen. Kurze Fahrten zur Tankstelle, die plötzlich eine Stunde dauerten. Einkäufe, bei denen sie ohne Tüten wiederkam. Und ich habe es trotzdem nicht gecheckt. Warum auch? Ich steckte zu tief drin. War zu verliebt. Zu müde. Ich schob Doppelschichten, kam nach Hause und roch nach Feuer und Stahl. Aber jedes Mal, wenn ich zur Tür reinkam und sie mit Leon auf der Brust auf der Couch sah, fühlte sich alles richtig an. Als würde ich meinen Job gut machen.
Verdammt, sogar unser Sexleben war noch gut. Nicht so, wie alle sagten, dass es nach dem Baby abflacht. Ich war immer noch verrückt nach ihr. Ich wurde schon hart, wenn ich sie nur in einem meiner Hemden vorbeilaufen sah. Ich schlich mich in der Küche von hinten an sie ran, um ihren perfekten Arsch zu packen. An manchen Morgen wachte ich nur auf, um sie ganz langsam zu ficken, während das Babyfon auf dem Nachttisch rauschte. Sie hatte hier und da Ausreden – Kopfschmerzen, Stress mit dem Baby –, aber nichts, was mich stutzig machte. Bis zu dem Tag, an dem alles aufflog.
Sie machte ein Nickerchen auf der Couch, zusammengerollt wie immer, der Mund leicht offen, ein Arm über den Augen. Ich saß auf dem Boden und spielte mit Leon. Ich stapelte Bauklötze und tat so, als hätte ich eine Ahnung davon, was ich da mache. Da vibrierte ihr Handy auf dem Couchtisch. Ich dachte mir nichts dabei. Reine Neugier. Ich griff danach und erwartete einen Gruppenchat mit ihrer Mutter oder ein dämliches Meme von ihrer Schwester.
Was ich bekam, war ein Bild. Ein gestochen scharfes Foto von einem fremden Schwanz auf dem ganzen Display. Hart, adrig und posiert wie für ein Hochglanzmagazin.
Und es war nicht meiner.
Ich saß einfach nur da, eine Sekunde lang, und blinzelte. Im Zimmer wurde es still, obwohl der Fernseher lief. Leon brabbelte und griff nach einem Klotz. Ich starrte nur auf den Bildschirm, als würde er sich ändern, wenn ich fest genug hinsah. Als könnte ich die Zeit ein paar Sekunden zurückdrehen und mich anders entscheiden – mir lieber ein Bier holen und die Sache gut sein lassen.
Aber dieser Moment hat mein Leben in zwei Hälften gerissen.
Bevor ich mich stoppen konnte, öffnete ich den Chatverlauf. Ich sah Nachrichten aus mehreren Wochen. Sexts. Pläne. Zeug, bei dem sich mir der Magen umdrehte und meine Brust sich anfühlte, als würde sie eingedrückt. Dann sah ich sie an. Sie schlief immer noch, atmete sanft und wirkte so friedlich, als wäre alles in bester Ordnung. Und ich schwöre, ich fühlte gar nichts. Keine Wut, keine Trauer. Nur Leere.
Der Verrat traf mich nicht sofort mit voller Wucht. Nicht wie ein Schlag in die Magengrube oder ein Schrei in der Dunkelheit. Er kam langsamer. Tage später. Er schlich sich ein wie Rauch unter einer Tür und füllte den Raum, wenn ich gerade nicht hinsah.
Zuerst schwieg ich. Ich behielt es für mich. Ich schluckte es runter wie Rostwasser und ließ es in meinem Bauch gären. Ich tat so, als hätte ich nichts gesehen und wüsste von nichts. Ich küsste sie auf die Stirn, wenn sie morgens für ihren Kaffee aufstand. Ich hielt Leon, während sie duschte. Wir aßen am selben Tisch zu Abend. Aber ich war nicht mehr blind. Ich war auf der Jagd. Ich achtete auf jedes Detail.
