Kapitel 1 - Das Angebot
Die Aufzugstüren gleiten mit einem leisen Klingeln auf. Sie geben den Blick auf die oberste Etage von Blackwell Global frei, einen Ort, der so gar nicht nach dem Rest von Manhattan aussieht. Alles besteht aus poliertem Schatten: schwarzer Marmor, Rauchglas und eine Beleuchtung, die so dezent ist, dass ich mich wie in einem sündhaft teuren Geheimnis fühle.
Mein Magen zieht sich vor Nervosität zusammen. Meine Überlebensinstinkte scheinen für einen Moment wie weggeblasen.
In neun Tagen ist die Miete fällig. Die Anzahlung für mein Stipendium muss in vier Tagen raus. Und mein Bankkonto ist im Moment ein einziges Trümmerfeld.
Ich klammere mich an die Ledermappe, die ich von meiner Mitbewohnerin geliehen habe, und trete vor. Die Empfangsdame lächelt nicht. Wer so weit oben arbeitet, hat das nicht nötig. Sie mustert mich nur, als würde sie schätzen, wie lange ich wohl durchhalte.
Niemand behält diesen Job lange. Drei Assistenten in zwei Monaten. Einer hielt es gerade mal einen Vormittag aus.
„Gem-Rose Cole für das Vorstellungsgespräch um elf Uhr“, sage ich. Ich versuche, wie jemand zu klingen, der diese Woche nicht jeden Morgen Tütensuppen zum Frühstück gegessen hat.
Die Empfangsdame tippt auf einen Bildschirm. „Er empfängt Sie jetzt.“
Ein Schauer läuft mir über die Arme. Er.
Sebastian Blackwell. Milliardär. CEO. Sein Ruf: eiskalt.
Ich habe die Geschichten über die gekündigten Verträge und die unerfüllbaren Anforderungen gelesen. Die Angestellten fangen an zu flüstern, sobald sein Name fällt. Und dann ist da das Foto, das in jedem Porträt über ihn auftaucht: harter Kiefer, noch kältere Augen. Ein Mann wie geschaffen für Vorstandsetagen und Schlachtfelder, aber nicht für Gnade.
Die Tür zu seinem Büro ist schwer, einschüchternd und wunderschön. Ich hebe die Hand, um anzuklopfen.
Doch sie öffnet sich schon vorher.
Und da steht er.
Sebastian Blackwell steht im Türrahmen wie ein Problem, das noch niemand gelöst hat. Er trägt einen maßgeschneiderten, anthrazitfarbenen Anzug. Sein dunkles Haar sitzt so perfekt, dass es kein Zufall sein kann. Seine Augen mustern mich einmal kurz – nicht gelangweilt, auch nicht interessiert – sondern mit der scharfen Präzision eines Mannes, der eine Bedrohung einschätzt.
Einen Moment lang vergesse ich, warum ich hier bin. Einen Moment lang vergesse ich sogar das Atmen.
„Ms. Cole“, sagt er. Seine Stimme ist tief und klar. Es ist die Sorte Stimme, die einem unter die Haut geht und dort bleibt. „Sie sind pünktlich.“
„Ich – ja. Ich bin zuverlässig.“
„Gut. Meine letzte Assistentin war es nicht.“
Ich entscheide mich, nicht zu fragen, was aus ihr geworden ist.
Sein Büro ist minimalistisch und hat nur wenige Möbel. Alles wirkt ausgewählt und exakt. Eine Glasfront bietet einen Blick über die ganze Stadt. Die Helligkeit draußen bildet einen starken Kontrast zu den dunklen Tönen im Raum. Alles hier wirkt gewollt, genau wie er.
„Setzen Sie sich“, sagt er.
Ich setze mich. Still. Vorsichtig.
Er beobachtet mich von seinem Schreibtisch aus, einer glatten Platte aus geschwärztem Stahl. „Ihr Lebenslauf ist ungewöhnlich.“
Ich schlucke. „Soll heißen ...?“
„Soll heißen, dass Sie im letzten Jahr sechs verschiedene Nebenjobs hatten. Nachhilfelehrerin, Barista, Catering-Aushilfe, Forschungsassistentin, Empfangsdame und“ – er macht eine Pause und zieht eine Augenbraue hoch – „professionelle Geschenkverpackerinv?“
Mir steigt die Hitze ins Gesicht. „Saisonal.“
„Und Ihr Aufbaustudium?“
„Ich bin mitten im Master-Doppelstudium für Stadtsoziologie und Wirtschaftspolitik.“
Sein Blick wird schärfer. „Deshalb wollen Sie diesen Job? Wegen des Gehalts?“
Ich sehe ihm direkt in die Augen. „Ja.“
Etwas huscht über sein Gesicht. Es war kein Amüsement und auch keine Verachtung, sondern eher Anerkennung. Vielleicht ein kurzes Erkennen eines Hungers, der nichts mit Geld zu tun hat.
