Kapitel 1
Piep. Piep.
Die Monitore piepten gleichmäßig im Hintergrund. Der altbekannte Chor der Krankenhausgeräusche füllte den Raum.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und wappnete mich.
„... Das sind also Ihre zwei Möglichkeiten ...“
Dr. Collin, der Arzt meiner Mutter, hielt das Klemmbrett vor seine Brust. Er kniff die Lippen zusammen – und er machte dieses Gesicht.
Ich hasste es, wenn er dieses Gesicht machte.
Eine beklemmende Stille dehnte sich zwischen uns aus. Ich versuchte zu begreifen, was er mir gerade offenbart hatte.
Meine zwei Möglichkeiten –
A) Die Operation meiner Mutter bezahlen und pleitegehen.
B) Nicht bezahlen und das Krankenhaus den Stecker ziehen lassen. Die Maschine, die sie all die Jahre am Leben erhalten hatte, würde abgeschaltet.
„Wie viel Zeit habe ich?“, fragte ich ihn leise. Ich fürchtete mich schon vor seiner Antwort.
Er sah mich einen Moment lang an.
„Sie müssen die erste Rate spätestens bis Ende des Monats bezahlen.“
Ich nickte, um ihm zu zeigen, dass ich verstanden hatte.
„Mia ...“, er zögerte, bevor er nach meiner Schulter griff und sie kurz drückte.
„Ich kenne Sie, seit Sie ein Kind waren. Sie haben genug getan – mehr als jedes Kind für ein Elternteil tun würde. Ich sage das nicht als Arzt, sondern als Freund. Ihr Hirnschaden ist irreparabel. Lassen Sie sie gehen.“
Lassen Sie sie gehen ...
Ich sah von der Seite zu meiner Mutter. Auf ihren zerbrechlichen Körper. Auf die vielen Schläuche, die in sie hinein und aus ihr herausführten.
Ihre Augen waren in einem friedlichen Schlummer geschlossen. Es war derselbe Schlummer, in dem sie nun schon seit fünfzehn Jahren dahindämmert.
Piep. Piep.
„Das kann ich nicht“, sagte ich in kurzem Tonfall.
„Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?“
Ich antwortete nicht und er seufzte.
„Mia, wir haben schon früher darüber gesprochen. Sie waren noch ein Kind, als das alles geschah. Sie müssen aufhören, sich die Schuld zu geben.“
Ein Funke Verärgerung durchfuhr mich.
Warum ließen andere Leute das so einfach klingen?
Als wäre das schlechte Gewissen ein großer roter Knopf –
Und ich müsste ihn nur drücken, um es auszuschalten.
So war es nicht.
Und ich konnte es nicht.
„Bereiten Sie die Operation vor, Dr. Collin. Sie werden das Geld bekommen.“
Meine Worte klangen schärfer, als ich gewollt hatte. Aber in dieser Sache hatte ich wenig Geduld.
Meine Fehler waren meine Sache. Und egal was Dr. Collin oder sonst jemand sagte –
Es würde die Vergangenheit nicht ändern.
Es würde verdammt noch mal gar nichts ändern.
Meine Schwester wäre immer noch tot.
Und meine Mutter wäre immer noch hier, regungslos und im Koma.
Er presste die Lippen zusammen und nickte.
„Schön, Mia. Ich weiß, dass ich Sie nicht umstimmen kann. Aber wenn Komapatienten die Zehn-Jahres-Marke überschreiten, treten diese Probleme auf. Die Lebensqualität sinkt.“ Er hielt inne. „Die Nieren könnten erst der Anfang sein. Andere Organe könnten noch schlimmer dran sein. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass Sie über die ... andere Option nachdenken.“
Die andere Option.
Ich spottete leise. Es gab keine andere Option.
„Ich muss jetzt gehen, Dr. Collin.“
Er musterte mich kurz, bevor er leicht nickte.
„In Ordnung.“
Eine kurze Stille entstand und wir blickten beide nach draußen.
„Der Sturm ist schrecklich“, bemerkte er. Dann wandte er sich zu mir und fügte hinzu:
„Vielleicht können Sie sich einen Tag frei nehmen?“
Ich seufzte.
„Schon gut. Ich kann es mir nicht leisten, gefeuert zu werden“, sagte ich ihm, während ich meinen Wintermantel zunahm.
Dr. Collin schnalzte mit der Zunge.
„Ich – ich weiß nicht, wie Sie das machen, Mia ...“, sagte er.
„Sie sind ein hübsches Mädchen und erst dreiundzwanzig. Mädchen in Ihrem Alter gehen feiern und in Clubs. Sie schuften sich nicht mit zwei Jobs und Rechnungen zu Tode. Sagen Sie mir – vermissen Sie es nicht? Ein ganz normales Leben zu führen?“
Meine Schultern sanken herab und ich schenkte ihm ein schmales Lächeln.
„Man kann nichts vermissen, was man nie hatte, Dr. Collin“, sagte ich leichtfertig. Ich strich mit dem Finger über den Stoff meiner Mütze, bevor ich sie aufsetzte.
„Man sieht sich.“ Ich nickte ihm einmal zu, bevor ich hinaus auf den Korridor ging.
Wie vorhergesagt war es tatsächlich der schlimmste Schneesturm des Jahrzehnts. Sobald ich die warme, trockene Lobby des Krankenhauses verließ, peitschte mir kalter, nasser Schnee entgegen. Mein Mantel war sofort durchweicht. Ich seufzte und trat ins Freie, während meine Stiefel im tiefen Schnee knirschten.