In der folgenden Woche passten die Puzzleteile plötzlich zusammen, auch wenn das Bild hässlich war. An manchen Morgen kam sie aus dem Schlafzimmer und ihre Haare waren ganz zerzaust, aber nicht vom Schlafen. Nicht so, wie ich es kannte, wenn ich in der Nacht davor meine Hände darin gehabt hatte. Eines Tages war da ein Knutschfleck an ihrem Hals – klein, fast unauffällig. Der war nicht von mir. Ich wusste nicht mal mehr, wann ich sie in der Woche das letzte Mal angefasst hatte.
Ich testete sie auch. Ich suchte nachts nicht mehr ihre Nähe, kuschelte mich nicht an sie, zog ihr unter der Decke nicht mehr das Shirt hoch. Und es war ihr egal. Sie beschwerte sich nicht. Sie zuckte nicht mal mit der Wimper. Da wurde mir klar: Es fehlte ihr nicht. Sie brauchte mich nicht.
Weil sie es von ihm bekam.
Zuerst wusste ich nicht, wer er war. Nur irgendein gesichtsloser Typ mit einem Schwanz, der groß genug war, um Fotos davon zu schicken. Und mit einer weichen Hand, die sie per Textnachricht zum Kichern brachte. Aber an diesem Samstag – es war regnerisch und schwül, das Baby war quengelig und klammerte sich an mich – da platzt mir der Kragen. Ich konnte es nicht mehr zurückhalten.
Ich stellte sie zur Rede.
Ich hatte diese Last tagelang mit mir herumgetragen. Sie hatte sich in meiner Brust festgesetzt wie Schlacke. Das ist diese Art von Schwere, die man erst gar nicht bemerkt, bis sie die Art verändert, wie man atmet. Ich wartete, bis Leon schlief und es im Haus ruhig war. Kein Zeichentrickfilm im Fernseher, keine Flasche im Waschbecken. Nur das Geräusch des Deckenventilators, der die Stille durchschnitt.
Ich legte alles offen. Die Fragen. Die Teile, die ich schon zusammengesetzt hatte. Wie lange das schon ging. Wer zum Teufel er war. Ob sie ihn liebte. Ich schrie nicht. Ich bettelte nicht. Ich stand einfach nur da, mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten. Meine Hände wollten irgendwo zuschlagen, aber mein Kopf wusste es besser.
Sie antwortete, als würde sie eine Liste vorlesen. Als hätte sie das alles in ihrem Kopf schon hundertmal durchgespielt, vielleicht sogar geübt.
Er behandelte sie besser. Er war sanfter. Liebenswürdiger mit seinen Worten, vorsichtiger mit seinen Händen. Er nahm sie nicht grob ran, wenn er nach Hause kam. Er packte ihr nicht mit dreckigen Fingern an den Arsch. Er hatte mehr Geld. Einen gemütlichen Job, wahrscheinlich irgendwas mit Technik, was keine Brandwunden an den Armen oder Metallstaub in der Lunge hinterließ. Er hatte Zeit. Zeit zu fragen, wie ihr Tag war. Zeit, mit ihr auszugehen.
Sie sagte, sie sei müde. Müde davon, von Resten zu leben, im Supermarkt jeden Euro umzudrehen und nach der Geburt immer noch Umstandsjeans zu tragen, weil alles Geld fürs Baby draufging. Sie war es leid, Mutter zu sein, bevor sie überhaupt etwas anderes sein durfte.
Sie sagte, sie bereue es, mich so jung geheiratet zu haben.
Als wäre unsere ganze gemeinsame Zeit nur ein falsches Abbiegen auf dem Weg zu jemand Besserem gewesen.
Und sie sagte das, ohne mit der Wimper zu zucken. Keine Tränen. Kein Zögern. Als wäre ich nur eine Phase gewesen, aus der sie herausgewachsen war. Ein Fehler, den sie endlich mutig genug war zu korrigieren.
