Kapitel 1 ❃ Minirock und Zynismus
Die Heizung in meiner klappernden Rostlaube läuft auf Hochtouren. Der Schweiß klebt auf meiner Haut, während ich meinen Minirock ein Stück höher schiebe. Die kurzen Ärmel meines Oberteils habe ich längst zu engen Würstchen hochgekrempelt.
„Kann ich ein Fenster einen Spalt öffnen? Sonst schmelze ich oder schlage das Glas aus reiner Verzweiflung ein!“
„Nein“, blafft Cooper mich an. Er klingt gequält und heiser. Sein Zustand ist viel schlimmer als vor zehn Minuten, als wir losgefahren sind.
Ich werfe meinem Lieblingsbiest unter allen Wandlern einen kurzen Blick zu. „Scheiße, Coop. Du hast ja überhaupt keine Farbe mehr im Gesicht.“
Die Bremsen quietschen erbärmlich, als ich voll drauftrete. Aber sie tun ihren Dienst. Mit quitschenden Reifen kommen wir auf dem Seitenstreifen zum Stehen.
Cooper stöhnt bei der ruckartigen Bewegung des Autos auf. Er kann seine tief liegenden Augen kaum noch offen halten. Unter den halb geschlossenen Lidern rollen sie wie Gummibälle auf und ab. Auf seiner Stirn haben sich kalte Schweißperlen gebildet.
„Mea, alles bestens. Fahr einfach weiter“, versucht Cooper mich mit kraftloser Stimme zu beruhigen.
Er hat recht. Wir müssen weiter. Er ist nämlich verdammt übel dran. Wenn er nicht bald einen Arzt sieht, kratzt er uns vielleicht noch ab.
„Halt durch, Coop.“
Was für eine hohle Phrase.
Ein panischer Blick auf das Navi bestätigt mir, dass wir noch mindestens 45 Minuten bis zum Spezialisten brauchen. Als Katzenwandler können wir nicht einfach in irgendeine Notaufnahme spazieren. Wir können dort keine kompetente Hilfe erwarten. Unsere Anatomie unterscheidet sich stark von der der Menschen.
Frustriert haue ich mit der flachen Hand gegen das Lenkrad.
Cooper lächelt schwach. Sein Kopf wiegt im Rhythmus der Stoßdämpfer hin und her.
„Eigentlich bist du verdammt heiß“, sagt er, kaum hörbar.
„Halt den Mund.“
„Nein, ehrlich jetzt“, fängt er wieder an. „Du siehst echt gut aus. Warum haben wir es eigentlich nie miteinander getrieben?“
Jetzt bekomme ich es wirklich mit der Angst zu tun.
Er versucht mich abzulenken. Ich soll mir nicht zu viele Sorgen um ihn machen.
„Fick dich doch“, zische ich ihn an.
„Das hast du falsch verstanden, Mea“, grinst er mich an. „Ich meinte miteinander, nicht voneinander.“
Witzbold.
Ich lenke den Wagen auf die Landstraße, die das Navi mir vorschlägt.
„Coop, wenn du jetzt anfängst, mich zu verarschen, trete ich dir in die Eier. Und zwar genau in dem Moment, in dem es dir wieder besser geht... Wo zur Hölle wohnt dieser Arzt eigentlich? Hier draußen gibt es nichts außer Wald und Wildnis.“
In der Dunkelheit kann ich die Kurven kaum erkennen. Ich muss mich voll auf die Umgebung konzentrieren. Vorhin schien der Mond noch unter einem klaren Sternenhimmel. Aber jetzt tauchen wir immer tiefer in den Forst ein. Das dichte Blätterdach erdrückt mich fast. Die Schlaglöcher auf dieser Piste lassen meine Scheinwerfer wie Suchscheinwerfer durch die Nacht zucken.
„Verdammt, Coop. Ich hoffe, das ist der richtige Weg.“
Er antwortet nicht.
„Coop?“
Nichts.
„Coop!“
Da ich sowieso langsam fahren muss, halte ich nicht an. Ich traue mich einfach nicht. Aber ich kann ein leises Schluchzen nicht unterdrücken.
„Wage es ja nicht, jetzt abzutreten...“, drohe ich ihm wenig überzeugend. „Coop, ich schwöre dir, wenn du stirbst, ist der Tod dein kleinstes Problem.“
Ich wische mir über die Wangen und atme zittrig aus. Der Wagen rollt aus. Ängstlich taste ich nach seinem Puls.
Da ist keiner.