Um mich herum herrschte hektisches Treiben. Fast alle rannten in die entgegengesetzte Richtung, um Schutz zu suchen.
Alle außer mir.
Vielleicht konnten diese anderen Leute es sich leisten, zu spät zu kommen.
Vielleicht waren ihre Rechnungen schon bezahlt. Vielleicht würden sie kein Elternteil verlieren, wenn sie mal nachließen.
Aber ich wollte es tun – also konnte ich nicht anders.
Ich holte mein Handy raus und tippte auf die Fahrplan-App.
Der nächste Bus kam erst in 40 Minuten.
Ich schnalzte mit den Zähnen.
So lange kann ich nicht warten.
Ich dachte kurz nach und ließ den Blick über die weiße Umgebung schweifen. Dann traf ich eine schnelle Entscheidung.
Ich musste zur Arbeit, egal was passierte.
Und so lief ich mit gesenktem Kopf mitten in den endlosen Sturm hinein. Ich ließ mich komplett von ihm verschlucken.
***
Fünf Minuten vor Schichtbeginn erreichte ich endlich das Café. Ich wischte mir den Schnee aus dem Gesicht. Meine Wangen waren eiskalt und taub. Die Besitzerin, Miss Jules, nickte mir kurz zu. Danach leerte sie weiter die Kasse.
Gott sei Dank war nur ein einziger Gast da. Sie war damit beschäftigt, an ihrem Handy zu scrollen. Ich zog schnell meine Uniform an und ging zu ihr, um die Bestellung aufzunehmen.
„Hallo, was darf ich Ihnen bringen?“
Sie schreckte leicht auf, als sie aufblickte.
„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte ich entschuldigend.
„Nein, schon gut! Ich habe Sie nur nicht kommen hören, das ist alles.“ Sie deutete nach draußen. „Das Wetter ist schrecklich. Ich habe nur gewartet, bis der Sturm nachlässt.“
Ich lächelte sie höflich an. Normalerweise achtete ich nicht auf die Leute, aber sie konnte man schwer ignorieren.
Sie war jung. Wunderschön. Und sie trug nicht einfach nur teure Kleidung – sie strahlte diese Gelassenheit aus, die man nur hat, wenn man nie für sein Geld arbeiten musste.
Allein ihr Mantel war so viel wert wie drei meiner Monatsgehälter.
Das Leben ist echt ungerecht...
„Ich dachte, die Straßen wären gesperrt. Wie sind Sie hierhergekommen?“, fragte sie und riss mich aus meinen trüben Gedanken.
„Ich bin gelaufen.“
„Wirklich?“ Sie lehnte sich ein Stück in ihrem Stuhl zurück. Mir fiel ein dicker Ehering an ihrem Finger auf.
„Von wo denn?“
„Vom Saint Paul's.“
„Vom Krankenhaus?“, rief sie aus, und ihre Augenbrauen schossen vor Überraschung nach oben.
Ich nickte.
„Das sind ja sicher zehn Häuserblocks!“ Ihre großen blauen Augen wurden weit.
Ich nickte wieder.
„Ja... Also, möchten Sie etwas bestellen?“ Ich tippte mit dem Bleistift leicht auf meinen Block und versuchte, meine Ungeduld zu verbergen.
„Ja... einen schwarzen Kaffee...“ Ihr Blick wurde glasig, als wäre sie in Gedanken versunken.
Das ist merkwürdig.
„Kommt sofort“, sagte ich und ging weg. Ich spürte ihre Blicke immer noch im Rücken, während ich an der Theke ihren Kaffee zubereitete.
Als der Kaffee fertig war, stellte ich ihn vor sie hin.
„Bitte sehr“, sagte ich kurz und wollte wieder gehen.
„Warten Sie!“, rief sie mir nach.
Ich sah sie sofort wieder an.
Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und biss sich auf die Lippe.
„Das klingt jetzt vielleicht etwas komisch, aber wie würden Sie –“, sie zögerte.
„Hätten Sie vielleicht... Interesse daran, etwas Geld zu verdienen?“, fragte sie mit leiser Stimme.
Ich runzelte die Stirn und sah mich um. Ich wollte sichergehen, dass niemand zuhörte. Das war nicht das erste Mal. Solche Leute schlichen ständig herum und suchten sich die Schwachen aus. Es war jedes Mal dasselbe.
Schnelles Geld. Keine Moral. Irgendetwas Faules.
Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, mir keine Hoffnungen zu machen.
Leicht verdientes Geld gab es nicht.
„Ja, habe ich. Aber leider kann ich es mir nicht leisten, im Knast zu landen, also –“
„Oh nein!“, lachte die Frau. Ihre teure Uhr glänzte im fahlen Licht des Cafés.
„Ich verstehe, wie das rübergekommen ist! Es ist – es ist nicht so etwas. Ganz bestimmt nicht!“ Sie lachte noch mehr.
Sogar ihr Lachen klang teuer.
Ist so was überhaupt möglich?
„Es ist das erste Mal, dass ich jemanden direkt frage, deshalb bin ich ein bisschen nervös. Normalerweise sucht die Agentur die Mädchen aus.“
Meine Augenbrauen schossen nach oben. Ich wurde nur noch skeptischer.
Eine Agentur, die Mädchen anheuert?
„Was, wenn ich Ihnen sage, dass es einen Weg gibt, wie Sie viel Geld verdienen können? Es ist völlig legal und Sie könnten das Leben von jemandem unendlich viel besser machen.“
Das klang zu gut, um wahr zu sein, oder?
„Hätten Sie Lust, meine Leihmutter zu werden?“
***
Kommentiert, stimmt ab!!!