Und dann packte sie. Sie ließ sich Zeit, als wollte sie sichergehen, dass ich ihr beim Gehen zusehe. Die Tasche über der Schulter, kein Blick zurück. Kein Kuss fürs Baby. Nicht mal ein zweiter Blick.
Sie ließ alles zurück, außer sich selbst.
Und ich konnte nur dastehen und sie lassen.
Leon war gerade mal drei Monate alt. Er konnte noch nicht mal alleine sitzen. Er war nur dieses weiche, zappelnde kleine Ding, das nach Milch und Schlaf roch und völlig hilflos war. Er konnte noch nicht sprechen. Er gab nur Laute von sich und weinte. Und er hatte dieses zahnlose Lächeln, das einem das Herz bricht, wenn man es zu lange ansieht.
Und sie ging einfach raus, als wäre er gar nicht echt. Als wäre er nicht ihrer.
Ich schätze, irgendwo zwischen dem Kotzen auf ihren Shirts und dem Füttern um Mitternacht hat sie die Zeit gefunden, sich einen Neuen zu angeln. Einen mit mehr Geld. Mehr Geduld. Einem größeren Haus. Vielleicht einem schickeren Auto. Vielleicht einer sanfteren Art zu reden. Und anscheinend – nach dem, was sie mir an diesem Samstag so großzügig mitgeteilt hat – hatte er auch den besseren Schwanz.
Ist das nicht toll?
Jetzt sehe ich also zu, wie ich klarkomme. Keine Zeit, um wütend zu sein. Kein Platz für irgendwas anderes, außer wach zu bleiben und zu schuften. Ich arbeite, wann immer ich kann. Ich nehme jede verdammte Schicht an, die sie mir geben, selbst wenn mein Rücken schreit. Selbst wenn ich nur drei Stunden Schlaf hatte und den restlichen Kaffee vom Vorabend trinke.
Kinderbetreuung? Das ist ein verdammter Witz. Das könnte ich mir nicht mal leisten, wenn ich wollte. Die verlangen Preise, als würde man sein Kind an der Uni anmelden. Also rufe ich Babysitterinnen aus einer Facebook-Gruppe an. Mädchen, die selbst kaum aus der Schule raus sind. Die wollen zwanzig Dollar, um halbherzig auf ihn aufzupassen, während sie am Handy hängen. Manche von ihnen sind nett, sicher. Manche geben sich Mühe. Aber keine von ihnen ist sie. Keine von ihnen bin ich.
Jeder Morgen ist ein Glücksspiel. Taucht die Babysitterin auf? Sagt sie in letzter Sekunde ab? Wird Leon die ganze Zeit weinen, wenn ich weg bin? Wird er essen? Wird sie ihn wickeln? Es ist ein Teufelskreis aus Sorgen, der nie aufhört. Ich lasse ihn zurück und trage ihn die ganze Schicht über in meinem Kopf mit mir rum. Ich stelle mir das Schlimmste vor und sage mir dann, ich soll die Fresse halten und weiterschweißen.
Essen ist nebensächlich. Ich kratze Reste von allem zusammen, was billig ist – Bohnen aus der Dose, Kraft Mac and Cheese, kalte Würstchen auf Papptellern. Manchmal esse ich Leons Reste. Manchmal esse ich gar nichts. In manchen Nächten sitze ich am Küchentisch, wenn er schläft. Ich starre eine Dose Bohnen an, habe einen Löffel in der Hand und frage mich, wie zur Hölle mein Leben so werden konnte.
Aber ich kann nicht aufhören. Darf mir keinen Fehler erlauben. Ich kann nicht zusammenbrechen, egal wie schlimm es wird. Denn wenn ich meinen Job verliere, verliere ich meinen Sohn. Und ich habe schon genug verloren.
Niemand kommt, um mich zu retten.
Also ziehe ich meine Handschuhe an. Ich halte verdammt noch mal den Mund.
Und ich gehe wieder an die Arbeit.
Ein neuer Tag, das gleiche Spiel – taucht die Nanny auf, oder muss ich wieder eine halbe Schicht sausen lassen, um Leon mit auf die Baustelle zu schleppen und zu hoffen, dass es keiner merkt?