Er steht plötzlich auf und geht zum Fenster. Die Hände hat er hinter dem Rücken verschränkt. Er spricht, ohne sich umzudrehen.
„Die meisten Leute wollen etwas Bestimmtes, wenn sie für mich arbeiten. Zugang. Einfluss. Nähe. Und Sie? Sie wollen einfach nur überleben.“
Die Worte treffen mich hart. Es fühlt sich an, als hätte er mich ohne jede Mühe durchschaut.
„Ich spiele keine Spielchen, Ms. Cole“, fährt er fort. „Ich dulde keine Fehler. Ich wiederhole mich nicht. Meine Assistenz muss Bedürfnisse vorausahnen, bevor ich sie ausspreche. Sie muss absolut verschwiegen sein und unter einem Druck arbeiten, an dem die meisten zerbrechen würden.“
Ich atme langsam aus. „Ich kann mit Druck umgehen.“
Er dreht sich um. Der Blick, den er mir zuwirft, ist fast schon ... gefährlich.
„Können Sie das wirklich?“
Die Luft im Raum wird dicker. Ich wende den Blick nicht ab.
„Ja.“
Ein intensives Schweigen breitet sich zwischen uns aus. Er schätzt mich ein.
Schließlich geht er zurück zu seinem Schreibtisch und nimmt eine Mappe in die Hand. „Es gibt da noch eine Bedingung.“
Mein Puls macht einen Satz. „In Ordnung.“
Er schiebt das Dokument über den Tisch, lässt aber einen Finger darauf liegen, damit ich es nicht hochheben kann.
„Dies ist ein bindender Vertrag. Sie werden ihn komplett lesen, bevor Sie unterschreiben. Klausel zwölf ist nicht verhandelbar.“
Ich überfliege die Seite. Dann halte ich inne.
12. Striktes Fraternisierungsverbot. Arbeitnehmer und Arbeitgeber führen eine Beziehung ohne persönliche Verwicklungen, ob romantisch oder anderweitig. Ein Verstoß führt zur sofortigen Kündigung.
Meine Kehle wird eng. „Das ist ... ungewöhnlich deutlich.“
„Ich halte es für notwendig.“
„Glauben Sie, ich werde versuchen, mit Ihnen zu ... fraternisieren?“
Seine Augen sinken zu meinen Lippen – nur ganz kurz – und die Stimmung im Raum verändert sich schlagartig.
„Ich glaube“, sagt er langsam, „dass Grenzen dort am wichtigsten sind, wo die Versuchung am größten ist, sie zu überschreiten.“
Mir stockt der Atem.
Er lächelt nicht, weil er es nicht nötig hat.
„Akzeptieren Sie die Bedingungen, Ms. Cole?“
Ich unterschreibe.
Nicht, weil ich ihm vertraue oder naiv bin. Aber da ist etwas in seiner Stimme und in der Art, wie er mich beobachtet. Als wäre ich eine Unbekannte, mit der er nicht gerechnet hat. Es fühlt sich an wie der Anfang einer Geschichte, die ich mir nicht entgehen lassen kann.
Als ich den Vertrag zurückschiebe, berühren seine Finger meine.
Ein Funke sprüht, scharf und sofort – viel zu echt.
Sebastian erstarrt für den Bruchteil einer Sekunde.
Dann zieht er die Hand zurück.
„Willkommen bei Blackwell Global“, sagt er. Sein Tonfall ist wieder kühl. Kontrolliert. „Ihre Arbeit beginnt morgen um sieben.“
„Sieben Uhr ... morgens?“
Sein Blick wird hart, mit einer Spur von Herausforderung. „Ist das ein Problem?“
„Nein“, sage ich schnell. „Überhaupt nicht.“
„Gut.“ Er entlässt mich mit einem Nicken ... dann hält er inne.
„Und Ms. Cole?“
„Ja?“
„Verwechseln Sie diese Chance nicht mit Sicherheit.“ Seine Stimme wird leiser, fast wie eine Warnung. „Wer für mich arbeitet, stößt oft an seine Grenzen.“
Ich halte seinem Blick stand. „Vielleicht stoßen Sie ja auch an Ihre.“
Sein Gesichtsausdruck verändert sich. Ein kurzer Moment der Überraschung blitzt auf, bevor die Maske wieder sitzt.
„Morgen um sieben“, wiederholt er.
Ich verlasse das Büro. Mein Herz klopft wie wild, meine Handflächen sind feucht und meine Gedanken rasen.
Ich habe den Job bekommen.
Und ich weiß jetzt schon eines –
Es wird mich etwas kosten. Ich weiß nur noch nicht, was.