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Zusammenfassung

Vergiss die Liebe. Manchmal willst du nur, dass jemand das Chaos in deinem Kopf zum Schweigen bringt. Er ist kein Retter. Er ist der Mann, der dich dafür in seine eigene Dunkelheit zieht. Diese Sammlung von expliziten, düsteren Kurzgeschichten ist eine Reise an die Grenzen des Begehrens. Inspiriert von Kunstgeschichte, Philosophie und den dunkelsten Ecken der menschlichen Psyche, wird hier jedes Tabu gebrochen. Es sind Geschichten über die verzweifelte Suche nach Gefühl in der Leere, über die brutale Zärtlichkeit der Manipulation und über die schockierende Erkenntnis, dass der tiefste Schmerz manchmal die größte Lust verbirgt.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
17
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Keine Liebe – Teil 1

Tränen stauten sich in Solènes Augen. Das Blut pumpte ihr noch in Schallgeschwindigkeit durch die Venen. Ihr Herz ballerte in der Brust. In der Kehle spürte sie noch die Schmauchspuren des Ausrasters, dem sie eben entflohen war. Was hatte sich dieser Typ eingebildet? Wieso hatte er sie mitten in einem Café mit so einem schweren Thema überfallen? Für Solène waren solche ernsten Themen nach erst zwei Wochen ein absolutes Tabu. Zu allem Übel hatte er auch noch einen wunden Punkt getroffen. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie sich nicht mehr so leicht triggern ließe. In diesem Augenblick wirkten Hunderte von Therapiestunden absolut nutzlos. Frustration mischte sich unter Solènes Ärger, der langsam abschwoll und Platz machte für neue negative Emotionen. Das Gesicht glühte, die Kopfhaut kribbelte und juckte. Allmählich beruhigte sich ihr Atem und sie kratzte am Handgelenk herum. Dann schloss sie die Augen und lehnte sich an die kühle Betonwand hinter sich. Vier Sekunden Einatmen. Vier Sekunden Luftanhalten. Vier Sekunden Ausatmen. Vier Sekunden Luftanhalten. Wiederholen. Bringt fucking gar nichts. Während sich Solène von der Wand abstieß, schnaubte sie, verließ den ruhigen Hinterhof und ertränkte sich im dichten Menschenstrom der Großstadt. Mit langen Schritten pflügte sie durch die Straßen. Sie wurde immer schneller, doch es half nichts. Ihre Beine trugen sie zur nächsten Tramhaltestelle, wo sie sich in einer flüssigen Bewegung auf ihre Lieblingsbank Bank warf und ihr Smartphone zückte. Das Pochen in der Brust rutschte runter in den Magen. Seit sie in diese Stadt gezogen war, hatte ihre Kontaktliste ihren Nutzen verloren. Also musste Tinder herhalten. Während Solène durch die Profile wischte, bohrten sich ihre fein säuerlichen, dezent gepflegten Fingernägel in die Ballen der freien Hand. Die langen, schlanken Finger zitterten, wie sie über das schmierige Glas ihres Smartphones wischten. Einen Kerl nach dem anderen schleuderte sie nach links von der Klippe ihres Smartphones hinab ins digitale Leerenrauschen. Alles, was sie benötigte, war ein kurzer Blick in die Augen der Männer. Was sie suchte, war ein bestimmter Blick. Außerdem war es ein seltener Blick. Es war eine ganz bestimmte Mischung aus Erfahrung und Leichtsinn. Dieser Blick äußerte sich trügerisch durch ein freches Blitzen, das mit vergnüglichen Dummheiten lockte, denen nur schwer zu widerstehen wahr. Man wusste genau, dass diese Dummheiten bittere Konsequenzen nach sich ziehen würden. Doch das Hoch, das man im Moment der Dummheiten erlebte, berauschte und flutete den Körper mit Glückshormonen. Menschen, die nur durch ihren Blick so etwas versprachen, zeichneten sich meist durch einen ungeduldigen Tatendrang aus. In der Regel stand der Blick ebenso für aufgesetzte Selbstsicherheit, aufgrund eines Schmerzes, der sich tief in die Seele gefressen hatte. Solène suchte nach diesem Schmerz, der wie ein Krebsgeschwür so gründlich das Seelengewebe befallen hatte, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Kratzte man allerdings lange genug an diesem vernarbten Gewebe herum, würde es kurzzeitig berauschende Gefühle ausspeien. Da war das heftige Bluten, das damit einherging, zumindest für den Moment egal. Kurz kreischte die Erinnerung an das erste Mal, als Solène diesen Blick aufgeschnappt hatte, in ihr auf. Ein Kind war sie damals noch gewesen. Geübt unterdrückte sie die Erinnerung. Wieder kratzte sie am Handgelenk herum. Ihre Tram rauschte heran und sie ließ sich von den aufschwingenden Türen einsaugen. Sobald sie sich in einen freien Sitz geworfen hatte, widmete sie sich wieder ihrer Suche. Aus den Augenwinkeln erhaschte sie drei Blicke, die sich an ihrem Körper labten. Keiner von ihnen besaß den Blick, nach dem Solène sich verzehrte. Etliche Männer hatte sie bereits abgelehnt, ihre Endhaltestelle war bereits um die Ecke. Sie warf den Kopf in den Nacken, seufzte und kickte gegen eine Stange vor sich. Die Tram kam langsam zum Stehen, Solène begab sich zur Tür. Kurz bevor die Türen aufzischten, schaute sie nochmal auf ihr Smartphone und erhaschte im letzten Moment den Blick, den sie gesucht hatte. Dann gingen die Türen auf, sie ließ das Smartphone in ihre Hosentasche rutschen und lief schnellen Schrittes zu ihrer Wohnung. Das Smartphone brannte sich in den Oberschenkel und gerade, als sie die Türklinke anfasste, vibrierte ihr Smartphone. Die Tür knallte hinter ihr zu, sie lehnte sich mit dem Rücken an. Ohne Umwege rief sie den Chat mit ihrem Tinder-Match auf:

Tinder-Match:Ich nehme an, du hast mein Profil nicht komplett gelesen, deswegen sage ich es nochmal: Ich suche nach keiner festen Beziehung, ich suche nach menschlicher Nähe, um sich gegenseitig die Einsamkeit zu vertreiben. Wenn du nach klassischen Dates und der großen Liebesgeschichte suchst, lös’ das Match direkt wieder auf.

Solène:Ist ja eine sehr herzliche Begrüßung 🙃

Tinder-Match:Bist du immer so sarkastisch und frech

Solène:Hast du ein Problem damit? 🤨

Tinder-Match:Frauen wie du sind eigentlich immer am einfachsten zu handlen.

Solène:Bitte?

Tinder-Match:Hast mich schon richtig verstanden.

Solène:Fuck u?

Da war er wieder, dieser Riss in ihr. Wie konnte sie ein Fremder einfach entzwei reißen? Ihre eine Hälfte empörte sich darüber, wie er einfach einer unbekannten Frau so etwas schreiben konnte. Das widersprach allen Regeln des Anstands. Diese Art von toxischer Männlichkeit war es, die Solène immer wieder brach. Dabei jagte sie nur diesem einen Gefühl nach, dass ihr Begehren und das Loch in ihr flicken würde. Am liebsten hätte sie ihr Tinder-Match sofort geblockt und hätte sich einen gemütlichen Abend auf dem Sofa gemacht. Allerdings konnte sie das kreischende Toben ihrer zweiten Hälfte nicht verdrängen. Ihre dunkle Seite erklomm den Berg ihres Willens wie ein gigantisches Zwitterwesen aus Spinne und Zombie. Auf dem Gipfel angelangt, rammte es sein Banner in den Boden ihres Geistes und injizierte eine schwarze Galle in ihr Herz. Der Zorn, der Ekel, die Abscheu, all das wurde in ihr ausgelöscht. Stattdessen klaffte das Loch in ihr auf, das nach Überschreitung lechzte. Sie wollte das Monster kitzeln, seine rohe Kraft am eigenen Körper spüren, um zu überprüfen, ob sie dieses Mal dieser Urgewalt gewachsen war.

Tinder-Match:Wenn du auch noch Temperament hast, hältst du es vielleicht sogar aus.

Solène:Du sprichst in Rätseln.

Tinder-Match:Du weißt genau, wovon ich spreche, tu nicht so. Ich muss zugeben, ich hatte darauf gehofft, dass du so drauf bist.

Solène:Ach?

Tinder-Match:Hätte ungern ein Match mit einer so attraktiven Frau auflösen müssen.

Solène:Freu dich nicht zu früh.

Tinder-Match:Mach doch 😌

Solène:Mach weiter so und ich folge deinem Wunsch.

Tinder-Match:Du wirst folgen. Aber das Match wirst du nicht auflösen.

Solène:Bist du dir da so sicher? Sehe ich wirklich so aus, als würde ich klein beigeben?

Tinder-Match:Genau so siehst du aus. Du hättest sonst längst durchgezogen. Also kommst du heute Abend zu mir oder komme ich zu dir?

Solène:War das der Versuch eines Kompliments?

Tinder-Match:Komplimente sind für Langweiler.

Solène:Ich ahne, dass es mit dir selten langweilig wird ...

Tinder-Match:Nie.