Gestern Abend spät habe ich sie gefunden. Ein Mädchen namens Brielle. Am Telefon klang sie vernünftig. Sie hat nicht in jedem zweiten Satz gekichert oder gefragt, ob ich genug Snacks da habe oder ob sie Freunde mitbringen darf. Sie sagte, sie habe Erfahrung mit Babys. Sie klang so, als wäre sie zumindest schon fast aus den Zwanzigern raus. Mehr brauche ich nicht. Jemanden, der zuverlässig ist, auftaucht und mein Kind am Leben erhält, bis ich wieder da bin.
Ein Foto habe ich nicht gesehen. Sie hat keins angeboten und ich habe nicht gefragt. Sie wirkte nicht wie der Typ, der auf Komplimente aus ist. Ihre Stimme war fest. Ein bisschen müde, aber verdammt, wir sind alle müde.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Schon nach 7:20 Uhr. Ich habe meine Arbeitsstiefel an, die Schnürsenkel noch locker. Ich bin bereit loszulegen, sobald sie zur Tür reinspaziert, aber die Zeit zieht sich. Ich spüre es im Bauch, dieses flaue Gefühl. Die Angst kriecht mir wie eine kalte Hand den Rücken hoch. So fängt es immer an – mit einem „Vielleicht“. Dann taucht keiner auf. Dann ist der halbe Tag im Arsch und ein wütender Vorarbeiter sitzt mir im Nacken.
Leon ist frisch gewickelt und satt. Er brabbelt auf der Decke mitten im Zimmer und kaut auf dem Ohr eines zerfledderten Stoffhundes rum. Er ist gerade gut drauf, aber die Uhr tickt. Ich muss in zwanzig Minuten auf der Baustelle sein und brauche allein fünfzehn für die Fahrt. Jede Sekunde, in der sie nicht klopft, ist ein weiterer Nagel in meinem Sarg.
Meine Wohnung ist Mist – oberster Stock, keine Isolierung, es zieht an den Fenstern und die Treppen knarren, als würden sie gleich zusammenbrechen. Es gibt keine Klingel und keinen Pförtner. Nur dich, ein Schloss, das klemmt, und ein Türspion, der so zerkratzt ist, als hätte jemand aus Langeweile mit dem Schlüssel darin rumgepult.
Und dann, endlich, um Punkt 7:30 Uhr, klopft es.
Es ist nicht das Klopfen eines zugedröhnten Nachbarn, der um Zigaretten bettelt. Auch niemand, der Speisekarten unter der Tür durchschiebt. Es ist kurz und fest. Ohne Zögern.
Ich gehe zur Tür. Innerlich erwarte ich das Übliche – irgendein halb verschlafenes Kid im Hoodie mit roten Augen vom Kiffen, das sich kaum an unser Gespräch erinnert.
Ich beuge mich zum Spion. Das Ding ist völlig zerkratzt, aber ich erkenne eine Gestalt. Groß. Offene Haare. Der Hoodie bis zum Kinn hochgezogen. Sie steht da und wippt ganz leicht, als würde sie versuchen, stillzuhalten, aber es klappt nicht. Das muss sie sein.
Ich schließe den Riegel auf und drehe den Knauf. Die Tür klemmt wie immer – ich muss ein bisschen daran reißen – und dann mache ich auf.
Und –
Okay.
Alles klar.
Mein Gehirn hat gerade… einen kurzen Aussetzer.
Sie steht in diesem verranzten Türrahmen und sieht aus, als würde sie gar nicht in so eine Bruchbude gehören. Als wäre die Luft um sie herum sauberer. Sie hat langes, pechschwarzes Haar, das das bisschen Licht im Flur einfängt und wie Satin glänzt. Ihre blauen Augen sind hell und klar. Das ist die Sorte Blick, die einen mitten in die Brust trifft. Und sie ist groß. Nicht ganz so groß wie ich, aber verdammt nah dran – vielleicht eins achtzig. Beine bis zum Himmel. Aber es ist nicht nur die Größe. Es ist, wie sie sich gibt. Gerader Rücken. Ein bisschen zögerlich, ja, aber nicht zerbrechlich.