Für eine endlose Sekunde stürzt meine Welt in einen bodenlosen Abgrund. Er verströmt einen feinen, süßlichen Geruch, der mir vorher nicht aufgefallen ist.
„Nein, du bist nicht tot, du zynischer Mistkerl“, beschließe ich einfach.
Und tatsächlich. Da ist er. Ein schwacher Puls, aber er ist spürbar.
Das verdammte Navi zeigt noch fünfzehn Minuten an. Ich beiße die Zähne zusammen und trete das Gaspedal durch. Meine alte Mühle bockt kurz auf. Dann stürzt sie sich theatralisch nach vorne, als wüsste sie, worum es geht.
Wir fliegen förmlich über den Waldweg, der sich scheinbar unserem Tempo anpasst.
Ich verpasse fast eine Abzweigung, weil die Ansage zu spät kommt. Der Handyempfang hier draußen am Arsch der Welt ist unter aller Sau.
Aber die Richtung stimmt, soweit ich das beurteilen kann.
Coop gibt keinen Ton mehr von sich. Ich will gar nicht hinsehen, sondern einfach nur endlich ankommen. Ich konzentriere mich wie verrückt darauf, als könnte das irgendetwas beschleunigen.
Ich glaube, ich bete sogar. Zu Selene. Zu Göttern im Allgemeinen. Ich flehe jede höhere Macht an, die bereit ist zuzuhören.
„Ich habe nie viel verlangt“, flüstere ich. „Aber das nimmst du mir nicht weg... Hörst du? Du kriegst Cooper noch nicht.“
Ich liebe ihn. Wie den Bruder, den ich nie hatte.
Plötzlich öffnet sich das Dickicht. Wie eine Fata Morgana schält sich ein schmiedeeisernes Tor aus der Dunkelheit. Dahinter steht ein Haus, das aussieht, als würde es von Efeu lebendig gefressen. In den Fenstern brennt kein Licht.
„Bitte lass ihn da sein“, keuche ich.
Ich bremse so hart, dass der Gurt mir die Luft abdrückt. Reflexartig werfe ich meinen ausgestreckten Arm über Cooper, damit er nicht nach vorne geschleudert wird.
Kies spritzt auf, als der Wagen vor dem Tor zum Stehen kommt.
Stille. Nur das Ticken des überhitzten Motors und mein eigener hämmernder Herzschlag sind zu hören.
„Wir sind da, Coop.“
Ich reiße die Fahrertür auf. Die kühle Nachtluft schlägt mir ins verschwitzte Gesicht. Ich ignoriere das Zittern, das sofort meinen Körper erfasst. Ich knalle die Autotür zu und renne zum Tor. Doch eine schwere Kette hält es verschlossen.
„Scheiße.“
Ich rüttele daran, aber Überraschung: Sie zerbröselt nicht einfach so.
„HEY! Hilfe!“ brülle ich so laut ich kann. Ich springe hoch und winke mit den Armen, in der Hoffnung, dass jemand zu Hause ist.
Ich schreie ein zweites Mal aus vollem Hals. Zur Belohnung flackert eine Lampe auf, die den kleinen Seiteneingang schwach beleuchtet.
Eine große Gestalt tritt heraus.
„Ich brauche Hilfe, bitte!“
Er geht wieder hinein, lässt aber das Licht an und die Tür offen.
Ein gutes Zeichen, oder?
Ich flitze zurück zum Auto und reiße die Beifahrertür auf. Cooper hängt schlaff im Gurt. Sein Kopf ist unnatürlich zur Seite geneigt.
„Komm schon, Großer.“
Ich löse den Gurt und er kippt mir entgegen. Er ist schwer. Verdammt schwer. Ein Sack voller Muskeln und Knochen, der sich nicht mehr rührt. Stöhnend hieve ich seinen Arm über meine Schulter. Meine Knie knicken unter der Last fast ein.
„Wenn du das überlebst, gehst du auf Diät“, presse ich hervor, während ich ihn zum Tor schleife.
Meine Absätze graben sich in den weichen Waldboden.
Ich muss gar nicht klingeln. Noch bevor ich die Gegensprechanlage erreiche, summt es elektrisch. Das schwere Tor schwingt mit einem geisterhaften Quietschen nach innen.
Dahinter, unter dem Vordach des dunklen Hauses, steht eine Silhouette. Groß. Breit. Und mit Augen, die im Dunkeln schwach bernsteinfarben leuchten.