Solène:Du steckst die Erwartungen ja ziemlich hoch.

Tinder-Match:Antworte lieber Mal auf meine Frage.

Solène:Du kommst her 😉

Tinder-Match:Adresse?

Solène (schickt einen Standort):Wir treffen uns an der Haltestelle.

Solène:Ich will wenigstens vorher ein Auge auf dich geworfen habe, bevor ich dich zu mir einlade.

Tinder-Match:Angsthase 😈 Aber gut, dann um 19:00 am Treffpunkt. Wehe du bist zu spät.

Solène:Sonst?

Tinder-Match:Bis zu fünf Minuten Verspätung werde ich dich nur bestrafen. Muss ich länger als fünf Minuten warten, bin ich weg und du wirst mich nie wieder sehen.

Solène:Dann bis 19:05 💋

Ein vertraut heißes Kribbeln erfasste Solène. Immer wenn sie sich auf ein gefährliches Abenteuer einließ, übermannte sie ein Adrenalinrausch. Die Hände zitterten wie verrückt, als sie ihr Smartphone wegsteckte. Das Zittern breitete sich zu den Armen aus und beschlagnahmte schnell den ganzen Körper. Sie schlug sich mit der Faust auf die Brust, riss an ihren Haaren, schnappte nach Luft und krallte sich letztlich in die Oberschenkel. Es war ihr, als wäre sämtlicher Sauerstoff plötzlich dem Raum entwichen. Panisch versuchte sie, die Lungen zu füllen, doch da war nichts; selbst der Sauerstoff hatte sie endlich verlassen. Als ihre Sicht verschwamm, reckte sie den Kopf nach oben und rutschte an der Tür auf den Boden. Als sie mit dem Hinter auf dem Boden aufprallte, wurde sie wach gerüttelt. Endlich konnte sie sich wieder kontrollieren. Vier Sekunden Einatmen. Vier Sekunden Luftanhalten. Vier Sekunden Ausatmen. Vier Sekunden Luftanhalten. Wiederholen. Ihr Bewusstsein wurde klarer und sie begann, in ihrem Kopf fünf Dinge aufzuzählen, die sie sah. Dann fünf Dinge, die sie hörte. Dann fünf Dinge, die sie spürte. Danach wiederholte sie die Prozedur mit vier neuen Dingen. Das machte sie so lange, bis sie bei einem Ding angekommen war. Danach hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie wieder normal atmen konnte. Für eine Weile schloss sie die Augen, bevor sie sich wieder aufrappelte. Unsicheren Schrittes tappte Solène in die Küche, um direkt aus dem Hahn Wasser zu trinken. Kalter Schweiß perlte ihren Körper hinab. Also huschte Solène unter die Dusche. Dabei riss sie das Thermostat so weit auf, dass nicht mehr viel fehlte, dass das Wasser sie verbrühte. Lange ließ sie das Wasser auf das Gesicht, den Kopf und den Rücken prasseln. Der Schmerz biss an Solènes nackter Haut und betäubte ihre Emotionen. Als sie die Dusche wieder verließ, hatte sich ihr Körper reguliert. Links und rechts hinter ihrer Stirn pochte es punktuell. Das Pochen bäumte sich immer weiter auf, bis es sich anfühlte, als würde jeden Moment etwas aus dem Kopf platzen. Wie ein Ziegenbock senkte Solène das Haupt und schüttelte es einmal kräftig. Kurz war ihr, als könnte sie in einer Spirale geschwungene Hörner wahrnehmen. Jedoch verflog das Gefühl genauso schnell, wie es erschienen war. Dann schlüpfte sie in weite, zerrissene Jeans und ein weites, weißes Top. Dezent zeigte es einen Streifen des flachen Bauches und saß tief auf ihren Brüsten. Deutlich erkannte man, dass sie keinen BH trug. Eine ganze Weile betrachtete sie sich im Spiegel, ehe sie sich auf das Sofa warf, sich ihr Tablet griff und las. Normalerweise las sie viele Klassiker und Sachbücher. Doch an Tagen, die sie aufwühlten, flüchtete sie sich in Dark Romance. Während Phasen, in denen sich der Strudel nach unten drehte, spülten diese Geschichten ihr Gehirn durch; lenkten sie von der düsteren Realität ab. Kein anderes Genre vermochte es, sie gänzlich zu vereinnahmen. Wenn immer sie Dark Romance las, erinnerte es sie an das Hoch, sich einer Gefahr zu stellen. Dieses eigenartige Gefühl, das zugleich abstrafte und belohnte. Noch besser war nur die Realität. Doch in diesem Moment hatte sie nicht nur die Realität, sondern auch die Zeit vergessen.