Schlank ist sie, ja. Ein zierlicher Körper unter diesem Hoodie. Aber man sieht sofort, dass sie an den richtigen Stellen Kurven hat. Ihre Brüste…
Scheiße. Die Frau ist echt gut bestückt.
Das ist keine, an der man einfach vorbeiläuft. Nein, bei ihr wird einem der Mund trocken. Man muss zweimal blinzeln und hoffen, dass das Hirn wieder anspringt, bevor man wie ein Perverser starrt.
Ich erwische mich gerade dabei, wie ich mir vorstelle, mein Gesicht zwischen diesen Titten zu vergraben. In dem Moment meldet sie sich zu Wort.
„Hey – sind Sie Desmond Coyle?“, fragt sie, leise, aber fest. Ihre Stimme hat einen schönen Klang – süß, ein bisschen rauchig und schüchtern. So als würde sie ungern das Wort ergreifen, es aber tun, wenn es sein muss.
Ich blinzle. Zweimal.
Gott, reiß dich zusammen.
„Äh – ja. Desmond. Coyle“, bringe ich raus. Meine Stimme bricht fast weg, als hätte ich das Sprechen verlernt.
Sie lächelt. Nur ganz leicht. Gerade genug, damit ich mir wegen meines Stammelns wie ein Idiot vorkomme.
„Ich bin Brielle. Wir haben gestern telefoniert? Wegen Ihres Sohnes.“
Richtig. Richtig.
Der Babysitter. Die Hilfe, um die ich das Universum angefleht habe. Und das Universum schickt mir das hier?
Ich überlege krampfhaft, ob ich erwähnt habe, dass ich allein lebe. Habe ich Leons Spielzeug vom Sofa geräumt? Liegt noch eine dreckige Windel im Müll an der Tür? Ich sollte sie reinbitten. Irgendwas Normales sagen.
Aber mein Hirn kommt immer noch nicht darauf klar, dass diese Granate mein Babysitter sein will. Das fühlt sich an wie ein schlechter Scherz, den das Schicksal mit mir treibt.
„Ja. Äh – klar, komm rein“, sage ich und trete beiseite. Meine Stimme schwankt zwischen perplex und geil. Sie geht dicht an mir vorbei und ich schnappe ihren Duft auf.
Sie riecht sauber. Nicht nach Parfüm oder Billig-Deo, wie Lizzie es immer getragen hat – dieses blumige Zeug, von dem man in geschlossenen Räumen fast erstickt ist. Nein, Brielle riecht nach einfacher Seife. Discounter-Ware vielleicht. Frisch, schlicht, nichts Besonderes. Die Art von Geruch, die man nur merkt, wenn man ganz nah dran ist. Ehrlich. Als hätte sie sich frisch gewaschen und wäre direkt hergekommen. Es ist nicht schlecht. Es ist irgendwie… bodenständig.
Sie geht rein und lässt den Blick kurz durch die Wohnung schweifen – abgenutzter Teppich, kaputte Heizung, ein Stapel Fläschchen an der Spüle. Sie urteilt nicht. Sie wirkt ruhig und aufmerksam.
Dann entdeckt sie Leon. Er liegt auf seiner Matte mitten im Wohnzimmer, kaut auf seinem Giraffenspielzeug und strampelt mit den Beinen, als würde er Sport machen.
Ohne dass ich etwas sagen muss, geht sie direkt zu ihm und geht in die Hocke. Ihre Bewegungen sind fließend und vorsichtig, als hätte sie das schon tausendmal gemacht.
„Na, du kleiner Mann?“, sagt sie mit einer Stimme, die so weich und warm ist wie Zucker im Tee.
Dann sieht sie zu mir hoch, ein Knie noch auf dem Teppich, die Hände auf den Oberschenkeln.