„Katzenwandler“, grollt eine Stimme, tief wie ein Erdbeben. „Ich kann das Fieber bis hierher riechen.“
Er kommt auf uns zu und stützt Cooper von der anderen Seite.
„Katzenwandler wie Sie“, keuche ich. „Sind Sie der Arzt?“
Anstatt einer Antwort grunzt er nur. Er schiebt sich fast grob zwischen mich und Coop. Er übernimmt sein Gewicht so mühelos, als wäre mein fast hundert Kilo schwerer bester Freund eine Vogelscheuche voller Stroh.
Plötzlich sind meine Hände leer und zittern.
„Hey! Ich habe Sie etwas gefragt“, rufe ich seinem breiten Rücken hinterher. Ich stolpere, um Schritt zu halten.
Der Kerl ist schnell. Verdammt schnell.
Er trägt Cooper durch einen langen, zweckmäßig eingerichteten Flur. Es riecht nach altem Holz, Staub und scharfem Desinfektionsmittel – eine Mischung aus Omas Dachboden und Schlachthof.
„Mach die Tür zu“, befiehlt er, ohne sich umzudrehen.
Ich gehorche automatisch. Ich knalle die schwere Eichentür zu und sperre die Nacht aus.
Wir landen in einem großen Raum mit hohen Decken.
In der Mitte thront ein massiver Stahltisch. Darüber hängen OP-Leuchten, die eher in einen Bunker als in eine Arztpraxis gehören. Regale voller bräunlicher Glasflaschen stehen neben modernen medizinischen Geräten an den Wänden.
Der Riese legt Cooper auf das Metall. Sanft. Ganz anders, als sein schroffes Auftreten vermuten ließ.
Dann wendet er sich mir endlich zu.
Im grellen Licht der OP-Lampe wirken seine Augen noch wilder. Bernsteinfarben mit grünen Sprenkeln. Seine Pupillen sind schmale Schlitze, obwohl es hier hell ist. Er trägt ein verwaschenes schwarzes Shirt, das über seiner Brust spannt, und eine Jogginghose, die auch schon bessere Tage gesehen hat.
„Diesen Ort findet man nicht durch Zufall“, sagt er ruhig. Seine Stimme vibriert tief in meiner Magengegend. „Also ja. Ich bin der Arzt. Nenn mich Silas.“
Er dreht sich sofort wieder zu Cooper um. Er packt den Saum von Coopers Shirt und reißt den Stoff mit einem hässlichen Geräusch entzwei, als wäre es Papier.
„Verdammt... das war sein Lieblingsshirt!“, platzt es aus mir heraus, völlig irrational.
Silas ignoriert mich. Er legt eine große Hand flach auf Coopers schweißnasse Brust. Er schließt kurz die Augen und atmet tief ein. Er schnüffelt nicht wie ein Hund; es sieht eher so aus, als würde er die Luft kosten. „Wann hat das angefangen?“
„Vor... ich weiß nicht, zwei Stunden? Vielleicht drei?“ Ich trete näher an den Tisch. Meine Hände krallen sich in meinen Minirock, als könnte der Stoff mir Halt geben. „Er war zuerst nur müde. Dann kam das Fieber. Er hat geglüht wie ein Ofen, dann wieder gefroren. Er hat halluziniert.“
Silas öffnet die Augen. Sein Blick ist düster. „Das ist keine normale Infektion, Kätzchen. Er riecht nach Dämmerlilie und...“ Er beugt sich tiefer über Coopers Halsbeuge. „...Synthetik.“
Ohne hinzusehen, greift er nach einer Spritze auf einem Rollwagen.
„Synthetik?“, echote ich dumm.
„Ein Felidoxin. Ein künstlich hergestelltes Gift, das speziell auf unseren Stoffwechsel abzielt.“ Er zieht eine klare Flüssigkeit auf. Seine Bewegungen sind präzise und tödlich effizient. „Jemand wollte ihn nicht bloß krank machen. Jemand wollte ihn ausschalten. Endgültig.“
Mir wird schlecht. Der Raum fängt an, sich zu drehen.
„Aber... wir sind unbedeutend. Wir bleiben unter uns. Wer sollte...“
Silas rammt die Nadel in Coopers Oberarm.
Cooper zuckt nicht einmal mit der Wimper.
„Halt den Mund und mach dich nützlich“, blafft Silas mich an. Ohne Aggression, nur mit purer Dringlichkeit. „Da hinten im Schrank. Blaue Flasche, kein Etikett. Bring sie mir. Sofort. Wenn sein Puls noch weiter sinkt, war’s das.“