„Darf ich ihn hochnehmen?“
Es ist nicht nur die Frage – es ist die Art, wie sie es sagt. Sie setzt nichts voraus. Sie respektiert die Distanz zwischen einer Fremden und einem Kind, selbst in so einer engen Bude.
Einen Moment stehe ich nur da und starre sie an. Sie hat gefragt. Keine andere Babysitterin hat jemals gefragt. Die packen ihn einfach wie eine Puppe an oder tun so, als wäre er eine Last. Aber sie wartet.
Ich nicke.
Sie lächelt wieder – diesmal nur ganz dezent – aber es ist die Art von Lächeln, die den Puls trotzdem rasen lässt.
Dann greift sie nach Leon. Ganz vorsichtig schiebt sie ihre Hände unter seine Arme und hebt ihn ruhig hoch. Er gibt ein leises Grunzen von sich und kichert dann. Ein richtiges Baby-Lachen, glucksend und hell. Er scheint schon entschieden zu haben, dass sie in Ordnung ist.
Ich räuspere mich und reibe mir den Nacken. „Ähm“, fange ich an und versuche, nicht wie ein Arschloch zu klingen. „Am Telefon hast du nicht viel über dich erzählt. Ich will nur sichergehen, dass du wirklich weißt, wie man mit ihm umgeht.“
Sie zuckt nicht mal mit der Wimper. Sie wird weder defensiv, noch guckt sie beleidigt aus der Wäsche.
Sie nickt einfach und hält Leon im Arm, als würde er gar nichts wiegen. „Natürlich, Herr Coyle.“ Ihre Stimme ist wieder sanft – ernsthaft, kein Einschleimen. Einfach direkt. „Ich bin fünfundzwanzig. Ich habe keine eigenen Kinder, aber ich habe viel aufgepasst. Meistens auf Babys und Kleinkinder. Ich habe mal für eine Familie mit drei Kindern unter fünf gearbeitet – das war Chaos pur, aber da lernt man Geduld.“
Sie rückt Leon ganz natürlich zurecht. Er legt seinen Kopf an ihr Schlüsselbein und seufzt.
„Ich kann Windeln wechseln, Fläschchen geben und ihn baden, wenn es sein muss. Kochen kann ich auch. Ich habe auch schon über Nacht aufgepasst. Ich weiß, wie man mit Spuckattacken, vollen Windeln und Fieber umgeht. Sie müssen sich keine Sorgen machen.“
Ich verschränke die Arme und lehne mich an den Türrahmen. „Das sagen viele. Und dann kriegen sie die Krise, sobald er anfängt zu schreien.“
Sie zieht eine Augenbraue hoch – nicht frech, nicht sarkastisch. Einfach gelassen. „Ich bin nicht so leicht zu erschrecken.“
Leon gibt ein leises Summen von sich, das Gesicht immer noch an ihrer Schulter vergraben.
„Rauchst du?“
„Nein.“
„Trinkst du?“
„Nicht bei der Arbeit. Und sonst auch nicht viel.“
„Willst du irgendwen hierher mitbringen?“
Sie blinzelt. „Einen Freund oder so?“
Ich zucke die Achseln. „Ja. Oder einen Haufen Freunde. Mitbewohner. Was auch immer.“
Sie schüttelt den Kopf. „Nein. Nur Leon und ich. Ich bin… im Moment nicht wirklich viel unter Leuten.“
Da schwingt etwas in ihrer Stimme mit. Leise, kurz angebunden. Ich merke es mir, hake aber nicht nach.
„Alles klar“, sage ich und atme endlich aus. „Hast du ein Handy? Falls ich dich während der Schicht erreichen muss?“
Sie balanciert Leon auf einem Arm und zieht ein billiges Android-Handy aus der Tasche. Das Display ist gesplittert. Ich sage nichts dazu.
„Die Nummer ist dieselbe, von der ich gestern angerufen habe“, sagt sie und entsperrt es, um nachzusehen.
Ich nicke. „Okay.“
Einen Moment lang herrscht Stille. Irgendwie angenehm. Leon fängt an, leise zu schnarchen.
„Soll ich Ihnen Updates per SMS schicken?“, fragt sie.
Ich schaue auf meine Stiefel und dann wieder zu ihr. „Wenn er die Windel sprengt oder anfängt zu kotzen, ja. Ansonsten: Hauptsache, er überlebt.“
Sie lächelt wieder. Keines dieser falschen Grinse-Gesichter, die Leute machen, wenn sie sich zu viel Mühe geben. Es ist ein ehrliches Lächeln. Ein bisschen müde, ein bisschen wissend. Wie bei jemandem, der schon einiges durchgemacht hat und vom Leben nichts geschenkt erwartet – aber trotzdem weitermacht.
„Das kriege ich hin“, sagt sie mit fester Stimme. Sicher, aber nicht eingebildet.
Ich nicke kurz. „Gut.“
Ich trete zurück, schnappe mir meine Schlüssel vom Haken und sehe sie ein letztes Mal an. Leon klebt förmlich an ihrer Brust. Eine kleine Faust hat sich in ihren Hoodie gekrallt, als hätte er sie schon für sich beansprucht. Glücklicher kleiner Bastard.
„Ich bin gegen sieben wieder da“, sage ich und greife nach dem Türknauf. „Das Fläschchen steht im Kühlschrank. Windeln und Tücher sind im Korb unterm Couchtisch. Wechselwäsche ist im Flurschrank, zweites Fach. Wenn er schreit und nicht aufhört, schau nach dem Bauch. Er hat manchmal Blähungen. Reib ihm den Rücken.“
Sie nickt, als würde sie sich alles einprägen. „Habe ich.“
„Schreib eine SMS, wenn es ein Notfall ist“, füge ich hinzu und öffne die Tür. „Ansonsten lass das Handy in Ruhe. Ich arbeite mit schwerem Gerät und kann nicht alle fünf Minuten auf mein Handy schauen.“
„Verstanden.“
„Ich bezahle dich, wenn ich zurück bin. Bar. Außer du willst Venmo oder so einen Mist – aber verlass dich nicht drauf, ich benutze das kaum.“
„Bar ist okay.“ Sie wiegt Leon sanft hin und her. Er brummt, die Augen sind schon halb zu. „Soll ich aufschreiben, wann er gegessen und geschlafen hat?“
Ich blinzle. Das ist… mehr als ich erwartet habe. Keine der anderen hat das je gefragt.
„Wenn du die Zeit hast“, murmle ich. „Ich trage das zwar in keine App ein, aber es ist gut zu wissen, ob er quengeliger war als sonst.“
„Gut. Ich mache mir Notizen.“
Noch ein Moment Stille. Ich schaue auf meine Stiefel und dann wieder zu ihr.
„Wenn du irgendwas brauchst – egal was – ruf an. Warte nicht.“
„Mache ich.“
Ich bleibe eine Sekunde länger stehen, als ich sollte. Ich beobachte sie einfach. Sie wird nicht nervös. Sie hält Leon einfach so, als wäre das genau der Platz, an den sie gehört. Er seufzt nochmal leise und ich spüre, wie sich in meiner Brust etwas löst.
Ich schüttle das Gefühl ab.
„Die Tür schließt von innen. Wenn jemand klopft, mach nicht auf, außer du kennst die Person.“
Sie lächelt leicht. „Glauben Sie, ich wohne zum ersten Mal in so einer Gegend?“
Ich lache kurz und trocken auf. „Punkt für dich.“
Damit ziehe ich die Tür ganz auf und trete hinaus auf den Flur. Die Luft hier draußen ist abgestanden. Es riecht, als hätte mal wieder jemand Fisch in der Mikrowelle gemacht.
Ich blicke ein letztes Mal zurück. Sie geht schon zum Sofa, Leon fest an sich gedrückt.
Zum ersten Mal seit Wochen habe ich nicht das Gefühl, dass der Tag eine einzige Katastrophe wird.